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"Sibirischer Eis-Hammer schlägt zu", "die Kälte-Peitsche hat uns fest im Griff" und der "Würgegriff der Kälte": Der Boulevard dreht durch, weil es kalt ist. Im Winter.

von Verena Bogner
26 Februar 2018, 4:05pm

Hintergrund: Meve R. | pexels | CC0; Screenshots via oe24.at  

Auch bei und gibt es natürlich Menschen, für die Kälte mehr als ein First-World-Problem ist und die abends weder nachhause kommen, noch sich einfach aufwärmen können. Wenn ihr obdachlose Menschen in der Kälte seht, dann ruft bitte das Caritas Kältetelefon an.


"Sibirischer Eis-Hammer schlägt zu", "die Kälte-Peitsche hat uns fest im Griff" und der "Würgegriff der Kälte": Wer am Montagmorgen Boulevard liest (und das tun bekanntlich ziemlich viele), könnte meinen, dass Österreich kurz vor der kältebedingten Auslöschung steht (oder dass Boulevard-Journalisten eine geheime Vorliebe für SM-Metaphern haben).

Aber es gibt noch lange keinen Grund zur Panik, denn das, was der Boulevard hier so unschön umschreibt, ist einzig und allein der verdammte Winter. Der Winter ist eine Zeit, zu der es hin und wieder arschkalt werden kann. Weil eben Winter ist. Es ist nun vier ganze Tage lang eiskalt im schönen Österreich, Menschen werden frieren, ihre Autoscheiben von Eis befreien und vielleicht sogar ihre Einfahrten frei schaufeln müssen.

Schickt eure Thoughts and Prayers an alle traurigen Boulevard-Leser und vor allem: Haltet verdammt nochmal die Druckerpressen an! Wir meinen das wörtlich. Bitte haltet sie an, damit wir nicht länger Live-Ticker zum Wetter lesen müssen.

Klickt man sich am Montagmorgen durch die Online-Auftritte Österreichs größter Boulevardblätter, wird man nämlich quasi vom Live-Ticker-Hammer erschlagen, fast könnte man sagen, wir finden uns im Griff der Live-Ticker-Peitsche oder dem Würgegriff der unnötig malerischen Headlines wieder.

Der Live-Ticker auf oe24, der Online-Plattform der Tageszeitung Österreich, beginnt beispielsweise um 7:38 Uhr mit einem beschwingten "Guten Morgen!". Ab diesem Moment überschlagen sich die alarmierenden Meldungen zum Thema beinahe: Es wird über eine gefährliche Rodelbahn mitten in Wien berichtet, zehn Minuten später schreibt oe24, dass Tamsweg in Salzburg gerade der kälteste Ort des Landes sei. Um 10:31 Uhr erreichte die Redaktion ein tolles Bild aus dem Tiergarten Schönbrunn, das zwei Eisbären beim Spielen zeigt. Um 11:30 erreichte die Redaktion offenbar ein YouTube-Video, in dem man einer Seifenblase beim Gefrieren zusehen kann.

Auch auf der Online-Plattform von Heute gibt es selbstredend einen Newsticker zum Thema. Eilmeldung: Um 8:30 Uhr wurde bei der Dresdner Straße ein Mann im T-Shirt gesehen. Die nächsten Minuten füllt man mit Infos zu den aktuell kältesten und wärmsten Orten Österreichs, dem Archivbild eines Straßenarbeiters und der alljährlich gleichen Warnung der Stadt Wien, auf der Alten Donau nicht eislaufen zu gehen.

Und wie es der Zufall so will, erreichte die Heute-Redaktion genau dasselbe Eisbären-Foto aus dem Zoo Schönbrunn, das wir auch schon auf oe24 gesehen haben. Auch das YouTube-Video der gefrierenden Seifenblase kommt uns bekannt vor.


Auch bei VICE:


Die österreichischen Boulevardblätter lassen an Tagen wie diesen das zugegebenermaßen ziemlich beschissene Wetter zum Event werden; aus einem Mann, dessen Kleidung nicht der Außentemperatur entspricht, wird eine Nachrichtenmeldung und der Begriff Live-Ticker wird seiner letzten Ehre beraubt.

Der "Kälte-Hammer" und seine gestörten Headline-Kollegen sind ein Paradebeispiel dafür, was man in der Kommunikationswissenschaft als Pseudoereignis bezeichnet. Ihr ahnt es schon: Ein Pseudoereignis ist etwas, dem eigentlich kein Geschehen zugrunde liegt, das aufgrund des Hochschreibens durch Massenmedien von der Öffentlichkeit aber als etwas Besonderes wahrgenommen wird.

Würden wir Österreich und Heute nicht so gut kennen, würden wir denken, mit ihren Kälte-Tickern wollen sie uns wachrütteln, uns zeigen, wie wahnwitzig Boulevard-Berichterstattung noch werden kann. Aber um es mit den Worten des berühmtesten Schifahrers unserer Zeit zu sagen: I doubt it.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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