G20

Wieso diese G20-Gegner die 14-stündige Zugfahrt von Basel nach Hamburg auf sich nehmen

Rund 250 Passagiere reisten mit dem Sonderzug von Basel nach Hamburg, um gegen den G20-Gipfel zu protestieren.

von Philippe Stalder
06 Juli 2017, 1:45pm

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Mit knapp vier Stunden Verspätung rollte der Sonderzug ZuG20 am Mittwoch um 18.18 Uhr doch noch los in Richtung Hamburg. Da Deutschland während des G20-Gipfels das Schengen-Abkommen temporär aufgehoben hatte, konnte die deutsche Bundespolizei am Badischen Bahnhof in Basel die rund 250 Passagiere mitsamt ihrem Gepäck penibel genau durchsuchen. Dabei sortierte sie gemäss Pressestelle 33 Personen aus unterschiedlichen Gründen aus. Ihre Genoss*innen nahmen es aber gelassen: Die Verzögerungstaktik der Beamten kam nicht gegen die Vorfreude auf die gemeinsame Zugfahrt an.

In der Mitte des Sonderzuges bot ein Wagon mit Soundsystem Raum für Begegnungen zwischen den in verschiedenen Städten zugestiegenen Passagieren. Feiern stand an diesem Abend jedoch nicht im Vordergrund. Die Organisatoren baten die Zugfahrenden sogar, weder Alkohol noch andere Drogen zu konsumieren. Es sei wichtig, beim Zusammentreffen mit der Polizei einen klaren Kopf zu haben. Ich nutzte die Gelegenheit, um etwas mit den Menschen im Zug zu sprechen und mehr darüber zu erfahren, wieso sie Drogenentzug, Polizeischikane und eine 14-stündige Zugfahrt in Kauf nehmen, um gegen den G20-Gipfel zu protestieren.

Pablo, 18, Ofenbauer und Plattenleger aus Zürich

VICE: Weshalb möchtest Du in Hamburg gegen den G20-Gipfel protestieren?
Pablo: Nicht nur wegen der Themen, die von den Grossmächten am G20-Gipfel thematisiert werden, sondern allgemein wegen dem Krieg, der auf dieser Welt herrscht. Den gibt es primär aus finanziellen Interessen. Und die G20 kontrollieren nun mal die ganze Finanzwirtschaft und diktieren die Geldpolitik. Sie widersprechen sich dabei selbst. Schon nur der Gastgeber Deutschland: Die deutsche Regierung verurteilt offiziell den Krieg, schickt aber gleichzeitig Waffen in Konfliktgebiete. Dasselbe in der Schweiz. Waffen der Schweizer Firma Sig Sauer sind nachweislich in den Händen von Terroristen gelandet. Deswegen will ich in Hamburg für meine Meinung einstehen. Und die Leute wissen lassen, dass ich mit dieser Politik nicht einverstanden bin.

In der öffentlichen Meinung wird eure Generation oft als unpolitisch wahrgenommen. Wie stehst du dazu?
Es kommt drauf an. Es gibt sicher viele, die es müde sind, sich über Politik zu informieren. Handys, Facebook, Netflix – das ist alles dazu da, um dich abzulenken. Ein Freund von mir hängt nur noch auf Netflix ab, der hat gar keine Kapazität, sich in seinem Alltag über irgendetwas zu informieren. Viele Menschen übernehmen lieber die Meinung vom Staat, als sich selbst zu informieren. Das Problem ist, dass sich die Leute nur innerhalb eines vorgesteckten Rahmens politisch engagieren. Sie gehen vielleicht in die SVP oder in die SP, aber sie gehen nicht über das Spektrum hinaus, das von den Parteien vordefiniert wird. Zudem wird eine Revolutionäre Jugendgruppe von etablierten politischen Akteuren gar nicht wahrgenommen, die werden einfach als Chaoten abgetan. Obwohl sie eine konkrete politische Agenda haben. Ein Politiker sollte doch offen sein, sich mit allen Meinungen auseinanderzusetzen.

Was erhoffst du dir vom Wochenende in Hamburg?
Ich will einfach an die Demos, um friedlich zu demonstrieren. Ich will und kann dem G20-Gipfel nicht einfach tatenlos zuschauen, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Selbst wenn es nichts bringt, es gibt mir die Genugtuung, dass ich wenigsten was gesagt habe.

Nina, 26, Studentin und Prostituierte aus Genf

VICE: Weshalb bist du hier?
Nina: Um zu zeigen, dass die Leute aus Genf nicht damit einverstanden sind, dass eine kleine Elite die Welt kontrolliert und sich dabei unter Ausschluss der Öffentlichkeit absprechen. Und auch um zu zeigen, dass selbst wenn wir das Gipfeltreffen nicht verhindern können, wir nicht einverstanden sind damit. Es spielt keine Rolle, wie effektiv und effizient wir sind, es geht einfach darum zu zeigen, dass wir da sind.

Was ist dein Hauptanliegen?
Um ehrlich zu sein, habe ich kein "Hauptanliegen". Ich weiss aber, dass der Gipfel viel Geld verschlingt, ohne dass dabei für uns etwas Brauchbares herauskommt. Die politische Elite entfernt sich immer weiter von den Anliegen der Bevölkerung.

Weshalb denkst du, dass sich die Politiker immer weiter von der Bevölkerung entfernen?
Weil die Welt immer globalisierter wird. Grundsätzlich ist es gut, dass die Menschen aufgrund technologischer Innovationen immer enger miteinander verbunden sind, wir könnten Informationen austauschen und uns gegenseitig unterstützen. Aber gleichzeitig ist der Kreis der Machthabenden immer kleiner geworden. Das Hauptproblem ist, dass die Entscheidungen von oben nach unten gehen, und nicht umgekehrt. Wir protestieren, um ein System einzufordern, das Entscheidungen von unten nach oben trifft. Dass das keine Utopie ist, zeigt unter anderem das Beispiel Kurdistan. So etwas wäre auch hier möglich.

Was erhoffst du dir von diesem Wochenende?
Ich bin hier, um meine Genossen zu treffen und dabei Spass zu haben. Ich habe keine speziellen Erwartungen. Ich glaube nicht, dass die Proteste hier einen konkreten Einfluss haben werden, es ist mehr ein symbolischer Protest. Ich hoffe, dass die Medien darüber berichten werden, ohne die Geschehnisse zu verzerren. Dass sie die Protestbewegung in ihrer Vielfalt darstellen und nicht nur als schwarzen Block, der alles zerstören will. Ich habe bisher aber die Erfahrung gemacht, dass zumindest die Mainstream-Medien die Protestierenden als Chaoten darstellen und nicht über deren grundlegende Anliegen berichten. Die meisten Leute hier demonstrieren friedlich, aber die Medien berichten meist nur über die Ausschreitungen.

Lars, 23, Student der Umweltwissenschaften aus Genf

VICE: Gehst du an den G20-Gipfel, um gegen die Klimapolitik zu protestieren?
Lars: Der Klimawandel ist tatsächlich ein grosses Anliegen von mir. Ich gehe nach Hamburg, um zu zeigen, dass der Zivilbevölkerung dieses Anliegen wichtig ist. Dass die amerikanische Regierung das Pariser-Klimaabkommen gekündigt hat, ist leider nur ein weiterer Tiefpunkt in der internationalen Klimapolitik. Denn das Pariser Abkommen war ja schon nur ein Minimalabkommen. Jeder Staat musste nur so viel machen, wie er wollte. Es gab keine verbindlichen Sanktionen, nichts. Und dass jetzt die USA sogar aus so etwas aussteigt, ist tragisch. Deswegen müssen wir als internationale Zivilbevölkerung den Staatschefs hier in Hamburg zeigen, dass uns dieses Thema wichtig ist. Und dass sich die anderen Staaten durch das Verhalten der USA nicht einschüchtern lassen sollen.

Die Gegenseite würde wohl argumentieren, dass man an einem G20-Gipfel die amerikanische Regierung ja genau dazu bewegen könnte, der Klimaerwärmung mehr Beachtung zu schenken. Was hältst du von diesem Argument?
Es ist lächerlich, denn Trump hat bereits angekündigt, dass er an einem G20-Gipfel nichts von diesem Thema hören will. Es wird primär um Handel und Wirtschaft gehen. Leider sind nach der heutigen Meinung der Regierungschefs Umweltanliegen nur zweitrangig. Deswegen werden sie auch nicht über den Klimawandel reden wollen, selbst wenn ich jetzt dahin fahre. Weswegen ich ein Stück weit auch nur für mich hingehe, einfach weil ich es richtig finde. Auch wenn ich weiss, dass sich an diesem Gipfel wahrscheinlich nichts verändern wird. Ich muss konsequent zu meinen Werten stehen. Es geht auch darum, zu sehen, dass wir nicht alleine sind. Zudem kann man sich dort mit anderen Menschen austauschen und dazulernen.

Die G20-Proteste sind ja ein Sammelbecken von den unterschiedlichsten Anliegen. Wie kannst du sicherstellen, dass dein Anliegen darin nicht untergeht?
Ich glaube schon, dass viele G20-Gegner auch den Klimawandel im Hinterkopf haben. Ich finde aber, man darf nicht in eine Diskussion abschweifen, die darum geht, welches Thema jetzt das wichtigere ist. Schlussendlich hängen die einzelnen Anliegen auch zusammen. Viel Umweltverschmutzung entsteht zum Beispiel aufgrund finanzieller Interessen.

Anna, 24, Politikstudentin aus dem Raum Zürich

VICE: Weshalb fährst du heute nach Hamburg?
Anna: Ich habe mich dazu entschlossen, da der G-20-Gipfel einen guten Anlass bietet, unsere antikapitalistischen Anliegen auf die Strasse zu tragen. Schon nur die Tatsache, dass der Gipfel in Hamburg stattfindet, ist eine einzige Provokation. Die ganze Stadt wurde abgeriegelt, der normale Betrieb von Geschäften im Schanzenviertel wurde verhindert und selbst einige Kitas mussten schliessen. Nur damit sich 20 Gauner treffen können. Ich gehe nach Hamburg, weil das, was in dieser kapitalistischen Welt läuft, so nicht weitergehen kann. Der ganze Wohlstand unserer westlichen Gesellschaft wird auf dem Rücken des globalen Südens generiert. Von den Entschlüssen, die am Gipfel getroffen werden, profitiert nur ein sehr kleiner Teil der Menschen, während der grösste Teil von den Folgen negativ tangiert wird. Nur schon Trump, Erdogan und Putin sind es wert, nach Hamburg zu gehen. Jeder einzelne von denen liefert 100 Gründe, um zu demonstrieren. Es sind Tyrannen und Diktatoren, die an einen pseudo-demokratischen Gipfel eingeladen werden, um unter dem kompletten Ausschluss der Öffentlichkeit über Themen zu verhandeln, die uns alle tangieren.

Welches davon ist dein Hauptanliegen?
Momentan ist mir die Klimapolitik extrem wichtig. Und damit meine ich nicht den Schweizer Diskurs, ob man ein AKW mehr oder weniger betreibt, oder irgendwo einen Solarkollektor aufstellt, sondern jenen um globale Richtlinien für Schadstoffemissionen globaler Firmen. Wir bekommen davon nicht soviel mit, wir fluchen vielleicht mal, wenn es einen heissen Sommer gibt, aber im globalen Süden verhungern Menschen, weil ganze Landstriche ausdorren, Menschen werden in ihrer Existenz bedroht und durch die klimatischen Veränderungen vertrieben. Das sind Menschen, die keine Stimmen haben. Und auf ihrem Rücken bereichern sich ganze Industrien, so zum Beispiel die Kohleindustrie in den USA, von der sehr wenige profitieren aber viele unter ihr leiden.

Was erhoffst du dir von deinem Engagement in Hamburg?
Ich sehe mich in Hamburg nicht primär als Individuum, sondern Teil eines Kollektivs, das auf der Strasse etwas bewegen kann. Es wird eine der grössten linken Demonstrationen der letzten Jahre werden. Es geht darum, als Masse aufzutreten und zu zeigen, dass wir mit dieser Politik nicht einverstanden sind.

Mit Angela Merkel hostet ein weibliches Staatsoberhaupt den G20-Gipfel. Ist Feminismus auch ein Anliegen, das du im Protest in Hamburg artikulieren willst?

Primär würde ich mir natürlich wünschen, dass es mehr Frauen in Repräsentationspositionen geben würde. Wobei ich nicht denke, dass hohe Politikerinnen wie Angela Merkel mehr Stimme der weiblichen Bevölkerung sind, als es männliche Kollegen wären, denn sie ist schlussendlich auch in dieses System eingebunden. Das kapitalistische System stützt sich auf die unbezahlte Arbeit von Frauen, die Care-Arbeit leisten. Sexismus ist im Kapitalismus inhärent. Ich gehe sicher als Feministin an die Proteste, aber auch als Antikapitalistin. Für mich sind das aber Begriffe, die ineinander verschachtelt sind und nicht unabhängig voneinander funktionieren können.

Was erhoffst du dir vom Protest?
Ich hoffe, dass die Medien ausgewogen darüber berichten werden. Und sich nicht bloss auf die Gewalt oder die Politik fokussieren, sondern alle Facetten zur Sprache kommen lassen.

Patrick, 18, Bauarbeiter aus Bern

Wieso bist du hier?
Ich will ein Zeichen gegen Rassismus, Sexismus und Ausbeutung setzen. Am G20-Gipfel treffen sich Staatsoberhäupter, die genau für diese Probleme stehen: Putin ist völlig homophob, Trump ist sexistisch, rassistisch und faschistisch – auf Berndeutsch würde man sagen: ein Nuttensohn. Und das saudische Königshaus beutet seine eigene Bevölkerung aus, während es sich auf den Öl-Milliarden ausruht. Ich will mich mit allen unterdrückten Menschen solidarisieren.

Was ist dein Plan in Hamburg?
Ich will dort einfach friedlich demonstrieren und ein Zeichen setzen. Viele Leute sagen, es bringe nichts zu demonstrieren, aber jeder der demonstriert ist ein Mensch mehr, der den Staatsoberhäuptern sagt, die Europäische Bevölkerung akzeptiert euch nicht, ihr seid hier nicht willkommen. Es geht mir nicht darum zu randalieren, oder etwas zu zerstören, ich will bloss meine Meinung kundtun.

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