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Sex ohne Erinnerung: Wie leicht du K.O.-Tropfen mit einem Alkoholrausch verwechselst

"Ich kenne mich, das war nicht ich" – Drei Frauen berichten über ihren Blackout.

von Fredi Ferkova
23 August 2017, 4:00pm

Illustration von lookcatalog I flickr.com I C.C by 2.0

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der Wiener Redaktion.

Als Marie* aufwacht, hat sie schreckliches Kopfweh und einen noch schlimmeren Durst. Das Erste, was sie am Boden sieht, ist ein benutztes Kondom – neben ihr atmet ein fremder, nackter Mann. Als sie sich das erste Mal aufsetzt, fängt ihr Kopf an zu pochen und sie schaut sich im Raum um. Es ist nicht ihr Hotelzimmer, sondern ein Zimmer, in dem noch drei andere Männer schlafen. Sie packt schnell zusammen und macht sich auf die Suche nach ihren gebuchten vier Wänden – sie will sich nicht krampfhaft an Namen zurückerinnern, Small-Talk führen oder erfahren, was gestern los war. In ihr macht sich das seltsame Gefühl breit, dass es diesmal nicht lustig-betrunkene Anekdoten einer berauschten Nacht sein werden. Sie will einfach alleine im Zimmer ihren Kater auskurieren.

Am Abend versucht sie das mit dem Erinnern dann doch: Sie war als DJ im Ausland gebucht. Gestern Nacht war ihr Gig, davor hat sie ihren ersten Longdrink getrunken – es dauerte ja immerhin noch bis zu ihrer Spielzeit und ihre Routine erlaubte ihr auch ein Getränk, um locker zu werden. Die Stimmung auf der Party war ausgelassen. Marie schafft es doch nicht, sich mit dem Abend gestern auseinanderzusetzen – ihr Kopf pocht noch immer und egal, wie viel Wasser sie trinkt, ihre Zunge bleibt pelzig. Am nächsten Morgen – als sie selbst schon versucht, Erinnerungsfetzen zu finden – konfrontiert sie der Booker: Sie habe am besagten Abend die Tracks rückwärts abgespielt, er musste ihre Spielzeit übernehmen. Außerdem habe sie ihre Geldbörse und sämtliche Technik im Club liegen gelassen und sich seltsam und betrunken benommen.

Marie wird stutzig. Sie ist schon einige Zeit DJ und ja, manchmal ist sie betrunkener als sie es sein sollte, aber es musste noch nie jemand für sie übernehmen. Die 24-Jährige hatte auch schon nach etlichen Getränken ihre Arbeit machen können und noch nie hat sie ihre Geldbörse oder die teuere Technik vergessen oder verloren. Sie ist ja immerhin keine 18 mehr. Sie trinkt ja nicht seit gestern. Also versucht sie das mit dem Erinnern nochmal, um ihrem Arbeitgeber eine Erklärung zu geben: Das zweite und dritte Getränk, auch Longdrinks, hatte sie sich an der selben Bar bestellt. Danach weiß sie nichts mehr.

"Sie hatte noch nie Sex mit einen Mann, an den sie sich nicht erinnern konnte. Verdammt, sie hat so richtig gar keine Erinnerung."

Dass sie nach drei Getränken ein Blackout von der gesamten Nacht hatte, verursacht ihr starke Übelkeit. Vor allem: Sie hatte noch nie Sex mit einen Mann, an den sie sich nicht erinnern konnte. Verdammt, sie hat überhaupt keine Erinnerung. Sie weiß nicht, wer er war oder woher sie ihn kannte. Sie weiß nicht mal, wie er aussah, wie alt er war, was sie genau gemacht haben oder wie sie ins Zimmer gekommen sind. Eine kurze Erinnerung flackert auf: Jemand trägt sie auf Händen, ihr Körper fühlt sich taub an. Ja, sie hatte schon betrunkene One Night Stands. Aber das hier war anders. Ihr Verdacht, der sich für sie innerhalb von Sekunden zu einer traurigen Gewissheit formte, erschlägt sie wie eine Betonwand: Sie wurde betäubt und vergewaltigt. Aus den Medien wusste sie, dass K.O.-Tropfen nur für ein paar Stunden nachweisbar sind.

Nicht nur, dass sie mit 24 nicht genug auf ihre Getränke aufgepasst hat, nein, auch ihr Ruf bei dem Booker war ruiniert. Sie hat nicht genug getan, um kein Vergewaltigungsopfer zu werden, obwohl ihre Eltern, ja sogar die Schule gebetsmühlenartig vorsagten, wie sie sich im Club verhalten soll. Wie sie sich nachts kleiden soll. Wie sie reden soll und mit wem sie reden soll. Dass sie ihre Getränke immer bei sich haben soll. Dass sie nie vergessen darf – egal, wie ausgelassen die Stimmung ist und egal, wie wohl sie sich fühlt –, dass die Welt ihr Böses antun könnte. Dass überall potenzielle Vergewaltiger lauern. Sie hat drauf geschissen, obwohl die Nacht und das Partyleben Teil ihres Jobs sind. Vor allem hat sie gestern auch drauf geschissen, als sie noch die Chance hatte, es als gedruckten Beweis in ihren Händen zu halten.


VICE-Video: "Der Vergewaltigungs-Prediger"


"Es wirkt stimulierend. Mögliche Wirkungen sind Übelkeit, Erinnerungslücken und eine schwere Zunge." Diese Beschreibung trifft laut der österreichischen Apothekenkammer nicht nur auf Alkohol zu, sondern auch bei der Substanz GHB und GBL, auch bekannt als K.O-Tropfen. Betroffene verpassen oft die kurze Zeitspanne der Blut- und Urintests, weil sie sich oft selbst die Schuld an ihren Erinnerungslücken und vermeintlichen Entscheidungen geben – immerhin passieren die meisten K.O-Tropfen-Fälle nachts und in einer Partyumgebung. "Ich hatte schon mehr getrunken, aber dass ich dann ab zwei wirklich gar nichts weiß und irgendwo nackt aufgewacht bin – ich kenne mich, das war nicht ich", sagt mir Laura*, die genau wie Marie dieses Jahr so eine Erfahrung in einem österreichischen Club sammeln musste.

"Ich habe im Club ein Getränk von dem Typen angeboten bekommen, ich denke es war Wodka-Bull. Wahrscheinlich war es auch mit irgendetwas versetzt", versucht sich Laura zu erinnern. Sie ist unerfahren mit Drogen, trotzdem vermutet sie, unwissentlich illegale Substanzen in einer hohen Dosis konsumiert zu haben. Auch Ursula Kussyk vom Frauennotruf erzählt, dass oft auch andere Drogen in Getränke gegeben werden: "Es sind nicht nur K.O-Tropfen, also GHB. Wir hatten schon Fälle mit Koks im Cola, MDMA, schweren Psychopharmaka und Diazepam im Alkoholglas." Menschen, die nicht erfahren sind und vor allem nicht wissen, dass sie Drogen konsumieren, können von den teilweise hochgefährlichen Wechselwirkungen ausgeknockt werden. GHB, auch bekannt als Liquid Ecstasy, ist bis zu einer gewissen Dosis eine Droge, die Menschen bewusst konsumieren – die persönliche Toleranz, psychische Vorbereitung und die Dosis bestimmt, ob sie zu K.O-Tropfen werden.

"Wir hatten schon Fälle mit Koks im Cola, MDMA, schweren Psychopharmaka und Diazepam im Alkoholglas."

Laura glaubt trotzdem nicht an den willentlich-bösen Aspekt ihrer "Bekanntschaft": "Ich war halt betrunken, es war eine einschlägige, elektronische Veranstaltung – er hat wahrscheinlich geglaubt, dass ich voll drauf bin. Oder es sowieso sein möchte, sonst wäre ich ja nicht dort." Sie lächelt traurig, als sie das sagt. Dass etwas nicht stimmt und sie sich an den Sex oder restlichen Abend nicht nur wegen Alkohol nicht erinnern kann, kam Laura auch erst ein paar Tage später. "Am nächsten Tag habe ich mich nur geschämt und bin zuhause psychisch und physisch gestorben – ich hatte noch nie einen One Night Stand. Ich kannte nicht mal seinen Namen. Und gewusst habe ich auch gar nichts mehr."

Monika Wolfram von der Österreichischen Apothekenkammer bestätigt die Wirkung von GHB, wobei sie besonders vor den Wechselwirkungen mit Alkohol warnt: "Ein Mischkonsum von GHB mit Benzodiazepinen und Alkohol sollte unbedingt vermieden werden. Man ist nicht mehr in der Lage, nach dem eigenen Willen zu handeln." Das heißt, sowohl bewusste als auch unbewusste Konsumenten, die bereits angetrunken oder betrunken sind, sind erhöhter Gefahr eines Filmrisses und Kontrollverlustes ausgesetzt. Wolfram rät, dass Frauen auf ihre Getränke aufpassen und in Gruppen unterwegs sein sollten.

Kussyk fügt hinzu: "Das sind leider alles Maßnahmen, die die Bewegungsfreiheiten von Frauen einschränken. Es muss sich niemand schlecht fühlen, wenn er nicht auf sein Getränk aufgepasst hat. Es muss sich auch niemand schuldig fühlen, wenn man wirklich nur betrunken war – auch dann ist es nicht einvernehmlicher Sex. Männer sind laufend besoffen, alleine und passen nicht auf ihr Getränk auf: Es ist keine Schande, sich mal frei zu fühlen." Dass es aber kein rein weibliches Phänomen ist, zeigt die Kriminalstatistik von 2015. Von 119 Delikten, die mit K.O-Tropfen zusammenhängen, waren 73 der Opfer weiblich. Da aber besonders K.O-Tropfen-Delikte und Delikte, die mit sexueller Gewalt zusammenhängen, eine kaum schätzbare Dunkelziffer haben, sind Zahlen wie diese nur die Spitze des Eisberges und Rückschlüsse generell schwierig. Da aber auch Raub das Tatmotiv sein kann, beziehungsweise Männer auch sexuell misshandelt werden, sollten beide Geschlechter auf ihre Getränke aufpassen und in Gruppen fortgehen.

Doch was tun, wenn man erst ein paar Tage später draufkommt, dass etwas nicht stimmt? GHB ist bis zu sechs Stunden im Blut und bis zu zwölf Stunden im Urin nachweisbar – keine besonders lange Zeit, um sich Missbrauch einzugestehen und das zu melden. Doch wie Kussyk erwähnt, handelt es sich auch oft nicht um GHB, sondern eben auch um andere Substanzen. Sollte man Gewissheit haben wollen, muss man eine Anzeige bei der Polizei erstatten, sofern man für den teueren Haartest nicht selbst aufkommen möchte. Es ist außerdem nicht ausreichend, einen positiven Haartest vorzuweisen oder eben nur auf GHB zu testen – es braucht auch einen Nachweis, wo und wer welche Substanz verabreicht hat. Das ist in den meisten Fällen nicht, oder nur schwer möglich.

"Das sind leider alles Maßnahmen, die die Bewegungsfreiheiten von Frauen einschränken. Es muss sich niemand schlecht fühlen, wenn er nicht auf sein Getränk aufgepasst hat. Es muss sich auch niemand schuldig fühlen, wenn man wirklich nur betrunken war – auch dann ist es nicht einvernehmlicher Sex. Männer sind laufend besoffen, alleine und passen nicht auf ihr Getränk auf: Es ist keine Schande sich mal frei zu fühlen."

Vor allem sind viele bewusste Konsumenten von illegalen Substanzen vom Haartest abgeschreckt: Sollte man irgendwann bewusst Kokain ausprobiert haben, wird das genauso beim Haartest angezeigt, wie die Substanz, die zu den Erinnerungslücken führte. Die Tatsache und das generelle Wissen, dass die meisten Anzeigen sowieso fallen gelassen werden und meistens nur emotionalen und bürokratischen Stress bedeuten, lassen viele Betroffene zögern. Kussyk selbst sagt, dass sich eine Anzeige im Sinne einer Strafe oft nicht lohnt: Dennoch kann ein Haartest und eine Auseinandersetzung mit der Nacht psychisch helfen.

Sie rät, sich Rat bei Experten zu suchen und zusammen das Projekt anzugehen – der Frauennotruf ist eine der Institutionen, an die man sich jederzeit wenden kann. Auch streicht sie hervor, dass nicht zwingend eine Vergewaltigung passieren muss oder das Ziel ist: Raub, Bosheit und Neugierde sind nur ein paar der Gründe, warum Menschen anderen Menschen illegale Substanzen im Getränk verabreichen, ohne sie darüber aufzuklären. Manche Menschen verschwinden auch rechtzeitig, bevor es zum sexuellen Missbrauch oder Raub kommt.

So wie Karolina*, die in einer bekannten Wiener Disco einen Act sehen wollte. An den Nachhauseweg erinnert sie sich kaum. Da sie bewusst wenig getrunken hat und ihr am nächsten Tag trotzdem das Sprechen schwer fällt, sucht sie mit ihrer Mama das Krankenhaus auf. Dort werden ihr außer K.O-Tropfen – also GHB – im Körper auch eine Gehirnerschütterung festgestellt. Für sie war der Unterschied zu einem Kater eindeutig – aber sie hat im Gegensatz zu Laura und Marie bewusst wenig getrunken. Eine Anzeige macht aber auch in ihren Fall wenig Sinn, da sie nicht weiß, wer ihr die Tropfen und wann genau verabreicht hat. Trotzdem ist die Gewissheit, dass nicht ihr Konsum an der seltsamen Nacht schuld ist, befreiend.

Raub, Bosheit und Neugierde sind nur ein paar der Gründe, warum Menschen anderen Menschen illegale Substanzen im Getränk verabreichen, ohne sie darüber aufzuklären.

Doch auch Karolina kam bis zur Untersuchung im Krankenhaus nicht GHB in den Sinn. "Es ist leider sehr typisch, dass man zuerst die Schuld für Erinnerungslücken bei sich sucht", sagt Kussyk. Es gibt auch keinen verlässlichen Indikator, um zu erkennen ob man betäubt wurde oder der eigene Konsum an Erinnerungslücken schuld ist. Am besten ist es, man hört auf sich selbst: Wenn man sich anders benommen hat als sonst, wenn die Erinnerungslücken mit dem eigenen Alkoholkonsum nicht zusammenpassen oder wenn man weiß, dass man ein fremdes Getränk getrunken hat, dann können das Anzeichen für untergejubelte Substanzen sein.

Foto von Naomi August I Unsplash.com I C.C by 2.0

Urin-, Blut- oder Haartest sind die einzigen Wege, um mit Gewissheit bestimmen zu können, dass man etwas konsumiert hat, von dem man nichts wusste – wenn man an dem Abend nur Alkohol getrunken hat. Konsumenten anderer Substanzen haben es da noch mal schwieriger. Im Zuge dieses Artikels habe ich nicht nur mit Laura, Marie und Karolina gesprochen – die um die 20 sind, bekannte Discos und Veranstaltungen in Wien aufgesucht haben und so eine Begebenheit in den letzten sechs Monaten erleben mussten – sondern noch mit vielen anderen Frauen, die verunsichert von "komischen Abenden" sprachen, die sie nicht ganz einordnen können.

Ich sprach auch mit vielen Männern, die sich schwer tun, die Grenze bei frisch kennengelernten Frauen zwischen "zu betrunken" und "einfach locker" zu ziehen. Als ich Männer befragte, merkte ich, dass es auch für sie ein heißes Thema ist: Niemand hat gerne am nächsten Tag eine Partnerin, die sich nicht erinnern kann und misshandelt fühlt. Manche von ihnen haben aus dieser Sorge keine One Night Stands, andere achten besonders auf die Berauschungsanzeichen. Und ein paar wurden noch nie mit so einem Fall konfrontiert und haben sich auch keine Gedanken gemacht.

Bis heute haben Laura, Marie und Karolina gemischte und durchwegs negative Gefühle wegen des Abends. Benutzt und genötigt fühlen sie sich alle drei. Marie und Karolina haben aber die Gewissheit, dass ihnen absichtlich und ohne ihre Zustimmung Substanzen verabreicht wurden. Laura ist hin und her gerissen: Wie viel Schuld hat sie? War sie zu betrunken? Er wollte ihr ja – seiner Ansicht nach – etwas Gutes tun?

Doch dafür hat der Frauennotruf klare Worte, die man wiederholen sollte: Es ist nie deine Schuld, wenn du dich mal frei fühlst. Es ist auch nicht deine Schuld, wenn du nur betrunken warst. Einvernehmlicher Sex schließt Partner ein, die sich an die Einvernehmung erinnern können. Und wenn sich dein künftiger Sex-Partner komisch benimmt oder so wirkt, als würde er sich morgens nicht erinnern: Dann sollte man Nummern tauschen und es beim Wasser holen belassen. Das gilt für beide Geschlechter. Und dass man sowieso keine unbekannten Menschen berauschende Substanzen im Getränk kosten lässt, ist hoffentlich allen klar.

*Marie, Laura und Karolina heißen in Wirklichkeit anders. Sie möchten nicht stigmatisiert werden und haben deshalb von der Redaktion neue Namen bekommen.


Sollte dir etwas vor kurzer, aber auch langer Zeit passiert sein: Ein Anruf beim Frauennotruf kostet nichts und ist anonym. Du kannst gerne auch eine Mail schreiben. Expertinnen helfen dir rund um die Uhr und bieten dir rechtliche, sozialarbeiterische und psychologische Hilfestellungen – ohne Anzeige zu erstatten. Solltest du eine Anzeige erstatten wollen, helfen sie dir und begleiten deinen Weg.
Fredi auf Twitter: @schla_wienerin

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