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Spirituosen

Transnistrien existiert zwar nicht, ist aber berühmt für seinen Weinbrand

Das kleine Land zwischen Moldawien und der Ukraine ist völkerrechtlich zwar nicht anerkannt und eher berüchtigt für Korruption, Waffen- und Menschenhandel, aber inmitten der Hauptstadt wird seit über 100 Jahren exquisiter Weinbrand hergestellt.
1.2.16
Photos by the author.

Es gibt wenig in Transnistrien, worauf die Transnistrier wirklich stolz sein können. Während des turbulenten Zerfalls der Sowjetunion erklärte das Land 1991 seine Unabhängigkeit. Seitdem sind über 25 Jahre vergangen und bis jetzt wurde das Land noch nicht völkerrechtlich anerkannt. Westeuropäische Regierungen bezeichnen es nur als Schmugglerring, das sich als Staat tarnt, und beschuldigen das Land, ein Paradies für Menschen- und Waffenhändler zu sein. Die Bevölkerung ist zu einem großen Teil russischstämmig, aber als sie sich 2006 per Referendum dafür entschieden, wieder Teil der Russischen Föderation zu werden, hat Moskau abgelehnt. Transnistrien ist eine der ärmsten Regionen Moldawiens, was wiederum eines der ärmsten Länder Europas ist.

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Aber es gibt eine Sache, mit der sich der Transnistrier gern rühmt (durchaus zu Recht), nämlich mit dem berühmten KVINT-Brandy. Die Spirituosenfabrik gibt es seit 1897 und sie ist eines der ältesten noch existierenden Unternehmen des Pseudo-Staats. KVINT hat die Höhen und Tiefen der Sowjetunion miterlebt—auch der (gescheiterte) Versuch Mitte der 80er, ein landesweites Alkoholverbot einzuführen, wodurch viele Alkoholproduzenten der ehemaligen UdSSR den Bach runtergegangen sind. Heute werden bei KVINT in der Hauptstadt Tiraspol jährlich mehr als 20 Millionen Flaschen abgefüllt.

Kvint Outside

Die Spirituosenfabrik. Fotos von der Autorin

Obwohl die Fabrik Weine, Gin und Wodka im Angebot hat, ist sie doch am berühmtesten für ihre mehrfach ausgezeichneten Weinbrände.Wie bei jedem guten Branntweinwird die Qualität schon bei den Trauben aus der Region bestimmt. Transnistrien liegt östlich des Flusses Dniester und damit im Herzen der historischen Weinregion Bessarabien, eine Schatzkammer des Weinbaus am Schwarzen Meer, das ebenso jahrhundertelang unter russischer Herrschaft stand.

Die bessarabischen Trauben, die es bis nach Tiraspol schaffen, werden dann zu Weinbrand gemacht, wobei ähnlich vorgegangen wird wie beim französischen Cognac: Er wird zweifach in Kupferkesseln gebrannt, dann in Eichenfässern gelagert und vorsichtig mit Wasser auf Trinkstärke herabgesetzt. Die Rebsorten sind ähnlich wie beim Cognac, eine Mischung aus Colombard, Riesling und Ugni Blanc. Obwohl die Brennerei sich strikt an die französischen Methoden hält, darf KVINT ihr Produkt nicht „Cognac" nennen, weil es eben nicht in Cognac in Frankreich produziert wird. Stattdessen nehmen sie das moldawische Wort divin. Daher kommt auch der Firmenname: KVINT ist ein Akronym für russisch Kon'iaki, vina i napitki Tiraspol'ia (Weinbrand, Wein und Getränke aus Tiraspol). Allerdings wird der divin von KVINT in diesem Land, wo internationales Recht anscheinend nicht so wirklich gilt, immer noch Cognac genannt.

Transnistrian Govt Building

Ein Regierungsgebäude in Transnistrien

Der drei Jahre alte Cognac von KVINT ist der jüngste im Sortiment und so streng, dass man damit besser Wunden desinfizieren könnte. Aber je älter der Weinbrand, desto sanfter und komplexer wird er. Die Krönung ist wohl der „Prince Wittgenstein": 50 Jahre gereift und benannt nach dem russischen Feldmarschall, der die Weinherstellung in der Region „erheblich gefördert" hat. Allerdings darf der Pöbel (wie ich) nicht einfach in der Fabrik vorbeischauen und den teuersten Brandy probieren. Auf der Website wird er als Weinbrand mit „komplexem Bouquet, vollem Geschmack und langem Abgang" beworben und wird in einer vergoldeten Geschenkbox aus Holz ausgelegt mit Wildleder in die Welt hinausgeschickt.

Zwischen diesen beiden Extremen gibt es dann noch den acht Jahre alten „Nistru", ein etwas süßerer Brandy der „von Frauen für Frauen" gemacht wird, und den neun Jahre alten „Doina", ein etwas kräftigerer Tropfen, der nach einem moldawischen Volkslied benannt ist. Dieser Weinbrand ist eher „für Männer". Die sowjetischen Funktionäre bevorzugten, so erzählt man sich, den zehn Jahre alten „Surprise", der von Kommunisten für Kommunisten kreiert wurde. Die 20 beziehungsweise 25 Jahre alten Sorten von KVINT werden vor allem nach Italien und China exportiert.

Jährlich nimmt der Spirituosenhersteller über 45 Millionen Euro ein. Das sind fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts von Transnistrien, das auf fast eine Milliarde Euro geschätzt wird. Wo man sonst Filialen bekannter Marken sieht, säumen in Tiraspol Geschäfte, die ausschließlich Produkte von KVINT verkaufen, die tristen Straßen. Die Trinkgewohnheiten der Region führen auch dazu, dass in Moldau so viel Alkohol pro Kopf konsumiert wird, wie nirgendwo anders auf der Welt.

Church and Tank

Ein Panzer vor einer Kirche

Die Spirituosenfabrik ist ein nationales Symbol—so sehr, dass die Regierung das Gebäude auf den transnistrischen Fünf-Rubel-Schein gedruckt hat. Dieses dünne Stück Papier in knalligem Lila ist ungefähr 40 Cent wert—wenn es denn überhaupt in irgendeinem anderen Land als Währung akzeptiert wäre.Als ich an der Grenze schroff und mit starkem Akzent nach dem Grund meines Besuchs gefragt wurde, musste ich nur das Wörtchen KVINT fallen lassen und konnte ohne Probleme in den „Geisterstaat" einreisen, der für seine Bestechungskultur berüchtigt ist. In diesem Teil der Welt sind diese fünf Buchstaben ein Zauberwort.