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Menschen

Airbnb will dir jetzt das Feiern verbieten

Die Plattform empfiehlt, Gäste mit Lärmmessgeräten zu überwachen. Und das geht wirklich zu weit.

von Nik Afanasjew
27 Februar 2020, 2:15pm

Überwachung ist ja so eine Sache: Wer nichts zu verbergen hat, muss keine Angst davor haben – lässt sich zumindest immer einwenden. Aber mit dieser Logik wäre bald auch die totale und anlasslose Kameraüberwachung sämtlicher Winkel der Welt drin. Oder vielleicht zunächst einmal sämtliche Winkel deiner Airbnb-Bude.

Denn Airbnb will Vermieterinnen und Vermieter neuerdings dazu bewegen, Messgeräte für Lärm in ihren Wohnungen zu installieren. Unter dem sehr einladenden Schlagwort "Party-Verhinderung" werden drei verschiedene Gadgets feilgeboten. Das teuerste kostet 149 Dollar, das günstigste 39. Sie heißen Minut, NoiseAware und Roomonitor. Die Geräte messen, wenn es in der Wohnung dauerhaft zu laut ist, und kontaktieren im Notfall, also bei deiner Fete, oder wenn du zu lange und zu laut unter der Dusche singst, die Gastgeber. Klingt alles etwas ungeil? Nicht für die von Airbnb auf der eigenen Website zitierten Gastgeber. Dort ist von "Engagement für wirklich nachhaltigen Tourismus" zu lesen, gar von einem "kleinen Wunder".

OK, pathetische Worte für nichtige Anlässe gehören in den USA ja manchmal dazu, über diese kulturelle Eigenheit kann man schmunzeln. Eventuell auch darüber, dass eines der Geräte laut Airbnb in allen "Ländern" verfügbar sei, außer in "Russland, Südamerika und Afrika". Hoffentlich liest das der Präsident des Staates Afrika nicht, sonst steigt er das nächste Mal noch in einem normalen Hotel ab, wenn er zum Meeting mit dem Präsidenten Südamerikas nach New York zu den Vereinten Nationen reist und abends noch ordentlich abhotten will. Die Wortwahl ist hier jedenfalls nicht das Problem. Es ist die Haltung.

Airbnb hat ja mal mit der beinahe romantischen Vorstellung angefangen, Menschen weltweit einander näher zu bringen. Persönliche Gespräche zum Frühstück am holzig knarzenden Küchentisch statt die ewig gleichen pseudo-hippen Plastikstühle in irgendeinem Styles-Inn-Boutique-Irgendwas-Bla-Hotel. Diese Vorstellung hat in den vergangenen Jahren durch Betrugsfälle, heimlich installierte Überwachungskameras und Berichte über rassistische Vorfälle bis hin zu sexuellen Belästigungen ziemlich gelitten. Städte kämpfen mittlerweile auch dagegen, dass ihre überhitzten Wohnungsmärkte weiter ruiniert werden. Es sind harte Zeiten für Wohnungsvermittler. Airbnb will gegensteuern.

Vor einigen Monaten hat der milliardenschwere Konzern eine Sicherheitsoffensive angekündigt, die 150 Millionen Dollar kosten und wieder für Vertrauen sorgen soll. Wohnungen sollen verifiziert werden, damit keiner mehr auf falsche Annoncen reinfällt. Das ist lobenswert. Wenn Gäste sich aber nun gegenseitig ausspionieren sollen, ist die ursprüngliche Idee des Wohnungsvermittlers endgültig pervertiert.

Die angebotenen Geräte sollen nicht den Ton aufnehmen, sondern nur die Lautstärke messen. Das ist natürlich gut. Aber Datenschützerinnen warnen schon davor, dass sie etwa auch dabei helfen könnten, Bewegungsprofile erstellen zu lassen, da sie registrieren, wann es wo in der Wohnung geräuschvoll zugeht. Aktuell sollen vor allem Gastgeber und eventuell die Mieter kontaktiert werden, wenn jemand allzu offensiv Spaß am Leben hat.

Es ist abzusehen, dass der nächste Schritt dahin gehen wird, dass diese Geräte sofort die Polizei rufen. Warum erst den Umweg über die Gastgeberin gehen? Technisch problemlos möglich ist das schon jetzt. Ebenso wie es technisch möglich ist, dass in der Wohnung installierte Kameras automatisch angehen, wenn eine bestimmte Lautstärke überschritten wird. Überwachung ist, das beweisen Sicherheitsbehörden weltweit, ein süchtig machendes Gift. Hat man einmal damit begonnen, ist der nächste Gedanke immer: Dosis erhöhen.

Übrigens: Die erste Silent-Wohnungsparty in einer Airbnb-Bude mit Menschenmassen mit Kopfhörern auf den Ohren und geschmeidig leisen Dancemoves auf Fischgrätenparkett wird sicher nicht lange auf sich warten lassen. Take this, NoiseAware.

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