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Interviews

Warum Nazis auf Rap und Hardcore stehen—Wir haben mit einem Rechtsrock-Experten gesprochen

Kehliger Rock ist ihnen nicht genug, jetzt bedienen sich Rechtsradikale auch bei anderen Genres. Wir haben einen Experten gefragt, was das soll.

von Felix Huesmann
05 November 2015, 9:38am

Neonazis sind längst nicht mehr die leicht zu erkennenden glatzköpfigen Gruselgestalten in Springerstiefeln, die in den 90er Jahren das Bild der Szene dominiert haben. Und auch der Rechtsrock ist nicht mehr nur das kehlige Gitarrengeschrammel—im Jahr 2015 findet rechte Hetze in vielen Genres statt. Nach Black-Metal und Hardcore ist HipHop seit ein paar Jahren das neueste Betätigungsfeld von „NS“-Musikern. Auch wenn es meist nur wie ein hilfloser Versuch wirkt: Viele der Rechtsextremen von heute wollen genauso cool und hip sein, wie der Rest ihrer Generation.

Wir haben bereits darüber berichtet, dass Dortmunder Neonazis nun sogar amerikanische Popsongs covern, um ihre Parolen zu verbreiten. Jetzt haben wir uns mit dem Rechtsrock-Experten Jan Raabe darüber unterhalten, wie wichtig Musik für die rechte Szene ist und warum braune Hetze heute anders klingt als früher.

Noisey: Seit wann gibt es Rechtsrock eigentlich?
Jan Raabe:
Klassischen Rechtsrock gibt es seit Anfang der 80er Jahre. Entstanden ist das in England, wo rassistische Ideen auf junge Leute trafen, die damals Punk-Musik gemacht haben. Deren rassistischen Auffassungen wurden dann in Musik mit entsprechenden Texten umgesetzt. Das war nicht das Ergebnis einer rechten Strategie, nach dem Motto „so erreichen wir Jugendliche“. Die Entwicklung ging von Jugendlichen mit rechten Einstellungen aus, deren Ausdrucksform die Punk- und Rockmusik war. Rechte Musik an und für sich war damals natürlich auch nichts neues. Nie wurde mehr gesungen als im Nationalsozialismus, aber das war eben Marschmusik und Lagerfeuermusik und hatte mit moderner Jugendkultur nichts zu tun.

Was für eine Bedeutung hat diese Musik für die rechte Szene?
Rechte Musik hat gerade für junge Menschen in der Szene eine sehr große Bedeutung. Je älter die werden, umso weniger wichtig ist das. Man muss da zwei Sachen unterscheiden: Das eine ist eine strategische Nutzung von Musik und Jugendkultur. Wenn die NPD eine Schulhof-CD macht, ist das natürlich eine ganz klare Strategie, um ihre Werte (oder Unwerte) an junge Leute zu vermitteln. Die denken sich: „Junge Leute wollen keine Flugblätter und Parteiprogramme lesen, aber die hören Musik“. Junge Hörer und auch die Produzenten von rechter Musik haben hingegen eine Eigenmotivation. Wie andere Jugendkulturen auch, erfüllt Rechtsrock bestimmte Bedürfnisse bei den Menschen, die ihn machen und hören. Ein ganz wichtiges Moment ist dabei die eigene Identität.


Rechtsradikaler Altrocker Lunikoff bei seinem Auftritt auf einer Dortmunder Neonazi-Demo | Foto: Felix Huesmann

Wie hat sich Rechtsrock in den letzten Jahren verändert?
Der Rechtsrock hat sich ausdifferenziert. In den 80ern und Anfang der 90er Jahre hatten wir in der rechten Szene fast nur den klassischen Rock und Punk-Rock-Stil. Das war fast immer mit dem Skinhead-Dasein verbunden. Bomberjacke, Springerstiefel und Glatze waren ja die ikonographischen Elemente der Szene in den 90ern. Irgendwann gab es aber auch in der Black-Metal-Szene Leute, die sich für Nazi-Inhalte begeisterten. Die haben sich natürlich nicht die Haare abgeschnitten, sondern einfach rechte Symbole und Inhalte mit in ihre Szene übernommen. Das sind alles keine geplanten Prozesse sondern sowas kommt vor allem aus der Szene selber heraus. Wenn man sich mal vorstellt, wie ein NPD-Funktionär sich überlegt, dass man jetzt Black-Metal machen müsse, weil man da Leute begeistern kann—das funktioniert so natürlich nicht.

Vor allem war das Skinhead-Image irgendwann einfach aufgebraucht und entsprach nicht mehr dem Zeitgeist. Skinheads galten damals auch als brutale und dumme Schläger, das war nicht wirklich attraktiv. Da kam der Nazi-Hardcore aus den Vereinigten Staaten und wurde ab 2000 auch in der rechten Szene in Deutschland populär. Das ging auch mit einer neuen Ästhetik einher: Man konnte auch als Nazi jetzt Basecaps und Kapuzenpullis tragen, sich piercen und einen Bart wachsen lassen. Das war sozusagen der Wiederanschluss an moderne Jugendkultur.

Ursprünglich kommt Hardcore ja aus einer linken, sozialkritischen Bewegung, mit dem ganzen Straight-Edge-Gedanken und so. Die Neonazis haben da ganz stark auf die Linken geschaut und waren von bestimmten Sachen fasziniert. Das war nicht nur die Musik, sondern der ganze Lifestyle und die Inszenierung. Und auf einmal hatten die Nazis auch „Schwarze Blöcke“.

Mittlerweile gibt es sogar Nazi-Rap. Das Meiste an moderner rechter Musik hätte unter den Nazis von damals wohl als „entartet“ gegolten. Wie gehen Neonazis damit um?
Also der Opa aus SS und Wehrmacht hätte natürlich auch den Rechtsrock von Anfang der 80er Jahre als „Negermusik“ oder „entartet“ bezeichnet. Und das Gleiche passiert jetzt auch wieder mit den neuen Formen der Nazi-Musik. Das liegt vor allem daran, dass Rap und HipHop in der Bundesrepublik migrantisch geprägt sind und die Ursprünge in der schwarzen Community in den USA hat. In großen Teilen der rechten Szene trifft Rap darum immer noch auf Ablehnung. Auf der anderen Seite sehen die durchaus, dass Rap bei vielen Jugendlichen sehr beliebt ist. Die Hörgewohnheiten der meisten Neonazis sind aber andere, die sind mit dem klassischen Rechtsrock aufgewachsen.


Rechtsrock-Fans | Foto: Felix Huesmann

Der Konsens der Popkultur in Deutschland ist im Moment eher „Refugees Welcome“—viele Bands spielen Solidaritätskonzerte für Flüchtlinge. Spielt das Thema in aktueller Neonazi-Musik auch eine Rolle?
Dafür ist die Diskussion meines Erachtens noch zu jung. In der letzten Zeit sind pro Jahr etwa 100 professionell produzierte Tonträger deutscher Neonazi-Bands erschienen. Bis man eine CD aufgenommen und produziert hat, dauert das natürlich immer eine Weile. Darum finden sich solche Dinge meist eher mit einem halben Jahr Verspätung wieder.

Wenn wir uns aber die Sozialen Medien und die Online-Shops angucken, spielt das Thema eine große Rolle. Da gibt es zum Beispiel T-Shirts auf denen „Refugees not Welcome“ draufsteht und sowas. Darum wird das Thema sicherlich auch in den Texten der rechten Musik in der nächsten Zeit stark vertreten sein.

In den letzten Monaten sieht man immer stärker, dass die einen Neonazis ganz offen hetzen, während andere sich als „besorgte Bürger“ aufspielen und versuchen, anschlussfähig zu werden. Gibt es das im Rechtsrock auch?
Ja, sowas gibt es da auch. In der „Sturm und Drang“-Phase des Rechtsrocks in den 90er Jahren gab es enorm offene Vernichtungsphantasien gegen Migranten. Da wurden brennende Flüchtlingsheime ganz offen gefeiert. Heute ist das meistens etwas verdeckter. Das liegt vor allem an der Strafverfolgung und daran, dass Bands und Versände die CDs legal verkaufen und Geld damit verdienen wollen. Liedtexte werden in der Regel erstmal einem Anwalt vorgelegt und dann so zurecht geschliffen, dass sie knapp unterhalb der Grenze zur Volksverhetzung bleiben.

Und im Rahmen der ganzen rassistischen Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte der letzten Zeit gab es eine Reihe an Veranstaltungen, wo Musiker aus dem Rechtsrockbereich mit auftreten konnten. Sowohl rechte Liedermacher wie Frank Rennicke, als auch Berliner Nazi-Rapper von A3stus. Das verlässt den Rahmen des klassischen Rechtsrocks natürlich und schlägt eine Brücke zwischen Neonazis und rassistischen „Wutbürgern“.