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Bis so guet

Wie ich beinahe einen Vogel mit blossen Händen tötete

Es gibt wenige Viecher, die so erbarmungslos über dich herfallen, wie eine zornige Vogelfamilie, die sich in ihrer Privatsphäre bedroht fühlt.

von Philipp Spillmann
03 April 2014, 9:27am

Foto von: Ricardo Liberato

Einen Vogel mit blossen Händen zu töten, ist schwieriger, als man zunächst vermuten mag. Es sind weder die Klauen, die sich in dir ins Gesicht bohren, noch der Schnabel, der auf dich einhackt. Es ist die ziellose Mordlust eines sich in seinem Habitat bedroht fühlenden Ungetüms, das selbst das lauschigste Fleckchen Erde in ein Kabinett des Grauens verwandelt. 

Der grösste Fehler, der ein leichtgläubiger Philanthrop wie ich begehen kann, ist die Schamlosigkeit einer Kreatur zu unterschätzen, die sich ernährt, von was auch immer man ihr in den Rachen wirft. Die Mistviecher kennen keine Gnade. Ein einziges Mal zu wenig kräftig nach ihnen getreten, etwas zu wenig Dynamit in den Rohrkrepierer, den du ihnen hinterherschleuderst, oder das Wasser, das du über sie schüttest, doch nicht ganz zum Kochen gebracht, und du hast verloren.

Foto von Anamalech

Ehe du den knapp an dir vorbei segelnden grün-glibbrigen Klumpen ausweichen kannst, siehst du dabei zu, wie sich ein Tier in deinem trauten Heim einnistet, das in seiner eigenen Kloake nächtigt. Wie ich dieses Federvieh hasse. Aber auch, wenn ich seither Tag für Tag eine erbarmungslose Schlacht gegen die Taubenplage führe, hätte ich nie gedacht, dass ich einmal mit Blut und Krallen mit einem, allerdings weitaus pietätloseren Exemplar, dieser postreptilen Schöpfungskatastrophe um mein Leibeswohl ringen müsste.  

Es war Sonntag. Es war schön. Die Taubensippe belagerte wieder einmal meine friedvolle Dachwohnung. Also begab ich mich an ein schattiges Plätzchen. Ein kleines Paradies im Schilf am Wasser—das wohl letzte Stück Stadtnatur, das noch nicht von Slacklinern zum Campingresort erklärt wurde. Ein Ort mit Flair, um meinen Kater in aller Ruhe auszuschlafen. Es war perfekt. Kein Gurren, kein Flattern, nichts. Endlich konnte ich zurücklehnen und eins mit der Umgebung werden.

Foto von Mike Baird

Ich wurde geweckt von plärrendem, aufgebrachtem Schnattern. Als ich aufblickte, war ich umzingelt. Und ehe ich mich versah, türmte sich eine unheilvolle, weisse Wand vor mir auf. Dann begriff ich: Ich lag mitten in ihrer Brunftkuhle.

Man sah es ihnen an. Sie waren wütend. Sie waren es leid, mit Zigarettenstummeln gefüttert zu werden, hatten es satt, sich mit schimmligen Brotresten bewerfen zu lassen. Wie viele Sommernächte wurden sie wohl schon von johlenden, pissenden Trunkenbolden aus dem Schlaf gerissen?

Mein Moment der Aussöhnung mit dem Tierreich war gekommen. Ich verstand sie. Ich wollte keinen Krieg. Aber dafür war es mittlerweile zu spät. Ihre aufgedunsenen Augen, ihre verdrehten Hälse und ihre schaumigen Schnäbel gaben mir unmissverständlich zu verstehen, dass die Zeit für Smalltalk abgelaufen war. Ich war in ihre letzte Zufluchtsstätte eingebrochen, hatte ihnen das letzte Bisschen Privatsphäre geraubt. Dafür gab es keine Entschuldigung. Ich war fällig.

Foto von TumblingRun

Reflexartig sprang ich auf und begann damit, wild um mich zu schlagen. Alles in die Luft. Ich wollte diesen erhabenen, selbstverliebten Geschöpfen die Demütigung ersparen. Es sollte so aussehen, dass sie mich, den Eindringling, den Wüstling, den Unhold, mit vereinter Kraft in die Flucht geschlagen hätten. Ein historischer Sieg über die Menschheit.  

Doch die Viecher liessen nicht von mir ab. Jedes Mal wenn sie etwas von mir zu fassen kriegten, geilte sie das weiter auf. Also begann ich damit, ihnen entgegenzuschleudern, woran immer sich meine blutigen Finger festkrallen konnten. Das zeigte seine Wirkung. Als ich mit ihnen fertig war, sank ich erschöpft auf den Boden. Leider ohne zu bemerken, dass eines dieser Biester nicht so schnell klein beigeben wollte, wie die übrigen.

Foto von Wikimedia

Und plötzlich stand ich einem gefiederten Ungeheuer gegenüber, das mit allen Mitteln versuchte, mir die Augen auszuhacken. Jetzt gab es nur noch mich und ihn. Ein Kampf auf Leben und Tod. Mensch gegen Wasserbestie. Er wollte es wirklich wissen. Und sein fieser Kopf schnellte hinab in mein Gesicht.

In letzter Sekunde konnte ich seinen Hals packen. Es schnappte, fauchte und schnatterte. Überall Federn, die herumwirbelten. Es gab keinen Ausweg. Ich musste tun, was getan werden musste. Aber dann, auf dem verzweifelten Höhepunkt, als sein Röcheln leiser und leiser wurde, packte ich ihn am Rumpf und schleuderte ihn mit aller Kraft Richtung Wasser. Um ein Haar hätte ich das Monster erlegt, aber kurz vor dem Aufschlag fing es sich und segelte mit letzter Kraft, sichtbar gekränkt davon. Schwäne, die tobende, fleischgewordene Version von Quetzalcoatl.

Den Vogel abschiessen kannst du dieses Wochenende hier:

Donnerstag:

Gehen wir ans Screening des Essay-Films "The End of Time" vom Schweizer Regisseur Peter Mettler oder besuchen die liebreizende Stefanie Biggel im Temporär.

Freitag

Beginnt das "China Drifting Festival" im Walcheturm. Im Auftaktslineup sind u.a. die psychedelischen Duck Fight Goose zu finden. Neben Tierkämpfen und lokalen Acts gibts feinste Visual Arts, Installationen, Stummfilme, Jiaozi, handgemachte Nudeln, feuerwerk und alles und noch mehr. Später rollen wir miteinander ins Hive zu Ten Walls.

Samstag:

Gut bedient sind wir da nach wie vor im Walcheturm. China Drifting geht in die Zweite Runde und dreht erst richtig auf u.a. mit Pet Conspiracy. Wir verlosen übrigens 2x2 Tickets für beide Abende. Später führen alle Wege eines Halbstarken ins Gonzo.

Dienstag:

Pilgern wir ins Exil und ziehen uns diese Foxes rein.