Anzeige
Popkultur

Wie sich ein 19-Jähriger mit gestohlenen Kreditkarten-Infos seinen Rockstar-Lifestyle finanziert

Für den kriminellen Neuseeländer ist es ein "schwerer emotionaler Schlag", mit 18 noch keine Million gemacht zu haben. Wir haben mit ihm gesprochen.

von Beatrice Hazlehurst
17 Oktober 2016, 9:40am

Foto: imago | ZUMA Press

Der 19-jährige Aaron* ist kriminell. Er verdient sein Geld auf Kosten anderer. Derzeit macht der junge Neuseeländer pro Woche umgerechnet gut 3.200 Euro. Mit gestohlenen Kreditkartendaten kauft sich Aaron Online-Geschenkgutscheine und verkauft sie dann im Darknet unter ihrem eigentlichen Wert weiter.

Aaron hat Mitarbeiter auf der ganzen Welt. Der 19-jährige lebt das Leben eines Rockstars: alkoholgeschwängerte Partys, Übernachtungen in Fünf-Sterne-Hotels, ein eigener Audi A5.

Laut eigener Aussage war es für ihn ein "schwerer emotionaler Schlag", mit 18 noch keine Million gemacht zu haben. Der Teenager hofft jedoch, seinen Wochenverdienst im Laufe der kommenden zwei Jahre auf über 30.000 Euro hochzuschrauben. Sein Ziel: mit seinem Idol Jordan Belfort gleichzuziehen und so der "Wolf of Wall Street" der Millennial-Generation zu werden. Wir haben mit ihm gesprochen.

VICE: Wie würdest du einem Laien ohne Darknet-Kenntnisse erklären, wie dein Geschäftsmodell funktioniert?
Aaron:
Im Grunde ist das ziemlich einfach. Man braucht einen Tor-Browser und muss ein wenig verstehen, wie das Internet und der Datenaustausch funktionieren. Wenn man vorsichtig ist und seinen Verstand benutzt, dann sind Darknet-Einkäufe meiner Meinung nach echt nicht schwer. Ein richtiges Geschäft im Darknet hochzuziehen, erfordert hingegen sehr viel Mühe und Arbeit. Bevor ich Profit gemacht habe, musste ich erstmal selbst herumexperimentieren und einiges an Lehrgeld zahlen.

Die Idee, dort Sachen zu verkaufen, kam mir, nachdem ich ein Paar Calvin-Klein-Schuhe gekauft hatte—und zwar mit meinen ersten Kreditkarten-Daten aus dem Darknet. Ein Bekannter fragte mich dann, ob er mir die Schuhe abkaufen könnte. Die Kreditkarten-Infos haben mich 6,50 US-Dollar gekostet und die Schuhe konnte ich letztendlich für 140 Dollar loswerden. Da wurde mir klar, wie viel Geld sich mit dieser Masche machen lässt.

Haben deine Eltern und deine Freunde irgendeine Ahnung, woher dein Geld kommt?
Ich betreibe einen legalen E-Commerce-Store, der als Tarnung dient und vielleicht zwei bis fünf Verkäufe in der Woche einfährt. Ich erzähle jedoch immer, dass ich da Tausende Sachen verkaufe und so auch mein ganzes Geld verdiene. Ein einziger guter Freund weiß, was ich eigentlich mache, weil er das Geschäft mit aufgebaut hat. Irgendwann wurde es ihm jedoch zu viel und er ist ausgestiegen. Jetzt bin ich alleine, aber ab und an tauschen wir noch Ideen aus.

Mein Geld mit vollen Händen auszugeben, ist ziemlich schwierig, denn ich darf es nicht übertreiben. Wenn ich jedoch mal 50.000 in der Woche verdiene, dann lasse ich es richtig krachen. Bis dahin muss ich mich halt mit den Übernachtungen in Fünf-Sterne-Hotels, mit den täglichen Essensbestellungen, mit den Partys mit kostenlosem Alkohol und mit meinem Audi begnügen.

Du hast inzwischen ja sogar Mitarbeiter. Wie genau wissen die über alles Bescheid? Und wie schwer ist es, ein Geschäft zu unterhalten, bei dem Geheimhaltung oberste Priorität hat?
Das ist nicht gerade einfach und es kostet mich manchmal auch ziemlich viele Nerven, alles geheim zu halten. Man wird schon fast paranoid und fängt an, auf die kleinsten Details zu achten. Ich versuche auch, hier in Neuseeland keine Kontakte zu knüpfen. Du bist die erste Person, mit der ich über alles rede.

Meine Mitarbeiter sind komplett eingeweiht. Sie befinden sich aber auch alle in anderen Ländern. Wir kommunizieren über eine verschlüsselte Software und meine Fähigkeit zur Risikoeinschätzung ist dank meines Unternehmens auch ins Unermessliche gestiegen. Ich fahre niemals betrunken Auto oder gebe irgendwo meine Identität preis, weil die damit verbundenen Risiken einfach zu hoch sind.

Ist es frustrierend, deinen Freunden nicht die Wahrheit sagen zu können? Und hast du manchmal Angst, dass eine dir nahestehende Person alles herausfindet?
Wenn ich ehrlich bin, frustriert mich das natürlich schon manchmal. Wenn es wirklich keinen anderen Weg gibt und ich über mein Geschäft reden muss, dann benutze ich aber einfach normale Business-Ausdrücke. Meine Ex-Freundin dachte zum Beispiel, dass ich einen Bug gefunden hätte und so kostenlos bei einem Versandhandel bestellen konnte. Als sie dann jedoch mehrere iPhones herumliegen sah, ist sie richtig ausgeflippt und meinte, dass ich die Smartphones zurückgeben müsste, weil das nicht "richtig" sei. Manchmal mache ich mir schon Sorgen, dass irgendjemand alles herausfindet und dann den Kontakt zu mir abbricht.

Wie lebt es sich mit der Angst?
Das macht mir nichts aus. Ich lasse solche Gedanken gar nicht erst an mich rankommen, weil ich ein sehr gefasster und kaltblütiger Mensch bin. Ich behalte in den meisten Situationen die Ruhe. Ich glaube, das ist ein weiterer Grund für den Erfolg meines legalen und meines illegalen Geschäfts.

Warst du auch schon mal kurz davor, erwischt zu werden?
Wirklich brenzlige Situationen hat es noch nie gegeben. Deshalb frage ich mich auch, ob die Polizei und der Geheimdienst wirklich so arbeiten, wie es in den Filmen oftmals dargestellt wird. Heikel wurde es nur einmal, als mein anfänglicher Geschäftspartner damit drohte, zur Polizei zu gehen. Das hat mir einiges an Kopfzerbrechen bereitet. Er war wirklich kurz davor, Anzeige zu erstatten, aber zog sie dann doch zurück, weil er befürchtete, ebenfalls Ärger zu bekommen. Nach diesem Zwischenfall sind wir wieder Freunde geworden.

Wie sieht eine normale Woche bei dir aus?
Mein Studiengang ist nicht gerade einfach und ich will gute Noten erzielen. Deswegen lerne ich die Woche über viel. Dazu unterhalte ich natürlich meine beiden Geschäfte und beantworte die vielen E-Mails, die ich deswegen bekomme. Ich erstelle Listen für verschiedene Waren auf Seiten wie eBay und kommuniziere mit meinen E-Commerce- und Darknet-Kunden. Gleichzeitig knüpfe ich auch noch neue Kontakte zu wichtigen Leuten. Im Grunde geht es nur darum, wen man kennt und wie sehr einem im Darknet vertraut wird.

Hast du kein schlechtes Gewissen?
Kreditkarten-Infos zu kaufen, damit Sachen bei großen Versandhäusern zu bestellen und diese Sachen anschließend weiterzuverkaufen, sieht auf den ersten Blick schon so aus wie eine Abzocke von Unschuldigen. Meiner Meinung nach ist dieses Vorgehen jedoch das genaue Gegenteil.

Wieso denkst du das denn?
Banken sind dazu verpflichtet, Kreditkartenbesitzer in Diebstahl- oder Betrugsfällen zu schützen. Wenn diese Kreditkartenbesitzer fehlendes Geld auf ihren Konten beklagen, dann kontaktiert die Bank den Verkäufer und holt sich das Geld zurück. Oder die Banken haften direkt selbst. In 99 Prozent der Fälle verlieren also nur die großen Versandhäuser oder die großen Banken Geld. Nicht die normalen Bürger.

Siehst du dich also als eine Art Robin Hood, oder wie? Dann müsstest du allerdings das Geld an andere Menschen verteilen.
Da befinde ich mich in einer Zwickmühle. Einerseits würde ich mich nämlich als ziemlich egoistisch beschreiben, aber andererseits will ich anderen Menschen auch so viel wie möglich helfen. Derzeit gebe ich mein Geld nur dann für gute Zwecke aus, wenn ich mich schlecht fühle. Vor zwei Tagen habe ich zum Beispiel eine beträchtliche Summe an eine internationale Wohltätigkeitsorganisation gespendet, weil ich durch Hehlerware zuvor mehrere Tausend Dollar verdient hatte. Ich könnte mir jedoch definitiv vorstellen, meinen Freunden und meiner Familie finanziell unter die Arme zu greifen, wenn ich noch mehr Geld verdiene.

Wie sieht dein Worst-Case-Szenario aus?
Am meisten Angst habe ich davor, erwischt zu werden. Davor sollte allerdings jeder Angst haben, der so etwas macht. Wenn diese Angst verschwindet, ist alles vorbei. Vor zwei Jahren fanden meine Familie und ich heraus, dass mein Vater ein kaltherziger Betrüger war. Er hat eine Menge Leute über den Tisch gezogen und als dann alles rauskam, beging er Suizid. Erst danach haben wir die ganze Wahrheit erfahren.

Meine Mutter ist eine ehrliche Frau, die in ihrem Beruf eine hochrangige Position innehat. Sie wäre am Boden zerstört, wenn sie wüsste, was ich mache. Eigentlich besteht meine größte Furcht darin, so zu werden wie mein Vater. Ich habe mir geschworen, es niemals soweit kommen zu lassen.

Was tust du, um zu verhindern, dass es soweit kommt? Denkst du daran auszusteigen?
Ich habe immer gesagt, dass ich große Institutionen wie etwa Banken niemals direkt abziehe—außer es geht dabei um Millionen und ich habe einen todsicheren Plan. Außerdem werde ich unter gar keinen Umständen Freunde oder Familienmitglieder übers Ohr hauen, denn dann würde ich sofort jegliche moralische Integrität verlieren und es würde nur noch bergab gehen. Über Ausstiegsmöglichkeiten habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, weil derzeit einfach alles so gut läuft. Wenn es tatsächlich mal brenzlig werden sollte, dann lasse ich mir halt etwas einfallen.

*Name geändert

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.