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Dieser Wein ist blau – und das ist auch gut so

Blasphemie oder kreative Rebellion? „Um Gïk genießen zu können, muss man keinen Sommelier-Kurs besuchen.“
06 Juli 2016, 12:00pm

In Spanien ist eine Revolution ausgebrochen, also konkreter im Baskenland. Und nein, dieses Mal hat es auch nichts mit Politik zu tun, sondern mit Wein. Mit ihrem neuen Unternehmen Gïk Live wollen sechs junge Leute die baskische Weintradition ordentlich aufrütteln.

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Die Gallionsfigur ihrer Rebellion ist blauer Wein, ein „süßes, blaues Getränk" mit einem Alkoholgehalt von 11,5 Vol.-%. Dafür mischen die Wein-Revoluzzer Pigmente aus den Traubenschalen mit pflanzlicher Farbstoffen. Letzten Monat kam der blaue Wein in Spanien auf den Markt, mittlerweile kann man ihn sich auch online nach Deutschland bestellen. Der fast schon poetische Slogan: „Wir sind Gïk und werden die Welt verändern."

Wir haben uns mit Aritz López, einem der Mitbegründer von Gïk, über seinen bahnbrechenden Wein unterhalten. Er spricht natürlich für das ganze Team, denn, wie sagt er so schön: „Wir arbeiten horizontal, ohne Hierarchieren, wir sehen uns als Schöpfer."

¡Viva la revolución!

MUNCHIES: Hi Aritz. Wie schmeckt der blaue Wein denn?
Aritz López/das ganze Gïk-Team: Wir wollten etwas kreieren, das man leicht trinken kann. Um Gïk genießen zu können, muss man keinen Sommelier-Kurs besuchen, Hunderte Verkostungen mitmachen oder die Önologie studiert haben. Dieser Wein ist für alle, für ganz normale Leute, die keine Tausend Regeln brauchen, um genussvoll ein Glas Wein zu trinken. Leute wie wir. Wir können nur sagen, dass er einfach nach blauem Wein schmeckt, eine Revolution in einer veralteten Branche. Er hat einen einzigartigen Geschmack: süß, frisch und leicht zu trinken. […] Als wir eine Blindverkostung gemacht haben, hat nur einer von 15 Teilnehmern erkannt, dass es ein Wein ist, viele hielten es für einen Soft-Drink.

Warum die blaue Farbe?
Die Farbe hat eine enorme Bedeutung für uns. Als wir am Anfang des Projekts standen, haben wir gerade ein Buch gelesen, Der Blaue Ozean als Strategie. Darin heißt es, es gibt zwei Arten von Ozeanen: rote, mit vielen Haien (Mitbewerber auf einem Markt), die sich um ein paar kleine Fische (Kunden) streiten und durch das ganze Blutvergießen den Ozean rot färben. Und man kann Ozeane auch blau färben, ein Ort, wo jeder dank Kreativität und Innovation frei sein kann.

Hört sich idyllisch an. Warum wollt ihr mit Wein das System umstürzen?
Wir sind Künstler, Musiker, Designer und alle sehr jung, zwischen 22 und 28 Jahre alt. In unserer Heimat ist Wein stark mit der Kultur verbunden. Das ist seit Jahrhunderten so und die Menschen scheinen Tradition lieber zu mögen als Innovation.

Das wollten wir verändern. Keiner von uns mag traditionellen Wein oder die Regeln, die damit einhergehen. Er steht ja auch für das Blut Christi in der Kirche. Deshalb wollten wir mit einem süßen, leicht trinkbaren Wein unsere eigene Revolution ausrufen.

Und wie macht ihr ihn blau?
Wir sind keine Chemiker und haben keine Erfahrung in der Weinherstellung. Unsere Uni, die Universität des Baskenlandes, hat uns ziemlich unterstützt, uns ein Labor zum Ausprobieren zur Verfügung gestellt. Ein paar Chemiker aus der Lebensmittelindustrie haben uns auch geholfen.

Dafür vermischen wir verschiedene rote und weiße Trauben, geben Pigmentstoffe hinzu, einmal aus den Traubenschalen und dann noch Indigotin, dann wird er blau. Außerdem verändern wir den Geschmack noch mit kalorienfreien Süßstoffen.

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Wenn man mit Freunden ganz lässig blauen Wein am Pool schlürft. Foto mit freundlicher Genehmigung von Gïk Live

Wäre es nicht einfacher, die Leute einfach über Wein aufzuklären, um gegen den Snobismus in der Weinindustrie zu kämpfen?
Das ist weder besser, noch schlechter, es ist nur eine andere Möglichkeit. Gïk ist für uns kein blauer Wein, sondern Symbol für alles, wofür wir stehen: Kreation und kreative Rebellion. Es geht nicht nur darum, blauen Wein zu trinken, sondern Innovation und Kreation zu trinken, die Regeln zu brechen und etwas Eigenes zu erschaffen. Traditionen werden neu erfunden.

Ich denke, dass Gïk die Leute dazu ermutigt, Wein einfach zu genießen, wie sie wollen und sich nicht darum zu scheren, was andere einem erzählen

Ist euer Produkt eher ein Protest gegen den Snobismus oder ein ernstzunehmendes Getränk?
Klar, einige halten uns für aufrührerisch, einige alteingesessene Weinhersteller haben Gïk als blasphemisch bezeichnet oder als schreckliche Idee. Einer meinte, wir sollten lieber Apps entwickeln und die Finger vom Wein lassen. Für uns ergibt unser Projekt einfach Sinn. Wir lieben es, Grenzen zu überschreiben und die Leute zum Denken anzuregen.

Wie gesagt, wir würden Gïk nicht mal als Wein bezeichnen, weil es eher wie Bier, ein Soft-Drink oder ein Cocktail schmeckt. Für uns kann es der Weg zu einer neuen Art von Getränken sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieses Interview wurde aus Platz- und Verständnisgründen redigiert.