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„Es gibt wichtigere Probleme“ ist das dümmste Argument in der Töchter-Söhne-Diskussion

Wenn du tatsächlich dieser Meinung bist, dann tu uns den Gefallen und halt endlich deinen Mund.
28.6.14

Foto von _dChris via Flickr

Eigentlich wollte ich mich aus dieser Diskussion komplett raushalten, weil die Themenkomplexe Bundeshymne, Formel 1 und Andreas Gabalier in meinem bisherigen Leben einen ähnlich wichtigen Stellenwert eingenommen haben, wie die Frage, obs im Rathaus 5 Häusl gibt oder eher 15. Ich sehe sprachliche Korrekturen grundsätzlich eher kritisch und bin ganz wie Christine Nöstlinger mehr dafür, den Kontext zu erklären, als auszubessern. Nur weil wir in Wien den Dr.-Karl-Lueger-Ring umbenannt haben, ändert das nichts an der Tatsache, dass sich die Bundeshauptstadt 13 Jahre lang von einem antisemitischen Bürgermeister regieren lassen hat. Was rückblickend ganz offensichtlich eine ziemlich beschissene Wahl war, hat damals nicht so viele gestört—und genau das sollten wir nicht vergessen. Aber ich kann auch nachvollziehen, dass es viele Menschen stört, wenn ein Teil der wichtigsten Straße Österreichs nach einem Antisemiten benannt ist und der damit symbolisch geehrt wird. Sprache und Symbole erzeugen Realität—um das zu kapieren muss man nicht Philosophie studiert haben, sondern es reicht vollkommen einfach nur eine Sekunde über die Problematik nachzudenken.

Aber zurück zum Töchter-Söhne-Streit. Erschreckend ist, was da aktuell für Kommentare abgegeben werden. Und ich bin von VICE FB einiges gewohnt. Meine Theorie ist, dass zwar mittlerweile einfach jeder in diesem Land Internet hat. Aber während die junge Digital Natives Generation gelernt hat, dass das Internet genauso das echte Leben ist, wie die Welt in der man isst, kackt und fickt (und damit online ähnliche Umgangsformen gelten), ist das für den Großteil der Österreicher neu. Es ist kein Problem der Anonymität, wie das vermutlich Armin Thurnher kommenden Mittwoch wieder im Falter argumentieren wird, sondern der Irrglaube, online dem ES völlig freien Lauf lassen zu können. Ingrid Brodnig hat sich dazu aber schon bedeutend mehr Gedanken gemacht, also solltet ihr hier weiterlesen.

Was mich aber wirklich ärgert ist das unglaublich dumme Argument, dass es doch wichtigere Probleme zu lösen gibt. Dieses „Argument“ ist gleich doppelt falsch. Erstens geht es davon aus, dass wir nicht zwei oder sogar—man kann es kaum glauben—mehrere Probleme gleichzeitig angehen könnten. Hätten diejenigen recht, müssten wir auch die Verwaltungsreform, die Steuerproblematik, Aids, Entwicklungshilfe und alles andere hinten anstellen, weil es zu allererst darum geht, den Weltfrieden zu lösen. Beziehungsweise sollten wir alles liegen und stehen lassen um das essentielle Problem zu diskutieren, welches unserer Probleme die höchste Priorität hat und diese Rangliste der Reihe nach abzuarbeiten.

Und zweitens, wenn ihr schon der Meinung seid, dass es wichtigere Probleme gibt, dann Shut the fuck up! Wenn dieses Thema so unwichtig ist, ein Punkt, dem ich aus persönlicher Sicht nicht unbedingt widersprechen kann (siehe oben), dann macht es nicht zu dem riesen Scheißhaufen, der aktuell das Internet vollstinkt. Die Bundeshymne hat nach einem Parlamentsbeschluss die Töchter auch im Text. Ende der Diskussion, danke!