Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
News

Schwule und Lesben vereinen sich mit Türkiyemspor

Rassismus und Homophobie gehen besonders im unterklassigen Fußball Hand in Hand. Der Fußballverein Türkiyemspor erklärt uns, wie die Mannschaft dieser Scheiße nun mit dem Lesben- und Schwulenverband als Sponsor den sportlichen Kampf erklärt.

von Selim Pekin Güngör
21 August 2013, 3:20pm

Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland ist seit Neuestem offizieller Trikotsponsor von Türkiyemspor Berlin. In einer Pressemeldung verkündete der Vorsitzende des insolventen Fußballvereins Mete Şener, dass er dem LSVD dafür dankbar ist und mit dem Logo ein gesellschaftliches Zeichen im sportlichen Alltag setzen will. Ihm zufolge tragen die Spieler es mit großem Stolz auf der Brust.

In Zeiten, wo Länder, in denen Olympische Spiele ausgetragen werden sollen, Freifahrtscheine an homophobe Täter verteilen, ist der Kampf gegen Diskriminierung im Sport umso wichtiger. Und von Diskriminierung kann Türkiyemspor Berlin ein Liedchen singen. 

Ich habe mich auf den Weg nach Kreuzberg gemacht, um ein Mediateam-Mitglied des Vereins zu treffen, und stellte schnell fest, dass die Strukturen der Diskriminierung im Fußball viel tiefer sitzen als nur innerhalb des Stadions.

VICE: Ihr arbeitet ja schon länger aktiv gegen Rassismus, inwiefern engagiert ihr euch bereits gegen Homophobie?
Türkiyemspor:
Unsere Kooperation mit dem LSVD geht etwa fünf Jahre zurück und ist eine der wunderbarsten, die wir haben. Sie ist sehr vielschichtig, wir wirken sowohl aufklärend zum Thema Homophobie in der türkischen Community als auch anti-rassistisch in der schwul-lesbischen Community, wo es auch durchaus Vorurteile gibt. Wir sind Teil des Bündnis gegen Homophobie und Mitveranstalter der GAYMES. Außerdem hatten wir am „Tag gegen Rassismus“ noch eine gemeinsame Aktion mit dem LSVD und öffneten ein Transparent mit der Aufschrift: „Gemeinsam gegen Homophobie & Rassismus“. 

Was habt ihr persönlich für Erfahrungen mit Homophobie und Rassismus gemacht?
Wörtliche Beleidigungen wie „Warmduscher“ oder „Schwuchtel“ gehören leider zum Normalmodus beim Fußball. Sowohl auf der Tribüne als auch auf dem Spielfeld. Dabei ist Türkiyemspor natürlich nicht speziell betroffen. Bei Auswärtsspielen in Ost-Berlin und Umgebung kommt es zu ständigen verbalen Pöbeleien, wie z.B. „Kanacken“. 

Vor vier Jahren haben wir zu Gast beim Chemnitzer FC gespielt, da gab es die Ultra-Gruppe „NS Boys“ [New Society Boys], wobei die Anspielung hier natürlich klar ist. Die trugen alle T-Shirts mit der Aufschrift: „Wiedermal kein Tor für Türkiyemspor“, was ein Song von der verbotenen rechtsextremen Band Landser ist. Der Text ist von vorne bis hinten nur rassistischer Mist. Damals haben wir zu solchen sogenannten Risikospielen unabhängige Beobachter mitgenommen, wie z.B. Politiker oder bekannte Persönlichkeiten, die nicht vom Verein waren. Jörg Steinert, der Geschäftsführer vom LSVD, hatte das Spiel an dem Tag für uns dokumentiert. Als er sah, was bei so einem Spiel abgeht, hat er gleich als Kronzeuge für uns ausgesagt und meinte, das kann nicht sein, dass in der deutschen Regionalliga heute so ein Rassismus herrscht. Kurz darauf kam dann die Schelle von der rechten Presse zurück, als sie die beiden Themen einfach verbanden. Frei nach dem Motto: „Der schwule Geschäftsführer des LSVD regt sich über Rassismus auf.“ Da werden ganz gerne mal Bedrohungsszenarien aufgemacht wie: „Die heterosexuelle weiße deutsche Kleinfamilie wird von Migration und Homosexualität bedroht.“

Deutschland baut sich halt immer weiter ab. Kam es denn auch schon zu körperlichen Übergriffen?
Wir haben leider auch eine lange Geschichte in puncto körperlicher Angriffe, aus rassistischen Beweggründen. In den 90ern war jedes Auswärtsspiel ein einziger Spießrutenlauf. Es gibt aber auch heute noch ganz viele kleine Alltagsgeschichten. Nach einem Spiel unserer A-Jugend wurden z.B. die Duschen abgestellt und es hieß, sie gingen nicht mehr. Als die Jungs aus der Kabine rauskamen, wurden sie dann als „stinkende Kanacken“ beschimpft. Das ist jetzt nicht die Faust ins Gesicht, aber auch nicht mehr nur verbale Gewalt. Wir mussten auch schon Schiedsrichter ablehnen, weil sie unsere Spieler beleidigt haben, als diese gefoult wurden und auf dem Boden lagen, wo es dann hieß: „Steh auf, du fauler Türke.“

Das Problem scheint viel systematischer zu sein. Glaubt ihr, dass institutioneller Rassismus ein Grund dafür ist, warum ihr seit Jahren keinen eigenen Platz kriegt und nicht weiterkommt?
Das ist so einfach nicht zu sagen, aber alleine die Tatsache, dass wir immer noch als Migrantenverein gesehen werden, spricht schon für sich. Wir sind ein deutscher Verein, der Teil des DFB ist und Steuern an den deutschen Fiskus zahlt. Trotzdem werden wir immer als türkischer Verein dargestellt. Es ist eher die Blindheit der strukturellen Nachteile Migrantenvereinen gegenüber. Das liegt an dem Privileg der Alteingesessenen. Die meisten deutsch-deutschen Vereine wurden um 1900 herum gegründet und sitzen alle seither auf ihren Spielfeldern. Als wir 1978 gegründet wurden, gab es gar keine Spielflächen mehr, und Bauflächen in Kreuzberg sowieso nicht. Dann wurde die Mauer eingerissen und es gab wieder Bauflächen, es gab auch Verhandlungen darüber, doch wir wurden nur hingehalten und von anderen Interessengruppen, wie den Schrebergärten, verdrängt. Wir haben halt keine gewachsene Infrastruktur und leben von der Hand in den Mund. Die meisten Berliner Vereine haben einen Pacht- oder Schlüsselvertrag. D.h. das Grundstück gehört der Stadt und der Verein kriegt das Hausrecht verschrieben. Er bekommt ein Etat von mehreren zehntausend Euro und muss dafür den Platz instandhalten, also Rasen sprengen, Müll wegbringen, Malerarbeiten, alles, was anfällt. Das gilt aber leider nicht für uns, weil wir hier nur zu Gast sind.

Jedes Mal, wenn wir trainieren wollen, müssen wir das beim Sportamt anmelden, und vom Arbeitsaufwand ist das ätzend, wir haben halt einen ganz prekären Duldungsstatus, du kannst hier nichts machen, du kannst ja nicht mal Waschmaschinen für unsere Trikots reinstellen, weil das nicht unsere Räumlichkeiten sind. Und das sind Widrigkeiten, wo man sich als „Migrantenverein“ schon mal fragt, ob man wirklich angekommen ist. Wenn man sich dann auch noch anschaut, welche Vereine in Berlin keinen Schlüsselvertrag haben, dann sind das Vereine wie Türkiyemspor oder Hilalspor. Da fällt einem schon was auf. 


Das Vereinsheim von Türkiyemspor

Das ist schon eine klare Ansage.
Angenommen mal, es wird irgendwo eine Baufläche frei, dann ist es einfacher für Vereine mit langjährigen Mitgliedern in den entsprechenden Gremien. Wir müssen ständig Druck machen, um mitreden zu dürfen, dafür brauchst du aber deine Leute in den Gremien, um überhaupt davon zu erfahren. Und die kriegt man da nicht so einfach rein. Auf gut Deutsch heißt das, zu dem Zeitpunkt, wo wir als Türkiyemspor überhaupt davon erfahren, dass eventuell irgendwo gebaut werden darf, ist das Gespräch schon längst gelaufen und genau das ist der strukturelle Nachteil. Dazu kommt natürlich auch, dass viele in unserem Vorstand kein gutes Deutsch sprechen und der Zugang zu diesen Verwaltungsstrukturen somit erschwert wird. Es gibt also eine große Insensibilität der Tatsache gegenüber, dass es ganz großen Bedarf dafür gibt, migrantische Vereine, migrantisches Leben und migrantische Strukturen zu fördern. Keine Frage, das ist teuer. 

Auf der anderen Seite ist die Sache mit der doppelten Staatsbürgerschaft ein riesiges Problem für unsere Spieler, da sie sich entscheiden müssen und das ihre sportliche Karriere beinträchtigen kann. Vor einem Jahr etwa hat der DFB verboten, Freundschaftsspiele in Deutschland mit Vereinen aus der Türkei zu halten. Aus Sicherheitsgründen hieß es damals. Unserer Meinung nach wollen sie die türkischstämmigen Kids weg vom türkischen Fußball locken und ihn raus aus Deutschland halten, damit der nächste Mesut Özil auch hier in Deutschland bleibt. 

Da macht es Sinn, sich gemeinsam gegen Rassismus und Homophobie stark zu machen. Danke und viel Erfolg in der neuen Saison.

Türkiyemspor Berlin hat gerade ein Insolvenzverfahren am Hals und trainiert gleichzeitig mit 7 ihrer insgesamt 28 Teams auf einem einzigen Spielfeld. Sie brauchen dringend einen zweiten Sportplatz. Der Verein bekommt zwar jede Menge symbolische Auszeichnungen für seine soziale Arbeit, und viele Politiker lassen sich auch gerne mit ihnen händeschüttelnd fotografieren, trotzdem geht es ihnen finanziell ziemlich schlecht. Hier geht es zu ihrem Rettungsschirm

Folgt Selim bei Twitter: @somanoid 

Mehr kreative Proteste gegen Homophobie:

Gaymer gegen Homophobie

Satanisten haben eine Kirchenvertreterin zur Lesbe im Jenseits verwandelt

Die zehn heißesten Homophoben im Internet (aus der Sicht einer Schwuchtel)