motivation

Der Pilot, der Pimmel in den Himmel flog, ist das Vorbild, das wir brauchen

Der luftig leichte Mittelfinger ans System wurde auf Video festgehalten.

von Vania Singer
22 Februar 2019, 9:55am

Foto: Screenshot | Flightaware.com || Flugzeug | imago | fStop Images || Montage: VICE

In einer gerad

In einer geraden Linie fliegt der Pilot an der Küste entlang. Dann setzt er zu seinen Meisterwerken an. Erst zeichnet er einen Penis in den Himmel, dann einen zweiten. Schliesslich schreibt er in krakeligen Buchstaben das Offensichtliche: "I'm bored". Das Resultat zeigt jetzt ein Video einer öffentlichen Flight-Tracking-Website. Der Pilot arbeite erst seit Kurzem als Fluglehrer im australischen Adelaide, berichten lokale Medien. Am Dienstag habe er die Propellermaschine zwei Stunden lang in gleicher Geschwindigkeit fliegen müssen, um einen neuen Motor zu testen – und vor Langeweile angefangen, Pimmelfiguren zu fliegen.

Für manche mag der australische Pimmel-Pilot ein spätpubertärer Hornochse sein, dem man den Steuerknüppel eines Fliegers vielleicht nicht unbedingt überlassen sollte. Für andere könnte er allerdings ein Vorbild sein. Und das liegt nicht nur daran, wie leger er Genitalien in den Himmel fliegt.

Dieser malende Pilot ist der Motivationscoach unserer Generation. Sein Flugweg zeigt uns nicht nur buchstäblich, wie gelangweilt man in seinem Job sein kann. Er zeigt uns auch, dass man sich davon nicht unterkriegen lassen muss! Und das solltet auch ihr nicht.

1. Weil wir noch immer im Kapitalismus sind und ihr den verfickten Büro-Kaffee allein deshalb kochen müsst, weil ihr am Ende des Monats eure überteuerten WG-Zimmer in Berlin-Friedrichshain bezahlen wollt.

2. Weil selbst die beschissensten Jobs und Aufgaben lehrreich sein können (vielleicht lernt ihr, wie man Genitalien in den Milchschaum zeichnet).

3. Und: Weil es möglicherweise genau die Langweile ist, die euch und eure Pimmel-Zeichnungen am Ende weltberühmt werden lässt. Denn Langeweile macht kreativ.

Die Pimmel sind ein luftig leichter Mittelfinger ans System

Die besten Dinge passieren in den seltensten Fällen dann, wenn ihr eine wichtige Excel-Tabelle mit den Feinstaubwerten deutscher Städte ausfüllt. Sie passieren, wenn ihr an euren Lebensentscheidungen zweifelt und euch fragt, ob ihr damals nicht doch lieber zum DSDS-Casting hättet gehen sollen, um eine Karriere im Privatfernsehen einzuschlagen, statt zur Uni zu gehen. Zweifelt am System, nicht an euch! Ein berufliche Tiefflieger-Phase muss nicht immer das Ende eurer Träume bedeuten. Manchmal ist sie nur der Anstoss für neue Ideen.


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Wir wissen nicht, was sich der Typ dabei dachte, als er seine Genital-Runden flog und den Himmel-Hilfeschrei absetzte. Vielleicht war es die Piloten-Version der trotzigen, verlängerten Zigarettenpause. Vielleicht war es eine indezente Nachricht an eben solche Vorgesetzten, die ihre Mitarbeitenden so wenig wertschätzen wie ein eingewachsenes Nasenhaar. Vielleicht flog der Pilot die Skrotum-Schleifen auch nur zu seiner Belustigung. Ein intimes Momentum des Pimmel-Entertainments. Eine pittoreske Version des Fliesen- oder Schafezählens.

Ist es nicht egal, welche Motivation hinter den Wolken-Pimmeln steckt? Die Luft-Penisse stehen für etwas, das noch grösser ist als kilometerlange Genitalien: die Ausdauer, die wir in dieser trostlosen Arbeitswelt manchmal brauchen. Die standhafte Kreativität, mit denen wir selbst langweilige Aufgaben wie Pakete ausliefern, Züge steuern oder testfliegen erfolgreich meistern. Und die Tatsache, dass wir auch Grosses leisten können, wenn unsere Chefinnen und Konzernleiter nicht einmal wissen, ob wir zum Toilettenputzen oder Rechnungen bezahlen in ihren Unternehmen eingestellt wurden.

Ihr könnt mich vielleicht zum Testfliegen verdonnern, ihr Nulpen, aber ihr könnt mir nicht den Spass am Leben nehmen. Hier sind zwei Pimmel. Ha! Nimm das, Kapitalismus!

Natürlich liegt es nicht ausschliesslich in unserer Hand, ob wir den Weg vom Kaffeekocher zur Skyline schaffen oder für immer in prekären Arbeitsverhältnissen feststecken. Aber es liegt an uns, ob wir uns davon brechen lassen. Der Penis-Pilot hat das nicht getan. Sein Manifest in den Himmel geschrieben: Ihr könnt mich vielleicht zum Testfliegen verdonnern, ihr Nulpen, aber ihr könnt mir nicht den Spass am Leben nehmen. Hier sind zwei Pimmel. Ha! Nimm das, Kapitalismus!

Wenn ihr das nächste Mal überlegt, ob ihr euren Büro-Job kündigen und nach Costa Rica auswandern sollt, um Meeresschildkröten zu züchten, denkt an den Penis-Flieger. Nach jeder dunklen Nacht kommt ein Licht. Auch wenn es manchmal nur euer blinkendes Smartphone-Display ist, das euch pünktlich zum nächsten Arbeitstag aus dem Schlaf reisst.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.