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Mein Leben mit einer Emotional Instabilen Persönlichkeitsstörung

Als ich am schlimmsten unter meiner geistigen Krankheit litt, verstanden weder mein Arzt noch meine Freunde, was mit mir los war. Doch ich habe einen Weg gefunden, damit zu leben und umzugehen.
11 August 2015, 10:20am

Im Sommer 2010, kurz vor meinem 19. Geburtstag und während meinem ersten Jahr an der Uni, unternahm ich einen Selbstmordversuch und landete auf der Intensivstation, angeschlossen an eine Maschine zur künstlichen Beatmung. Im zweiten Jahr meines Studiums hatten meine Schönwetterfreunde schon genug von mir. Sie fragten mich nicht mehr, ob ich mit ausgehen wollte, und ich wurde sehr isoliert und immer unglücklicher. Ich ging eine Beziehung ein, in der ich missbraucht wurde, und unternahm zwei weitere Selbstmordversuche. Ich hatte auch Bulimie—ich erbrach alles, das über meine Lippen kam.

Während meinem ersten Unijahr reduzierte ich meine Kalorienzufuhr drastisch und fing an, langsam den Verstand zu verlieren. Ich trank, nahm Drogen und ging fanatisch in Clubs. Mein Körper brach langsam unter all diesen Belastungen zusammen. Ich war am Verhungern und meine Haare fielen nach und nach aus. Meine Nägel wurden blau. Meine Haut wurde zu einer trockenen Schuppenschicht. Einmal aß ich nach einer durchgefeierten Nacht einen Burger und zwang mich, bis zur Bewusstlosigkeit die Treppe auf und ab zu rennen, um „es auszugleichen". Ich ging zum Campusarzt und sagte ihm, dass ich Hilfe bräuchte. Ich wog knapp 35 Kilogramm und er sagte mir, ich sei nicht krank genug, um Behandlung für eine Essstörung zu bekommen. Eine Borderline-Störung (oder wie man es auch immer nennt) wurde dabei auch niemals erwähnt.

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Die Leute konnten mit meinem impulsiven Verhalten nicht mithalten—manische Phasen gefolgt von Heulanfällen. Die Bezeichnungen „Drama-Queen", „Selbstdarstellerin" und „total kaputt" hafteten an mir wie Kaugummi. Ich versuchte, es zu verstecken, doch es verletzte mich, dass sie solche Dinge über mich sagten. Ich wusste nicht, wie ich erklären sollte, dass mein Verhalten nur ein Versuch war, mit meinen unkontrollierbaren Emotionen klarzukommen, denn wenn ich eine schlimme Phase durchmache, fühlt es sich an, als sei ich auf einer Achterbahn, die mir den Magen umdreht, und ich kann einfach nicht aussteigen.

Stephen Buckley, Informationschef bei Mind, einer Wohltätigkeitsorganisation für geistige Gesundheit, beschreibt Borderline-Persönlichkeitsstörung als „eine sehr weitgefasste Diagnose, die viele verschiedene Menschen mit sehr unterschiedlichen Symptomen einschließt." Er erklärte mir, dass Menschen mit BPS eine Reihe verschiedener Symptome über längere Zeiträume hinweg erfahren können, darunter „Sorge, dass andere Menschen einen im Stich lassen werden; sehr intensive Gefühle, die auch sehr wandelbar sind; ein Gefühl, als wüsste man nicht genau, wer man ist; Schwierigkeiten beim Eingehen und Aufrechterhalten von Beziehungen; impulsive Handlungen; suizidale Gedanken oder Selbstverletzung; Wut; Paranoia; psychotische Erfahrungen; ein Gefühl der Taubheit; häufiges Gefühl der Leere oder Einsamkeit."

Für mich war es mehr so, dass ich innerhalb von einer Stunde von einem suizidalen, völlig verzweifelten Zustand zu einem halbwegs positiven Gefühl schwankte. Die intensiven Stimmungsschwankungen waren furchteinflößend, denn sie gingen—und gehen noch immer—einher mit impulsiven Drängen, mich selbst zu verletzten oder Dinge zu tun, von denen ich weiß, dass ich sie später bereuen werde. Die negativen Gefühle, die über mich kommen, sind lähmend. Sie krachen über mich herein wie riesige Wellen, verschlagen mir den Atem und ziehen mich unter Wasser. Es bedeutet, dass ich mit einer hinterlistigen Stimme in meinem Kopf lebe, die mir hässliche Gedanken und Befehle einflüstert. Sie sagt mir, dass ich ein beschissener Mensch bin, dass ich es nicht verdient habe zu existieren und dass mein Leben sinnlos ist.

Persönlichkeitsstörungen werden laut dem britischen National Health Service oft in der Teenagerzeit deutlich und werden gemeinhin mit Kindheitstraumata in Verbindung gebracht. Acht von zehn Leuten mit BPS haben in der Kindheit körperlichen, emotionalen oder sexuellen Missbrauch, oder Vernachlässigung durch die Eltern erlitten.

Meine Eltern haben mich nicht vernachlässigt. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit, bis ich die Sekundarstufe erreichte. Es war die Art von Schule, auf die besorgte Mittelschicht-Eltern ihre Kinder eher nicht schicken. Es gab so gut wie keine Disziplin im Klassenzimmer und ich wurde furchtbar gemobbt, als „Lesbe" und „Kampflesbe" bezeichnet, mit Gelächter begrüßt, wann immer ich ein Zimmer betrat, mit Kaugummi bombardiert, von Jungs als „Ratte" und „Hund" abgetan, den „kein Mann jemals anfassen wollen würde." Mädchen taten in der Schwimmbadumkleide so, als hätten sie Angst vor mir, weil mir mit 11 Jahren nicht klar war, dass von mir erwartet wurde, dass ich meine Beine rasierte.

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Das ging etwa zwei Jahre so, und mit 14 war ich bereits völlig von mir selbst entfremdet und überwältigt von Gefühlen der Wertlosigkeit und Wut. Zu dieser Zeit fing mein impulsives Verhalten an: Ich fing an, mich selbst zu verletzen, zu trinken, Drogen wie Kokain, Mephedron und Speed zu nehmen und die Aufmerksamkeit von fragwürdigen Männern zu suchen. Ich wusste nicht, was eine Borderline-Persönlichkeitsstörung ist. Ich fing an, mich auf 1.000 Kalorien am Tag zu beschränken und Pro-Magersuchts-Websites zu besuchen. Ich sagte mir, dass ich mich ruhiger fühlen würde und die Leute mich mögen würden und der rasende Schmerz verschwinden würde, wenn ich nur dünn genug würde.

Erst am Ende meines zweiten Jahres an der Uni—als ich endlich einen Platz in einem Behandlungsprogramm für Essstörungen bekam—wurde bei mir eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Ich machte eine mitgefühlsfokussierte Therapie, die Menschen mit einem hohen Maß an Scham und Selbstkritik helfen soll. Ich lernte mehr darüber, wie ich mit meinen überwältigenden Gefühlen umgehen und aufhören konnte, auf die hasserfüllte Stimme zu hören, die mich drängte, meinen Körper verhungern zu lassen und zu verletzen. Die Therapie wurde mit Medikamenten gekoppelt, die mir beim Schlafen helfen und etwas von den erdrückenden Depressionen ausgleichen sollten, die so oft mit einer BPS einhergehen.

Manche BPS-Leidende hören Stimmen außerhalb ihres Kopfs, meist mit Anweisungen, sich selbst oder andere zu verletzen, und am noch extremeren Rand des Spektrums machen manche Leidende auch langanhaltende Wahnvorstellungen durch, von denen man sie nicht abbringen kann. Andere—wie Rachel Rowan-Olive, eine Frau, mit der ich gesprochen habe, die auch an BPS leidet—dissoziieren eher oder schotten sich ab, wenn ihre Gefühle zu viel werden. „Es ist schwer, BPS anderen zu beschreiben. Ich mochte die Bezeichnung ‚Borderline-Persönlichkeitsstörung' noch nie. Es ist so ein Wort, das die Leute dazu bringt, langsam von einem abzurücken. Ich dachte früher, dass viele der Kriterien für BPS auf mich nicht zutreffen, aber im Laufe der Zeit sehe ich immer mehr, dass Eigenschaften, die ich schon immer hatte, in die Diagnose passen."

„Mein Hauptproblem ist Selbstverletzung, und das ist das äußerlichste und offensichtlichste Symptom meiner BPS. Ich habe auch viele Angstgefühle, also denke ich, wenn ich schon völlig grundlos von Angst beherrscht sein muss, dann kann ich mir genau so gut Angst vor etwas machen, das echt ist und über das ich Kontrolle habe. Ich leide an emotionaler Dysregulation, die dazu führt, dass ich mich einen Großteil der Zeit sehr leer fühle. Ich glaube, ein großer Aspekt des Ganzen ist bei mir, dass ich es schwierig finde, den Unterschied zwischen meinen eigenen Gefühlen und denen anderer zu erkennen. Ich bemerke es selbst bei Fiktion—wenn ich lese oder fernsehe, kann ich in Panik geraten, weil ich die Gefühle all der verschiedenen Figuren auf einmal fühle und nicht mehr weiß, welche Emotionen meine sind."

Heutzutage versuche ich, meine Umgebung so ruhig wie möglich zu halten, und setze Ablenkungs- oder Beruhigungstechniken ein, um die Auswirkungen schlimmer Episoden auszugleichen. Die meiste Zeit habe ich meine Emotionen unter Kontrolle, aber es gibt immer noch Zeiten, in denen ich schwanke zwischen Weinen und der Unfähigkeit, aufzustehen, und hyper-produktiven, manischen Zuständen, in denen ich in Versuchung bin, extrem impulsiv zu handeln.

Ich habe immer noch Probleme damit, langfristige Freundschaften einzugehen. Die Mehrheit meiner Freunde aus Schultagen und aus der Unizeit sind nicht länger Teil meines Lebens. Es gehört zur BPS, dass man intensive Beziehungen eingeht, die nicht sehr lange anhalten, und die Krankheit ist am Ende sehr isolierend. Meine Gefühle sind so überwältigend, dass andere Leute es schwer finden nachzuvollziehen, warum ich grundlos lache und herumspringe, nur um plötzlich in Tränen auszubrechen. Ich sage den Leuten meist nicht, dass ich BPS habe, weil ich Angst habe, dass sie mich verurteilen.

Der Umgang mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung bedeutet meist eine Kombination aus Medikamenten und Gesprächstherapie. Es gibt kein bestimmtes Medikament, das für die BPS-Behandlung lizenziert ist, aber Stimmungsstabilisierer, Antidepressiva und Antipsychotika (die ich allesamt nehme) werden häufig eingesetzt. Rachel nutzt Dialektisch-Behaviorale Therapie, um ihre BPS in den Griff zu kriegen, und kombiniert diese mit Kunsttherapie. Sie plant außerdem ihre Woche im Voraus, um ein Gefühl der Struktur und Kontrolle zu haben.

Das Stigma, das allen geistigen Krankheiten anhaftet, ist alles andere als hilfreich, schadet Leidenden in vielerlei Hinsicht und kann sie davon abhalten, Hilfe zu suchen oder zu finden. Als „Persönlichkeitsstörung" kriegt BPS eine ganz gehörige Portion dieses Stigmas ab. Menschen mit BPS sind nicht kalt und emotionslos, wie Rachel fand, dass andere sie wahrnahmen, oder Aufmerksamkeitsheischer, die man sozial isolieren sollte, wie ich in meiner Unizeit dargestellt wurde. Sie versuchen einfach nur, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln mit einer Krankheit umzugehen, die kein bisschen weniger real ist als eine körperliche Störung.

Es ist sehr leicht, sich Gefühlen des Frusts und der Hoffnungslosigkeit hinzugeben, wenn du auf einer Warteliste feststeckst und es vielleicht sechs Monate oder ein Jahr dauern kann, bis du überhaupt einen ersten Termin zur Einschätzung deines Therapiebedarfs bekommst. Trotzdem ist es wichtig, dass alle, die BPS-artige Symptome erleben, ihrem Hausarzt oder ihrer Hausärztin davon erzählen. Menschen sollten nicht wegen einem geistigen Gesundheitsproblem an den Punkt gelangen müssen, an dem sie versuchen, Selbstmord zu begehen. Es ist fünf Jahre her, dass ich bewusstlos auf der Intensivstation lag, unfähig zu atmen, während eine Krankenpflegerin mir den vielen Schweiß aus den Haaren waschen musste. Ich schulde es meinem Partner, meinen Eltern, meiner Schwester und mir selbst, dass ich nicht noch einmal dort lande.