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Warum verherrlichen Teenager Amokläufe im Netz? Wir haben mit einem gesprochen

Der 18-jährige Janik kannte den Münchner Amokläufer David S. und den 15-jährigen Ludwigsburger, der verhaftet wurde, weil er Waffen und Pläne seiner Schule zu Hause lagerte.

von Matern Boeselager
11 August 2016, 11:00am

Dieser Tweet erschien einen Tag nach dem Amoklauf von David S. in München. Er tötete bei einem McDonald's neun Menschen

Zuerst fand der Tweet kaum Beachtung, retweeten wollte das bis heute niemand, allerdings bekam er 18 Likes. Dann wurden Redakteure von Spiegel Online darauf aufmerksam und interpretierten ihn als ernst gemeinte "Manöverkritik" an dem Amoklauf und Beispiel für den "Amokkult", den kleine Gruppen auch im deutschen Internet ausleben. Diese Gruppen sympathisieren mit Amokschützen und bewundern sie.

Vier Tage nach dem Amoklauf nahm die Polizei einen 15-Jährigen in Ludwigsburg fest. Er steht unter Verdacht, einen Amoklauf geplant zu haben. Ein Reddit-User hatte offenbar Bilder von Waffen auf dem Instagram-Profil des Schülers entdeckt und herausgefunden, dass dieser mit David S. zumindest bekannt gewesen war, und die Polizei alarmiert. Bei der Hausdurchsuchung fanden die Einsatzkräfte Waffen, größere Mengen Chemikalien und Pläne der Fluchtwege an der Schule des Jungen.

So wie David S. war auch dieser Schüler Teil einer losen Gruppe auf der Online-Spiele-Plattform Steam. Zu der Gruppe gehört auch der Verfasser des erwähnten Tweets, Janik.

Janik ist 18 Jahre alt, lebt bei seinen Eltern in Niedersachsen und macht gerade Abitur. Auf YouTube veröffentlicht er eine Videoreihe, die er "Amok"-Folgen nennt. In den Videos rekapituliert er Amokläufe wie das Schulmassaker von Jokela 2007 in Finnland. Sein YouTube-Name ähnelt jenem des Täters. In den drei bis jetzt gedrehten Folgen visualisiert er die Tathergänge und -hintergründe und er kommentiert sie in einem Ton, den der Teenager wohl für locker und möglichst abgebrüht hält. Die brutalen Bilder unterlegt er mit Heavy Metal. Niemand weiß, wie groß diese sehr amorphe Amokszene insgesamt ist. Janiks Videos sehen zwischen 1.000 und 5.000 Usern.

Szene aus einem der Videos | Screenshot: YouTube

Kurz nach der Verhaftung des 15-Jährigen in Ludwigsburg veröffentlichte Janik ein wütendes Video, in dem er der Polizei und den "unwissenden Idioten" auf Reddit vorwarf, das Leben des Schülers "zerstört" zu haben. Der Verhaftete, den er bei seinem Klarnamen nennt, sei "Teil unserer Community" gewesen, dort hätte jeder über seine "früheren Amokfantasien" Bescheid gewusst und auch, dass er sie schon lange hinter sich gelassen hätte. Und dann warf er eine überraschende Behauptung in den Raum: Seinem Kanal und auch der "Community" gehe es nicht um die Verherrlichung von Amokläufen, sondern um deren Prävention.

Ist die ganze Aufregung um den Amokkult also ein Missverständnis? Wie viel Wahnsinn steckt in der Vorstellung, dass Schüler in der Online-Gruppe als Wohltäter agieren, die auf eigene Faust potenzielle Massenmörder anlocken, um sie dann geduldig von ihrem Vorhaben abzubringen? Handelt es sich vielleicht bei vielen dieser Amokfans um Leute, die durch asozialen Humor provozieren wollen und deren Witze ihnen jetzt langsam über den Kopf wachsen—weil es dann doch immer wieder Einzelne gibt, die nicht nur geschmacklose Scherze machen, sondern Menschen töten? Um das herauszufinden, haben wir mit Janik gesprochen.

VICE: Janik, warum twitterst du so was? Warst du wirklich enttäuscht, dass David S. in München nicht mehr Leute getötet hat?
Janik: Nein, das ist alles nur Humor. Ich sympathisiere nicht mit dem Schützen, ich bin nicht traurig darüber, dass so wenig Leute gestorben sind. Auch einer ist zu viel. Das, was ich getwittert habe, darf man nicht ernst nehmen, das nimmt doch auch keiner ernst.

Kann denn irgendwas an einem Amoklauf lustig sein?
Das Lustige an Amokläufen ist für mich—und viele andere—wahrscheinlich, dass es einfach nicht lustig ist. Deshalb provozieren Witze darüber Leute, die sowas nicht lustig finden. Und da liegt für mich eben ein persönlicher Reiz drin, wenn sich Leute darüber aufregen. Meistens regen sich dann auch Leute auf, die nicht direkt davon betroffen sind.

Was würde deiner Meinung nach die Mutter eines der jungen Opfer von München denken, wenn sie deinen Tweet lesen würde?
Die wird das natürlich verurteilen, vielleicht wird sie mich anzeigen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich gering, dass sie das mitkriegt. Gerade weil die Zahl der Leute, die sich über sowas lustig machen, so viel kleiner ist als die Zahl der Leute, die da Mitleid zeigen. Deshalb finde ich auch, dass ich das nicht machen muss. Ich muss da kein Mitleid zeigen.

Du machst das also nur, um Leute zu provozieren?
In erster Linie, ja. Das ist vielleicht nichts, auf das ich später stolz sein werde, aber es macht halt gerade Spaß. Und es macht vielen anderen Leuten auch Spaß.

Was macht Spaß am Provozieren?
Der Reiz ist es, das Gegenüber aus der Reserve zu locken und ihn so unweigerlich zu verarschen, bis die Tränen kullern und Radikalität erzeugt wird, also Hass auf mich.

Warum willst du, dass dich andere hassen?
Weil Hass einem im Internet in den meisten Fällen nichts anhaben kann. Und Streiten kann verdammt unterhaltsam sein.

Zu eurer Gruppe gehörte auch der 15-Jährige aus Ludwigsburg, der gerade verhaftet worden ist und kurz davor gestanden haben soll, Amok zu laufen. Warum ärgerst du dich so über die Festnahme?
In letzter Zeit findet wegen dieses Amoklaufs eine richtige Hetzjagd auf mich und meine Freunde statt. Die haben jetzt alle Angst, dass die Polizei reinstürmt, bei einem wurde schon der PC weggenommen. Und das alles wegen ein paar Instagram-Posts, die wir lustig fanden. Dafür wurde dann D. von diesen Reddit-Usern aufs Korn genommen. Am nächsten Tag habe ich in der Zeitung gelesen, dass er vom SEK zu Hause abgeholt wurde. Das ist doch völlig übertrieben. Dessen Leben ist jetzt komplett im Arsch, der ist jetzt in der Psychiatrie.

Der Instagram-Post, der den Reddit-User die Polizei rufen ließ

Es geht doch nicht nur um einen Instagram-Post. Er soll Waffen, Chemikalien zum Bombenbau und Pläne seiner Schule zu Hause gehabt haben. Woher willst du wissen, dass D. keine Gefahr war?
Wir wussten Bescheid, dass er in der Schule nicht klarkam und auch schonmal solche Pläne gemacht hat. Aber er hat uns dann auch gesagt, dass er das längst alles verworfen hatte, die Sachen lagen nur noch bei ihm zu Hause rum. Wenn er weiter geplant hat, dann wussten wir davon echt nichts.

Das heißt doch nicht, dass er nichts vorhatte.
Es könnte theoretisch sein, aber ich wüsste nicht, warum er uns das nicht erzählt hätte. Er hat uns sonst alles erzählt. Also, man kann sich da nicht sicher sein, und vielleicht ist es ganz gut, dass er von der Wohnung weg ist, wo die ganzen Sachen rumlagen. Aber trotzdem finde ich, dass die Polizei da völlig überreagiert hat.

Das sehen die meisten Leute wahrscheinlich anders. David S., der Amokläufer von München, war auch Teil deiner "Community". Hat er euch vorher verraten, was er vorhat?
Nein, der hat mit uns über sowas gar nicht geredet. Der war halt leider so ein Mensch, der da sehr verschlossen war.

Wie ist diese "Community" entstanden?
Für meine Amok-Folgen habe ich mir halt ein paar Leute geholt, die mir Informationen holen, weil das teilweise ein ziemlich großes Themenspektrum ist. Die hatten auch alle Interesse an sowas, und so habe ich immer mehr Leute kennengelernt, unter anderem diesen Ali aus München [David S. hieß ursprünglich Ali S. und benannte sich später um, Anm. d. Red.]. Dadurch hat sich dann so eine kleine Community aufgebaut.

Was habt ihr sonst gemacht?
Wir haben uns jetzt nicht die ganze Zeit mit Amokläufen beschäftigt, das war einfach eine Gruppe, die gezockt hat und Spaß gehabt hat. Nebenbei haben wir Informationen zu dem Thema zusammengesucht—aber nur, weil wir uns dafür interessieren, nicht, weil wir solche Taten in Betracht ziehen.

Szene aus einem der Videos | Screenshot: YouTube

Wie muss man sich die Leute in dieser Gruppe vorstellen?
Das sind keine Leute, die kein Selbstvertrauen haben. Die lachen, die machen Späße, das sind ganz normale Leute. Man kann die nicht alle in eine Schublade stecken. Ich bin jetzt auch niemand, der keine Freunde hat. Ich bin schon gut integriert, ich mache diese Videos ja auch nur nebenbei.

Warum machst du diese Videos überhaupt?
Mich fasziniert, was in den Köpfen dieser Leute vorgeht. Und vielen anderen geht es auch so, deshalb schauen sie meine Videos. Bei sowas finde ich es wichtig, dass man einen ausgewogenen Anteil an Informationen und Humor reinbringt, und das fehlte mir bei den anderen. Das war der erste Grund, diese Videos zu machen.

Später haben wir dann rausgefunden, dass wir damit vielleicht auch mehr tun können: indem die Community Leute anzieht, die sowas wirklich vorhaben. Wenn ich mit meinen Videos einen bestimmten Grad an Bekanntheit erreicht habe, kommt dann vielleicht jemand, der sowas vorhat und der mir vorher die Hintergründe erklärt, weil er ja berühmt werden will.

Du denkst ernsthaft, du kannst potenzielle Amokläufer durch amokverherrlichende Videos von ihren Taten abhalten?
Ich finde, das ist keine Gewaltverherrlichung. Wir sympathisieren ja nicht mit denen, die da Leute erschießen. Wir sind einfach der Meinung, dass alle Leute bei diesen Vorfällen Opfer sind, weil die Schützen ja auch geisteskrank sind.

Mit den Opfern scheinst du aber kein Mitgefühl zu haben. In einem Video nennst du sie "Statisten", eine ermordete Schwangere nennst du "schwangere Mastkuh".
Ja, gut, das ist der schwarze Humor. Solche Aussagen darf man natürlich nicht ernst nehmen. Da könnte es natürlich zu Problemen kommen, wenn man das ernst nimmt. Aus Erfahrung weiß ich, dass die Polizei das auch ernst nehmen wird.

Oder ein potenzieller Amokläufer nimmt es ernst, der die Täter in deinen Videos bewundert.
Natürlich regt sowas zur Nachahmung an, diese Aufmerksamkeit generell. Wenn sowas in den Medien dauernd zur Sprache kommt, regt das natürlich manche Leute an.

Aber du machst im Grunde das Gleiche, nur zusätzlich unterlegst du es mit Rock-Musik.
Tja, na ja. Also eigentlich versuche ich, das lustig darzustellen. Ich hatte nie vor, die Leute als besonders cool rüberzubringen. Wenn sich da einer reinsteigert, dann stehen die Chancen eben doch hoch, dass er vorher zu mir kommt.

Wie würdest du denn reagieren, wenn der zu dir kommt und sagt: "Ich ziehe das jetzt durch, ich habe auch schon eine Waffe"?
Na ja, das ist dann halt situationsspezifisch. Ich hatte noch nie einen Amokläufer, der zu mir gekommen ist. Aber wir hatten schon vor Ali welche in der Community, die Erfahrungen mit so Leuten hatten. Leute, die das vorhatten und sich dann auch wirklich selbst erschossen haben, als die Polizei kam. Da hat man halt versucht, denen Hoffnung zu machen, ihnen zu erklären, dass das Leben mehr zu bieten hat als das, was sie gerade erleben.

Du glaubst wirklich, du kannst einen potentiellen Amokläufer besser erkennen und behandeln als ein Therapeut?
Ja, ich denke es nicht nur, ich meine, es zu wissen. Ich kenne niemanden in der Community, der solchen Leuten wirklich vertraut. Aber wie gesagt, ob das klappt, das muss man halt testen. Wir versuchen auch gerade, uns da Methoden anzulesen. Bei Ali wäre das perfekt gewesen, um das auszuprobieren, aber der hat uns ja leider nicht eingeweiht.

Bis jetzt ist eure Bilanz nicht gut: Der Amokläufer von München war in eurer Gruppe. Ein weiteres Mitglied wurde mit Bomben und Plänen seiner Schule zu Hause verhaftet. Hast du nicht langsam das Gefühl, dass es Zeit wäre, mit den Videos aufzuhören?
Ich sehe da keinen direkten Zusammenhang, die hätten das auch ohne meine Videos getan. Es gibt für mich keinen Grund, damit aufzuhören. Ich fühle mich in keiner Weise verantwortlich für diesen Amoklauf. Ich fühle mich auch nicht verantwortlich für kommende Amokläufe. Ich bin einfach ein Typ, der auf YouTube Videos über diese Sachen macht und sich halt ein bisschen lustig drüber macht. Mein Gott.

Wir haben uns dafür entschieden, weder den Namen von Janiks YouTube-Kanal zu nennen noch darauf zu verlinken. YouTube selbst spricht in seinen Richtlinien davon, eine Grenze zu ziehen "bei Inhalten, die Gewalt provozieren", oder "wenn in deinem Video andere Nutzer aufgefordert werden, eine gewalttätige Handlung auszuüben". Wer YouTube-Videos melden möchte, die gewaltverherrlichend sind, erfährt hier, wie das geht.