Interviews

Schlaglichter und Nebelgranaten: Daniel Richter im Interview

Der Maler Daniel Richter erzählt, was er gegen Dummheit hat und warum für ihn "Zoomania" das wichtigste Kunstwerk der letzten Jahre ist.

von Magdalena Vukovic
14 Februar 2017, 9:41am

Bild: Daniel Richter, Erinnerungen an S.O.36, 2009

Bild: Daniel Richter, Erinnerungen an S.O.36, 2009

Ganz genau weiß man bei einem Interview mit Daniel Richter nicht, wem man gegenübersitzt: dem erfolgreichen deutschen Maler, dem einflussreichen und ernstzunehmenden Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien, dem Ex-Punk, dem modischen Szenetypen, dem Intellektuellen, dem Großmaul, dem reflektierten politischen Künstler, dem Provokateur oder doch dem Bildungsbürger.

Daniel Richter ist natürlich das alles und hat zu fast allen Themen eine starke Meinung – aber wenn er ein Statement rausfeuert, kann es passieren, dass er gleich darauf relativierend eingreift und sich selbst in Frage stellt. Dabei widerspricht er sich eigentlich nicht, sondern bildet viel mehr unsere informationsüberflutete Generation ab, in der eine widerspruchsfreie Wahrheit geradezu albern erscheint.

In Richters Bildern findet ein wilder Schlagabtausch von Stilen, Themen und Kunstrichtungen statt, und trotzdem ist es am Ende klassische Malerei mit Pinsel und Farben. Eigentlich ein unzeitgemäßes Medium für einen Künstler, der so redselig ist und entschieden im Hier und Jetzt lebt. Aber bevor man diesen Gedanken im Kopf ausformulieren kann, platzt er schon selbst damit heraus.

Porträtfoto: Andrew Obrejanu

VICE: Welche Kunst hat dich in letzter Zeit berührt?
Daniel Richter: Das wichtigste Kunstwerk der letzten Jahre ist für mich Zoomania. Ich habe ein Faible für Zeichentrickfilme als Utopien, denn sie sind zur Gänze kreiert und ausgedacht. Der Film ist der Wirklichkeit nicht verpflichtet und hat seine eigene Logik. Zoomania funktioniert als Allegorie des Jetzt und mit der aktuellen Identitätspolitik total gut.

Ich fand auch, dass es einer der wenigen Hollywood-Filme jüngerer Zeit war, der nicht die immer gleichen gesellschaftlichen Machtverhältnisse heraufbeschworen hat.
Ja, ein kleiner, weiblicher Hase, der sich gegen alle Widerstände durchsetzt … Es ist ein Film, der eine humanistische und komplizierte Wirklichkeit abbildet und universalistische und emanzipatorische Versprechen verkörpert. Man kann ihn auch als kleinen Angriff auf die PC-Kultur sehen, denn der Bösewicht kommt von Seiten der flauschigen Tiere. Man denkt anfangs, dass die Karnivoren eine faschistische Macht entfalten, sie werden aber ausgetrickst von jemandem, der noch mieser ist und moralisch auf der richtigen Seite zu stehen scheint, weil es sich um ein niedliches Lamm handelt. Ich habe den Film mindestens vier Mal mit meinem 10-jährigen Sohn gesehen.

Gibt es in der bildenden Kunst Positionen, die dich ähnlich berühren?
Im Kunstbereich gefallen mir zum Beispiel Taryn Simon, Hito Steyerl oder Pierre Huyghe. Die können im Gegensatz zu mir als Maler mit anderen Mitteln arbeiten. Ich kann als bürgerliches Individuum zwar reden und begründen, aber die Durchschlagkraft meiner Argumente ist nicht die Ebene, auf der das funktioniert, was ich dann als Maler mache.

Bei Taryn Simon steht für mich auch nicht die Fotografie an erster Stelle, sondern die Recherche, die Arbeit und die Überlegungen die sie vorführt, über das Fremde, das Unheimliche oder den Alltag. Als Maler könnte ich mich im Gegensatz dazu eher mit einem Blues-Musiker vergleichen – ein Typ, der auf seiner Gitarre herumschrubbt und singt. Das findet man gut oder nicht, aber es ist nicht vergleichbar mit Arca oder Holly Herndon.

Vielleicht ist dann einfach in deinem Fall die klassische Retrospektive, wie wir sie jetzt im 21er-Haus sehen, nicht die geeignete Plattform?
Ich bin froh, dass die mir das angeboten haben. Zum einen kann ich die Sachen wieder einmal sehen – ich sehe sie ja sonst nicht, denn sie gehören oft nicht mir. Außerdem kann ich einen Bogen ziehen und es gibt einen Austausch der Bilder untereinander. Ich glaube auch, dass es ein Publikum interessiert. Ich bin so eitel zu behaupten, dass ich in der Malerei etwas beizutragen habe. Meine Arbeiten gehen hinaus über jene nostalgische Gute-Alte-Zeit-Malerei, Allegorien oder Traumtänzertum – also Emo-Malerei auf gehobenem Niveau, im Stile von Luc Tuymans, Michael Boremanns oder auch Neo Rauch.

Fühlst du dich richtig verstanden und gut repräsentiert?
Generell ja. Natürlich gibt es immer unzulässige Verkürzungen, es ist aber eben auch Malerei. Ich hätte keine Lust, einen etablierten Kunsthistoriker wie Benjamin Buchloh hinter mir zu haben, also einen Typen, der Exegesen schreibt und mich kunsthistorisch absichert. Meine Absicht ist es, ein Idiot zu sein, genauso wie auch sehr schlau, als widerspruchsvolle Existenz – so wie ein heterosexueller Mann für den Feminismus sein kann.

Dass du viel redest, leistet in meinen Augen einen wichtigen Beitrag zu Deinem Erfolg. Es ist eine Tradition der Schule, aus der du kommst.
Ich habe schon so geredet, als ich noch kein erfolgreicher Künstler war. Ich konnte das Reden früher als das Malen. In meiner Umgebung war das ebenso wichtig: im Hip-Hop, in der autonomen Linken oder auch in der Hamburger Schule [Musik wie Die Goldenen Zitronen, Die Sterne oder Tocotronic und die dazugehörigen Magazine, allen voran Spex]. Es ging um Positionierung, Abgleich und den Versuch, etwas zu tun, für das man die richtige Begründung hat, bei gleichzeitiger Berücksichtigung, dass das richtige Argument nicht zwangsläufig die richtige Kunst mit sich bringt.

Gleichzeitig ist es auch eine Strategie, wenn man sich verbal in so einer Menge äußert wie du. Da muss sich erst einmal jemand auskennen und durcharbeiten.
Es sind eben nicht nur Schlaglichter, sondern auch Nebelgranaten. Ich freue mich aber, wenn mir Leute komplexe Fragen stellen. Problematisch finde ich eher den Zugang über die Biografie und persönliche Gefühle. Dieses Zeug müssen sich immer nur Maler anhören.

Wie gehst du mit deiner eigenen Berühmtheit um?
Berühmtheit in der Kunst bedeutet – außer du bist höchst signifikant, wie Jeff Koons oder Andy Warhol –, dass du vielleicht in zehn Bars auf der ganzen Welt erkannt wirst und deswegen einen Tisch bekommst, wenn es voll ist. Das ist auch der ganze Ruhm für mich. Richtiger Ruhm dagegen bedeutet meist, dass Leute gar nicht mehr wissen, was du machst und es deine Person überlagert. Du kannst dann nirgendwo mehr hingehen, weil dich jeder erkennt. Diese Vorstellung empfinde ich als Albtraum. Für mich ist es ja schon schwierig, dass man durch die Rolle als Künstler oder Professor so eine Art Orakel oder Autorität ist. Ich bin jemand, der sich das anmaßt und gerne macht, weil ich gerne labere und Plenumserfahrung habe, aber eigentlich finde ich es vollkommen unangemessen.

Du findest es also unangenehm so eine Machtposition zu haben?
Mir traue ich ja in meinem Urteil und in meinen Positionen. Aber wenn ich zurückdenke, als ich jung war, was da in revolutionären Bewegungen an inkompetenten Arschgeigen an der Macht waren …

Für wie sinnvoll hältst du denn ein Kunststudium?
Ich halte es für sehr sinnvoll und für mich war es wichtig. Damit glaubt man sich auch selbst, dass man sich ausschließlich damit beschäftigen will. Sonst ist man einfach ein Künstler in der Küche der Mutter. Man braucht den Austausch, Verbündete und Gegner, den Zugang zu Lehrmitteln, eine Professorin oder einen Professor, der einem auf die Nerven geht. Es geht um einen Raum, in dem man arbeiten und denken kann.

Deine Klasse war und ist einer der berüchtigtsten an den Wiener Kunsthochschulen und brachte viele interessante und auch erfolgreiche Künstlerinnen und Künstler hervor (Stefanie Sargnagel, Soap&Skin, Max Schaffer, Christian Rosa, Alex Ruthner, Skero, u.v.m.). Was muss man mitbringen, damit man bei dir angenommen wird?
Meine Studenten sind sehr unterschiedliche Menschen und wenn man sich nicht absolut idiotisch verhält, finde ich auch Abweichungen legitim. Es gibt Jahre, in denen ganz Interessante dabei sind und manche, in denen das anders ist. Es gibt auch einige Künstlerinnen und Künstler, die ich ganz toll finde, die aber dann aus irgendeinem Grund nicht so einen Erfolg haben oder auch nicht haben wollen – das sind oft psychologische Gründe oder soziale, oder ein zu hoher Anspruch an sich selbst.

Leider ist das oft bei Frauen so. Nimm einmal an, du hast einen mittelmäßig begabten Malertypen mit großer Klappe, dicken Eiern und Tattoos: Der poltert los, glaubt an sich und erscheint damit, als ob er etwas drauf hätte. Stell dir daneben eine Frau vor, die viel mehr kann und intelligenter ist, sich dann aber leider oft mit Selbstkritik zermürbt oder Angst hat, sich zu blamieren. Fünf Jahre Studium sind eine gute Möglichkeit, sich zu blamieren und trotzdem weiter zu machen.

Große Klappe? Da muss ich an den Kunsthändler Stefan Simchowitz denken, der in letzter Zeit viel Reden von sich gemacht hat. Wie stehst Du denn zu dem?
Blöder Wichser. Diese ganze Typen finde ich abscheulich. Das ist wirklich männerbündische Kapitalismusscheiße. Im Grunde ist er wie Donald Trump, denn er tut so als ob er gegen das Establishment der Galerien und Kuratoren wäre, aber er ist in Wirklichkeit ein reicher Egomane.

Der Kunstmarkt hat bestimmte Regeln und er missachtet das?
Er radikalisiert die Regeln und das ist ein riesiger Unterschied! Es ist vergleichbar mit Amazon, die meiner Meinung nach alle Platten- und Bücherläden ruiniert haben. Ein Angebot-und-Nachfrage-Modell, in dem unter radikal ökonomischen Aspekten gehandelt wird, ohne das geringste Interesse daran, worum es geht. Leute wie Simchowitz sind deswegen auch für solche Sammler interessant, die selber keine Ahnung haben, die der sozialen und kulturellen Distributionshürde Galerie gar nicht begegnen wollen. Sie kaufen etwas, um damit vor ihren Freunden angeben zu können und sehen es als sicheres Investment.

Hier in Wien hast du viel eingesessenes Bildungsbürgertum, Opern-, Kunst- und Literaturfreunde und in gewisser Weise Old-School-Business-Männer. Wenn du aber ins Hotel Park Hyatt gehst, wirst du feisten Männern in teurer Sportbekleidung begegnen, mit dicken Klunkern und Escort-Mädchen. Das ist ein anderes Kapital, das ebenso den Kunstmarkt unterfüttert, was dazu führt, dass er nicht implodiert, aber eben öder wird.

Wie kommst du am Auktionsmarkt an?
Der Auktionsmarkt folgt seinen eigenen Regeln. Oft geht es um die Stimmung im Raum und das teure Kaufen, weil das Teure das Gute ist. Das ist eine Welt, in der meine Sachen nicht funktionieren. Meine Bilder habe ein paar hohe Preise bei Auktionen erzielt, das 4- bis 5-fache des Galeriepreises damals. Es ist aber nicht gelungen, dieses Niveau zu halten, weil meine Bilder und auch meine Werkphasen zu unterschiedlich sind. 

Um kontinuierlich den Preis zu halten, sollte das Werk einen immer den gleichen Wiedererkennungswert haben: die erfolgreichen Bilder als Variationen anderer erfolgreicher Bilder. Meine Arbeit sieht eben nicht so aus: verträumte Surrealismen, ikonische Baller-Punk-Bilder, zusammen mit abstrakten Überforderungen oder Sachen die aussehen wie Missverständnisse der 50er-Jahre.

Und gleichzeitig steigert aber eine Ausstellung wie die im 21er-Haus deinen Marktwert.
Das stimmt nur theoretisch, denn es gibt sehr viele Künstler, deren Marktwert nicht im Geringsten gestiegen ist. Die Wertschätzung gegenüber der Arbeit steigt zwar, weil es eine Position ist, die eine gewisse Dialektik aufweist, an der sich Leute abarbeiten können, aber das heißt nicht, dass damit auch der Marktwert steigt. 

Ein gutes Beispiel ist Albert Oehlen, der seit über 30 Jahren dabei ist und erst gegenwärtig am Auktionsmarkt langsam Erfolg hat. Da hängt nun auch damit zusammen, dass er jetzt bei Gagosian ist, die in dieser Welt garantieren, dass die Preise hoch sind. Es sind Faktoren, die den Wert nicht nur über den Diskurs generieren. Mir ist das alles relativ egal, solange ich davon leben kann. Ich bin zufrieden, denn es ist mehr, als ich mir in jungen Jahren jemals hätte vorstellen können.

Aber du hast schon Interesse daran, auch im zukünftigen Diskurs eine Rolle zu spielen, oder?
Auch wenn es nur durch mein Gerede ist, bin ich mit meiner Position und meinen spezifischen Vorstellungen zu Kunst, Politik und Gesellschaft schon ein Bestandteil der Gegenwartskunst. Natürlich ist meine Malerei auch ein Angriff auf anderer Leute Malerei und das ist mir auch bewusst. Je radikaler die eigene Position ist, desto mehr Anspruch verbindet man damit und desto weniger liberal ist man Positionen gegenüber, die man als scheiße, verlogen und dumm empfindest – ich bin eben gegen die Dummheit.

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