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Popkultur

Schwesta Ewa beweist gerade, dass sie die lässigste Mutter Deutschlands ist

Trotz Gefängnis und Straftaten: Sie kann uns ein Vorbild sein.

von Anna Mayr
07 März 2019, 5:01am

Mutter Ewa mit Aaliyah Jeyla | Foto: Schwester Ewa | Instagram

Schwesta Ewa trägt einen Blumenkranz-Filter auf dem Kopf und ihr Gesicht glitzert ein bisschen. "Ratet mal, welche Schönheits-OP ich machen will?", fragt sie ihre Follower und flucht danach auf alle, die falsch liegen ("Augenbrauen? Was habt ihr gegen meine Augenbrauen?"). Neben ihr auf der Couch sieht man die winzigen Beine ihrer Tochter Aaliyah Jeyla strampeln, die Anfang Januar geboren wurde. Als ich das sah, dachte ich, dass ich irgendwann mal genau so eine Mutter werden will wie diese Frau.

Ja, ich meine das verdammt ernst. Natürlich will ich nicht Prostituierte sein und auch nicht Zuhälterin, ich will nicht vor Gericht stehen und nicht wegen Körperverletzung und Steuerhinterziehung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt werden. All diese Dinge hat Schwesta Ewa getan, und dafür muss man sie nicht feiern. Was sie gemacht hat, ist große Scheiße. Das weiß sie, vermute ich, selbst. Im siebten Monat ihrer Schwangerschaft schrieb sie unter ein Babybauch-Selfie: "Ich wünsche mir, dass der Apfel weit weg vom Stamm fällt."

Und ich glaube, dass sie genau deshalb eine ziemlich gute Mutter ist und sein wird.

Du musst erst selbst perfekt sein, bevor du ein Kind bekommen kannst – das ist ein Leitsatz, den wir jungen Frauen einbläuen. Kinder brauchen ein sicheres Umfeld. Kinder sind kein Spaß, sondern ein Projekt, das aus einer perfekten Frau eine noch perfektere Frau macht. Also machst du erst Karriere, dann wirst du schwanger, dann kannst du perfekte Babyfotos auf Instagram posten. Auf den Fotos sollte dein Kind perfekte Cord-Latzhosen tragen und immer einen Dinkel-Keks in der Hand haben. Sonst glaubt dir keiner, dass du es liebst.


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Schwesta Ewa hält ihr Kind recht selten in die Kamera – dafür umso häufiger ihren Körper. Darf sie halbnackt mit einem Säugling posieren? Darf sie sagen, dass sie die Kaiserschnitt-Narbe mit einem billigen Tribal-Tattoo überstechen lassen will? Die Hater finden: Darf sie nicht. Zum Glück ist ihr das egal.

Ihre Tochter muss ungefähr sechs Wochen alt gewesen sein, da verbrachte Schwesta Ewa einen Tag damit, sich die Haare glätten zu lassen. Ich war dabei, in ihrer Instagram-Story. Am Abend hatte sie dann anscheinend lauter Nachrichten bekommen, von Leuten, die fragten, wo denn ihr Kind in der Zeit gewesen sei. "Um mein Profil schwirren gerade ganz viele Helikopter-Mütter", sagte sie, und: "Was glaubt ihr denn, was ich mit meinem Kind mache, wenn ich es nicht 24 Stunden am Tag in die Kamera halte? Draußen auf der Straße anleinen?"

Eltern sind Menschen, die niemandem etwas beweisen müssen – außer vielleicht ihren Kindern. Keine Mutter muss ihr Baby permanent mit sich herumtragen, damit man ihr glaubt, dass sie sich darum kümmert. Eine Mutter darf Hobbys haben, sie darf ihren "Arsch auf der ein oder anderen Tanzfläche bewegen", wie Schwesta Ewa es sagt, sie ist kein Sklave ihres eigenen Nachwuchses, sondern eine Person mit Gefühlen und Haaren, die geglättet werden wollen.

Ich will eine Mutter werden, die ihre eigenen Fehler kennt. Die weiß, dass sie ihr Kind verkorksen wird – weil das alle machen. So wie Schwesta Ewa.

Ich habe keine Ahnung, wie es ist, Kinder zu haben. Und ich weiß auch nicht, ob Instagram noch existiert, wenn ich irgendwann mal welche habe. Aber was ich jetzt schon von Schwesta Ewa lerne, ist Lässigkeit: sich selbst und seinem Kind gegenüber. Man muss Kinder nicht den ganzen Tag fotografieren und streicheln und angucken, damit sie glückliche Menschen werden. Es reicht vielleicht, sie regelmäßig zu wickeln und zu lieben und darauf zu hoffen, dass man einen Platz im Mutter-Kind-Knast bekommt. Ganz egal, ob man dafür Hass-Nachrichten auf Instagram erhält.

Die Welt hat viel zu wenig fehlbare Eltern, oder: zu wenig Leute, die zugeben, dass sie das sind. Zwar tun alle Mama- und Papa-Blogger so, als wäre ihnen Imperfektion und Ehrlichkeit total wichtig. In Wirklichkeit ist es für die meisten aber schon ein Zeichen von Echtheit, wenn sie fotografieren, wie ihre Kinder mit Wasserfarben auf den hellblauen Baumwoll-Schlafanzug gekleckert haben – #familylife #socute #chaos. Für Schwesta Ewa heißt Imperfektion, dass sie Aaliyah Jeyla irgendwann erklären muss, dass sie die ersten paar Lebensjahre in einem Gefängnis verbracht hat. Und vielleicht kommt daher auch Ewas Gelassenheit den Helikopter-Eltern gegenüber – sie hat einfach weitaus größere Probleme.

Ich will eine Mutter werden, die ihre eigenen Fehler kennt. Die weiß, dass sie ihr Kind verkorksen wird – weil das alle machen. Auch die Helikopter-Mütter, durch ihre übertriebenen Erwartungen an ihre Kinder und durch ihren zwanghaften Willen, eine perfekte Familie zu sein. Schwesta Ewa weiß eh schon, dass sie es niemals irgendwem recht machen können wird – und macht deshalb einfach, was sie will.

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