Lukrativer als Drogen: das grausame Geschäft mit Designerwelpen
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Verbrechen

Lukrativer als Drogen: das grausame Geschäft mit Designerwelpen

Der illegale Verkauf von Hunden mit einem vermeintlich adligen Stammbaum ist in Großbritannien ein noch lukrativeres Geschäft als der Drogenhandel—vor allem, weil die Schmuggler nicht viel zu verlieren haben. Wir haben uns den illegalen Welpenhandel...
25.10.16

Es war der tote Cavalier King Charles Spaniel im Kofferraum von Grace Banks weißem Mercedes, der sie auffliegen ließ. Als die Polizei vergangenes Jahr ihr Haus durchsuchte, befand sich die 29-Jährige aus dem englischen Oldham im Zentrum von einer der größten polizeilichen Ermittlungen in ganz Großbritannien. Sie wurde verdächtigt, auf dem Schwarzmarkt Welpen verkauft zu haben—eine Art moderne Cruella de Vil quasi. Letztendlich wurde sie wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz im Fall von 1.000 Hunden verurteilt.

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Banks und ihre beiden Komplizen, Peter Jones und Julian King, verdienten mehr als eine Millionen Euro mit dem Verkauf von kranken Welpen an ahnungslose Kunden. Sie haben ein teures Anwesen gemietet, damit die Käufer kommen und sich die Welpen ansehen konnten. Außerdem hatten sie ein Wegwerfhandy für jede Rasse. Sie haben den Käufern sogar ein Foto von dem Muttertier gezeigt, das in einem pinken herzförmigen Rahmen auf dem Couchtisch stand. In Wahrheit wurden die Welpen mit wöchentlichen Lieferungen von irischen Farmen nach England geschmuggelt und in Plastikwannen in einem Lagerraum in Stockport gehalten. Dort hat die Organisation Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals (RSPCA) zuvor bereits vier tote Yorkshire-Terrier-Welpen gefunden. Ein Hund musste sich sein Gehege mit den Überresten eines verstorbenen Tieres teilen.

„Trotz unserem wiederholtem Eingreifen—gemeinsam mit der Polizei—führte die Gruppe ihren Verkauf fort", sagt Ian Briggs, Hauptermittler der RSPCA, der die kriminelle Gruppe vier Jahre lang verfolgt hat. „Das liegt daran, dass diese Leute immens viel Geld machen."

Dieser Fall aus der Region Greater Manchester ist nur einer von vielen. Die unstillbare Nachfrage von Haustierbesitzerin nach Designerhunden wie Möpsen, Bulldoggen oder französischen Bulldoggen befeuert einen Schwarzmarkt, der allein in Großbritannien einen Umsatz von mehr als 110 Millionen Euro mit Welpen macht. In Deutschland geht man beim Verkauf von 250 Welpen von einem Profit von 90.000 Euro für die illegalen Händler aus. Es kommen gar nicht genug der beliebten Welpen auf die Welt, um die jährliche Nachfrage zu stillen. Tatsächlich sind laut Tierschutzorganisationen wie Dogs Trust 82 Prozent aller Hunde, die illegal nach Großbritannien eingeführt werden, Instagram-taugliche Designerrassen.

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Wenn man Welpen bei einem zugelassenen Züchter kauft, kann das über 2.200 Euro kosten. Die Züchter aus Osteuropa oder Irland verschachern die Hunde bereits für weniger als 100 Euro an illegale Händler im Ausland. Die verkaufen sie dann weiter—ohne Impfungen, Papiere oder Chip—für rund 500 Euro. Für vornehmere Rassen wie französische Bulldoggen werden zum Teil über 1.000 Euro verlangt. Auf diese Weise verdienen die illegalen Händler ganz schnell über 100.000 Euro im Jahr.

Experten sehen in dem Handel mit Welpen ein ähnliches Geschäft wie mit dem Drogenhandel, nur ohne die rechtlichen Risiken: Es ist genauso lukrativ wie der Verkauf erstklassiger Drogen, nur dass Tierquälerei in Großbritannien mit allerhöchstens sechs Monaten bestraft wird. Das deutsche Recht sieht immerhin drei Jahre oder eine Geldstrafe vor. Kein Wunder also, dass die britische Polizei davon ausgeht, dass allein im Jahr 2015 bis zu 100 verschiedene kriminelle Gruppen am „Welpenkartell" beteiligt waren.

Welpen, die den Schmugglern an der Grenze angenommen werden, kommen auf eine Quarantänestation in der britischen Hafenstadt Dover. Alle Fotos: Christopher Bethell

„Sie wollen einfach nur so viel Geld wie möglich verdienen, obwohl ihnen bewusst ist, wie viel Leid sie damit verursachen", sagt Briggs. „Ihr größter Schwachpunkt ist es, dass sie in die Tiere, die sie weiterverkaufen, kein Geld investieren wollen: Wenn die Hunde krank werden, werden die Händler gemeldet."

So wie Rachels Welpe Storm. Die 26-jährige Verkäuferin aus Nordirland hat den Terrier über die Website Gumtree gekauft und hat ihn dann zu ihrer Überraschung aus dem Laderaum eines heruntergekommenen Lieferwagens abgeholt. „Die Mutter war abgemagert und voller Flohbisse und die Welpen waren in diesem rostigen Käfig, der aussah, als hätte man ihn aus irgendeinem Container gezogen", sagt sie. „Das Erste, was uns aufgefallen ist, war das schlimme Keuchen und die tränenden Augen. Ich dachte nur: ‚Wir müssen einen nehmen und verschwinden.'"

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Als sie zu Hause ankam, nahm Rachel den Hund—der, wie sich herausstellte, weniger als vier Wochen alt war—und brachte ihn zum Tierarzt. Die krummen Beine, wurden ihr gesagt, kämen von der Unterernährung. Ansonsten sei der Hund jedoch gesund. Am nächsten Tag nahmen die Dinge eine schlimme Wendung.

„Sie war extrem schläfrig", sagt Rachel. „Sie fraß nicht viel und am darauffolgenden Montag wurde sie ernsthaft krank. Ich fand sie hinter dem Sofa. Sie hatte sich selbst vollgepinkelt, weil all ihre Organe versagten. Sie schrie vor Schmerz. Am Dienstagmorgen war sie tot."

Storm hatte von ihrer Mutter Parasiten bekommen. Sie hatten sich in ihrem Magen eingenistet, was den Welpen schließlich umbrachte. Sie hat nur fünf Tage gelebt, nachdem Rachel sie zu sich nach Hause geholt hatte. Dogs Trust hat herausgefunden, dass Hunde von diesen illegalen Züchtern oft nicht gegen Krankheiten geimpft werden. Experten sagen, dass die Welpen infolgedessen mit schweren gesundheitlichen Gefahren zu rechnen haben und oft innerhalb von Wochen nach dem Kauf an Parasiten oder Krankheiten sterben.

82 Prozent aller Hunde, die illegal nach Großbritannien geschmuggelt werden sind sogenannte Designerhunde wie Dackel.

Gumtree sagt, dass sie den Tierschutz und das Wohlergehen der Tiere, die über ihre Seite vermittelt werden, sehr ernst nehmen. „Genau wie die RSPCA und die DEFRA [Department for Environment, Food and Rural Affairs] arbeiten wir mit der Pets Advertising Advisory Group (PAAG) zusammen und kommen den brachenrelevanten Standards nach, um das Wohlergehen von Tieren im eCommerce-Umfeld zu verbessern", sagt ein Pressesprecher der Anzeigenseite. „In diesem speziellen Fall würden wir empfehlen, nicht bei den Inserenten einzukaufen, sondern sie stattdessen bei der RSPCA und Gumtree zu melden."

Während Rachel zwei Stunden zu einer Tankstelle an der Grenze zu Südirland gefahren ist, um Storm abzuholen, verbringen die Welpen bis zu 40 Stunden in einem Wagen, wenn sie von Ländern wie Irland, Lettland oder Litauen aus nach England geschmuggelt werden.

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Paula Boydon, die Veterinärdirektorin von Dogs Trust, sagt, dass die hohe Zahl an illegal nach Großbritannien eingeführten Welpen ein indirektes Resultat der veränderten Gesetzgebung ist. Vor 2012 war es verboten, einen Hund, der jünger als sechs Monate ist, nach Großbritannien einzuführen. Sie mussten außerdem mit zwölf Wochen gegen Tollwut geimpft werden und benötigten als Nachweis eine entsprechende Blutuntersuchung. Das heißt, die Schmuggler haben gar nicht erst versucht, Hunde einzuführen—weil die meisten Kunden sich nicht für ältere Hunde interessieren.

Eine Mitarbeiterin von Dogs Trust im Quarantänezentrum in Dover.

Jetzt kann man unter dem Vorwand der nicht-kommerziellen Nutzung bis zu fünf 15 Wochen alte Welpen nach Großbritannien einführen und braucht auch keinen Bluttest, um zu beweisen, dass sie gegen Tollwut geimpft wurden. Das bedeutet, dass Schmuggler die Papiere oft fälschen oder die der älteren Hunde verwenden, um Welpen ins Land zu bringen, die noch nicht einmal sechs Wochen alt sind.

Manchmal verstecken sie sogar noch weitere Tiere in ihren Stiefeln oder unter den Autositzen. „Es gab einen Fall in Holyhead in Wales, bei dem ein Lieferwagen mit dem Schiff aus Irland ankam, der eine falsche Trennwand hinter dem Fahrersitz eingezogen hat, hinter der 23 Welpen versteckt waren", sagt Ian Briggs, leitender Ermittler der RSPCA. „Die Trennwand hat nicht ganz gepasst, sodass ein Zollbeamter sehen konnte, wie ein Welpe seine Nase rausgestreckt und gejault hat."

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In der Hafenstadt Dover hat Dogs Trust eine Gruppe Yorkshire Terrier gefunden, die in einen winzigen Karton voller urindurchnässter Decken gezwängt worden war. Die Tierschutzorganisation hat auch erzählt, dass sie einmal ein Auto mit vier Bulldoggenwelpen auf dem Rücksitz angehalten hat—ein Fünfter war in einem Stiefel versteckt. Die Ermittler sagen, dass diese Hunde oft weder Wasser noch Futter bekommen, um die Ausscheidungen zu minimieren. Im Sommer und Winter führen die extremen Temperaturen dazu, dass viele von ihnen auf dem Weg sterben.

Diese Reise steht meist am Ende eines qualvollen Daseins auf einer Hundefarm. Nachdem Boyden die Bedingungen in solchen Einrichtungen sowohl in Litauen als auch in Ungarn über zwei Jahre lang untersucht hat, sagt sie, dass die Hunde in „schmutzigen und überfüllten" Bedingungen gezüchtet werden und Tierärzte Informationen über die Welpen oft fälschen.

Französische Bulldoggen gehören auf dem britischen Schwarzmarkt zu den gefragtesten Hunderassen.

„Wir haben mal mehrere Welpen in einem Schrank unter der Treppe gefunden. Sie haben nur Tageslicht gesehen, wenn jemand den Schrank geöffnet hat", sagt sie. „Außerdem sieht man, wenn man sich den Stammbaum ansieht, dass die Züchter Brüder und Schwester miteinander gepaart haben."

Die inzestuöse Zucht hat zur Folge, dass die Hunde unter Erbkrankheiten leiden. Rebecca Thomas, Mitarbeiterin bei Dogs Trust, sagt, dass sie Möpse und französische Bulldoggen mit sogenannten „Kirschaugen" gesehen hat, bei dem sich die Nickhautdrüse aus dem Augeninneren nach außen wölbt. In einem Fall war die Tränendrüse so deformiert, dass sie fast das gesamte Auge bedeckt hat, was den Hund effektiv erblinden ließ.

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Mit kranken Welpen kennen sich die Mitarbeiter des Quarantänestation in Dover nur allzu gut aus. Das Zentrum kümmert sich um Hunde, die illegal nach Großbritannien gebracht wurden oder nicht die richtigen Impfungen oder Papiere haben. Das Quarantänezentrum arbeitet seit Kurzem mit Dogs Trust zusammen, um ein Zuhause für die Tiere zu finden, da die Schmuggler in der Regel nicht wiederkommen, um die Welpen abzuholen. Dogs Trust übernimmt die Impfungen, die Unterkunft und die medizinische Versorgunn. Diesen Sommer hatte das Quarantänezentrum 60 Welpen in seiner Obhut—so viele wie noch nie.

Als Broadly das Tierheim im September besucht hat, haben wir zwei Dackelwelpen namens Teeny und Tiny von einer Hundefarm in Lettland getroffen. Sie wurden nach Großbritannien geschmuggelt, als sie noch so klein waren, dass man sie in einer Hand halten konnte. Wegen der fehlenden Tollwutimpfung durften sie ihren Zwinger fünf Wochen lang nicht verlassen und waren am Anfang so schüchtern, dass sie sich vor den Mitarbeiterin in ihrem Käfig versteckt haben.

Dieser Dackel stammt von einer Hundefarm in Lettland. Er wurde ebenfalls nach Großbritannien geschmuggelt.

„Was die beiden erlebt haben, ist wirklich sehr, sehr traumatisch", sagt Rebecca Thomas. Sie und ihr Team versuchen die Welpen zu resozialisieren, während sie in Quarantäne sind. Sie versuchen, jeden Tag ungefähr eine Stunde lang mit den Hunden zu spielen. Dabei müssen sie sich jedes Mal, bevor sie einen Zwinger verlassen oder betreten, komplett desinfizieren. „Wenn sie von einer Hundefarm kommen, sind sie den Kontakt zu Menschen oder anderen Tieren meist nicht gewohnt. Das heißt, dass sie vor den Mitarbeitern und neuen Situationen erst einmal Angst haben, aber man wird damit belohnt zu sehen, wie die Welpen ihre Angst immer weiter verlieren und anfangen mit einem zu spielen."

Trotz der Traumata, die die Hunde erleiden, sind die Strafen für den illegalen Handel mit Welpen sehr gering. Keiner der Besitzer von den Hunden, die ich in Quarantäne getroffen habe, musste mit rechtlichen Konsequenzen rechnen und die, die bestraft wurden, bekamen lediglich milde Strafen wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz. „Sie bekommen nur drei Monate", sagt Briggs von RSPCA. „Das schreckt die Leute nicht ab. Das ist für sie nur eine kurze Pause vom Geschäft und danach machen sie einfach weiter."

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Stattdessen, sagt er, hat die RSPCA angefangen, die Gruppen wegen Betrug anzuzeigen, weil sie so tun, als wären kranke Welpen von Hundefarmen adlige Hunde aus einer Familienzucht. Dieses Vergehen kann mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden kann.

Was Grace Banks betrifft: Sie wurde zu insgesamt fünf Monaten verurteilt, als sie 2015 zum ersten Mal wegen Tierquälerei vor Gericht stand. Kurz nachdem sie auf Kaution freigekommen war, wurde sie dabei erwischt, wie sie erneut Welpen verkaufte. Als sie diesen Sommer wieder vor Gericht stand, wurde sie wegen Tierquälerei und Betrug verurteilt. Dieses Mal bekam sie neun Monate und eine „Gangster-Gebühr" von umgerechnet rund 565.000 Euro vom ihrem Gewinn. Bis Juni diesen Jahres hat sie allerdings erst umgerechnet 10.000 Euro gezahlt.

Da die Einsätze so gering und die Gewinne so groß sind, ist es also nur schwer vorstellbar, dass der illegale Handel mit Welpen abnehmen wird, bevor unsere Besessenheit mit Designerwelpen aufhört.