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Drogen

Kiffen am rechten Rand – Die Cannabis-Verschwörung existiert nicht

Wenn Weed und Chemtrails zusammenkommen.

von Michael Knodt
14 Jänner 2016, 6:00am

Foto: Imago | Steinach

Im Rahmen meines Interviews mit einem ausgestiegenen Neonaziund Ex-Speed-Dealer hatte der mir damals auch erzählt, dass Gras und Hasch in der strammen rechten Szene verpönt seien. Gekifft werde höchstens mal heimlich oder zum Runterkommen, im Prinzip ist Weed aber als Hippie-Droge verpönt. Es gibt allerdings besorgte Bürger, denen man trotz ihrer rechts-nationalen Gesinnung keinen Substanz-Faschismus unterstellen kann. Letzte Woche hatten wir über einen fragwürdigen Compact-Artikel über Kiffen als angebliche Globalisierungskritik berichtet.

Xavier Naidoo ist bei Weitem nicht der einzige, der eine Affinität für Gras und fragwürdige Montagsdemos hat. Reichsbürger und BRD-GmbH-Gläubige halten das Betäubungsmittelgesetz ohnehin für ungültig, weil es im Deutschen Reich nicht existent war. Sie glauben nicht selten, dass das Verbot von Cannabis neben Chemtrails, Reichsflugscheibe und gefakter Mondlandung nur eine der vielen Verschwörungen von „denen da oben" (oder wahlweise den Juden) sei. Hinzu kommt noch die rechtsesoterische Bewegung, für die Hanf eine alte germanische Nutz- und Rauschpflanze ist, die von den imperialistischen US-Besatzern verboten wurde.

Die Geister, die ich rief

Zugegeben, über Weed wurden besonders seit Reefer Madness viele Unwahrheiten verbreitet. Die Gründe dafür liegen jedoch nicht im Dunkeln, sondern sind ziemlich offensichtlich, aber eben nicht mit drei Klicks zu ergoogeln und somit zu komplex für die Fans schwarz-weiß geprägter Weltbilder. Ägypten hatte mit der Unterstützung von Südafrika und der Türkei auf der Opiumkonferenz 1925 beantragt, Cannabis in die Liste der zu kontrollierenden Stoffe aufzunehmen.

Die Beweggründe Ägyptens und Südafrikas waren rassistischer Natur, wie Tilmann Holzer in Die Geburt der Drogenpolitik aus dem Geist der Rassenhygiene darlegt. Holzer beschreibt, dass Cannabis in Deutschland zu dieser Zeit als Rauschdroge relativ unbekannt war und vorwiegend zu medizinischen Zwecken genutzt wurde. So stimmte das Deutsche Reich nach anfänglichem Zögern dem Bann von „Indischem Hanf" zu, um im Gegenzug weiterhin Heroin zu „medizinischen" Zwecken nach Ägypten exportieren zu dürfen. Bis Cannabis ins Reichsopiumgesetz aufgenommen wurde, vergingen weitere vier Jahre.

Seit 1929 durften Kraut sowie Zubereitungen des Indisches Hanfs dann nur noch in Apotheken gegen Rezept vertrieben werden. Cannabis war, anders als so manch Reichsbürger wahr haben will, also im Deutschen Reich auch schon verboten. Allerdings nur theoretisch, denn zwischen 1929 und 1945 wurde hier und da wegen Opium ermittelt, ein Cannabis-Delikt ist jedoch bis heute nicht bekannt geworden, zumal Zubereitungen des Indischen Hanf und alle anderen dem Opiumgesetz unterstellten Substanzen weiterhin auf Rezept in der Apotheke bezogen werden konnten.

Das noch junge Cannabis-Verbot des Völkerbunds kam den USA 1927 dann gerade recht, um die Reefer-Madness-Kampagne zu lancieren, die neben ihrer hauptsächlich rassistischen Motivation auch wirtschaftliche Vorteile für die Papier- und später die Kunststoffindustrie brachte. Deshalb wurde in den USA, anders als in Deutschland, nicht nur der Indische Hanf verboten, sondern auch dem Nutzhanf und somit der gesamten Hanffaserindustrie gleich mit der Garaus gemacht. Im Geheimen wurde in Sachen Cannabis übrigens gar nichts beschlossen.

Is' mir doch egal

Aber selbst als der Status von Hanf auch in Deutschland mit der extremen Verschärfung des Betäubungsmittelgesetzes 1971 und dem generellen Verbot des Hanfanbaus 1981 immer repressiver wurde, hat das mit Ausnahme von ein paar Hippies einfach keinen interessiert. Deshalb, nicht aufgrund einer Handvoll Verschwörer, konnte man Cannabis problemlos verbieten. Alle Fakten zum Cannabis-Verbot sind seit seiner ersten Erwähnung 1923, als Südafrika zum ersten Mal dessen Verbot beantragte, öffentlich zugänglich. Zu einer Verschwörung gehört schon ein bisschen mehr als das traditionell übliche Zusammenwirken von Politik und Wirtschaft, wie es bei der Reefer-Madness-Kampagne Herbert Anslingers in den späten 1920er und 1930er Jahren der Fall war.

Für Verschwörungsgläubige nur ist das aber der Beweis dafür, dass das Internationale Kapital (oder die Juden) auch am Cannabis-Verbot schuld sind. Ach ja, und nach dem Krieg haben die Amis dann als (jüdisch gesteuerte) Besatzungsmacht dafür gesorgt, dass Cannabis nicht aus dem Opiumgesetz gestrichen wurde. Denn die strammen Deutschen wollten unbedingt kiffen, anstatt sich in den 1950er Jahren dem Konsum und dem Vergessen hinzugeben. Fakt ist jedoch, dass die in Deutschland stationierten Soldaten uns das erste Weed gebracht haben, das im Deutschland der 1950er Jahre, wenn überhaupt, in der Jazz-Szene geraucht wurde, wie es Robert P. Stephens in seinem Buch Germans on Drugs beschreibt. Auf der Hamburger Reeperbahn gab es damals die größte Drogenszene in Deutschland, wo einem alten Spiegel-Bericht zufolge bereits Methamphetamin konsumiert wurde. Damals hieß es noch Pervitin und stammte aus alten Reichswehrbeständen, heute heißt das Zeug Crystal Meth.

Angst schüren mit Monsanto

Doch mit solchen Fakten kann man der BRD GmbH oder Reichsdeppen gar nicht kommen, für sie ist das Betäubungsmittelgesetz ungültig und der Ami daran schuld, dass wir die alte germanische Nutzpflanze Hanf nicht mehr anbauen und verchecken dürfen. So werden seit ein paar Jahren immer wieder Rechtsesoteriker und Reichsbürger beim Gras-Anbau oder beim Fahren mit dem Reichsführerschein unter Drogeneinfluss erwischt, die sich im Anschluss bei der Polizei oder vor Gericht auf die angeblich fehlende Rechtsgrundlage der Strafverfolgung berufen. Auch der Kopp-Verlag oder extrem-News haben ihr Herz für Hanf entdeckt und sich zu regelrechten Legalisierungsfans entwickelt, seit man mit dem Thema „Cannabis-Verschwörung" Bauern fangen kann.

Auf vielen rechtspopulistischen Seiten finden sich auch Behauptungen über das angebliche Engagement von Monsanto in der Cannabis-Forschung. Monsanto gehört zu den Lieblingsfeinden der Verschwörungsszene. Demnach soll Monsanto daran arbeiten, die DNA einzelner Cannabis-Sorten zu entschlüsseln und anschließend Sorten und den Wirkstoff THC zu patentieren. Der einzig wahre Kern daran ist, dass Milliardär und Monsanto-Aktienbesitzer George Soros über seine Open Society Foundation die Legalisierungsbewegung in den USA schon seit den 1980er Jahren mit großzügigen Spenden unterstützt hatte. Monsanto hat das angebliche Engagement bereits dementiert und es gibt auch sonst keine einzige seriöse Quelle für diese Unterstellung. Dafür ist George Soros jüdischer Herkunft, er hatte mit seinen Eltern den Holocaust in Ungarn überlebt und war danach in die USA emigriert. Zufall oder wieder einmal geschickt geschürter, unterschwelliger Antisemitismus?

Auch in der „Germanischen Neuen Medizin" tauchen der Ur-Vater der rechts-esoterischen Verschwörer—Jan Udo Holey, aka Jan van Helsing—und Hanf als altdeutsche Alternative zu AIDS-Medikamenten und anderer, böser Schulmedizin auf. Kurzum, Gras wird überall und somit auch am rechten Rand, immer beliebter.

Kein Asyl für rechte Gedanken

Bekennende Kiffer haben es ohnehin oft schwer, so richtig ernstgenommen zu werden. Die Forderung nach einer Änderung der aktuellen Cannabis-Politik wird immer noch oft und gerne nicht sachlich, sondern mit „der hat doch zu viel gekifft" beantwortet. Solch tumben Vorurteilen ist nur mit nüchterner Sachlichkeit, nicht aber mit rechten Marschierern als Teil des Global Marijuan March oder auf der Hanfparade, etwas entgegenzusetzen.

OK, Kiffen macht empathisch und hat sogar schon singende Neonazi-Zwillinge bekehrt. Klar wäre es besser, wenn Pegida entspannt einen rauchen würden, statt hetzend und randalierend durch die Straßen zu ziehen. Klappt aber leider nicht. Gerade deshalb darf man den rechten Ideologen auch keine Plattform zur Verbreitung ihrer Gesinnung geben, nur weil oder wenn es um Weed geht. Darum ist es in der anhaltenden Debatte um den Status Quo von Cannabis umso wichtiger, sich von den Rechtsaußen-Hänflingen zu distanzieren.

Cannabis muss für alle reguliert werden, aber bitte ohne Trittbrettfahrer aus der rechten Ecke in der vordersten Reihe. Deren Taktik, ein aktuelles Thema für sich zu entdecken und zu instrumentalisieren, kennt man schon von der Diskussion um Pädophile. Macht die Augen auf.