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Sex

Ich reise quer durchs Land, um lesbische Paare vor Ort zu schwängern

Er hat vier Babys gezeugt, zwei weitere sind unterwegs. Wie fühlt es sich für einen Samenspender an, alle seine Kinder auf einmal zu treffen?

von BioPapa Xyrano
19 Dezember 2016, 11:00pm

Auf den Knien vorm Bett in Zimmer 105. Ich onaniere in einen Becher. Jule und Jane haben ein Räucherstäbchen angezündet, aus dem Mini-Speaker kommt passend dazu Loreena McKennitt. Sogar eine Packung Taschentücher haben sie mir mit aufs Bett gelegt, eins zur Hälfte rausgezogen, daneben Gummibärchen. Wenn sie unser Kind so verwöhnen wie mich, dann mache ich ihnen gerne auch noch ein Geschwisterchen, denke ich.

Jule und Jane sind seit acht Jahren zusammen, seit zwei verheiratet. In rote flauschige Bademäntel im Partnerlook gehüllt haben sie sich auf die Behindertentoilette gegenüber verzogen. Während ich mir einen runterhole, wollen sie sich heißfummeln. Sobald der Becher voll ist, wird Jane es Jule per Spritze einführen und sie zum Orgasmus bringen.

Ihre Anzeige war sympathisch. Jana schrieb über ihre Freundin:

Sie ist voll der Familienmensch, ständig muss ich mich mit ihrer Schwester, Cousinen, Eltern, Großeltern usw. herumschlagen. Bei so 'ner großen Familie wird mittlerweile auch durchschnittlich ein Kind pro Jahr geboren. So gesehen, sind wir nun dran. Puh. Schwierig, da ich ebenfalls eine Frau bin. Jule ist Krankenschwester und hat schon mal vorgesorgt. Letztens kam sie mit 5 sterilen Bechern nach Hause. Diese wollen nun gefüllt werden ;) Also, wer hat Zeit und den Willen, einem lesbischen Paar den Kinderwunsch zu erfüllen? Ich habe mir überlegt, dass es schon nett wäre, wenn der Mann eine Ähnlichkeit zu mir aufweist... Mittelbraunes Haar; blau/grau/grüne Augen; helle Haut, die aber schnell braun wird; sportlich! (Ich spiele Fußball.)

Ich verzichte auf die Porn-Pics meines iPhones und bin im Geiste bei den beiden, als ich komme. Dann klopfe ich das verabredete Zeichen. Küsschen links, Küsschen rechts, wie zwei Elfen huschen Jule und Jane mit dem Becher zurück ins Zimmer. Sperma hält ungekühlt maximal 15 Minuten außerhalb des Körpers. Es verflüssigt sich schnell, Luft tut nicht gut. Gekühlt kann man es per Kurier verschicken, in einem speziellen Set und einem Behälter mit Eigelb-Lösung, der die kleinen Kaulquappen ernährt. Es gibt Spender, die machen das en gros so und haben einen Kinderhaufen von bis zu über 800. Kein Witz.

Ich habe vier Kinder. Und halte von Anfang an Kontakt. Zwei weitere sind unterwegs und weitere in der Mache. Mein Sperma verschicke ich nicht. Nachdem ich die Mütter persönlich kennengelernt habe, reise ich zu ihnen—zu lesbischen Paare, seltener auch heterosexuellen, manchmal auch alleinstehenden Frauen.

Aus meinem Anzeigentext:

Welche Entfernung auch immer, es ist kein Problem. Solange Ihr die Tickets bezahlt. Mein Luxus im Leben ist Zeit. Zwei oder drei Tage übernachten? Kein Problem.

Die Mütter finde ich auf entsprechenden Anzeigenseiten wie spendesperma.com. Ich bin 37 und sportlich. Laut meinem Spermiogramm gehöre ich zu den 10% der männlichen Bevölkerung, deren Samenkonzentration und Fruchtbarkeit hoch genug ist, um das Einfrieren und Auftauen bei der In-vitro-Fertilisation zu überstehen. Fünffache Konzentration über normal.

Für die Kinder bin ich vielleicht nur der BioPapa. Vermutlich werde ich nie im sozial verantwortlichen Sinne zu den Familien gehören, und auch nie die Windeln der kleinen Scheißerchen wechseln. Aber ich bin wählerisch. Es ist klar: Ohne Anziehung und Sympathie läuft nix. Nichtmal per Bechermethode.

Aus einer Anzeige:

Hallo, bin 37, bisher hat keiner geschafft mich schwanger zu bekommen. Die Jahre gehen schnell, muss zu dieser Methode greifen... Vielleicht klappt es auf diesem Wege...

Klick und weg. Andere Anzeige:

Auch wenn es sich vermessen anhört: Ich suche jemanden, der zwar in der Lage ist und willens, Unterhalt zu zahlen, jedoch keinen Kontakt zu mir oder dem Kind pflegen möchte. Mal sehen, wer sich meldet.

Ohne mich, Darling. Ich bin gegen jede Form der Lüge. Die Kinder sollen wissen, wer ihr Vater ist—und wenn sie Lust haben, Kontakt zu mir aufnehmen.

Aus meinem Anzeigentext:

Ein Kind nicht von Anfang an wissen zu lassen, wie es zustande gekommen ist und wer der BioPapa ist, ist für mich ein klares No-Go. Ebenso wie genetisch bedingtes Übergewicht oder prekäre Lebensumstände. Nach dem Gesetz der Resonanz ziehe ich frei denkende, reif fühlende, bewusst sich selbst und andere achtsam liebende Menschen an. Meistens jedenfalls.

Manche finden diese Einstellung arrogant, manchmal sogar ich selbst. Immer wieder stolpere ich über meine Voreingenommenheit. Zum Beispiel als mich ein unglaublich kluges und reizendes, aber taubstummes Paar kontaktiert. Was kann und will ich verantworten? Aber mal ehrlich, welcher Vater würde das nicht genauso machen? In einer konservativen Beziehung, also im systemimmanenten Mann-Frau-Kinder-Modus, da sucht doch auch jeder löchrige Topf nach seinem verbeulten Deckel. Auf möglichst vielen Ebenen muss es halt stimmen. Anziehung. Chemie. Bildungsgrad. Soziokulturelle Zugehörigkeit.

Auf den einschlägigen Plattformen tummeln sich die Single-Frauen, deren biologische Eieruhr immer lauter tickt. Es gibt viele Spermaspender, die das gnadenlos ausnutzen. Sexuell. Finanziell. Geglückte Besamung? Das macht dann 3.000 Euro Erfolgsprovision.

Es gibt so viele WTFs in der Spenderwelt wie Spermien im Sack. Ein Paar, für deren Zweitkind ich soeben spende, musste vors Gericht. Zwei Jahre nach der Besamung entdeckte der Spender plötzlich seine Vatergefühle und gewann darauf die Klage auf Umgangsrecht. Alle Absprachen und Verträge null und nichtig. Auch ich schließe Verträge mit den Frauen ab, obwohl ich weiß, dass sie im Fall eines Rechtsstreits wenig Gültigkeit hätten.

Ein anderes lesbisches Paar wurde und wurde nicht schwanger. Sie gaben viel Geld für gynäkologische Untersuchungen aus, dann ließen sie aus einem Verdachtsmoment heraus die Flüssigkeit im Becher von einem befreundeten Mann beschnuppern. Kunstsperma. Handelsübliches, wie es bei Orion für den Homeporno zu bestellen ist.

Und die meisten Typen wollen einfach nur ihr Ding reinhalten. Wie immer. Die "Natürliche Methode" nennen sie es. Oder wenn die Frau partout nicht zum Sex zu kriegen ist: "Die verkürzte Methode". Wichsen, bis fast nichts mehr geht und dann schnell im letzten Moment den Pimmel möglichst tief reinstecken und abspritzen. Ihre einzige Begründung: viel höhere Empfängniswahrscheinlichkeit. Was nicht bewiesen ist.

Foto des Autors

Sex als Bedingung? Das ist klassisch patriarchaler Machtmissbrauch. Ich würde für meine Dienste niemals Sex verlangen—auch wenn ich es manchmal echt nötig habe. Und natürlich frage ich mich da bei so manchem Becher, den ich fülle, ob das nicht irgendwie armselig ist, was ich da tue. Und wenn schon keine Spermaverschleuderung, so doch irgendwie Zeitverschwendung. Wobei ich in unvergessliche Situationen gerate, die filmischer nicht sein können.

Lin, meine taiwanesische Liebhaberin, kniet vor mir auf dem Bett. Nach dem Blowjob spritze ich ihr fast ins Gesicht und treffe doch den Becher. Deckel drauf, Hose hoch, Kuss, mit frischer Spende in den Fahrstuhl und quer durchs Foyer des Hotels, eine Dame mit Hut hält mir die Tür auf und schaut kurz auf den Becher. Ich laufe zügigen Schrittes zum Auto, das mit laufendem Motor auf mich wartet. Ich reiche den Becher durchs runtergefahrene Fenster. Emmy und Maya grinsen mich an und düsen ab. "Bis vielleicht zum nächsten Mal, und sofort konsumieren!", rufe ich hinterher.

Und das alles nur, weil mir meine Mutter vor über drei Jahren diesen Artikel über Ed Houben in die Hand drückte, Belgiens erfolgreichsten Samenspender. Mittlerweile über 100 Kinder europaweit. Woraufhin ich vor über zwei Jahren mein eigenes Inserat online schaltete.

Immer wieder mal frage ich mich: Warum mache ich das eigentlich wirklich? Weil ich keine eigenen Kinder habe? Aus Langeweile? Aus Neugier? Weil ich's kann? Weil ich mich biologisch verewigen will? Weil ich sie nicht mehr alle habe?

Die einen sind überzeugt, ich sei absoluter Altruist. (Nichts liegt mir als wissender Egozentriker ferner). Andere werfen mir blanken Egoismus vor. Dabei gebe ich doch. Sogar relativ viel. Samen. Leben. Möglichkeiten zum Lebensglück. Aber halt auf Basis meiner eigenen Werte.

Mit dem Samenspenden verdiene ich kein Geld. Aber ich lasse mir meine Zeit aufwänden, mit dem Tageslohn, den ich auch als Freiberufler verdiene. Ich kann letztlich meine Zeit nur deswegen nach der biologischen Uhr der baldigen Mütter richten, weil ich keinen Nine-To-Five-Job habe. Und selbstverständlich ist das verhandelbar, falls die Paare sich das nicht leisten können. Denn das Projekt "Leben geben" geht vor.

Das ist ein Foto aus einerSamenspendebank. Unser Autor spendet jedoch privat. Die potentiellen Mütter findet er über Samenspendeportale oder über seineFacebook-Seite| Foto: Grey Hutton

Und ja, ich bin jedes Mal noch tief gerührt, wenn ich Vater werde, auch wenn es langsam zur Routine wird. Beim ersten Mal, vor zweieinhalb Jahren, war ich komplett out of order. Fünf Zyklen lang wiederholen wir das Prozedere. Dann plötzlich das Foto des Schwangerschaftstests auf meinem Display. Mir wird klar, dass ich Fakten geschaffen habe.

Als mich die Geburts-Message erreicht, tanze ich Tango in Budapest. Mein Sohn! Mein Sohn? Voller Stolz und mit Tränen in den Augen schiebe ich allen das Foto unter die Nase, es geht einfach nicht anders. Diese tiefe Befriedigung, das existentiell Richtige getan zu haben. Biologisch nicht vorgesehen, evolutionär ausgetrickst. Gesellschaftlicher Liberalismus in Kombination mit der digitalen Revolution macht es möglich.

Foto: privat

Die Nacht vor dem Regenbogenfamilientreffen auf Sylt. Ich kann nicht schlafen. Ich werde alle vier Kinder zum ersten Mal auf einem Haufen erleben. Mitsamt deren Müttern. Meine neue, unbekannte und ungenormte "Vaterrolle" passt in kein klassisches Bild, es gibt keine vorkodierten Verhaltensweisen und Aufgaben. Ich weiß nicht, wie sich die Mütter untereinander verstehen werden. Fühle sowas wie Restverantwortung für die Kinder und die ganze Chose.

Dann läuft es alles wie ganz von allein. Um mich herum wird gefüttert, hinterhergerannt, geschaukelt und gesäugt, als wäre ich in einer Kita gelandet. Ab und an bekomme ich eins der Babys in die Arme gedrückt und eine Serie Fotos wird geschossen. Der BioPapa mit Laura, der BioPapa mit Jannis. Irgendwie bin ich zwar Dreh- und Angelpunkt, gleichzeitig aber bloß Zuschauer am Rande. Bloß Erzeuger. Aber die Zeit, in der ich gebraucht werde, kommt noch, denke ich. Spätestens wenn das erste Kind von zu Hause rausfliegt und zum BioPapa zum Kiffen will.

Ich schreibe an einen Freund: "Dafür gibt es keine gesellschaftliche Blaupause. Es ist zart-anarchisch, gesellschaftlich queer. Es rührt ans Wesentliche und berührt mich. Lässt mich anteilnehmen und reifen." Und ein Vorgeschmack auf selber Papasein ist es obendrein, so mit der kompletten Verantwortung. Hoffentlich. Bald.

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