Aufstieg der Sperma-Bros: Die Männer, die auf der ganzen Welt Samen spenden

Dank Social Media boomt die private Samenspende. Ein 20-facher Vater hat sich zur Aufgabe gemacht, die Welt zu verändern.

Adam Hooper hat Kinder in Australien, Malaysia, Singapur, Schweden und wahrscheinlich auch bald in Neuseeland. Dort hat er nämlich Ende Juli seine erste Samenspendertour begonnen. Der 36 Jahre alte Australier hat sie "Lord of the Donors: A Journey to Middle Earth" getauft.

Hooper ist der Gründer von Sperm Donation World. Die weltweit aktive Organisation bringt über ihre Social-Media-Kanäle private Samenspender und Menschen mit Kinderwunsch in Kontakt. Über die eigene Website verkauft sie Utensilien wie Becher und Spritzen für die Heiminsemination. Sperm Donation World versteht sich als DIY-Alternative zu offiziellen Samenbanken und Kinderwunschzentren.

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Seitdem Hooper das Projekt 2015 in Australien ins Leben gerufen hat, sind Ableger in Afrika, Neuseeland, den Philippinen, Großbritannien, den USA und auch Deutschland entstanden. Die australische Facebookgruppe hat aktuell über 15.000 Mitglieder, die amerikanische über 22.000, die Deutsche knapp über 100.


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Während seines zweimonatigen Aufenthalts in Neuseeland will Hooper das Land in einem Wohnmobil bereisen und 50 Orte besuchen. 

"Ich bin auf dem Weg nach Hobbiton, dann geht’s weiter in den Süden nach Wellington und dann auf die Südinsel", sagt Hooper im Juli. "Ich versuche natürlich, die Überbevölkerung eines bestimmten Gebiets zu vermeiden."

In erster Linie sei die Tour dazu gedacht, auf seine Organisation aufmerksam zu machen, mit den Medien zu sprechen und neue Spender zu rekrutieren, sagt er. Aber Hooper ist auch offen dafür, unterwegs bei ein paar Befruchtungen zu helfen. "Das ist ja auch irgendwie, worum es bei so einer Spermatour geht."

Im November will er nach Mauritius. Nächstes Jahr stehen Frankreich und Großbritannien auf dem Plan. "Ich werde jedes Jahr ein paar Länder besuchen, die Sache bekannt machen und Menschen zeigen, dass es auch anders geht", sagt Hooper.

Aber das DIY-Besamungsprojekt ist umstritten. Kritikerinnen und Kritiker sehen durch die fehlende Regulierung eine erhöhte Gefahr für die Übertragung von Geschlechtskrankheiten und für Missbrauch. Für den US-Amerikaner Kyle Gordy führten diese Warnungen bereits zu Konsequenzen. Der Superspender wurde auf dem Weg nach Neuseeland im Nadi International Airport auf Fidschi festgesetzt. Eigentlich hatte er geplant, sich Hoopers Spermatour anzuschließen.

Gordy – ein 47-facher Vater, mit elf weiteren Kindern auf dem Weg – sagte dem New Zealand Herald, dass Beamte ihn bei seinem Zwischenstopp in Fidschi zur Seite genommen und mit der Einwanderungsbehörde Neuseelands verbunden hätten. Diese habe ihm dann mitgeteilt, dass sein Visum widerrufen wurde. Die Begründung: Er habe beim Zweck seiner Reise gelogen und nicht die Samenspende angegeben. Gordy musste daraufhin in die USA zurückkehren.

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Darauf angesprochen tut Hooper den Vorfall mit einem Lachen ab. Es sei normal, dass Menschen wie er und Gordy sich auch ein paar Feinde machen.

"Jemand hat sich wahrscheinlich beschwert: 'Hey, dieser Typ kommt rüber, um ganz Neuseeland zu schwängern.' Die Einwanderungsbehörde hat bestimmt schon auf ihn gewartet", sagt er. "Sie haben auch versucht, mich von der Einreise abzuhalten, aber ich habe mich ein bisschen schlauer angestellt und Leuten verschiedene Ankunftstermine genannt."

"Kyle fehlt es anscheinend an dieser natürlichen Intelligenz." 

Hooper und Gordy gehören zu einer wachsenden Zahl von Männern, die die offiziellen Institutionen für Menschen mit Kinderwunsch kritisieren und online für alternative Wege zu einer Schwangerschaft werben. Man kann Sperma-Bros wie die beiden in einer Bar kennenlernen oder zu Hause besuchen. Dann helfen sie mit einer Dose voll Sperma aus oder mit Geschlechtsverkehr.

Für einige sind diese freiwilligen Samenspender wahre Philanthropen, selbstlose Wohltäter. Für andere handeln sie im besten Fall fahrlässig und sehen die potenziellen Folgen ihres Handelns nicht.

Stephen Robinson ist Experte für Reproduktionsmedizin und Dozent an der medizinischen Fakultät der Australian National University. Es sei zwar nichts Neues, dass Menschen Sperma durch informelle Arrangements erhalten, allerdings hätten die sozialen Medien "die Tore massiv geöffnet" – insbesondere, was die Möglichkeiten des internationalen Austauschs angeht.

"Das sind ganz neue Ausmaße", sagt Robinson. "Es ist auch neu, dass Menschen zum Samenspenden durch verschiedene Länder reisen. Social Media spielt eine sehr große Rolle dabei."

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In diesem Punkt stimmt ihm Hooper zu. Social Media und Dating Apps haben in seinen Augen maßgeblich unseren Blick auf Intimität und den Umgang mit zwischenmenschlichen Beziehungen verändert. "Es wächst sehr schnell", sagt er. "Beziehungen halten im Durchschnitt nicht mehr so lange wie früher, deswegen beobachten wir jetzt diese Entwicklungen. Und die Verbreitung von neuen Technologien erlaubt es Menschen, neue Wege zur Familiengründung zu finden."

Für diese Entwicklung macht Hooper auch die hohen Kosten und den bürokratischen Aufwand traditioneller Kinderwunschkliniken und Samenbanken verantwortlich. Diese seien doch im Grunde genommen nichts anderes als Gebrauchtwagenhändler.

"Am Ende sind sie Geschäftsleute: Sie wollen Golf spielen und in ihren Ferraris rumfahren. Wenn eine Industrie von solchen Anreizen getrieben ist, bekommt man natürlich keine umfassende Diagnose der aktuellen Situation." 

Eine sogenannte Heiminsemination mit Spendersamen von einer Samenbank für Singles und gleichgeschlechtliche Paare kostet in Deutschland etwa zwischen 1.600 und 3.200 Euro. Eine In-vitro-Fertilisation ist noch einmal etwa 1.000 Euro teurer. Deutsche Krankenkassen übernehmen Kosten nur bei heterosexuellen Paaren, bei denen ein medizinischer Grund für die Kinderlosigkeit vorliegt – und dann auch nur zur Hälfte. In anderen Ländern sind die Kosten ähnlich oder sogar höher.

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Hooper sagt, er und seine Spender würden ihren Service umsonst anbieten, einige würden sich allerdings die Fahrtkosten erstatten lassen. Ihm selbst sei das Wissen, Menschen zu helfen und "die Welt auf einzigartige Weise zu verändern", Aufwandsentschädigung genug.

"Social Media hat es Spendern und Patienten extrem erleichtert, miteinander in Verbindung zu treten, aber an der Komplexität der ganzen Sache hat sich nichts geändert."

Mit gut 20 Kindern und einem globalen Reproduktionsimperium ist Hoopers genetischer Fußabdruck im Verhältnis zu anderen Spendern noch recht moderat. Berühmte Samenspender wie der "Sperminator" genannte Ari Nagel, der Brite Clive Jones und ein US-Amerikaner, der nur als Joe Donor bekannt ist, behaupten alle, jeweils mehr als 100 Kinder gezeugt zu haben.

Hooper betont gerne, dass er die Zahl seiner Kinder nicht zähle. "Es dürften jetzt um die 20 Familien sein, bei denen ich mitgeholfen habe – in den nächsten paar Jahren könnten es 25 sein. Aber ich habe mich nie hingesetzt und gezählt", sagt er. "Ich werde wahrscheinlich erst durch eins der Kinder herausfinden, wie viele ich habe. Die werden sie wahrscheinlich alle durchgehen und zählen. Aber die ältesten Kinder sind gerade erst sechs Jahre alt."

Die Szene ist allerdings viel größer als eine Handvoll Superspender. Man braucht nur "Samenspende", "Samenspender" oder "sperm donor" in die Facebook-Suche einzugeben, um einen Eindruck dafür zu kriegen, wie viele Männer sich als Privatspender anbieten.

Die zusammengenommen rund 37.000 Mitglieder der Sperm-Donation-World-Facebook-Gruppen bestehen gleichermaßen aus Paaren mit Kinderwunsch wie potenziellen Spendern. Letztere überprüft Hooper vor ihrem Beitritt laut eigener Aussage selbst, um sicherzustellen, dass sie keine "Perversen" sind oder aus den falschen Gründen spenden wollen. Sein Bauchgefühl spielt dabei eine große Rolle. Er habe immer schon ein gutes Gespür für so etwas gehabt, sagt er. Ein gründlicher Blick auf die Facebook-Profile der Bewerber sei in der Regel die beste Art, das festzustellen.

"Ein Vorteil von Facebook ist, dass man sehen kann, wie Menschen miteinander interagieren. Ich mache das jetzt seit acht Jahren und habe da eine Art sechsten Sinn entwickelt. Die Alarmglocken gehen da schnell bei mir an", sagt Hooper. "Wir hatten in unserer Community noch keine Vergewaltigungen, Geschlechtskrankheiten oder Übergriffe. Seit über sieben Jahren funktioniert das also sehr gut."

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Aber es gibt noch weitere potenzielle Probleme bei DIY-Samenspenden, die Hooper hier nicht erwähnt. Expertinnen und Experten sehen die Gefahr von Sorgerechtsstreitigkeiten, möglichen Unterhaltszahlungen und Komplikationen mit der Privatsphäre. Außerdem könnte es passieren, dass die Kinder sich Jahre später kennenlernen und eine sexuelle Beziehung eingehen, ohne zu wissen, dass sie miteinander verwandt sind.

"Social Media hat es Spendern und Patienten extrem erleichtert, miteinander in Verbindung zu treten, aber an der Komplexität der ganzen Sache hat sich nichts geändert. In vielerlei Hinsicht verstärkt der Social-Media-Ansatz sogar die Komplexität und das Potenzial für Missbrauch", sagt der Mediziner Robinson. "Frauen und Paare, die auf der Suche nach so einer Behandlung sind, sind vulnerabel, ebenso wie die geborenen Kinder. Das dürfen wir bei der ganzen Sache nicht vergessen."

Robinson betont, dass Kinderwunschkliniken und Samenbanken aus gutem Grund so stark reguliert sind. Sie prüfen Spender und Empfängerinnen, um deren Sicherheit und einen Schutz der Privatsphäre zu gewährleisten. Er verstehe zwar die Bedenken von Menschen wegen des bürokratischen, finanziellen und zeitlichen Aufwands, aber diese Regeln seien sinnvoll.

"Wenn irgendein Typ behauptet, einfach so schwerwiegende Entscheidungen über das Leben anderer Menschen fällen zu können, dann spricht das so ziemlich gegen alles, was wir wissen", sagt Robinson.

"Es gibt immer mehr Menschen, die es natürlicher machen wollen."

Am dritten Tag seiner Neuseeland-Tour will Hooper in Auckland eine mögliche Empfängerin treffen, mit ihr reden und "mal schauen, wie es sich entwickelt". Wenn alles passt, wird er ihr wahrscheinlich eine Spende geben. Laut Hooper ermöglicht Sperm Donation World allein in Australien zwischen 500 und 700 Geburten pro Jahr. Weltweit seien bereits "weit über 5.000" Kinder mithilfe der Community auf die Welt gekommen.

Die meisten dieser Schwangerschaften seien durch künstliche Befruchtung entstanden, sagt er. Das hat zwei Gründe: Zum einen war es die bevorzugte Methode der Empfängerinnen, zum anderen bietet sie den Spendern rechtlichen Schutz. In vielen Ländern müssen Samenspender nämlich keinen Unterhalt zahlen, wenn die Schwangerschaft nicht durch Geschlechtsverkehr entstanden ist. Laut Hooper scheint sich das allerdings langsam zu ändern. "Es gibt immer mehr Menschen, die es natürlicher machen wollen."

Trotz Hoopers beinahe aggressiv positiver Sicht auf DIY-Samenspenden gibt es immer wieder Zwischenfälle. Vergangenes Jahr äußerten die australischen Behörden Bedenken über die wachsende Zahl von Menschen, die auf Social Media nach privaten Samenspendern suchen. Einige Frauen seien von den vermeintlichen Spendern sexuell belästigt oder zum Geschlechtsverkehr gedrängt worden.

Auch das ist etwas, vor dem offizielle Samenbanken und Kinderwunschzentren schützen wollen. Spender werden nicht nur medizinisch und genetisch geprüft, sondern müssen auch mehrere psychologische Tests absolvieren. Damit soll sichergestellt werden, dass sie keine, wie Robinson es ausdrückt, "nicht-uneigennützige Motive" haben.

Bei allen legitimen Gründen, die Menschen vielleicht dafür haben, ihr Kinderglück auf dem informellen Weg zu finden, sollten sie sich der Gefahren bewusst sein, die in diesem stetig wachsenden Graubereich warten.

"Ich verstehe, dass die Menschen sich um die hohen Kosten sorgen, ihnen vielleicht die Auswahlmöglichkeit fehlt, aber sie sollten dabei bedenken, dass das hier eine der wichtigsten Entscheidungen überhaupt ist", sagt er. "Es ist eine der wichtigsten Entscheidungen, die ein Mensch jemals in seinem Leben treffen wird."

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