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Das Behindertentheater der dOCUMENTA (13)

Das "Disabled Theatre" des französischen Choreographen Jerome Bel bringt Mädchen mit Down-Syndrom auf die Bühne, um sie zu Justin Bieber-Songs tanzen zu lassen.
12.6.12

Auf der Pressekonferenz der dOCUMENTA (13) hab ich eine bestimmte Interview-Frage gestellt, über die ihr hier alles nachlesen könnt. Seltsamerweise hat diese Frage sogar Wellen bis in die Medien geschlagen, obwohl ich die Kuratorin (Pornostar Carolyn Christov-Bakargiev) nur gefragt habe, was sie Leuten antwortet, die denken, dass sich die gesamte Ausstellung zu sehr um sie selbst dreht (die Pressemappe enthält immerhin 19 Porträts von ihr). Ihre Antwort darauf? „Schauen Sie sich die Ausstellung an.“ OK. Gesagt, getan!

Zwei Stunden später fand ich mich also in einem Theater wieder und schaute einem Mädchen mit Down-Syndrom dabei zu, wie sie Justin Bieber-Songs sang. Es war das "Disabled Theatre" vom französischen Choreographen Jerome Bel. Ein ziemlich fertiges Stück Kunst, wenn ihr mich fragt. Bel, der während der Aufführung kein einziges Mal auf der Bühne erschien, hatte elf Schauspieler vom Theater HORA in Zürich engagiert—ein Theater für Schauspieler, die das Down-Syndrom haben oder an anderen Lernbehinderungen leiden. Auf den Punkt gebracht, ist es nicht die Art von Theater, wie man es normalerweise kennt. Allerdings sollte in diesem Stück das Verhalten auf der Bühne dem Verhalten hinter den Kulissen der dOCUMENTA (13) entsprechen.

Als dritte offizielle Performance am Eröffnungstag der dOCUMENTA (13) war bei diesem Stück nur das halbe Theater voll. Alle behinderten Schauspieler, einer nach dem anderen, kamen auf die Bühne und stellten sich vor, indem sie ihr Alter, ihren Beruf (alle waren Schauspieler) und ihre Behinderung nannten. Die Einführung kam einem ein bisschen so vor, als wäre eine Sitzung der anonymen Alkoholikerplötzlich öffentlich. Die schwarzen Stühle auf der Bühne waren im Kreis aufgestellt. „Ich habe eine Lernbehinderung, die mein Gedächtnis beeinträchtigt,“ sagte ein Schauspieler namens Remo Beuggert. „Das macht mich also zu einem ziemlich schlechten Nachrichtenübermittler.“ Eine andere, Tiziana Pagliaro, sagte zu ihrer Krankheit einfach nur: „Keine Ahnung.“ Die herzzerbrechendste Antwort kam von der 40-jährigen Schauspielerin Lorraine Meier: „Ich bin ein Mongo, ich bin im Arsch und es tut mir Leid.“ Sie fing an zu weinen, wischte sich die Tränen von den Wangen und ging mit dem Kopf in den Händen zurück zu ihrem Stuhl.

Das alles unangenehm zu nennen, wäre eine Untertreibung.

Viele verließen das Theater; der Rest von uns schaute mit großen Augen zu, während uns ein Schauer den Rücken herunter lief. Ich war die einzige, die Fotos machte—und sogar das fühlte sich an, als wäre es zu viel. Der Rest versteckte sich in der Dunkelheit des Theaters, einige von ihnen starrten auf ihre Smartphones. Ansonsten herrschte absolute Stille. Als Nächstes wurden sieben der elf Schauspieler ausgewählt, um einen Song und einen Tanz zu performen.

Erinnert ihr euch an das Lied „They Don't Care About Us“ von Michael Jackson? Eine Schauspielerin, Julia Häusermann, stampfte während des gesamten Liedes über die Bühne.

Der Schauspieler Matthias Brücker kam auf die Bühne, zog sein Shirt aus und drehte für sein Lied ein paar Runden um das Theater (sogar der Bühnenassistent Chris runzelte die Stirn), doch offensichtlich war nicht genug Zeit, um alle dran kommen zu lassen.

Gianni Blumer, der nicht gewählt wurde, hielt eine leidenschaftliche Rede darüber, wie sehr er sich gewünscht hat, dass er seinen Tanz hätte aufführen können und wie gerne er Leute zum Lachen bringt. Nach dem Auftritt nahm jeder der Schauspieler das Mikrofon und sagte, was sie über die Show dachten—und auch was ihre Familien von der Show hielten. „Meine Mutter sagt, es war eine Freakshow,“ sagte ein Schauspieler, Damian Bright. „Meine Schwester saß heulend im Auto und sagte, dass die Leute auf der Bühne ihre Hände aufessen.“ Ein paar andere Schauspieler, die sich im Publikum befanden meinten, dass sie das Stück „sehr gut.“ finden würden … ich persönlich fand es großartig.