Zu Besuch auf der Sexparty, bei der keine Männer erlaubt sind

Obwohl, eine Ausnahme gibt es dann doch.

21 January 2022, 3:42pm

Das Inanna Studio in London sieht nicht so aus, wie man sich einen typischen BDSM-Dungeon vorstellt. Die Wände sind in sanftem Taubengrau gestrichen, die Einrichtung minimalistisch-elegant, schwarz und mattes Rosa wechseln sich ab, zwischendurch funkeln ein paar Akzente in Roségold. Von Gothic-Kitsch keine Spur, auch der rote Latex ist im Schrank verstaut.

Hier soll heute an einem Novemberabend die One Night stattfinden. Die Sexparty wurde zum ersten Mal 2019 von der Fetischfotografin Miss Gold und Mistress Adreena organisiert, einer professionellen Domina, Model und Besitzerin von Inanna Studio. Nach nur zwei Ausgaben war es dann aber dank Corona erstmal vorbei mit der Fetischveranstaltung. Seit Oktober heißen die Gastgeberinnen aber wieder jeden Monat Kinkster aus London und dem Ausland willkommen.

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Tickets gibt es nur für Leute, die in der verifizierten Mailingliste eingetragen sind. Das sind momentan 2.000 Personen, ins Inanna passen aber nur 40. Die letzte Veranstaltung war innerhalb von 30 Sekunden ausverkauft.

Als nach und nach die weiblichen und nicht-binären Gäste eintrudeln und mit einem Glas Champagner und Weintrauben begrüßt werden, wirkt es fast so als wäre ich auf einer gehobenen Networking-Veranstaltung für Frauen gelandet. Aber dann legen sie ihre Mäntel ab und es kommen edle Dessous-Sets aus Spitze, Leder und Ketten zum Vorschein.

Die Idee hinter One Night ist, einen Raum für Frauen und nicht-binäre Menschen zu schaffen, in dem sie sich freizügig und ohne männliche Blicke bewegen können. Ein Mann ist dann allerdings doch anwesend. Der Partner von Miss Gold bietet sich allen, die möchten, als menschliche Toilette an.


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Jede One-Night-Party hat ein anderes Thema, außerdem gibt es Auftritte von Stripperinnen und Bondage-Künstlerinnen. Im November lautet das Motto Animal-Print und Edelmetalle. Und so wimmelt es hier heute von Leopardenstilettos, Schlangenlederprint-Gürteln und goldverzierter Spitze.

Es gibt zwei Räume: das Empfangszimmer mit Bar zum Socialisen und einen Playroom mit Seilwinden und Bänken zum Quatschen und Spanken. Im Gegensatz zu größeren Fetischevents hämmert hier kein Techno aus den Boxen, stattdessen läuft im Hintergrund unaufdringlicher R'n'B.

Ein paar Tage nach der Party lädt Adreena mich und Miss Gold zum Mittagessen zu sich nach Hause ein. Ihre Wohnung ist in den gleichen edlen Pink- und Grautönen eingerichtet wie ihr Studio.

"Ich glaube nicht, dass wir die One Night jemals größer machen wollen", sagt Miss Gold, sie verteidigt die Exklusivität der Party. "Wir würden gerne größere Partys veranstalten, aber ich kann mir einfach keinen anderen Ort dafür vorstellen als das Inanna."

Adreena stimmt zu: "Ich habe das Gefühl, dass viele Partyreihen schlechter werden, wenn sie expandieren. Es gibt tolle Clubs, aber bei einer Playparty ist das etwas anderes. Ich denke, Intimität ist da das A und O. Sobald die Veranstaltung größer wird, ist sie nicht länger intim. Wir überlegen gerade, ob wir vielleicht einmal im Jahr etwas Größeres organisieren, aber definitiv nicht regelmäßig."

Für Miss Gold kommen mit größeren Veranstaltungen aber noch andere Probleme. "Es ist eine Menge Stress. Alle Mitarbeitenden, jede Dungeonaufseherin, jede Person von der Security müssen die Party verstehen. Es braucht nur eine Person, um den ganzen Abend zu ruinieren. Neben der Intimität mache ich mir also vor allem Sorgen, nicht dieselbe Erfahrung gewährleisten zu können und das Besondere an der Party zu verlieren."

Der kleinere Raum ermöglicht es Fremden auch, sich in interessanten Gesprächen zu vertiefen. Für Adreena ist das besonders wichtig, wenn es um Sex oder BDSM geht. "Bei One Night können alle miteinander reden. Man erkennt sich wieder und kennt die anderen Gesichter im Raum", sagt sie. "Auf einer großen Party bist du vor allem mit deinen Freundinnen und Freunden unterwegs."

Deswegen kann jede Person auch maximal zwei Tickets kaufen. Entsprechend schnell beginnt man, mit Fremden zu flirten. Bevor das Spielzimmer geöffnet wird, nippen die Gäste im Empfangszimmer an ihren Drinks und unterhalten sich. Die angenehm hochtönig-feminine Geräuschkulisse erinnert mich an Mädchenumkleiden aus meiner Schulzeit, nur weniger angsterfüllt.

Mit wachsender Vorfreude auf das nächste Zimmer haben die Gäste hier die Möglichkeit, ihre neuen Bekanntschaften zu fragen, was sie hergeführt hat, worauf sie Lust haben und vielleicht auch mit wem. Viele Frauen und nicht-binäre Menschen, die nicht zum ersten Mal hier sind, sagen, dass sie die Party schon mit neuen Freundschaften verlassen haben, manchmal auch mehr.

Die Nachfrage ist offensichtlich gegeben, aber warum gibt es eigentlich nicht mehr Kink-Partys ohne Männer? "Es gibt Veranstaltungen wie Skirt Club, aber die haben einen ganz anderen Vibe und ein anderes Publikum", sagt Adreena. "Die sind fast wie Swingerveranstaltungen für Frauen und können sexuell wesentlich aggressiver sein. Ich habe mich der Swingerszene nie wirklich zugehörig gefühlt. Ich habe nichts dagegen, aber die Atmosphäre ist einfach anders."

Skirt-Club-Gründerin Genvieve LeJeune sagte VICE später, dass ihre Veranstaltung ein Safe-Space für Frauen sei, keine Swingerveranstaltung. "Unsere Gäste sind vor allem schüchtern und neugierig", erklärt sie. "Das Team verbringt den Großteil der Abende damit, Kennenlernspiele zu veranstalten und dafür zu sorgen, dass sich die Gäste wohl genug fühlen, einen ersten Schritt zu wagen."

Auch wenn manchmal Frauen an den anderen Veranstaltungen beteiligt seien, sagt Miss Gold, dass viele Sex- und Fetischpartys in erster Linie von Männern veranstaltet werden. "Was bilden die sich ein, uns zu sagen, was wir machen wollen? Wir sind noch immer damit beschäftigt, den Sexpartys die Heteronormativität auszutreiben – Frauen aus dem männlichen Blick zu entfernen."

Der Unterschied zwischen dem männlichen und weiblichen Blick, ergänzt Adreena "kommt von unserer Lebenserfahrung als Frau und dem, was wir durchgemacht haben".

"Wir verbringen unser ganzes Leben damit, in irgendeiner Form zum Objekt gemacht zu werden. Aus diesem Grund finde ich Trost in anderen Frauen – und in der Energie, die in so einem reinen Ort für Frauen und nicht-binäre Menschen entsteht", sagt Adreena. "Im Kontext unserer Partys ist der weibliche Blick vor allem geprägt von Anerkennung, Bewunderung und Liebe. Die Gäste verbringen sehr viel Zeit damit, einander Komplimente zu machen – da herrscht einfach so viel Liebe füreinander."

"Und nicht einfach 'Ich laufe hier mit meiner dicken Erektion rum und frage mich, in wen ich sie als nächstes reinstecken kann", sagt Miss Gold lachend. "Also, es gibt natürlich Frauen, die mit Strap-ons rumlaufen, aber Frauen machen andere Frauen nicht auf dieselbe Art zum Objekt."

Zurück bei der Veranstaltung lehne ich mit Adreena und ein paar anderen Frauen am Käfig einer Sub und wir schauen interessiert zu, was dort passiert. Und das ist eine ganze Menge: Spanking, Gruppensex, Bondage. Aber nichts davon fühlt sich bedrohlich an. Niemand ist unangenehm aufdringlich oder steht gaffend und wichsend in der Ecke.

"Bei der One Night kannst du auch Voyeurin sein, wenn du das möchtest, aber alle sind dabei sehr respektvoll. Bei größeren Events hat man immer Solo-Wichser – also Typen, die einfach danebenstehen und sich ungefragt einen runterholen. Bei uns nicht. Ich hasse Solo-Wichser in Sexclubs, aber so richtig", sagt Miss Gold.

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Adreena stimmt zu: "Biologisch gesehen ist es viel schwieriger, dir alleine auf einer Party einen runterzuholen, wenn die meisten Gäste eine Vulva haben."

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