Fotos: Felix Adler

Führerlos durch die Nacht—Legida pöbelt sich durch Leipzig

„Dir knall ich was Deutsches rein!"—Wie es aussieht, wenn Pegida die Maske fallen lässt.

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Jan. 22 2015, 1:32pm

Fotos: Felix Adler

Marcus Engert ist Redaktionsleiter bei detektor.fm.

Am Ende scheint alles doch gar nicht so schlimm zu sein. Die Macht der Großkonzerne. Die internationalen Geldflüsse. Der Amerikanismus. Nachdem die Legida-Kundgebung am Mittwoch in Leipzig zu Ende ist, platzt der McDonald's im Leipziger Hauptbahnhof aus allen Nähten. Vielleicht ist der Kapitalismus auch deswegen so erfolgreich, weil er einfach integriert, was ihn überwinden will. Die patriotischen Europäer kauen McRib und schlürfen Coke, während die gefühlte halbe Kundgebung von US-amerikanischen Sportartikelherstellern eingekleidet war. Da ist es circa 23 Uhr.

Knapp zwölf Stunden vorher: Leipzig beginnt, sich in eine Festung zu verwandeln. Die Innenstadt wird abgeriegelt. Der größte Polizeieinsatz seit der Wiedervereinigung. Ich will mir selbst ein Bild machen. Mittenrein also. Als ich am frühen Abend auf dem Augustusplatz ankomme, ist der so mittelmäßig gut gefüllt. Die erste Überraschung. 60.000 besorgte Europäer wollte Legida zusammenbekommen—15.000 sollen es sein. Mir kommt es erheblich weniger vor. Anderen auch. Man hat Platz. Ich laufe ein wenig durch die besorgte Masse. Eine Gruppe Rentner—dem Dialekt nach eher aus der Region Dresden als aus Leipzig—steht mit grimmigem Blick beisammen und schaut rüber zu einer der sehr lauten und sehr großen Gegenkundgebungen. „Alles Chaoten", grummelt es aus einem der grauen und braunen Anoraks.

Legida ist konfus

Dann redet Jürgen Elsässer, hauptberuflicher Verschwörungstheoretiker und Kopf hinter dem gruseligen Compact-Magazin. Es ist das Übliche: Die Politiker vermasseln alles, und die Medien; und irgendwas mit „die da oben" und „wir hier unten". Er fordert mehr direkte Demokratie und greift gleichzeitig Linken-Abgeordnete Juliane Nagel hart an—die Tatsache, dass bei der letzten Wahl niemand in Leipzig mehr Stimmen eingesammelt hat und folglich niemand hier demokratischer legitimiert ist als Nagel, ist dann schon zu komplex.

Elsässer weiß, was er sagen muss, wann er eine Pause lässt, wann er laut wird, wann leise. Und er weiß, wer da vor ihm steht. Dass diese Gruppe so heterogen ist, wie man nur sein kann. Darum ist in seiner Rede auch für jeden etwas zum „Jawoll"-Rufen dabei. Man könnte meinen, maximale Rattenfängerei sei hier das Ziel.

Heute Abend jedenfalls stehen sie wieder auf der Straße, wie damals, wie ´89. Die historische Route um den Leipziger Innenstadtring hatten erst Ordnungsamt und dann Verwaltungsgericht untersagt. Aber ein Stück Ring ist dabei. „Für euch sind wir damals nicht auf die Straße gegangen!", brüllte vergangenen Montag, bei der ersten Legida-Demo, ein Rentner einer Gruppe junger Gegendemonstranten über die Polizeihelme hinweg zu. „Für euch zahlen wir heute nicht in die Rentenkasse ein!", möchte man ihm entgegenrufen. Aber es bringt ja nichts. Auch das ist ein Problem: dass man mit Pegida, Legida und all den anderen -idas ja kaum diskutieren KANN. Selbst wenn man will. Da wird über Asyl gesprochen, und dann gute und schlechte Flüchtlinge, dann sofort über korrupte Politiker, plötzlich die Systempresse, dann die Amerikaner, und die Russen, und was man ja wohl noch sagen dürfe und was nicht—alles hängt irgendwie mit allem zusammen hier, und einig ist man sich nur in Einem: dass man es besser weiß als die anderen.

Sie wollen friedlich sein. Die besseren Demonstranten. Besorgt, aber nicht radikal. So wiederholen es die Redner und Anmelder auf den Bühnen gebetsmühlenartig. Doch irgendwie ist dann an der Spitze des Protestzuges davon nichts mehr zu sehen. Was von den Worten der Elsässers, Hoyers, Oertels und Bachmanns zu halten ist, zeigt sich an diesem Abend schnell:

„Weiterlaufen jetze. Verpiss dich, du Fotze. (...) Wir hauen euch auf die Fresse."

Legida ist gewaltbereit

Publikative.org twittert, ein Fotograf sei von mehreren Vermummten attackiert, zu Boden getreten und geschlagen worden. Er habe seine Arbeit abbrechen müssen.

Es soll nicht das letzte Mal heute sein, dass Journalisten die Demokratiefähigkeit von LEGIDA zu spüren bekommen. Gegen neun Uhr twittert mephisto 97.6, das Lokalradio der Universität Leipzig:
„Reporter von @mephisto976 von Legida-Demonstranten beleidigt, bespuckt und angegriffen. Polizei reagierte nicht."

Die Leipziger Volkszeitung antwortet, einer ihrer Fotografen sei mit den Worten „Wenn wir hier fertig sind, kriegst du eine aufs Maul" bedroht worden. Den ganzen Abend über wurden Fotografen und Journalisten angespuckt, beleidigt, vereinzelt liest man von Schlägen. All das Gerede von Gewaltfreiheit und Lügenpresse: Hier sieht man, was damit gemeint ist. Die Polizei hingegen teilte mit, die Berichte über angegriffene Journalisten seien „noch nicht verifizierbar".

Lutz Bachmann, der als Legida-Initiator zwischenzeitlich den bisher so besorgten Schwanz eingezogen hat, hatte kürzlich noch Muslime dazu aufgerufen, sich an den Protestkundgebungen zu beteiligen. Hier, heute Abend, in Leipzig, scheint das vollkommen undenkbar. Auf Höhe des Gewandhauses stellt sich plötzlich ein Mensch der Demo entgegen. Er hält eine Regenbogenfahne hoch, Aussehen und Kleidung nach könnte er Muslim sein, was natürlich eigentlich unwichtig sein sollte, es hier und heute Abend aber nicht ist. „Hau ab! Hau ab!"-Rufe. Die Ordner der Demo tun nichts, bis der Demo-Zug auf einen knappen Meter an den Mann heran ist. Zwei Polizisten müssen ihn greifen, von der Straße und beiseite ziehen, eine Barriere zwischen sich und den Mann bringen. Im Hintergrund johlen schon die Vermummten (hier gibt's ein Video von dem Vorfall). Man will nicht wissen, was sie täten, wären keine Beamten zwischen ihnen und der Regenbogenfahne.

Ein großer Teil der Route, die Legida an diesem Abend laufen muss, führt an Wohnhäusern vorbei. Überall hängen Plakate aus den Fenstern, regelmäßig machen Anwohner ihrem Unmut über die da unten marschierende Truppe Luft. Wo immer das passiert, ist „Spring! Spring! Spring!" noch einer der harmloseren Rufe aus der Menge. „Komm runter, du Fotze!", „Wir wissen, wo du wohnst", „Halt die Fresse, du Hure!" und „Komm ran! Dir knall ich was Deutsches rein!" stehen in meinem Notizbuch. Dazu Mittelfinger und Schläge in die Luft. Reaktionen seitens Polizei oder Ordner: null.

Legida hat sein Gesicht gezeigt

Leipzig ist ein anderes Pflaster als Dresden, heißt es heute. Legida sei radikaler als Pegida. Aber ebenso besorgt um unser Land! Und nicht wenige hier hätten sicher Montag bei Pegida gestanden. Man kann sich das schönreden. Kann über mehr Verständnis für Ängste sinnieren, bessere Kommunikationskultur, mehr Offenheit. Man kann aber auch endlich akzeptieren, welche Haltung sich unter diesem Deckmantel hier zusammenfindet:

Ich habe den gesamten Abend unter Legida-Menschen verbracht, bin an der Spitze des Marsches mitgelaufen. Mir ist das, was man da so hört, nicht neu. Wir beobachten solche Tendenzen in Mitteldeutschland seit Jahren. Aber ganz ehrlich: Das war beklemmend. Mehr Verständnis, mehr reden? Ich will das nicht mehr.

Viele Politiker haben dieser Tage geäußert, sie hätten sich eine solche Demo aus der Nähe angesehen, und das sei alles recht friedlich gewesen—die Menschen hätten eben Ängste. Von Angst habe ich an diesem Abend, an der Spitze des Legida-Zuges, wenig erlebt. Ich habe Hass erlebt, Gewaltbereitschaft, Aggression, und offen zur Schau gestellten Rassismus. Ich habe eine Polizei erlebt, die bei Gewalt gegen Journalisten nicht eingreift. Und ich habe Menschen erlebt, die sich entschieden haben, ihre vielleicht berechtigten Ängste und Sorgen eben nicht leise und sachlich in, sagen wir mal, einer Bürgerinitiative oder Politikersprechstunde vorzutragen, sondern sich mit diesem Hass verbreitenden Mob eine Straße und eine Kundgebung zu teilen.

Zurück auf dem Augustusplatz angekommen, zunächst ein wenig Ernüchterung. Legida konnte laufen, ungehindert. Aber der Protest war laut und beeindruckend groß. Und vielleicht war das heute wertvoller als alles Blockieren: dass diese Truppe ihr wahres Gesicht gezeigt hat. Die Abschlussrede kommt vom Legida-Sprecher, von Jörg Hoyer, und fast hat man Mitleid. Was ist der Mann konfus! Ein wirres, zusammenhangloses Gebrüll, als ob ein einziger Joyce'scher Bewusstseinsstrom durch diesen Kopf wabert und von dort direkt ins Mikrofon. Merkel und FDJ, Rücktrittsforderungen, Drohungen, Wut und offenbar auch eine ganze Menge Verwirrung: „Herr Jung, wir stellen Ihnen hier eine Million auf diesen Platz!"

Eine Million. Ist klar. Näher an der Wahrheit dürfte sein: Pegida hat seinen Zenith überschritten. Bachmann tritt zurück. Oertel sagt bei Jauch lauter Dinge, die so gar nicht auf Vereinslinie liegen. Das patriotische Original aus Dresden distanziert sich von seinen besorgten Brüdern und Schwestern aus Leipzig, prüft sogar eine Klage. Und irgendwie will hier ja eh jeder was anderes. Noch eint sie das Gefühl des Unterdrücktwerdens. Noch. Wie lange das anhält, ist unklar—und dann zerfleddern sich Pegida, Legida und Co. von innen. „Die letzte Schlacht gewinnen wir!", sangenTon Steine Scherben vor über 40 Jahren. Gut möglich, dass das so ist und Pegida bald erledigt ist—der Hass und die Gewalt, die man dort bündelte, aber nicht.

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