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Rechtspopulismus

Seltsamer 'Tagesschau'-Bericht: Beherrscht die AfD das halbe Internet?

Fast die Hälfte der politischen Posts in sozialen Medien soll sich um die Partei drehen, sagt ein Kuchendiagramm. Doch die ARD hat da einen mathematischen Clusterfuck fabriziert.

von Sebastian Meineck
21 Mai 2019, 7:40am

Bild: Laptop: Pixabay | CC0 || Twitter-Logo: Pixabay | CC0 | Hintergrund: Screenshot, ARD Mediathek || Collage: VICE

Wer das Internet nicht nur für die aktuelle Wettervorhersage nutzt, hat es sicher schon mitbekommen: In sozialen Medien sind eine Menge AfD-Fans unterwegs. Aber wie dominant ist die AfD im Netz wirklich? Die 20 Uhr-Ausgabe der Tagesschau hat hierzu am 8. Mai eine Zahl geliefert:

"Bei den politischen Posts hatten allein zwischen Dezember und März 47,1 Prozent einen AfD-Bezug", heisst es in dem Fernsehbeitrag über "Einfluss im Netz auf öffentliche Debatten", während ein passendes Kuchendiagramm zu sehen ist.

"Fast zehn Millionen Beiträge" sollen dafür untersucht worden sein, es gehe um Twitter, Facebook, YouTube und Instagram. Wer das Diagramm nur ein paar Sekunden betrachtet, könnte meinen: Heftig, die AfD beherrscht mit diesen 47,1 Prozent ja fast das halbe Internet!

Screenshot aus dem Beitrag der Tagesschau
47,1 Prozent der politischen Beiträge in sozialen Medien sollen einen AfD-Bezug haben – das wirft Fragen auf | Bild: Screenshot aus dem Video "tagesschau 20:00 Uhr, 08.05.2019" vom YouTube-Kanal tagesschau

Tut sie aber nicht. Der Tagesschau-Bericht basiert auf einer Datenauswertung der Firma Alto Data Analytics, die auch ähnliche Auswertungen für politische Debatten in Italien, Frankreich, Polen und Spanien angefertigt hat. Die vollständige Auswertung ist nicht öffentlich, NDR und Alto Data Analytics möchten auf Anfrage keinen vollen Einblick in die Daten gewähren. VICE hat mit dem Analysten-Team gesprochen und sich die Hintergründe erklären lassen. Das Ergebnis: Die Schlussfolgerungen der Tagesschau sind stark vereinfacht und zeichnen ein irreführendes Bild.

Erstes Problem: Twitter ist nicht Social Media

Woher kommt dieses alarmierende Ergebnis, dass knapp die Hälfte der politischen Beiträge in sozialen Medien einen AfD-Bezug haben soll? Ihm liegt ein gigantischer Datensatz zugrunde, wie die Tagesschau berichtet, fast zehn Millionen Beiträge. Aber ein Datensatz wird nicht automatisch aussagekräftig, nur weil er besonders gross ist.

Woher die Daten kommen, geht weder aus dem Begleitartikel auf tagesschau.de noch aus einem Blogbeitrag von Alto Data Analytics eindeutig hervor. Auf tagesschau.de heisst es: "Etwa 80 Prozent der [untersuchten] Beiträge wurden auf der Social-Media-Plattform Twitter veröffentlicht." Die übrigen würden von Facebook, YouTube und Instagram stammen. Aber durch Gespräche mit dem Team der Analysefirma konnte VICE klarstellen: Das Tagesschau-Diagramm basiert zu 100 Prozent auf Daten von Twitter. Die von der Analysefirma erhobenen Daten aus anderen sozialen Medien sind nicht in dieses Diagramm mit eingeflossen. Trotzdem ist im Schriftzug über dem Kuchendigramm allgemein von "soziale[n] Medien" die Rede – das ist falsch.

Der Tagesschau-Bericht steht damit auf einer fragwürdigen Grundlage. Denn nur läppische vier Prozent der Deutschen ab 14 Jahren nutzen Twitter wöchentlich, wie aus der ARD/ ZDF-Onlinestudie von 2018 hervorgeht. Die breite Öffentlichkeit ist das eindeutig nicht. Mit dieser Nutzerbasis ist Twitter gerade mal so populär wie das Karrierenetzwerk Xing. Viel wichtiger: Facebook, das knapp ein Drittel der Deutschen wöchentlich nutzt (31 Prozent), Instagram (15 Prozent) und Snapchat (neun Prozent).

Screenshot CCC Vortrag
Deutschsprachige Twitter-Nutzer, aufgeteilt in Gruppen | Bild: Screenshot aus dem Video "Social Bots, Fake News und Filterblasen" von media.ccc.de

Auch das öffentliche Meinungsbild lässt sich durch eine von Twitter geprägte Auswertung nicht seriös ableiten. Schon im Jahr 2013 kamen die Forschenden vom Pew Research Center zu dem Schluss: "Twitter-Nutzer repräsentieren nicht die Öffentlichkeit"; damals ging es um Nutzende in den USA. In Deutschland sieht es nicht anders aus, wie Mediennutzungsforscher Sascha Hölig im Jahr 2018 für das Hans-Bredow-Institut untersucht hat. Sein Fazit: Twitter ist "als Stimmungsbarometer ungeeignet".

Die Datenanalysten von Alto Data Analytics bezeichnen Twitter im Gespräch mit VICE als stellvertretend ("proxy") für die öffentliche Online-Debatte. Auf Anfrage erklärt ein zuständiger Pressesprecher des NDR: "Die Methode der Untersuchung hätte deutlicher erklärt werden können. Durch die Kürze eines Nachrichtenbeitrags sind solchen Erläuterungen aber Grenzen gesetzt."

Bleibt also die Erkenntnis: "Bei den untersuchten politischen Posts auf Twitter hatten zwischen Dezember und März 47,1 Prozent einen AfD-Bezug". Das klingt schon mal deutlich weniger spektakulär – und ist immer noch nicht ganz korrekt.

Zweites Problem: AfD-Bezug heisst nicht, dass alle die AfD gut finden

Der Teufel steckt oft im Detail, und im Fall der AfD-Studie ist es das Wörtchen "Bezug". Die Definition des Wortes "Bezug" ist in der Analyse von Alto Analytics nämlich sehr breit. "AfD-Bezug" heisst in diesem Zusammenhang nämlich nicht automatisch, dass Menschen die AfD ausdrücklich befürworten. Ein "AfD-Bezug" liegt in der Analyse auch vor, wenn sich Menschen gegen die AfD aussprechen – oder bestimmte Stichwörter häufig im Zusammenhang mit der AfD nutzen, zum Beispiel "Sachsen" oder "Bundestag".

Der Grund dafür liegt im Forschungsdesign, wie das Team im Gespräch mit VICE erklärt. Um die politische Debatte zu untersuchen, haben die Forschenden unter anderem eine immense Anzahl an Tweets, Retweets und Twitter-Threads auf politische Stichwörter und Hashtags hin untersucht. Das Ergebnis ist eine Wortwolke, in der die 208 am häufigsten verwendeten Wörter besonders gross dargestellt sind.

Als nächstes haben die Forschenden die Wörter zueinander in Beziehung gesetzt: Wenn zwei Wörter häufig gemeinsam auftauchen, zum Beispiel "AfD" und "Migration", dann rücken sie in der Wortwolke enger zusammen. Dabei entstehen miteinander vernetzte Klumpen aus Wörtern. Dieses Verfahren heisst Keyword Network Analysis.

Die Wortwolke von Alto Data Analytics
Die Wortwolke von Alto Data Analytics: Lila eingefärbt ist der Klumpen von Wörtern rund um die AfD. Je grösser ein Wort, desto häufiger wurde es verwendet. Der Untersuchungszeitraum war Dezember 2018 bis März 2019 | Bild: Alto Data Analytics

Ein besonders grosser Klumpen entstand dabei um das häufig verwendete Stichwort "AfD". Eng damit verknüpft waren Wörter wie "nazisraus" und "noafd", aber auch "Bundestag", "Islam", "Sachsen", "Brexit". Die Forschenden können damit belegen: Die AfD schafft es auf Twitter, bei vielen populären Themen im Gespräch zu sein. Nutzer sprechen also, wenn sie über zum Beispiel den Bundestag oder Sachsen sprechen, häufig auch über die AfD.

Rechte Nutzer dominieren den Diskurs? Korrekt müsste es heissen: "Rechte Nutzer und ihre Gegner".

Im Online-Beitrag auf tagesschau.de zu der Analyse heisst es: "Rechte Nutzer dominieren den Diskurs." Aber auch das Gegenteil könnte stimmen. Die Wortwolke zeigt nämlich, dass viele Nutzer offenbar mit klar ablehnender Haltung über die AfD schreiben, das zeigen Worte wie "noafd", "nazisraus" und "Antisemitismus". Demnach müsste es korrekt heissen: Rechte Nutzer und ihre Gegner dominieren den Diskurs.

Drittes Problem: Man kann Debatten nicht zählen

Es fehlt noch ein Puzzleteil, um den mathematischen Clusterfuck perfekt zu machen. Der nun schon oft erwähnte Anteil von 47,1 Prozent bezieht sich nämlich nicht auf einzelne Tweets, sondern auf die häufig verwendeten Wörter innerhalb der Tweets. Und knapp die Hälfte dieser Wörter wird oft im Zusammenhang mit dem Wort AfD benutzt.


Ebenfalls auf VICE: Die Mathematik eines Massenaufstands


Entsprechend ist es ein Fehlschluss zu sagen: "Bei den politischen Posts hatten (...) allein 47,1 Prozent einen AfD-Bezug", wie es in der Tagesschau heisst. Tatsächlich lässt sich auf Grundlage der Datenanalyse nicht ableiten, wie viel Prozent der Posts einen AfD-Bezug haben. Der korrekte Satz müsste also lauten:

"47,1 Prozent der häufigsten Wörter in politischen Debatten auf Twitter fallen oft in Verbindung mit dem Begriff 'AfD'."

Nur – das ist leider keine besonders interessante Aussage.

Viertes Problem: Auch die Gegenprobe basiert auf Twitter

Im Gespräch mit VICE weisen die Datenanalysten von Alto Data Analytics darauf hin, dass sie ihre Ergebnisse mithilfe einer Gegenprobe überprüft haben. Damit wollten sie sicherstellen, dass die Erkenntnisse auch ausserhalb von Twitter aussagekräftig sind, heisst es weiter.

Für die Gegenprobe haben die Analysten auch andere Online-Quellen auf die via Twitter ermittelten politischen Schlüsselwörter hin untersucht. Um welche Quellen es sich dabei genau handelt, lässt sich im öffentlichen Blogbeitrag nachlesen. Neben Nachrichtenseiten wie spiegel.de und welt.de waren es auch rechtspopulistische Seiten wie Epoch Times und soziale Medien wie YouTube. Artikel von VICE flossen ebenso in die Analyse ein.

Das Ergebnis: In knapp der Hälfte (48,7 Prozent) der untersuchten Beiträge komme mindestens eines der 208 Schlüsselwörter vor, wie Alto Data Analytics mitteilt. Das soll bestätigen, dass sich mit diesen Wörtern tatsächlich die politische Debatte in Deutschland abbilden lässt. Das Problem: Auch diese Gegenprobe hat einen Twitter-Bias. Denn eine externe Quelle galt dann für die Gegenprobe als relevant, wenn sie zuvor auf sozialen Medien verlinkt wurde, wie Alto Data Analytics gegenüber VICE bestätigt. Und natürlich wurde auch hierfür vorrangig Twitter untersucht.

Das bedeutet, Alto Data Analytics hat vorrangig Twitter zum Zentrum des deutschsprachigen Internets erklärt und sich von dort aus die anderen Quellen erschlossen. Die Analyse kann demnach nicht aussagekräftig abbilden, wie Politik beispielsweise in den Kommentarspalten von YouTube-Videos, Facebook- und Instagram-Posts diskutiert wird.

Na toll: Was sagt das jetzt über die AfD im Netz?

Wissenschaft ist oft kleinteilig. Journalistinnen und Journalisten müssen wissenschaftliche Ergebnisse vereinfachen und zuspitzen, damit Leute sie auch ohne stundenlange Recherche verstehen. Aber was Alto Data Analytics herausgefunden hat, ist einfach zu speziell, um es im Stil der Tagesschau zu vereinfachen. Das Kuchendiagramm der Tagesschau erweckt den Anschein, als würde in sozialen Medien jede zweite politische Äusserung über die AfD getätigt werden – eine zu stark vereinfachte Nachricht, über die sich vor allem die AfD freuen dürfte.

Dahinter steht ein grösseres Problem. Irreführende Informationen, vor allem im Netz, sind eines der erfolgreichsten Werkzeuge von Rechten und Rechtspopulisten. Keine deutsche Partei kämpft so verbissen um Meinungsführerschaft im Netz wie die AfD. Korrekte Einordnung ist das wichtigste, was Journalistinnen dem entgegensetzen können, vor allem in der wichtigsten Nachrichtensendung Deutschlands. Aber genau das hat im Fall dieses Tagesschau-Berichts nicht so ganz funktioniert.

Die Tendenz, die sich aus der Datenanalyse ablesen lässt, ist trotzdem interessant. Die dominante AfD-Wortwolke zeigt, wie sich Twitter-Debatten in Deutschland vorwiegend an rechten bis rechtspopulistischen Themen abarbeiten. Das Besondere: Die Forscher konnten ausserdem feststellen, dass ein kleiner Teil der Nutzer überdurchschnittlich aktiv ist. Sie identifizierten eine Minderheit von rund 11 Prozent als AfD-Unterstützer, die aber für rund 46 Prozent der Interaktionen verantwortlich sind, heisst es im Blogbeitrag von Alto Data Analytics. Deutlich grösser sei demnach die linke Community, rund 37 Prozent der Nutzer, die immerhin etwa 34 Prozent der Interaktionen ausmachen.

Eine Minderheit von rund 11 Prozent sind AfD-Unterstützer, die aber sind für rund 46 Prozent der Interaktionen verantwortlich.

Das passt zu anderen Forschungsergebnissen, wonach eine rechts bis rechtsextrem motivierte Minderheit im Internet fleissig daran arbeitet, für andere wie eine Mehrheit zu erscheinen. Einen realen Einfluss auf die öffentliche Debatte erlangt diese Minderheit, sobald grössere Medien wie etwa die Tagesschau diese Themen aufgreifen und in den Mittelpunkt rücken. Für Politikerinnen und Journalisten bedeutet das vor allem eines: Zahlen aus sozialen Medien sind oft nur ein Teil der Wahrheit.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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