Ich arbeite lieber als Nutte als im Call Center

Die Femen-Aktivistinnen beschimpfen Nutten als Sklaven und das System als Faschismus, aber Nina arbeitet gerne als Prostituierte. Sie erzählt uns, dass sie einem Mann lieber einen runter holt, als im Call Center zu arbeiten. Außerdem schließt sie mit...

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Juni 19 2013, 10:44am

Die Frauenrechtsaktivistinnen von Femen verurteilen auch Prostitution und sind Anfang des Jahres mit Schildern, auf denen „Sex industry is fascism“ und „Die Würde des Menschen ist unbezahlbar“ stand, auf die Straßen des Hamburger Rotlichtbezirks auf St. Pauli gezogen. Sie fordern ein Verbot der Prostitution. Wir haben dazu Nina interviewt (der Name, unter dem sie Anzeigen schaltet). Nina ist 27, Feministin und finanziert ihr Philosophiestudium mit Sexarbeit. Sie sieht da keinen großen Konflikt zwischen ihrer Arbeit und der Emanzipation.

VICE: Du hast einiges zu Femen zu sagen. Was hast du mit denen zu schaffen?
Nina:
Ich beschäftige mich viel mit Politik. Anfangs fand ich Femen und ihre Aktionen witzig und interessant. Dann habe ich mich aber zunehmend über die geärgert. Ich verfolge die ganze Entwicklung recht intensiv, bin auch bei der Facebook-Gruppe von Femen Deutschland. Gerade diese Antiprostituionsproteste sind richtig übel. Das betrifft mich als Sexarbeiterin ja persönlich.

Wie bist du zur Sexarbeit gekommen? Die Vorstellungen über eine Karriere im Sexgeschäft sind ja bei vielen sehr aufgeladen mit schlimmen Bildern ...
Das hat ungefähr vor vier Jahren angefangen. Ich war viel feiern, wie man es hier in Berlin eben kann, und hatte öfters One-Night-Stands, ohne dass mich das sonderlich befriedigt hätte. Ich dachte mir irgendwann, dass ich ja auch gleich Geld dafür verlangen könnte, wenn der Sex schon schlecht ist. Es war Anfangs mehr ein Scherz mit mir selbst. Dann habe ich mich aber doch herausgefordert gefühlt, wollte sehen, ob ich über diese Grenze gehen könnte. Ich suchte mir dann online ein „Etablissement“, das ganz stilvoll aussah. Das wurde dann ein richtiges Bewerbungsgespräch mit Anlagen schicken und allem drum und dran. Später habe ich mich dann selbstständig gemacht, weil man mehr verdient und sich seine Kundschaft besser aussuchen kann.

Wenn man ihre Forderungen und Sprüche so hört, scheinen die Leute von „Femen“ zu glauben, dass ein Bordell ein Ort des Grauens wäre. Sie stellen sogar Bezüge zum Faschismus her. Was hältst du davon?
Selbstverständlich gibt es furchtbare Orte, und es gibt auch Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden. Das hat aber nichts mit der Prostitution an sich zu tun, sondern mit Verbrechen. Das bekommt man sicher nicht besser in den Griff, wenn man Prostitution verbietet und in den Untergrund zwingt. Das ist doch Unsinn! Und mit dem Faschismusvergleich wäre ich an deren Stelle etwas vorsichtiger.

Du prostituierst dich freiwillig? In einem Interview wurde von einer Femen-Aktivistin in Bezug auf Musliminnen gesagt, dass geschichtlich gesehen Sklaven meistens nicht gewusst hätten, dass sie Sklaven sind. Das lässt sich sicher aus deren Sicht auf Prostitution ausweiten. Im Sinne einer Art „innerer Selbstversklavung“.
Ach, dann haben die Leute, die damals von Afrika nach Amerika verschleppt wurden, vielleicht gedacht, sie würden bald einen gut bezahlten Job antreten. Und die Peitschen wurden ihnen als Motivator verkauft? (Lacht)

Aber die These einer „inneren Versklavung“ ist ja nicht ganz abwegig...
Ja, klar, wer weiß schon, warum er was tut! Die Femen-Leute haben sicher auch irgendwelche tieferliegenden Motive, ihre Brüste der Welt zu zeigen und halbdurchdachte Forderungen zu stellen. Ich kann nur sagen, wenn du dich dabei wohl fühlst, und wenn du in den Spiegel schauen kannst ohne das Gefühl, dass du ein Stück deiner Seele verkaufst, dann ist es in Ordnung. Wenn du darunter leidest, solltest du dir Gedanken machen. Das gilt für jeden Job. Klar macht es nicht immer Spaß, aber was macht schon immer Spaß? Ich arbeite generell ungerne. Arbeit fühlt sich für mich immer gleich schlecht an. Ob ich einem Mann einen runter hole oder ob ich im Call Center arbeite. Ich kann mir immerhin die Männer aussuchen. Und ich verdiene gut.

„Die Würde des Menschen ist unbezahlbar“ ist einer der Parolen der Femen-Proteste. Ärgert dich das?
Wie arrogant sind die eigentlich? Damit implizieren sie doch, dass Frauen wie ich ihre Würde verkaufen. Ich bin kein Opfer! Wie gesagt, lieber habe ich Sex für Geld, als dass ich im Call Center arbeite und am Telefon Leute manipuliere. Oder bei der Deutschen Bank arbeite und dabei durch Lebensmittelspekulationen Leben zerstöre. Die verkaufen doch wirklich ihre Integrität. Damit machen die sich doch wirklich zur Nutte. Das tue ich nicht.

Viele empfinden Sex als ungeheuer intim. Als ob man jemanden für Geld an sein Innerstes lässt ...
Das ist einfach der Unterschied zwischen Leuten, die Sex und Liebe trennen können, und denen, die es nicht können. Da muss man doch nicht moralisieren oder von sich auf andere schließen. Ich hab das schon öfter gehört, dass Prostituierte da etwas von sich abspalten. Manche tun das, um nicht daran kaputt zu gehen. Die sind aber dann aus einem anderen Grund als ich bei der Prostitution gelandet. Es gibt nicht „die Hure“, „den Freier“ und „den Sex“. Solange meine Kunden gepflegt sind und respektvoll mit mir umgehen, fällt viel von dem Ekel weg. Außerdem habe ich viele Stammkunden, die ich mag. Man kann schon fast von einem freundschaftlichen Verhältnis sprechen. Einem meiner Stammkunden fehlen drei Gliedmaßen. Der ist einfach froh, dass sich jemand um ihn kümmert. Auch sexuell. Ich finde, das ist eine gute Sache.

Du siehst also keine Probleme, wenn es um Prostitution geht?
Na doch. Es gibt wirklich Frauen, bei denen ich mich frage, ob sie wissen, was sie tun. Vögeln für 40 Euro ohne Gummi! Oder Frauen, die Schulden und Kinder haben, und sonst einfach keinen Weg finden, das Geld zusammenzubekommen. Aber das löst man doch nicht mit einem Verbot. Es kommt immer auch darauf an, wie man hineinkommt, in welche Szene. Im Grunde müsste man die Armut abschaffen. Das wäre doch heute technisch überhaupt kein Problem mehr. Und man müsste die Bedingungen für ein gesundes Leben herstellen. Das Problem liegt beim System, nicht bei den jeweiligen Huren oder Freiern. Ausbeutung und Elend gibt es auf so vielen Ebenen.


Sara Winter

Femen sprechen also nicht in deinem Namen?
Nein. Abgesehen davon, dass kürzlich die Femen-Ikone Sara Winter ein Loblied auf Margaret Thatcher gesungen hat, sind sie auch argumentativ unaufrichtig. Ich habe gelesen, die Hurenorganisation Hydra e.V. habe kürzlich an Femen Deutschland geschrieben, um zu diskutieren, und die haben noch nicht einmal geantwortet. Ich frage mich manchmal, ob diese Femen-Frauen da was in uns hinein projizieren. Die fühlen sich entfremdet, müssen sich ständig verkaufen und selbst verwerten, und wir sind dann die Nutten, die sie verachten. Die sind doch selbst Opfer. Aber das können sie so nicht zeigen, also kommen sie von oben als selbstherrliche Humanistinnen an und wollen uns befreien.

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