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Warum Instagram so unbedingt Snapchat sein will

Instagrams neue Stories-Funktion ist nur einer von unzähligen Versuchen des Facebook-Konzerns, Snapchat zu kopieren.

von Tori Reichel
05 August 2016, 9:45am

Knapp 72 Stunden nachdem Instagram seine neue Stories-Funktion eingeführt hat, haben wir dort immer noch hauptsächlich Videos von Leuten gesehen, die Witze darüber machen, wie ungeniert die App den Konkurrenten Snapchat kopiert. Nicht mal die Macher von Instagram selbst haben einen Hehl daraus gemacht, wo sie sich ihre neue Funktion abgeschaut haben—vermutlich, weil's auch einigermaßen lächerlich wäre, das abzustreiten.

Instagram-Mutterkonzern Facebook hat ja schon vor drei Jahren vergeblich versucht, sich Snapchat für drei Milliarden Dollar unter den Nagel zu reißen. Seither gab es regelmäßig Versuche, die Grundfunktionen des Konkurrenten zu übernehmen—so viele, dass es in der Branche mittlerweile zu einem Running Gag geworden ist. Aber warum ist es für das Unternehmen so wichtig, so zu werden wie Snapchat? Lasst mich euch den Vorteil von Snapchat gegenüber Facebook und (dem alten) Instagram anhand eines Memes veranschaulichen:

Es klingt vielleicht komisch, aber genau die Tatsache, dass du auf Snapchat bedenkenlos so auftrittst, wie dieser etwas bedauernswerte Vogel, macht die Plattform so unglaublich wertvoll. Dienste wie Instagram haben sich im Gegensatz dazu zu einem Ort mit ziemlich hohem sozialen Druck entwickelt—alles, was du dort postest, blieb bisher in deinem Profil gespeichert und jeder konnte sehen, wie viele Likes und Reaktionen du darauf bekommst.

In weiterer Folge postet man dort oft nur noch das eine ästhetische Bild von den 100 hässlichen Frontkamera-Selfies am Tag, oder löscht Bilder auch gerne mal wieder, wenn sie nicht gleich die gewünschte Reaktion bekommen (tut jetzt ja nicht so, als würdet ihr das nicht auch ab und zu machen). Vom ursprünglichen Gedanken, spontan das hochzuladen, was man eben tatsächlich gerade erlebt, war auf Instagram 2016 jedenfalls praktisch nichts übergeblieben.

Das ist nicht nur eine gefühlte Sache, sondern hat sich tatsächlich auch in den Zahlen niedergeschlagen: Obwohl Instagram nach wie vor mehr aktive Nutzer hat als Snapchat—und kontinuierlich neue dazukommen—, hat die Menge an Inhalten, die diese Nutzer teilen, spürbar nachgelassen, wie The Information und die New York Times berichten.


Auf Snapchat hingegen ist es nicht nur akzeptiert, sondern ein wesentlicher Bestandteil der App, sich nicht die zu Mühe machen, sein Müsli wie ein Werk von Da Vinci aussehen zu lassen. Es gibt keine Likes, und in 24 Stunden ist der ganze lustige Müll sowieso wieder weg. Als Konsequenz posten wir dort sehr viel mehr. Und den Betreibern eines sozialen Netzwerks ist es eben am liebsten, wenn die Leute auf ihrer Plattform am besten noch dokumentieren, wie sie sich gerade die Zehennägel schneiden. Mehr gepostete Inhalte führen zu einem höheren User-Engagement und aus Gründen, die Nicht-Marketing-Experten vielleicht nie ganz verstehen werden, ist das die einzige Sache, die Medienmacher derzeit interessiert.

User-Engagement ist also vor allem dann ein wichtiges Begriff, wenn man im Internet Geld verdienen will. Falls ihr nicht zu diesen Leuten gehört: Der Terminus am ehesten eine Kombination aus Verweildauer, Clicks und Interaktionen eines Users mit einem gewissen Inhalt oder einer gewissen Plattform. Ist das Engagement hoch, lässt das den Wert deiner Plattform für Werbekunden massiv steigen—oder um in es in den Worten von Snapchat-König DJ Khaled zu formulieren: User-Engagement ist der "Major Key to Success".

Von der neuen Stories-Funktion erhofft sich Instagram sehr viel mehr geteilte Inhalte, und infolge dessen eben auch User, die noch viel mehr Zeit auf der Plattform verbringen. Die Chancen dafür stehen gut. Denn auch wenn aktuell noch viele das Gefühl haben, es bei den Instagram Stories mit einem Snapchat für Arme zu tun zu haben, ist anderen schon ein riesengroßer Vorteil der Instagram-Stories aufgefallen: Die Bedienung ist nämlich im Gegensatz zu der von Snapchat so deppeneinfach und idiotensicher, dass auch die weniger Social-Media-affinen Nutzer, denen Snapchat immer zu kompliziert erschienen ist, innerhalb von Sekunden raushaben dürften.

Und Instagram hat noch einen anderen riesigen Vorteil: Fast jeder verwendet es schon. Die Nutzer, die bisher in Erwägung gezogen haben, sich bei Snapchat anzumelden, werden jetzt wohl eher auf ihre bereits aufgebaute Instagram-Communtiy zurückgreifen, als auf Snapchat bei Null anzufangen.

Das klingt jetzt alles ein bisschen so, als wäre das für Snapchat der Anfang vom Ende. So ist es aber auch wieder nicht: Die App hat tatsächlich noch viele Funktionen, die sie für ihre Nutzer unverzichtbar macht—etwa die Beiträge, die große Medienhäuser (unter anderem auch VICE) extra für Snapchat aufbereiten. Und vom Hundefilter fange ich lieber gar nicht erst an.

Bei dem Unternehmen arbeitet man außerdem schon längst an neuen Features, die den Dienst für Werbekunden noch viel wertvoller machen sollen—etwa einer Funktion, mit der man zusätzliche Inhalte geliefert bekommt, wenn man Werbungen über die Snapchat-Kamera betrachtet. Es wird jedenfalls ziemlich sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass der Facebook-Konzern bei seinem kleineren Konkurrenten abschaut.

Tori auf Twitter (und Snapchat und Instagram):@TorisNest