Fotos: Die endlosen Schlafmohnfelder der Taliban

Die Taliban haben ein Verbot der Opiumproduktion angekündigt. Seit ihrer Machtergreifung vergangenen August hat sich jedoch wenig getan.

Apr 27 2022, 3:06pm

Zwei Tage bevor die Taliban ihr landesweites Verbot des Schlafmohnanbaus verkündeten, war Jumah Gul draußen auf seinem kleinen Mohnfeld in der Provinz Helmand, Afghanistan. Geschickt bewegte er sich von Pflanze zu Pflanze, die Finger klebrig vom dunkelvioletten Milchsaft. Der 40-Jährige und vier junge Männer arbeiteten routiniert. Mit kleinen Messern ritzten sie die prallen Samenkapseln an, um am nächsten Morgen ihren Saft zu ernten. Getrocknet wird daraus Opium. "Ich würde viel lieber einen kleinen Obstladen in der Stadt aufmachen", sagt Gul. "Aber momentan ist das hier meine einzige Option."

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Am 3. April gaben die Taliban ein landesweites Verbot der Opiumproduktion bekannt. In der Provinz Helmand im Süden Afghanistans kam der Erlass zu spät, um die erste Opiumernte zu verhindern.


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Seit mehr als 20 Jahren wird in Afghanistan die große Mehrheit des weltweiten Opiums produziert. Laut den Vereinten Nationen bis zu 90 Prozent. Die riesigen violett, weiß und rot blühenden Schlafmohnfelder im Süden des Landes sind weltberühmt. Für die Taliban bildete der Verkauf von Opium und Heroin während der Rückeroberung des Landes eine wichtige und lukrative Einnahmequelle.

2021 schätzte ein Bericht des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, UNODC, dass in Afghanistan in der Saison 2021 6.800 Tonnen Opium produziert wurden – genug für die Herstellung von 320 Tonnen reinem Heroin. Den Umsatz der illegalen afghanischen Drogenwirtschaft desselben Jahres schätzte die UNO auf etwa 1,7 bis 2,5 Milliarden Euro.

Obwohl der Handel mit Betäubungsmitteln unter der ersten Taliban-Herrschaft Ende der 1990er Jahre verboten wurde, gab die islamistische Gruppierung bei ihrer erneuten Machtergreifung im August 2021 nichts dergleichen bekannt. Einige Beobachterinnen und Beobachter spekulierten bereits damals, dass das Verbot kommen werde, sobald die erste Ernte 2022 in vollem Gang sei. Dieser Schritt würde den Taliban erlauben, zu behaupten, gegen die Drogenproduktion vorzugehen, und gleichzeitig vom Verkauf und der Besteuerung des bereits geernteten Opiums zu profitieren.

Als die afghanische Wirtschaft Ende 2021 ihren Sturzflug fortsetzte, begannen die afghanischen Bauern, Mohn in noch nie da gewesener Menge anzubauen. Von der lukrativen Nutzpflanze erhofften sie sich etwas Erleichterung für sich und ihre Familien. Die Bauern fällten ihre Granatapfelbäume und säten Schlafmohn statt Weizen und Mais. Die Felder wuchsen und die Taliban blieben still.

Ende März ging die Opiumernte dann richtig los. Wanderarbeiter strömten in Scharen nach Helmand und zwischendurch sah es so aus, als würden die Taliban das Thema gar nicht ansprechen.

Auch den 54 Jahre alten Mohibullah führte die verzweifelte Suche nach Arbeit aus der östlichen Provinz Ghazni nach Helmand. "In meinem Heimatbezirk gibt es kein Wasser und keine Arbeit", sagt er. "Ich habe eine neunköpfige Familie und diese Arbeit hier ist die einzige Möglichkeit, wie ich sie gerade ernähren kann. Ich habe keine andere Wahl."

Die Brüder Mahmadullah, 22, und Esmatullah, 32, besitzen ein kleines Stück Land außerhalb von Helmands Provinzhauptstad Lashkar Gah. Auch hier blühen violette, weiße und rote Mohnblumen. "Viele Bauern, die vergangenes Jahr andere Pflanzen angebaut haben, sind dieses Jahr auf Schlafmohn umgestiegen, weil die Taliban kein Verbot ausgesprochen hatten", sagte Mahmadullah im März zu VICE. Unter der vorherigen afghanischen Regierung hätten die Taliban in der Anbausaison eine Steuer von allen Bauern in der Gegend kassiert, rund zwei Kilo Opium pro 0,2 Hektar Land. 

Von einem Mitglied der Taliban erfuhr VICE, dass selbst deren einheimische Befehlshaber ihre Kämpfer dazu ermutigt hatten, auf den Mohnfeldern zu arbeiten, um ihr Einkommen aufzubessern. Die meisten von ihnen erhalten kein reguläres Gehalt. 

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Der 24-jährige Atiquallah ist Mitglied der Taliban. Er sagt, dass er in den vergangenen fünf Saisons auf den Mohnfeldern gearbeitet habe. "Einige aus meiner Familie sind dieses Jahr zum Arbeiten in den Iran gegangen. Hier gibt es momentan keinen guten Markt für Weizen oder andere Pflanzen, deswegen sind alle auf Opium umgestiegen." Auch er würde lieber woanders arbeiten. "Wenn die internationale Gemeinschaft andere Industrien in Afghanistan fördern sollte, werden wir stattdessen dort arbeiten. Jetzt gerade haben wir keine andere Wahl."

Anfang April kam das Verbot dann aber doch. Taliban-Sprecher Zabiullah Mujahid machte auf seinem Twitter-Account eine eindeutige Ansage: "Alle Afghanen sind von nun an darüber informiert, dass der Mohnanbau ab sofort im ganzen Land strengstens verboten ist. Der Gebrauch, Transport, Handel, Export und Import aller Betäubungsmittel … inklusive Fabriken zur Drogenherstellung sind strengstens verboten."

Es war genau das, was sich die internationale Gemeinschaft gewünscht hatte. Einige begrüßten die Ankündigung mit verhaltenem Optimismus. Seit dem Verbot ist der Milchsaft der Mohnpflanze aber nur wertvoller geworden.

Wenige Tage nach der Bekanntmachung verdoppelte sich der Preis für Rohopium auf umgerechnet knapp 217 Euro pro Kilo. Auch wenn der Preis anschließend wieder sank, bleibt er weiterhin auf einem signifikant höheren Niveau als vor dem Verbot. Das bedeutet mehr Profite für die Bauern und vor allem mehr potenzielle Steuereinnahmen für die Taliban.

Auf dem Papier demonstrieren die Taliban der internationalen Staatengemeinschaft, dass sie gewillt sind, eine wichtige Forderung umzusetzen – und potenziell die Grundlage für mehr Auslandshilfen zu schaffen. In der Praxis scheint das Verbot viel mehr dazu zu dienen, die Opiumpreise hochzutreiben.

Wenige Tage nach dem Tweet des Taliban-Sprechers ist Juma Gul wieder bei der Arbeit und die Metallschüssel, in der er das geerntete Opium von seinem Feld aufbewahrt, sieht ziemlich voll aus.

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"Schau dich um", sagt er. "Hier hat nichts aufgehört. Die Menschen sind noch auf den Feldern, man kann weiterhin Opium auf dem Basar kaufen und verkaufen. Was sollen wir auch sonst machen?"

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