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„Mit Punkrock verändert man die Welt nicht“—Slime im Interview

Slime haben heute ihre neue Single „Sie wollen wieder schießen (dürfen)“ veröffentlicht, die uns daran erinnert, wie sehr wir schonungslosen Deutschpunk vermisst haben.

von Philipp Meinert
01 April 2016, 9:20am

Wer niemals einen Slime-Aufnäher oder -Button auf der Jacke hatte, war auch nie Punk—maximal unpolitischer Oi-Punk. An der Band kam und kommt niemand vorbei, die oder der in den letzten 30 Jahren nicht mindestens einmal gegen irgendeine Ungerechtigkeit auf die Straße gegangen ist. Die Hamburger Punkrocker schufen in den 80ern zeitlose Politpunk-Klassiker wie „Bullenschweine“ und „Deutschland muss sterben“. Es sind bis heute Hymnen der radikalen Linken. Damit politisierte Slime als einer der ersten Bands die Punkszene deutlich nach links.

In den 90ern legte die Band mit Schweineherbst dann ein Album vor, welches nach wie vor als eines der besten Deutschpunkalben aller Zeiten gilt. Es passte zum Zeitpunkt seines Erscheinens wie die Faust aufs Rassisten-Auge und kommentierte schonungslos die hässliche Seite des wiedervereinigten Deutschlands, in dem während des Katers nach der Mauerfall-Party auch die ein oder andere Behausung nichtdeutscher Bürgerinnen und Bürger brannte—vor allem wenn sie nicht in blühenden Landschaften stand.

Sich diese Platte heute und damit 22 Jahre nach der Erstveröffentlichung anzuhören, führt zu einigen bedrückenden Déjà-vus. Wieder marschieren „Asylkritiker“, wieder brennen Geflüchtetenunterkünfte, wieder ziehen rechtspopulistische Politiker in die Parlamente ein und finden dort Kollegen in den Regierungsparteien, die für die irrationalen Sorgen der ach so besorgten Bürger vollstes Verständnis haben und das Asylrecht schrittweise weiter abschaffen.

Slime lösten sich kurz nach der Schweineherbst-Veröffentlichung auf. Seit 2009 sind sie wieder da und veröffentlichten mit Sich fügen heißt lügen sogar ein weiteres Album. Neu waren aber nicht die Texte. Diese waren vom anarchistischen Dichter Erich Mühsam (1878-1934) ausgeliehen. Heute veröffentlichen die Urpunkrocker mit „Sie wollen wieder schießen (dürfen)“ aber endlich mal wieder ein selbstkomponiertes und selbstgetextetes Lied. Und wieder einmal treffen sie den Zeitgeist punktgenau.

Elf, Gitarrist seit Gründung und Alex, Schlagzeuger seit der Reunion, beantworteten anlässlich der Veröffentlichung ein paar Fragen:

Noisey: Vor knapp drei Wochen zog die Alternative für Deutschland locker zweistellig in die Landtag von Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt ein. Wie habt ihr euch an diesem Abend gefühlt?
Alex:
Es hat sich irgendwie nicht real angefühlt. In erster Linie war ich enttäuscht.
Elf: Mein Gefühl dazu war ein leichter Kotzreiz gepaart mit antifaschistischem Kampfgeist.

Habt ihr mit so einem guten Ergebnis für die AfD gerechnet?
Alex:
Ehrlich gesagt leider ja.
Elf: Gewundert hat mich das auch nicht. Das rassistische, antisemitische Potential in der deutschen Bevölkerung ist anscheinend—auch nach wissenschaftlichen Untersuchungen, von denen man ja immer wieder mal liest—so bei 25-30 Prozent. Warum soll dann eine Gurkentruppe wie die AfD nicht auf 25 Prozent kommen?

Nun bringt ihr heute eure neue Single raus. „Sie wollen wieder schießen (dürfen)“ ist ein ziemlich klares Statement zur derzeitigen Situation. Schlaucht es nicht auch, seit 1979 gegen die gleiche Scheiße anzusingen?
Elf:
Einerseits ist es in der Tat schon übel, wenn man sieht, dass sich in der Haltung, von wie gesagt mindestens 25 Prozent der Bevölkerung, nichts geändert hat. Andererseits bieten die uns natürlich immer wieder eine gute Angriffsfläche, sodass wir unser Ding mit gutem Recht weiter durchziehen können und müssen.

Anfang der 90er war Punk die Speerspitze des politischen Protestsounds gegen Rechts. Heute ist politischer HipHop und Elektro bei vielen Jüngeren mehr angesagt. Warum hat Punk seine politische Wortführerschaft verloren?
Alex:
In welche Musik das verpackt wird, ist doch egal. In den 90ern war HipHop und Elektro ja noch nicht so präsent, mittlerweile ist HipHop die größte Jugendkultur. Wichtig ist, dass jede Generation ihren Soundtrack hat um ihre Messages zu transportieren. Für einen heute 15-Jährigen ist Punk doch schon sowas wie für uns damals Beat.

Wie politisch ist die derzeitige Punkszene eurer Meinung nach?
Elf:
Das kann man nicht auf die eine Punkszene verengen, die gibt es doch so gar nicht. Auf jeden Fall gibt es eine sehr engagierte linke Punkszene wie zum Beispiel in Bremen das Umfeld der „Friesenstraße“ und in Hamburg die „Lobusch“ und so weiter. Die waren schon ziemlich politisch unterwegs. Die Fans von Mainstreambands wie den Toten Hosen oder Ärzten, die ja immer noch als Punkbands in den Medien durchgehen, sind das wohl größtenteils eher nicht.

Was ist denn der Unterschied zwischen Slime und jüngeren politischen Punkbands wie Feine Sahne Fischfilet oder ZSK?
Alex:
Ich finde Slime sind da noch direkter und kompromissloser.

Zyniker sagen, dass die deutsche Willkommenskultur vor allem eins ist: deutsch. Was unterscheidet Slime von Angela Merkel?
Alex:
Viele Länder haben kategorisch die Grenzen abgeriegelt. In Deutschland war erst mal klar, das geholfen wird, bis dann ziemlich schnell die ganzen Nörgler auf den Plan kamen. Damit war ja auch zu rechnen. Da jetzt von typisch deutsch zu reden ist albern. Ich war noch nie Merkel-Fan, aber sie war mir auch noch nie so sympathisch wie momentan—wenn man das so sagen kann. Die Unterschiede zwischen Slime und Angela Merkel würden hier allerdings den Rahmen sprengen.
Elf: Merkel macht neoliberale Wirtschaftspolitik, wir trinken Oldschool-mäßig die eine oder andere Wirtschaft leer.

Bei eurem letzten Album Sich fügen heißt lügen von 2012 habt ihr auch aus Verlegenheit über die Abwesenheit von Stephan Mahler, der viele Texte geschrieben hat, auf Texte von Erich Mühsam zurückgegriffen. Warum könnt ihr wieder eigene Texte schreiben?
Elf:
Das war eher nicht aus Verlegenheit, sondern weil alle es super fanden, diese Idee endlich mal umzusetzen. Dirk und ich hatten die schon Ende der 90er mit unserer damaligen Band C.I.A. Das „Soldatenlied“ war zwar nicht auf der C.I.A.-Scheibe, geschrieben hatte ich es aber damals schon. Der Text dazu war ein anderer und zwar „Zum Kampf für Anarchie“. Wir haben 2012 gemerkt, dass wir viel mehr Zeit brauchen würden, als wir hatten, um uns über eigene, neue Texte zu einigen, beziehungsweise auch die zu schreiben. Wir wollten ein neues Album innerhalb ein bis zwei Jahren auf die Reihe kriegen, um den positiven Schub der Reunion-Tour für uns mitzunehmen.
Alex: Ich möchte hier mal in aller Deutlichkeit sagen, das viele der alten Texte von Elf sind und nicht alle von Stephan Mahler! Keine Ahnung wo dieses Gerücht immer herkommt.

Habt ihr wieder Blut geleckt? Wird es wieder ein ganzes Album mit eigenen Texten geben?
Elf:
Sieht ganz danach aus. Ich habe so 14 Songs in Vorbereitung, wobei noch vier bis fünf Texte fehlen. Läuft also.

Alex, du spielst auch noch in diversen eher funpunkigen Bands? Kannst du da noch so unbeschwert trommeln?
Alex:
Soll ich jetzt den Kopf in den Sand stecken und depressiv werden? Das macht ja keinen Sinn. Mit Spaß und Lebensfreude kann man Faschisten auch entgegentreten. Oder hast du schon mal einen lustigen Nazi gesehen?

Politikwissenschaftler sind sich uneinig, ob die AfD, wie die Republikaner, die NPD oder die DVU ein eher zeitlich begrenztes Phänomen ist. Einige sagen, dass sie sich etablieren wird. Was glaubt ihr?
Alex:
Ich glaube die AfD zerlegt sich ziemlich schnell selbst. Sie fangen ja quasi schon damit an. Die Frage ist, wo ihre Wähler hingehen werden. Man kann nur hoffen, dass da kein geschickterer Menschenfänger auftaucht, der die um sich versammelt.
Elf: Ich bin da skeptischer als Alex. Da sich die Vögel selbst immer mal wieder als konservativ, aber nicht rechts bezeichnen und die meisten ihrer Wähler anscheinend nicht kapieren, dass es kein großer Unterschied ist, haben die auf jeden Fall bessere Chancen als früher die REPS oder die DVU.

Abschließende Frage: Was sollte man noch tun, außer Punkrock spielen, um die aktuelle Situation zu verbessern?
Alex:
Mit Punkrock verändert man die Welt nicht. Es ist albern, sich auf eine Bühne zu stellen und eine Message zu verbreiten, die man im Alltag nicht lebt. Idioten muss man Paroli bieten, ob an der Bäckereitheke, beim Elternsprechtag der Kinder, in der Nachbarschaft oder (ganz wichtig) im Bekanntenkreis. Viele labern doch einfach nur unreflektierte Scheiße und plappern irgendwas nach. Da kann man bei Einigen hoffentlich noch was anregen im Hirn.
Elf: Verbal und nonverbal gegen braune Gesinnung vorgehen. NAZIS RAUS!

Zunächst gibt es „Sie wollen wieder schießen (dürfen)“ nur digital, bald auch als 7inch. Die Erlöse fließen übrigens an Pro Asyl.
Schau dir hier das neue Video nochmal an:

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