Es gibt legales Kokain – und die Briten verbrauchen fast die Hälfte davon

Auch Deutschland mischt im Handel mit dem Stoff mit.

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17 April 2018, 12:54pm

Foto: VICE

In Grossbritannien ist seit 2014 die Zahl von Krankenhausnotfällen durch Kokain um 90 Prozent gestiegen. Warum? Weil Koks momentan so rein ist wie seit Jahrzehnten nicht. Weil es im ganzen Land so leicht zu bestellen ist wie eine Pizza. Weil der Krieg gegen die Drogen längst verloren ist. Und weil die britische Drogenpolitik einfach für'n Arsch ist.

Aktivisten sind der Meinung, dass die Schäden von Kokain für Mensch und Umwelt am einfachsten reduziert werden können, wenn der Staat die Droge entkriminalisiert und den Verkauf selbst reguliert. Kritiker halten dagegen: Wie soll man überhaupt die entsprechende Infrastruktur aufbauen, um legales Kokain zu produzieren und durch die Welt zu transportieren?

Genau so eine Infrastruktur existiert allerdings bereits – und Grossbritannien ist ihr mit Abstand grösster Nutzniesser: Der Inselstaat importierte 2016 mehr Koks für medizinische Zwecke als jedes andere Land dieser Erde.


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"Im Grossbritannien des 19. Jahrhundert war Kokain in einer Reihe patentierter Medikamente erhältlich: als Lokalanästhetikum und als Energie-Elixier – eine Art viktorianisches Red Bull", sagte Steve Rolles, ein Politikanalytiker des Drogen-Think-Tanks Transform gegenüber VICE. Wegen verschärfter Patentregelungen und Bedenken, sie könnten abhängig machen, wären die Energie-Elixiere schnell wieder verschwunden, als Lokalanästhetikum sei Kokain aber weiter verwendet worden, so Rolles – "unter bestimmten Umständen und grösstenteils im HNO-Bereich".

Laut des aktuellen Berichts des Internationalen Suchtstoffkontrollrats, dem International Narcotic Control Board (INCB), importierte Grossbritannien 2016 beachtliche 330 Kilogramm Kokain und war damit für 82,6 Prozent der weltweiten Importe verantwortlich. Gleichzeitig war Grossbritannien der Hauptexporteur und Hauptverbraucher medizinischen Kokains. Die Briten verabreichten sich demnach vor zwei Jahren 90,5 Kilogramm legales Kokain – für rein medizinische Zwecke. Das entsprach 47,2 Prozent des weltweit legal verwendeten Kokains.

Zum Vergleich: In einem Logistikzentrum in Mecklenburg-Vorpommern fand ein Mitarbeiter im März 123 Kilogram Kokain für den illegalen Handel. Die Kuriere hatten die Pakte in Ananaskisten versteckt.

Dennoch sind diese Zahlen bemerkenswert. Bis auf die Produktion von medizinischem Kokain (dort haben die USA die Nase vorn) dominieren die Briten alle Aspekte des weltweiten (medizinischen) Kokaingebrauchs – und das mit Abstand. Deutschland zum Beispiel taucht nur einmal im INCB-Bericht auf. 2016 exportierte Deutschland demnach weniger als ein Kilogramm Pulverschnee und schaffte es gerade noch so neben Dänemark und der Schweiz in die Top 5. Alles andere wäre einer stolzen Exportnation allerdings auch nicht würdig gewesen.

Aber was macht die Briten so scharf auf medizinisches Koks? Andere Anästhetika hätten Kokain grösstenteils verdrängt, sagt Analytiker Roller, "trotzdem findet man es weiterhin in britischen Krankenhäusern neben anderen Medikamenten mit hohem Missbrauchspotenzial wie Heroin, Ketamin, Fentanyl, Amphetaminen und so weiter". Er könne sich den auffällig hohen Gebrauch nur als Artefakt der britischen Medizingeschichte erklären.

Und tatsächlich hat Kokain als erstes Lokalanästhetikum überhaupt eine wichtige Rolle in dieser gespielt. Aufgrund der hohen Suchtgefahr, Toxizität und psychotropen Wirkung ist der Einsatz über die Jahre allerdings stetig zurückgegangen. In Deutschland kommt es nur noch in geringsten Mengen in der Augenheilkunde zum Einsatz. Aber wie kommen Ärzte überhaupt an den Stoff?

"Alle Produkte des Kokastrauchs mussten in Grossbritannien schon immer importiert werden – fast ausschliesslich aus der Andenregion", sagt Rolles. Eine Reihe internationaler Abkommen regelt die Produktion solcher Drogen und deren Transport zwischen Ländern. Dabei, so Rolles, soll natürlich vermieden werden, dass es zum nichtmedizinischen Gebrauch verwendet wird: "Das britische Krankenhauskoks beginnt seine Reise in Peru – dem einzigen Land, das aktuell legal Kokablätter für den medizinischen Gebrauch anbaut und exportiert. Die Justizbehörde Drug Enforcement Administration transportiert es dann in die USA, wo das Kokain aus den Blättern extrahiert wird. Von dort geht das Endprodukt nach Grossbritannien und in andere Teile der Welt."

Für Rolles ist eine solche Infrastruktur ein Blick in die mögliche Zukunft eines regulierten Drogenmarkts. Es sei bezeichnend, "dass der legale Kokainhandel nichts mit dem Chaos, der Gewalt und den kriminellen Umtrieben gemein hat, die den illegalen Handel mit nichtmedizinischem Koks ausmachen". Und, sagt Rolles, ein gutes Beispiel für Menschen, die sich fragen, wie ein legaler Drogenmarkt aussehen könnte: "Genau so – nur ein bisschen grösser."

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE UK.