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Sind Wichstücher die Zukunft der Masturbation?

Wir haben mit den Erfindern von Spankrags über Pornos, Tampons und Lady Di gesprochen.
19.11.14

​Ich habe einen kompletten Tag lang ausschließlich ​traurige Hundefilme geguckt und mein Wochenende mit ​Selfies schießenden Elfen im niederländischen Hinterland verbracht. Aber nichts davon konnte mich emotional auf dieses Interview mit Jonathan Courtney und Thomas Viehweger, hauptberuflich Designer, nebenberuflich Erfinder der ​Spankrags, vorbereiten.

Erstmalig hatte ich die Wichstücher bei der ​diesjährigen Venus gesehen und war ein bisschen verliebt in die Idee. Das kann zum einen daran liegen, dass der Rest der Erotikmesse so unfassbar traumatisierend war, andererseits muss man aber auch erst einmal darauf kommen, Blowjob-Gesichter in POV-Optik auf Kosmetiktücher zu drucken. Unsicher, ob die Macher eine Revolution der männlichen Masturbation planten oder einfach nur einen besonders abstrusen Scherzartikel auf den Markt bringen wollten, beschloss ich, mich mal mit den beiden Wahlberlinern zusammenzusetzen. Wir treffen uns mit ihnen im Büro von Jonathans Agentur, die so gar nicht nach schmuddeliger Pornobranche aussieht. Es ist 18:00 Uhr und die Lofträume wirken bereits ziemlich ausgestorben. Jonathan bietet uns erst einmal Glenfiddich in schweren Gläsern an, die er in seiner Chefparzelle zu bunkern scheint. Iren—man kann sie nur lieben.

Alle Fotos: Grey Hutton​

VICE: Ich glaube, die offensichtlichste Frage, die sich zu eurem Produkt stellt, ist die nach dem Warum​
Jonathan Courtney: Wir haben für eine große deutsche Telekommunikationsfirma zusammen an einem Projekt in Darmstadt gearbeitet und saßen mit ein paar Kollegen in der Kantine. Wir haben uns darüber unterhalten, dass es für Frauen ziemlich viele Sextoys gibt, aber für Typen irgendwie nur Fleshlights—oder du fickst halt ein Schaf oder so.
​Trotzdem ist das nichts Lustiges, das man verschenken kann. Wir haben in dieser Diskussion auf jeden Fall gesagt: „Wie wäre es denn mit Tüchern, auf die Gesichter gedruckt sind?" Dann haben alle gelacht und eine Stunde später haben wir uns E-Mails mit Namensvorschlägen geschickt. Jizzies, Jizzrags, Spankrags! Später haben wir uns dann betrunken und gedacht „Hey, das könnten wir echt machen …" Weil wir Designer sind, können wir so was machen, aber es hat trotzdem eineinhalb Jahre oder so gedauert, bis wir schließlich alles beisammen hatten. Ursprünglich wollten wir eigentlich 14 Gesichter drin haben—ein Mädchen pro Tag für zwei Wochen—, aber dann sind es doch nur 10 geworden.

War es schwer, sich für eine bestimmte Art von Papier zu entscheiden?
Jonathan: Eigentlich wollten wir auf Taschentücher drucken, die so eine Balsam-Beschichtung haben. Wie die gegen wunde Nasen bei einer Erkältung. Damit es sich schön weich und auch ein bisschen schlüpfrig anfühlt. Darauf kann man aber nicht gut drucken, deswegen mussten wir etwas finden, auf dem der Druck aussieht, das sich aber auch nicht wie Karton anfühlt. Vor ziemlich genau einer Stunde hat uns jemand gesagt, dass sich das jetzige Papier auf dem Penis ein bisschen kratzig anfühlt, woran wir natürlich arbeiten. Aber ehrlich gesagt haben wir gar nicht damit gerechnet, dass sich die Leute damit tatsächlich einen runterholen.
​​Thomas Viehweger: [zum Fotografen] Du als Typ kennst das bestimmt, wenn man betrunken nach Hause kommt, unterwegs was gegessen hat, seine Hose auszieht und dann glücklicherweise noch Servietten aus dem Burgerladen findet. Dieselbe Struktur haben unsere Tücher.

(Schweigen. Niemand außer Thomas scheint diese Situation zu kennen.)

Wie war es bei der Venus?
Jonathan: Wir hatten den billigsten Stand überhaupt und haben nicht mal für Strom bezahlt. Wir standen im Stockdunklen, bis wir dem Typ neben uns so viel Bier gegeben hatten, dass er seine Steckdosen mit uns geteilt hat. Am zweiten Tag hatten wir dann eine Lampe.
​Es war auch so lustig, wenn Frauen, die gerade eine Gangbang-Liveshow hatten, vorbeigekommen sind und meinten: „Boah, den ganzen Tag zu stehen, ist echt anstrengend, oder? Wie viel Uhr haben wir jetzt? Noch vier Stunden? Oh Gott. Meine Füße bringen mich um." Und ich dachte mir immer so: Ja, ich bin auch total fertig und ich hatte nicht gerade Sex mit fünf Leuten. Das war für mich eine total verrückte Erfahrung, gerade auch, weil ich normalerweise für große, „normale" Firmen arbeite und mit meinen Kunden eben nicht darüber spreche, dass ich mir den Rücken verletzt habe und das voll scheiße ist, weil ich nächste Woche zwei Gangbangs drehen muss.
​​Thomas: Es sind insgesamt vier Mütter zu uns gekommen und haben Spankrags für ihre pubertierenden Söhne gekauft. Das war ziemlich lustig. Dann habe ich sie darüber aufgeklärt, dass sie sich die Socken ihrer Söhne vielleicht mal ein bisschen genauer angucken sollten. Das ist ja das, womit die meisten im Alter von 14 bis 16 masturbieren. Ich glaube, wir haben mit den Spankrags wirklich etwas geschaffen, das die Welt zu einem besseren Ort machen kann.

Es ist ehrlich gesagt ein bisschen komisch, mit drei Typen in einem Raum zu sitzen und über männliche Masturbation zu sprechen, während man Whiskey trinkt.
Jonathan: Es wäre noch komischer, wenn das Pierce-Brosnan-Gemälde im Raum wäre. Soll ich es holen? [Er holt es und bringt auch die Flasche Whiskey aus seinem Büro mit.] Hast du etwas anderes von Typen erwartet, die mit Wichstüchern Geld machen wollen? Man sieht auch jetzt erst, wie groß sein Penis wirklich ist. Die Planungsphase dafür sah so aus, dass dieses Mädchen vorbeigekommen ist und ich meinte: „Ich glaube, er sollte einen Steifen haben." Sie hat noch gefragt, ob unsere Kunden das nicht irgendwie seltsam fänden, aber ich meinte: „Nein, er braucht definitiv eine riesige Erektion."

Werdet ihr das Gesicht von Pierce Brosnan auf die Männer-Spankrags drucken, die ihr plant?
Thomas: Er liegt zwar außerhalb unseres Budgets, aber vielleicht könnten wir ihm das als Charity-Projekt verkaufen. Masturbation ist schließlich gut gegen Prostatakrebs. Wenn du zwischen 18 und 28 mindestens dreimal die Woche masturbierst, sinkt dein Risiko, daran zu erkranken. Weil du damit die Rohre freipustest und die ganzen Toxine … [greift sich wiederholt in den Schritt und verdeutlicht es mit Gesten] Es gibt wirklich Studien dazu.
​Unabhängig davon liegen uns aber auch Frauen sehr am Herzen und wir haben darüber nachgedacht, womit wir ihnen eine Freude machen könnten. Unsere aktuelle Idee sind Tampons in Penisform.
​​Jonathan: Das Problem ist laut unserer weiblichen Beraterin: Wenn wir Penis-Tampons machen, müssen sie so gut sein wie normale Tampons. Sie müssen genau so viel aufsaugen können. Vielleicht übernehmen wir auch einfach Always oder Tampax. Oder wir machen Penax, Tampons für Penisse. Bei Spankrags hat das alles auch so angefangen: Eine dumme Unterhaltung und ich habe nebenbei Domain-Namen reserviert. Ich glaube, wir haben das komplette Geld, das wir mit den Spankrags verdient haben, dafür ausgegeben, irgendwelche Domains zu kaufen. Das könnte die Überschrift sein: „Wir haben all unsere Einnahmen für Domain-Namen ausgegeben. Betrunken." Das ist unser Businessplan.

Habt ihr für Spankrags sehr viel Masturbationsrecherche betrieben?
Jonathan: Ich recherchiere in dem Bereich, seitdem ich acht Jahre alt bin. Aber Grundlegend haben wir uns die Frage gestellt: Ist das lustig? Ja. Finden wir es lustig? Ja. Lachen andere Leute, wenn wir ihnen davon erzählen? Ja. Recherche beendet. Das Einzige, worüber wir uns wirklich informiert haben, war, ob es so etwas schon gibt. Tatsächlich haben wir aber nur Babylätzchen für Penisse gefunden. Das bindest du dir um den Penis, masturbierst und kommst dann da drauf. Das gibt es nicht mal in verschiedenen Mustern, es steht einfach nur der Name der Firma drauf. Wir sind da drauf gestoßen, als wir uns die Domain wichstuecher.de reservieren wollten, die schon an diesen Typen vergeben war. Das ist wirklich ein deprimierendes Produkt—auch wenn ich es wahrscheinlich trotzdem als Scherzgeschenk kaufen würde.

Ich glaube, ich würde Spankrags kaufen, wenn ich mein Gesicht darauf drucken lassen könnte.
Thomas: Das wäre auch eine wirklich gute Idee für eine Visitenkarte.
Jonathan: „Du kannst mich entweder anrufen oder auf mein Gesicht abspritzen."
Thomas: Wenn man betrunken nach Hause kommt und sich noch einen runterholen will, kann man dann einfach sagen: „Habe ich noch irgendwas zum Abwischen? Ach ja, die Visitenkarte von diesem Mädchen! Geil!" Und direkt hat man eine unbewusste Verbindung zueinander. Wir sollten uns spankrags-visitenkarten.com reservieren. Wie findet ihr die Motive eigentlich? Sie hier guckt ein bisschen ängstlich, aber die Hintergründe sind ziemlich schön, oder? An denen haben wir sehr lange gephotoshoppt. Ich überlege, sie als CD-Rom zu verkaufen.
Jonathan: Ich mag sie hier. Sie sieht schüchtern aus, aber auch irgendwie exotisch. Und sie hat gute Lippen.

Aber sie versteckt ihre Brüste. Das ergibt doch gar keinen Sinn.

[Alle seufzen. Es ergibt wirklich keinen Sinn. Wir wühlen zwischen den Tüchern auf dem Tisch rum und suchen nach unserem Lieblingsmotiv. Für einen Moment bedauert niemand, dass die Whiskeyflasche schon fast leer ist. Es fallen Sätze wie „Sie weiß, was sie tut" und „Ihr Gesicht sieht irgendwie unecht aus".]

Jonathan: Ich glaube, es ist wirklich besser, wenn man nicht die Wahl hat. Man zieht einfach ein Tuch raus und zu dem muss man sich dann einen runterholen. Sonst ist es ja wie mit Internetpornos: Man hat vier Tabs offen, 15 verschiedene Videos laufen und mehrere Rechner um sich herum—wie bei Matrix.

Wenn ihr euch ein prominentes Werbegesicht für Spankrags aussuchen könntet, wer wäre es?
Thomas: Lady Di! [betrunkenes Gelächter]​
​Jonathan: Nein, ich will Kate Middleton. Die Blonde mit den großen Brüsten.

[Niemand sieht sich dazu in der Lage, diese Verwechslung gebührend aufzuklären. Das Gespräch scheint an dem Punkt angekommen, wo alle mit glasigen Augen einfach nur noch aneinander vorbei reden. Mit „Vielleicht wäre es besser, jemanden zu nehmen, der noch am Leben ist", beendet Grey die Diskussion um Lady Di. „Morgan Freeman", beschließt Jonathan schließlich und es bleibt nichts Weiteres mehr zu sagen.)

Schweren Herzens beenden wir das Interview. Auf dem Weg nach draußen kommen wir an der bürointernen Regalwand voller Süßigkeiten vorbei und lassen uns von Jonathan Marshmallows mit Schokolade reichen. Während Thomas rote Schnüre runterschlingt, fällt mein Blick auf eine Zeichentafel. Mit Schokolade im Mundwinkel kritzle ich ein Einhorn, Jonathan versucht sich hingegen an mehreren überaus faltigen Penissen. Ich muss an die notgeilen Rentner von der Venus denken und mich überkommt ein leichter Schauder. Wir verabschieden uns und gehen hinaus in die stockdunkle Nacht. Den Whiskey noch auf den Lippen und eine Packung Spankrags im Arm.

Folgt Lisa und Grey bei Twitter: ​@antialleslisa​@greyman01