Die Uni Wien wird 650 und ist das perfekte Symbol für Österreich

Andere Studentenstädte sind vielleicht cooler, aber dafür ist die Uni Wien ein Abbild der gesamten Gesellschaft. Wir erinnern uns zum Geburtstag an die alte Alma Mater.

|
März 13 2015, 12:30pm

Alle Fotos vom Autor

Die Universität Wien feiert gerade ihr 650-jähriges Bestehen. Das ist zwar eigentlich kein rundes Datum, aber irgendwie kann man es den Univis-Leuten auch nicht übel nehmen, dass sie noch zu ihren Lebzeiten eine anständige Party feiern wollen. Wir haben Jakob—unseren Mann für alles von Tanz durch den Tag über Slivovitz-Räusche bis zur Cannabis-Messe—gebeten, ein bisschen in der Nostalgiekiste zu kramen und aus einer Zeit zu erzählen, die heutige Studenten nicht mehr kennen.

Im Jahre 2003 begann ich mein Studium auf der Universität Wien. Mir war früh klar, dass ich mich bei der Studienplatzwahl nie nach diesen Uni-Rankings richten würde. Ich wollte auch nie auf einer der Unis enden, von denen ganz beiläufig Broschüren von bildungsbedachten Eltern (kurz nach der Matura) auf Wohnzimmertischen liegen gelassen werden. Also genau die gleiche Kategorie von Unis, die von zukünftigen Brüssel-Praktikanten am Schulhof besprochen werden.

Jakob als Student beim Karaoke

Im Endeffekt war es dann mein Drang, im Abgrund das Schöne finden zu wollen und der Ekel gegenüber vom Bildungsbürgertum besetzte westdeutsche Uni-Städte, der mich nach Wien führte. Nach zweiwöchiger Orientierungslosigkeit und Rausschmiß aus dem Frauentutorium bei der Theaterwissenschaft landete ich im Diplomstudium Geschichte. Im Vergleich zu meiner Zeit an der FU Berlin kam es mir plötzlich vor, als hätte ich Kontrolle über mein Studium gewonnen:

Es gab Regeln, die man individuell besprechen und auslegen durfte. In den ersten vier Wochen, in denen ich noch keinen Meldezettel hatte und somit auch keinen Bibliotheksausweis, gaben meine Freundlichkeit und nebenbei überreichte Yogurette-Tafeln den Ausschlag, damit ich mir die Sekundärliteratur zum Dreißigjährigen Krieg auch mit nachhause nehmen durfte. Fristen bei den Professoren ließen sich auch verhandeln und überhaupt war die Uni noch kein antiseptischer Thinktank abseits der Stadt.

In Wien war die Uni ein Abbild der Gesellschaft, während in Städten wie Bielefeld oder Heidelberg die Kinder des Bildungsbürgertums unbedacht das Leben ihrer Eltern-Generation in einer Blase wiederholten.

Diese anderen Universitäts-Städte sind in sich geschlossene Mikrokosmen, komplett mit WG-Party-Diskussionen über die Rolle der RAF (zugegeben auf einem hohen intellektuellen Niveau). Tigerentchen-Fahrräder dominierten dort in den 90er Jahren das Straßenbild mehr als der Trabbi die DDR und die Rezepte (auch für die österreichische Küche!) von Wolfram Siebeck im Zeit Magazin waren oft Klo-Lektüre.
Auf der Uni Wien dagegen habe ich internationalen Bettler- und Sandler-Versammlungen beigewohnt, wo Frauen und Männer basisdemokratisch über die Aufteilung der Räumlichkeiten berieten.

Ich habe die damals in privater Hand befindlichen Uni-Cafés kennengelernt, die Auswuchs gewachsener Toleranz und Akzeptanz von gescheiterten Subjekten waren, ohne dass dies in einem Tagesworkshop mit der Belegschaft durchgenommen werden musste. Von allen Menschen, die ich hier getroffen habe, war Ali, der persische Clochard, mein Favorit. Als eine Art Sokrates zog er seine Runden vor dem Audimax und im Vorbeigehen hörte ich ihn oft irgendwelchen Studenten Fragen stellen wie: „Warum muss Menschen Schmerz haben? Warum reicht nix andere Gefühl, um Hilfe zu suchen?" oder: „Warum, wenn Frau ist eh so aggressiv, sie ist nix in Militär?"

In den Seminaren saß ich zwar hinter verschlossenen Türen, jedoch gemeinsam mit älteren, kahlgeschorenen, pornohassenden Feministen und effeminierten Monarchisten. Ich werde nie vergessen, wie ich jenen Monarchisten einmal völlig verkatert vor der Uni traf, wo er gerade vom Treffen der jungkonservativen Landwirte in Kiew zurück gekommen war. Die Uni war in diesen Momenten bunter als jedes Viertel in Berlin oder Williamsburg.

Gleichzeitig war die Uni damals aber auch ziemlich dunkel. Es gab Professoren, die laut dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands Beiträge für die Festschrift des Holocaustleugners David Irving schrieben und auch sonst sehr weit rechts standen und es gab zu wenige weibliche Professoren. Es war aber auch eine Zeit, in der ein Sandler den ganzen nördlichen Eingangsbereich bewohnen und vollsiffen durfte, ohne dass er hinauskomplimentiert wurde oder von irgendeiner Online-Petition gerettet werden musste.

Computerräume mit Röhrenmonitoren

Denselben Sandler erkannte übrigens ein Freund von mir in den Semesterferien in Nizza wieder. Drauf angesprochen, dass er ihn doch irgendwoher kenne, meinte der Obdachlose nur: „Na, wahrscheinlich von der Wiener Uni. Glaubst du vielleicht, dass wir keine Ferien machen, oder was?!"

Die Uni Wien war eben ein konservatives, vermieftes Milieu, in dem aber trotzdem jeder Paradiesvogel seinen Platz finden konnte. Lange vor irgendeinem Bologna-Prozess konnte man an der Uni Wien ein freies Studium wählen (manche waren schon institutionalisiert, so wie Keltologie oder Numismatik) oder es so wie ich machen: Ich ließ mir eine „Bestätigung einer Nichtunterlassung" meiner freien Wahlfächer unterschreiben und bastelte mir so meine Module wie „Theorie- und Praxisfeld Medien" oder „Middle Eastern Studies."

In echter österreichischer Manier bestätigte man mir, dass mein eigentlich „illegales/irreguläres" Vorhaben auch in Zukunft nicht geahndet werden würde. Anstatt einfach freie Kombinationen zuzulassen, sagte man mir über Bescheide, dass man sicher nichts ändern, aber auch nichts gegen Verstöße machen würde. Herrlich, diese Seminare in angewandter Dialektik!

Alles in allem habe ich das Gefühl, mit meiner Zeit auf der Uni Wien auch ein Stück Zweite Republik miterlebt zu haben—irgendwo zwischen „prä-Haider" und der schwarz-blauen Schüssel-Ära. Mir war es vergönnt, ein Stück Österreich mitzuerleben, wo die Durch-Ökonomisierung unseres Alltags noch nicht so weit vorangeschritten war und sich politische Auseinandersetzungen immer in der Schwebe befanden. Wie in einem Schwellenland regierte mehr der Klientilismus und transparente Vergabeverfahren waren damals ein Fremdwort.

Ob die Mieter und Café-Pächter ihre Kickback-Zahlungen an die Uni-Verwaltung genau wie ich in Form von Schokoladen leisteten, weiß ich nicht. Das verrauchte Mensa-Café beim Audimax hatte damals jedenfalls ein ganz anderes Sortiment an Extrawurstsemmeln und ein anderes Erscheinungsbild als das im Mezzanin zum Hof hin (Luftlinie wahrscheinlich 15 Meter), wo damals eine Blondine arbeitete, die aussah, als wäre sie einem österreichischem Las Vegas entsprungen (also Znaim). Ich habe keine Ahnung, wie diese Cafés damals ökonomisch aufgestellt waren. Heutzutage dürfte das Sortiment an allen Unis in ganz Wien fast gleich sein, da die meisten zu dieser großen Mensa-Kette gehören, die wahrscheinlich viel mehr Miete zahlt als die früheren Geschäftsführer.

Damals war politisches Engagement noch etwas, das man wie ein Hobby alleine betrieb—à la Luftgitarre spielen oder Schattenboxen (beides damals sehr modisch). Direkt und im Dialog setzte man sich mit dem Gegner nie auseinander und weil es auch die Zeit vor Social Media war, musste man das auch nicht. Damals entstanden auch die ersten Rufe nach Gleichberechtigung und gegenderter Schreibweisen, aber gleichzeitig gab es keine Auseinandersetzung mit dem für jede Gleichberechtigung völlig kontraproduktive Steuersystem Österreichs, wo dank des Alleinerzieher-Absetzbetrages jede Frau (meistens) aus beruflichem Engagement an den Herd zurückgelockt wird.

Damals konnte man die strengen Ausleih-Regeln der Bibliothek noch mit einer Yogurette verändern und musste sich stundenlang physisch für Lehrveranstaltungen anstellen.

Realpolitik und Pragmatismus hatte einfach keinen Platz in der Hobbylobby—dafür wurde sehr ausgiebig über Parteizugehörigkeit und verwandtschaftliche Beziehungen der verschiedenen Lehrkräfte diskutiert, als ob es um die neue Haarfarbe von Kim Kardashian oder die Zusammenhänge von #sausagemovement und Harlem Shake ginge.

Vieles war damals eher schlechter und auf den ersten Blick undurchsichtiger und ungerecht. Andererseits erlaubte einem das Studium an der Uni damals, sich als Individuum auf die Ungerechtigkeit und Intransparenz, die es hinter den Homepages dieser Welt ja immer noch gibt, vorzubereiten.

Auf jeden Fall war es die Zeit, in der Obdachlose nicht verscheucht wurden, man LV-Listen mit einer Pralinenschachtel und strenge Ausleih-Regeln mit einer Yogurette verändern konnte und man sich noch stundenlang physisch für seine Lehrveranstaltungen anstellen musste. Es war beschwerlich, es war wurschtig, es war verraucht: Es war Österreich in Semesterform.

Jakob verweigert Twitter, aber ihr könnt ihm einen Brief an unsere Redaktionsadresse schreiben.

Mehr VICE
VICE-Kanäle