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Gewalt und Machtmissbrauch

Warum Frauen 2018 wütend bleiben müssen

Inzwischen glaubt man viel häufiger Frauen, die Übergriffe melden. Aber nur mit ordentlich Wut im Bauch kommen wir weiter.

von Emily Sargent
02 Jänner 2018, 2:45pm

Illustration: Abraham Magnawa / Alamy Stock Photo

Letzte Woche habe ich einen Mann geschubst. Es war kein vorsichtiges Stupsen, sondern ein richtiger Stoß. Und ich wollte es. Meine Muskeln spannten sich an – ich wartete nur darauf, dass er sich dafür rächte. In der einen Hand hatte ich einen Drink, und die andere war bereit, den ersten Faustschlag meines Lebens auszuteilen.

Der Typ hatte nichts weiter angestellt, als mich ein paarmal betrunken anzurempeln. Aber dann drehte er sich zu mir um – die Hälfte seines Blicks haftete an meiner Stirn, die andere am Fensterbrett zu meiner Linken – und er sagte: "Lächle doch mal, Süße!" Da brannte bei mir eine Sicherung durch. Eine Welle der Wut breitete sich von meinem Kopf bis zu meinen Zehen aus. Mein Arm schoss vor und ich schubste ihn von mir weg.

"Nein, du kannst kein Lächeln von mir einfordern", wollte ich sagen. "Ich hasse dich dafür, dass du es überhaupt versuchst. Und ich hasse mich dafür, dass ich bisher jedes Mal gehorcht habe. Seit wann lächle oder lache ich, oder mache im Bett Geräusche, obwohl ich nichts davon wirklich empfinde, nur um dir zu schmeicheln, dich zu besänftigen, oder dich zu überreden, mich in Ruhe zu lassen? Wann habe ich vergessen, dass das hier mein Körper ist? Mein Körper, meine Hände, meine Lippen, die alle für dich etwas darbieten, in dieser Scheißwelt, die wir erschaffen haben. Siehst du nicht, wie kaputt das alles ist?"

All das brannte mir auf der Zunge. Aber ich schwieg.


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Er sah schockiert aus. Ich war selbst schockiert. Etwas schämte ich mich auch. Aber es tat mir nicht leid, obwohl mein Verhalten nicht gerechtfertigt war. Es war aggressiv, was ich eigentlich nicht bin – oder bis vor Kurzem zumindest nicht war.

In den vergangenen Monaten hat sich in westlichen Ländern, aber auch in anderen Weltregionen, etwas zwischen Männern und Frauen geändert. Einen Anstoß dafür gab vielleicht, dass 2016 eine erfahrene, hochqualifizierte Frau das Rennen um die US-Präsidentschaft gegen einen Mann verlor, der mit seinen sexuellen Übergriffen prahlt. Mit dem Cosby- und später dem Weinstein-Skandal kam in der Medienbranche ein Stein ins Rollen, der auch vor VICE nicht haltmacht. Im Gespräch mit anderen Frauen merke ich, dass auch sie wütend sind: Das 21. Jahrhundert ist bald zu einem Fünftel vorbei, und wir kämpfen noch immer gegen dieselbe Ungerechtigkeit und Gewalt.

Meinen körperlichen Übergriff auf einen Mann verstand ich selbst nicht. Ich bin mit vielen lieben, lustigen, guten Männern befreundet. Aber ich war schon länger gereizt, empfand in alltäglichen Situationen immer wieder plötzlich Wut gegenüber Männern, wo ich zuvor vielleicht nur irritiert gewesen wäre. Auf einmal bin ich mir bewusst, wie viel Wut sich eigentlich bei mir angestaut hat.

Neue Kampfeslust

Seit dem Schubs-Vorfall habe ich mit einigen Frauen gesprochen, die ebenfalls berichten, dass sie sich in letzter Zeit "kampflustig" gegenüber Männern fühlen. Sie reagieren nicht länger mit erschöpfter Passivität, wenn ein Mann ihnen auf der Straße etwas nachruft, ihnen herablassend etwas erklärt, das sie längst wissen, oder ihnen in einer Bar wie selbstverständlich an die Taille fasst. Aber es geht gar nicht wirklich um Wut auf einzelne Männer. Die ist nur eine Folge der eigentlichen Wut auf das System, das viele von uns nicht länger ertragen.

Wenn wir ehrlich sind, ist wenig von dem, was wir in den letzten Wochen und Monaten erfahren haben, überraschend. Die widerlichen Details, die Gewalt, und auch die Tatsache, wie viel vertuscht wird – all das mag schockierend sein, aber Ungleichheit ist nichts Neues, genauso wenig wie der Frust der Frauen neu ist. Aber inzwischen fühlt es sich anders an als noch vor wenigen Jahren.

Auf einmal sind Frauen nicht länger geknebelt. Die vielen Enthüllungen in den Medien haben gezeigt, dass ein neues Zeitalter angebrochen ist, in dem Opfern von Übergriffen zunehmend geglaubt wird.

Auf einmal sind Frauen nicht länger geknebelt. Wir haben nicht mehr die unterbewusste Gewissheit, dass wir ja doch nur ignoriert, verspottet oder als Lügnerin bezeichnet werden, wenn wir die Wahrheit über männliche Gewalt gegen Frauen aussprechen. Die vielen Enthüllungen haben gezeigt, dass ein neues Zeitalter angebrochen ist, in dem Opfern von Übergriffen zunehmend geglaubt wird. Dennoch haben Frauen immer noch keine wirklich mächtige Stimme. Ob in der Entertainment-Branche, in den Medien oder in der Politik, mächtige Männer sind noch immer weit in der Überzahl, und das ist uns allen bewusst.

Deirdre Mullins ist Schauspielerin, im November gewann sie einen Scottish Academy Film Award. Sie sagt: "Ja, ich bin wütend. Das ist Rage, die ich schon lange ausbrüte. Aber ohne richtiges Ventil wird das Ganze irgendwann zu einem Hintergrundrauschen, wie Verkehrslärm." Mullins weist darauf hin, dass im britischen Fernsehen doppelt so viele Männer wie Frauen vorkommen, im Kinderprogramm kommen auf jede Frau sogar drei Männer. Sie und ihr Freund sind beide Schauspieler – aber er bringt für dieselbe Arbeit etwa das Zehnfache nach Hause. Mullins spielt die Partnerin von Männern, die 30 Jahre älter sind als sie. Ihr Freund stellt den Liebhaber von Frauen dar, die noch zehn Jahre jünger sind als er.

Ria Chatterjee arbeitet als Journalistin beim britischen TV-Sender ITV. "Wenn Frauen nicht irgendwann ihre Wut über Jahrhunderte der Ungleichheit und des Frauenhasses loswerden, dann können sie nicht in die Zukunft blicken", sagt sie VICE. "Und dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Männer auch noch einmal manipulieren, wie wütende Frauen wahrgenommen werden." Das Wort "Hysterie" fällt schnell, wenn eine Frau die Stimme erhebt. Wie soll der Vorwurf erst lauten, wenn Frauen tatsächlich von Kopf bis Fuß vor Rage beben?

Manchmal heißt der Gegner Goliath, manchmal David

Mit jedem Dominostein, der fällt, sind wir weniger überrascht. Diese dunkle Seite, die Männer an den Tag legen, scheint auf keine bestimmte Branche beschränkt. Einerseits sind die Nachrichten deprimierend, andererseits gießt jede neue Meldung Benzin auf unser Feuer. Was früher wie ein Fabelwesen war – manche wissen davon, niemand kann es beweisen – ist heute allgemein bekannt und anerkannt.

Und dadurch haben Frauen endlich die Erlaubnis, männliches Verhalten anzuprangen, dessen extreme Konsequenzen Gewalt und Vergewaltigung sind. Frauen mögen nicht in der Lage sein, den Goliath Weinstein hinter Gitter zu bringen – keine Steinschleuder kann die Mauer seines Reichtums durchbrechen. Aber sie können im Alltag weiterkämpfen und den Ball am Rollen halten.

"War doch nur 'n Witz, Süße! Du siehst eigentlich aus wie eine, die Spaß versteht!" Innerlich zog sich in mir alles zusammen, aber wenn ich einen solchen Satz hörte, lächelte ich wie von allein und unterwarf mich damit. Nur ist es eben kein Spaß. Mir macht das alles keinen Spaß. Es war kein Spaß, als ich im Studentenalter glaubte, nach einem Date Männern Sex zu schulden. Es war auch kein Spaß, als ich mit 16 in Clubs ging und Männer mir unter den Rock griffen. Ich habe auch keinen Spaß, wenn Männer mir sagen, sie könnten meine Homosexualität "in Ordnung bringen" – seit ich vor sieben Jahren mein Coming-out als Lesbe hatte, habe ich das zahllose Male gehört.

Hoffnung dient der Wut als Nährboden

Meist bin ich kein wütender Mensch. Aber Wut kann eine Schutzfunktion ausüben – und ich denke, genau daher kommt die neue Wut, die ich heute spüre und die viele Frauen mit mir teilen. Es gibt wieder Hoffnung, und damit empfinde ich auch ein Verantwortungsgefühl, das ich vorher nicht hatte. Bisher habe ich aus Selbstschutz so vieles verdrängt – wer hält es schon aus, sich täglich einem aussichtslosen Kampf zu widmen? Davon schwindet irgendwann jegliche Lebenslust. Es folgt die Apathie. Wenn man ein schreiendes Baby ignoriert, hört es irgendwann auf zu schreien.

Hätte ich nicht ignoriert, wie viel zwischen den Geschlechtern im Argen liegt, hätte ich auf Dauer keine Selbstachtung mehr haben können. Schließlich unternahm ich nichts. Aber heute klafft die Lücke zwischen der Macht der Männer und der Ohnmacht der Frauen für mich so deutlich, dass Wegsehen gar nicht mehr möglich ist.

"Ich mache mir Sorgen, dass die öffentliche Wut abflauen könnte, bevor es tiefgreifende Veränderungen gegeben hat."

Diese Welt ist chaotisch und furchteinflößend. Aber wenn Frauen wütend bleiben, ist alles möglich. Wenn wir die alte Welt einreißen und durch eine neue ersetzen wollen, müssen wir handeln, so lange wir Benzin im Tank haben.

Selten sehen wir echte Veränderung in kurzer Zeit. Was sich aktuell im Patriarchat tut, ist für manche aufregend, für andere beunruhigend – je nachdem, welche Rolle sie in der angedachten neuen Welt spielen. Es gibt keinen Präzedenzfall, keine Wegweiser. In der Ungewissheit bleibt Frauen allerdings die Gewissheit, dass sie nicht allein sind. Wir teilen das Leid, und viele von uns teilen heute als Antwort darauf Wut statt Apathie. Wir können nicht länger die Wahrheit verdrängen, die uns allen auf den Leib geschrieben steht. Das Monster ist zu groß, als dass es noch unterm Bett Platz hätte.

Doch zum Jahresende fühlen wir uns oft ausgelaugt. Wir sehen Neujahr häufig als Reset-Knopf, der uns hilft, die vergangenen 12 Monate zu vergessen. Das darf uns in diesem Fall nicht passieren; das Feuer darf nicht ausgehen. Wie Mullins sagt: "Ich mache mir Sorgen, dass die öffentliche Wut abflauen könnte, bevor es tiefgreifende Veränderungen gegeben hat. Die Menschen werden sich langweilen – und eins weiß ich genau: Es gibt nichts Gefährlicheres als Langeweile."

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