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Die Geschichte des Südsudan

Der Sumpf-Krieg

Die Sklaverei hatte im Sudan solche Ausmaße angenommen, dass NGOs und religiöse Gruppen bis in die 1990er Jahre Sklaven aus dem Norden zurückkauften, die im Süden entführt worden waren—was auch heute noch passiert.

von Robert Young Pelton
30 Mai 2014, 9:52am

Samuel White Baker, Entdecker, Jäger und ehemaliger Generalgouverneur von Äquatoria. Foto von Maull & Co/Hulton Archive/Getty Images

Der Name Sudan stammt vom arabischen Ausdruck „Bilād as-Sūdān“, was „Land der Schwarzen“ bedeutet. Schwarzafrikaner waren für die Araber aus dem Norden eine kostenlose Quelle an Arbeitskräften und Geld. Sie wurden verschleppt, gehandelt und als Sklaven verkauft, um als Hilfsarbeiter, Hausangestellte oder persönliche Leibwächter eingesetzt zu werden. Sklaverei gab es nicht nur in Afrika, aber hier sorgte die wachsende Menschenplünderei der Europäer dafür, dass große Teile Zentralafrikas menschenleer waren. Die Sklaverei hatte im Sudan solche Ausmaße angenommen, dass NGOs und religiöse Gruppen bis in die 1990er Jahre Sklaven aus dem Norden zurückkauften, die im Süden entführt worden waren—was auch heute noch passiert.

Die Kolonialisierung der Region konzentrierte sich zunächst hauptsächlich auf den arabischen Norden, begann in Ägypten und schlich sich dann schließlich irgendwann auch in den Sudan ein.

Die Ausbeutung des Südens im großen Stil begann 1856, als Al Zubayr Rahma Mansur, ein Araber aus dem Norden des Sudans, eine Reihe von Posten zum Handel mit Elfenbein und Sklaven in der Region errichtete, die später Äquatoria genannt wurde. Er war unter dem Namen „der Schwarze Pascha“ bekannt und sicherte sich die Herrschaft über die Region, indem er dem Khedivat Ägypten, welches zu dieser Zeit ein Vasallenstaat des Osmanischen Reiches war, seine Anerkennung in Form von Elfenbein und Sklaven zollte. Am liebsten waren Mansur die Sklaven aus dem tiefen Süden, die großen, schlaksigen Dinka, Nuer und Shilluk, mit ihrem kriegerhaften, imposanten Aussehen.

Im März 1861 machte sich der britische Entdecker und begeisterte Jäger Samuel White Baker auf den Weg nach Afrika, in der Hoffnung, dort auf die Entdecker James Augustus Grant und John Hanning Speke zu treffen, die sich auf der Suche nach der Quelle des Nils befanden. Im Dezember 1862 reiste er den Weißen Nil flussaufwärts und traf zwei Monate später auf Speke und Grant, die erschöpft und krank von ihrer 29-monatigen Entdeckungsreise zurückkehrten.

An der letzten mit dem Schiff erreichbaren Handelsstation am oberen Weißen Nil, einem Malaria-Sumpf namens Gondokoro in der Nähe des heutigen Juba, gaben die beiden Entdecker Baker Informationen, die ihm dabei halfen, den später als Albertsee bekannten See ausfindig zu machen und ihn mit der Quelle des Nils in Verbindung zu bringen. Für diese Leistung wurde Baker zum Ritter geschlagen und als großer Entdecker gefeiert, auch wenn seine Errungenschaft geschichtlich betrachtet unwichtig war.

Das Britische Weltreich hatte 1833 die Abschaffung der Sklaverei verfügt, es dauerte jedoch mehrere Jahrzehnte, bis diese Anordnung auch in Ägypten Umsetzung fand. 1869 erhielt Baker von dem in Europa großgewordenen Khedive von Ägypten den Auftrag, eine militärische Expedition nach Äquatoria anzuführen, um dort den Sklavenhandel zu beenden. Baker wurde zu einem Offizier der osmanischen Armee ernannt und erhielt eine 1700 Mann starke Truppe, die zu einem großen Teil aus ehemaligen Verurteilten bestand. Als er in den heutigen Südsudan vordrang, stellte er fest, dass Sklavenhändler den Großteil des Gebiets entvölkert hatten. Die wenigen Einwohner, denen er begegnete und seinen Auftrag schildern konnte, waren überrascht, dass die Sklaverei nun verboten war, obwohl die ägyptische Regierung doch erst kurz zuvor den Schwarzen Pascha mit der Verwaltung der Region beauftragt hatte. Baker erinnert sich in seinen Memoiren, dass es „für alle Betrachter offensichtlich war, dass ein Angriff auf die Sklaven jagenden und mit Sklaven handelnden Einrichtungen Ägyptens, ausgeführt von einem Ausländer—einem Engländer—, dem Stich in ein Hornissennest gleichkommen würde, dass allen Bemühungen, den alteingesessenen Handel mit schwarzen Sklaven zu unterdrücken, entschiedener Widerstand entgegengebracht werden würde und dass den obersten Vertreter und Anführer einer solchen Expedition Hass, Bosheit und jedwede Lieblosigkeit erwarten würde.“

Am Ende war Bakers größte Errungenschaft wohl eine für die Gegenseite. Er war sehr erfolgreich in seinem Vorhaben, sich seinen Weg durch 80 Kilometer verworrene Vegetation und Sumpflandschaft zu bahnen, und richtete sechs Dampfschiffe ein, mit denen man von Juba nach Kairo reisen konnte. Damit erleichterte er den Sklavenhändlern in Äquatoria die Arbeit.

Charles George Gordon, ein ehemaliger Generalgouverneur Äquatorias, wurde während eines Aufstands getötet. Foto von Time Life Pictures/Mansell/Getty Images

Baker erhielt eine Vergütung und wurde für vier Jahre zum Generalgouverneur der Region ernannt. Er hatte jedoch nicht die militärische Erfahrung, die für den Job erforderlich war. Außerdem änderten sich Bakers Ansichten zur Sklaverei: „Die Sklaven wurden im Großen und Ganzen gut von ihren Besitzern behandelt; brutal ist ihre Gefangennahme, die von Gesetzlosigkeit und Mord gezeichnet ist ... Sie kauften Sklaven, zeigten ihnen ihre Aufgaben, gaben ihnen Essen und Kleidung—sie waren glücklich; warum sollte der Khedive von Ägypten den Handel verbieten und damit jeden Haushalt der Region durcheinanderbringen?“

Baker war der Ansicht, dass ein Ende des Sklavenhandels die Wirtschaft zugrunde richten würde, und brachte damit die örtlichen Beamten gegen sich auf. Am Ende seiner Amtszeit kehrte er nach Kairo zurück, um seine Pflichten an den berühmten Oberst Charles George Gordon zu übergeben, der im Taiping-Aufstand in China gekämpft hatte und ein strenggläubiger Christ war. 1877 wurde Gordon zum Generalgouverneur ernannt. Als Berufssoldat war er im Kampf gegen den Sklavenhandel erfolgreicher als Baker. Laut Baker „vernichtete Gordon die Wahnvorstellungen, welche die sudanesischen Behörden genährt hatten.“

Gordon errichtete zahlreiche Posten von Malakal bis Uganda. Seine Bekämpfung von Sklaverei und Wilderei führte zu einer direkten Auseinandersetzung mit seinem ägyptischen Kollegen, dem Gouverneur in Khartoum. Gordon legte sein Amt nieder und kehrte erst nach Afrika zurück, als man sich darauf geeinigt hatte, dass er zum Generalgouverneur des gesamten Sudan ernannt wurde.

Eine weitere Hürde, mit der sich Gordon während seiner Amtszeit als Schirmherr über Äquatoria konfrontiert sah, war ein Aufstand unter Muhammad Ahmad, der sich selbst Mahdi oder „der Auserwählte“ nannte und sich zum Retter des islamischen Glaubens erklärt hatte. Die Einheimischen hatten genug von der Fremdherrschaft und scharrten sich schnell um Ahmads fundamentalistische islamische Bewegung, die besonders bei den Nuer und den anderen Stämmen im Süden Unterstützung fand.

In der Zwischenzeit hinterging der Schwarze Pascha, der schon lange ein Auge auf den Posten des Generalgouverneurs geworfen hatte, Gordon und schmierte örtliche Führungskräfte, damit diese dabei halfen, das Chaos zu schüren, das letztendlich zu der Ermordung von Gordon führte.

1884 bot Gordon an, die Führung über den Sudan an Mansur abzugeben, sollte er zustimmen, gegen die Truppen von Mahdi zu kämpfen, die ironischerweise die Sklaverei ebenfalls wieder einführen wollten. Im Januar 1885 wurden Gordon und seine Armee in Khartoum von den mit Speeren und Schwertern kämpfenden „Ansar“, den Anhängern Mahdis, abgeschlachtet. Eine Version der Geschichte lautet, dass Gordons Kopf in die Astgabel eines Baumes gesteckt wurde, damit die Einheimischen ihn mit Steinen und Abfällen bewerfen konnten. Die einheimischen Streitkräfte triumphierten über die Ausländer, die mit „guten Absichten“ und von Moral getrieben gekommen waren, und die Sklaverei kehrte in den Sudan zurück.

In den 1890er Jahren befand sich die Region wieder unter der Kontrolle der Briten, die sie in zwei voneinander abgegrenzte Verwaltungsgebiete aufteilten: Sudan und Südlicher Sudan. Um die zersplitterten Stämme vor räuberischen Sklavenhändlern und Ausbeutern zu schützen, verabschiedete Großbritannien 1920 den Closed District Ordinance Act, der den Verkehr zwischen Norden und Süden einschränkte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf der Juba-Konferenz die Dekolonialisierung des Sudans diskutiert. Großbritannien versuchte zunächst, die Kontrolle über den Südlichen Sudan an Uganda zu übertragen. Die nilotischen Stämme und die kulturelle Ähnlichkeit sollten den Süden davor schützen, vom arabischen Norden geplündert zu werden. Immerhin lebten im Süden die englischsprechenden, christlichen, nilotischen Stämme, während im Norden die arabischsprechenden, islamischen Gruppen lebten, die ihre schwarzen Nachbarn noch immer als Sklaven betrachteten.

Im Februar 1953 unterzeichnete Großbritannien ein Übereinkommen, das zu einer weiteren Nachkriegsabtretung einer seiner Kolonien führte. Die Briten entschieden letztendlich, den Süden und Norden des Landes zusammenzufassen, ein Pauschalgeschäft. Die Entscheidung diente auch der Besänftigung der arabischen Welt, die durch die Entdeckung von Öl im Nahen Osten an Einfluss gewonnen hatte.