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Warum Psychotherapie auf Krankenschein wichtig wäre

"Psychotherapie soll für alle, die sie benötigen, zugänglich sein und das unabhängig vom Einkommen."

von Sabrina Kraußler
07 Oktober 2016, 2:00pm

Foto von Change.org

Psychische Krankheiten sind unserer leistungsorientierten Gesellschaft ein Dorn im Auge—und trotzdem so präsent wie nie zuvor. Neben den Therapien, die sich Betroffene zu einem großen Teil selbst finanzieren müssen, ist das Risiko groß, aufgrund einer Erkrankung den Job zu verlieren. Die Kosten, die dabei auf Betroffene zukommen, sind also gleich doppelt belastend.

Die Grünen-Politikerinnen Eva Mückstein und Eva Glawischnig fordern deshalb in einer Petition die "Psychotherapie auf Krankenschein". Sie wurde Mitte September vorgelegt und fand bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits über 5000 UnterstützerInnen auf Change.org. Die Abgeordneten fordern im Falle einer psychischen Krankheit die Behandlungskosten von der Versicherung erstattet zu bekommen und somit allen Betroffenen eine Therapie zu ermöglichen, die sie brauchen.

Laut der Petition tragen PatientInnen die Kosten für Psychotherapien selbst; nur ein kleiner Betrag wird von der Versicherung zurückerstattet. "Psychotherapie soll für alle, die sie benötigen, zugänglich sein und das unabhängig vom Einkommen", fordert Eva Mückstein, Gesundheitssprecherin der Grünen.

Dass Betroffene bisher tief in die Tasche greifen mussten, um sich eine Therapie zu leisten, stimmt so allerdings nicht ganz, meint Johannes Gregoritsch vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger. Er weist auf zwei unterschiedliche Versorgungsschienen hin.

Zum einen würden Patienten, die in die sogenannte 'Sachleistungsversorgung' fallen, für die psychotherapeutische Behandlung nichts bezahlen—wenn Patienten also ein Therapieplatz zugesagt wird, kommt die Krankenkasse auch für die Kosten auf. Das Kontingent entspreche österreichweit 250.000 Therapiestunden im Jahr.

In Österreich nehmen zirka 900.000 Menschen jährlich das Gesundheitswesen wegen psychiatrischen Problemen in Anspruch.


Zum anderen gäbe es laut Gregoritsch die Möglichkeit, sich privat behandeln zu lassen. In diesem Fall würde grundsätzlich ein Zuschuss von 21,80 Euro pro Therapiesitzung von der Krankenkasse zurückerstattet. "Das Problem ist, dass die Kosten für einen privaten Therapeuten unterschiedlich hoch sind", erklärt Gregoritsch. "Somit greift dieser Beitrag den Patienten unterschiedlich unter die Arme. Das ist eine Sache, die nicht gesetzlich so geregelt ist, wie wir es uns wünschen würden." Aus diesem Grund wäre es das Ziel, mehr Menschen in die Sachleistungsversorgung zu bringen.

Wie wir bereits 2015 im "VICE Guide to Mental Health" berichtet haben, nehmen in Österreich zirka 900.000 Menschen jährlich das Gesundheitswesen wegen psychiatrischen Problemen in Anspruch. Damit wäre das Kontingent von 250.000 Therapiestunden, die von Krankenkasse finanziert werden, völlig überbelastet—und viele PatientInnen auf private Behandlungen und geringe Zuschüsse angewiesen.

Die Bewilligung der Therapie seitens der Krankenkasse ist außerdem die Voraussetzung, um eine der beiden Möglichkeiten überhaupt in Anspruch zu nehmen. Aufgrund der Priorisierung der Fälle bei kassafinanzierten Plätzen können für den Einzelnen lange Wartezeiten entstehen.

Der in der Petition geforderte "bundesweit, einheitliche, vernünftige Rahmenvertrag" zur kassenfinanzierten Psychotherapie müsse zwischen dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger und dem Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) abgeschlossen werden. Dieser sei laut der Petition zwar seit 25 Jahren im Sozialversicherungsgesetz vorgesehen—aber obwohl die Leistungsbeiträge aus diesem Grund erhöht worden seien, würde das Recht der Patientinnen auf diese Leistungen der Krankenkasse bis heute verweigert.

"Der Gesetzgeber hat dieses Geld langfristig vorgesehen und es wird für psychotherapeutische Behandlungen ausgegeben", sagt Johannes Gregoritsch dazu. "Im Grunde wird sogar mehr Geld aufgewendet." Die Anwendungskurve, die wir vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger zugesandt bekommen haben, zeigt die stetig steigenden Kostenzuschüsse und Sachleistungen bezüglich Psychotherapien.

Aufwandsskurve für Psychotherapie, Quelle: Hauptverband Österreichischer Sozialversicherungsträger

Mit einem Zuschuss von 21,80 Euro ist eine private Psychotherapie gerade für Betroffene im jungen Alter schwer leistbar. Mit Stipendien, Einstiegs- oder Lehrlingslöhne oder Studentenjobs finanzieren sich die Behandlungskosten ohne ausreichenden finanziellen Rückhalt aus der Familie nur schwer.

Dass psychische Gesundheit bei der jungen Generation nach wie vor ein Tabuthema ist, haben wir bereits 2015 im "VICE Guide to Mental Health" gezeigt. Auch in der Petition schildert eine 21-Jährige, dass sie aufgrund von wiederkehrenden Depressionen ihr Studium abbrechen musste und nun nach einem halben Jahr in der Psychiatrie zwar eine Einzeltherapie in Anspruch nimmt, aber diese mit einem Lehrlingsgehalt und aufgestockter Mindestsicherung finanzieren muss. Das Armuts-und Arbeitslosigkeitsrisiko von Betroffenen solle laut den Abgeordneten nicht zusätzlich durch Behandlungskosten auf die Spitze getrieben werden.

Laut OECD leide jeder Fünfte im erwerbsfähigen Alter aktuell unter psychischen Problemen. Leistungsdruck im Studium, Stress am Arbeitsplatz und Probleme mit dem Erwachsenwerden sind Schwierigkeiten, die sich häufig bis zum Erwachsenenalter durchziehen.

Im Herbst 2015 legte die OECD einen Bericht zur Beschäftigung von Menschen mit psychischen Problemen vor und fordert mehr Einsatz, Betroffenen zu helfen. "Psychische Probleme, die sich in verminderter Produktivität sowie höheren Gesundheits- und Sozialkosten niederschlagen, verringern die österreichische Wirtschaftsleistung (BIP) im Jahr um etwa 3,6 Prozent."

Die Psychotherapie auf Krankenschein—und eine damit einhergehende Verringerung der finanziellen Belastung für Betroffene—könnte angesichts der steigenden Patientenzahlen, der geringen Zuschüsse und des niedrigem Stundenkontingents von kassenfinanzierten Therapieplätzen ein wesentlicher Schritt in der Gesundheitspolitik sein.

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