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Berliner Kids knacken massenweise Leihräder

Nicht alle in der Hauptstadt wollen für die bunten Fahrräder zahlen. Den chinesischen Unternehmen dürfte das egal sein, denn sie verdienen längst nicht nur an den Leihgebühren.

von Philipp Luther
08 Juni 2018, 1:45pm

Auf der Liste von Dingen, die Halbstarke uncool finden, dürfte Mit-einem-knallgelben-Damenrad-fahren relativ weit oben stehen. Vermutlich gleich über Fidget-Spinnern und diesen farbigen Plastikboxen, in denen ihre Zahnspangen vergammeln.

Wenn das knallgelbe Rad allerdings ein Leihfahrrad ist und mit einer Bezahlschranke gesichert ist, dann wird derjenige König vom Pausenhof, der es schafft, die Sperre zu knacken. Einigen Berliner Kids soll genau das jetzt gelungen sein. Zumindest häufen sich in der Stadt solche Berichte über einen plötzlichen Popularitätsschub der gelben Vehikel des Unternehmens Ofo unter Jugendlichen aus Neukölln und Wedding.

Dem Magazin Gründerszene hat Ofo bestätigt, dass die Räder "missbräuchlich benutzt" würden und Nutzer Wege gefunden hätten, die 80 Cent für 20 Minuten nicht zahlen zu müssen. Man sei dabei, eine Lösung für das Problem zu finden, sagte Alex Cappy, General Managerin für Ofo in Deutschland.

Die Kids haben aber nicht etwa Mamas Kreditkarte gemopst, sondern wohl nur eins der vielen kurzen Internetvideos geschaut, in denen man Hacks findet. Die reichen vom Ausnutzen einer Schwachstelle in der Ofo-App bis hin zum Einsatz altmodischer Werkzeuge, beispielsweise indem man mit einem Hammer auf das Schloss haut.

Erstaunlich ist auch die Geschwindigkeit, mit der die Jugendlichen und andere offenbar auf die Idee kamen, das Verb "ausleihen" etwas anders zu definieren. Ein Blick in die Google Trends offenbart, wie die Suchanfragen für Ofo-Hacks seit dem 13. Mai sprunghaft angestiegen sind.

Die Räder des chinesischen Unternehmens stehen erst seit Ende April an den Strassenecken. Daraufhin beschwerten sich Lokalmedien über die "Fahrradhaufen" und Scherzbolde dekorierten Bäume mit den gelben Drahteseln.


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Um die fehlenden Einnahmen dürften Unternehmen wie Ofo allerdings nicht lange trauern. Wie die Zeit berichtete, machen die chinesischen Anbieter wenig Hehl daraus, worin ihr eigentliches Geschäftsmodell besteht: Statt den Verkehrsinfarkt deutscher Innenstädte abzuwenden, wollen sie vor allem tausendfach Kundendaten und Bewegungsprofile abgreifen. Der Anbieter Mobike etwa gibt laut Zeit ganz offen zu, dass man die Bewegungsprofile der Räder und Nutzer speichere.

Im April 2017 stellte Mobike einen Algorithmus vor, der detailliert aufzeichnet, wer wann wohin mit den Rädern fährt. In der Datenschutzvereinbarung wird darauf hingewiesen, dass die Informationen an Geschäftspartner weitergegeben werden, etwa Restaurants. Da macht es keinen Unterschied, ob ein 13-Jähriger nun mit einer Kreditkarte zum Freibad radelt oder einfach nur mit dem Wissen aus einer Minute YouTube-Recherche.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.