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Eine Hotelrechnung löst das letzte Geheimnis um Snowdens Flucht

Hat der Whistleblower nach seiner Ankunft in Hong Kong heimlich Daten an Russland gegeben? Jetzt demontiert ein neu aufgetauchtes Dokument den beliebten Vorwurf der Snowden-Kritiker.

von Daniel Mützel
24 März 2017, 6:00am

Snowden im berühmten Video-Interview mit Glen Greenwald und Laura Poitras aufgenommen im Mira-Hotel. Bild: Guardian

Spekulationen darüber, ob NSA-Whistleblower Edward Snowden für den russischen Geheimdienst arbeitet, sind beinahe so alt wie die NSA-Leaks selbst. In Deutschland waren es insbesondere der bild.de-Chef Julian Reichelt und Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, die diese Behauptung verbreiteten. Belege dafür gab es nie.

Auch in den USA hat die Agententheorie viele Anhänger. Gerade hat eine Buchveröffentlichung des Autors Edward Jay Epstein die Debatte erneut befeuert. Snowdens Rolle als Whistleblower sei nur Maskerade, so Epstein, denn für seine Agententätigkeit für russische und chinesische Dienste sprechen vor allem die „Missing Eleven Days" in Snowdens Fluchtbiographie.

Für diese „fehlenden elf Tagen" zwischen dem 21. Mai 2013 (als Snowden in Hong Kong landete) und dem 1. Juni 2013 (als er Journalisten im Hongkonger Hotel Mira traf) gab es bislang keinerlei Belege über Snowdens Aufenthaltsort. Die Behauptung mancher Snowden-Kritiker: In diesem Zeitfenster soll sich der Ex-NSA-Mitarbeiter mit russischen und chinesischen Agenten getroffen haben und ihnen sensible Informationen übergeben haben. Die Angaben Snowdens, er habe zu diesem Zeitpunkt bereits im Hotel Mira aufgeschlagen, wurden von seinen Kritikern bislang als Schutzbehauptung abgetan.

Nun, nach fast vier Jahren Spekulationen und Geheimdienst-Geraune, sind die Original-Hotelbelege aufgetaucht. Sie bestätigen: Ein gewisser Edward Joseph Snowden checkte am 21. Mai im Mira-Hotel Hong Kong ein. Dort blieb er zunächst bis zum 31. Mai, buchte dann aber eine zusätzliche Nacht, um schließlich zehn weitere Tage im Mira bis zum 10. Juni zu bleiben.

Ein Teil der Hotelbuchung, wie sie The Intercept veröffentlicht.

Snowden buchte das Mira-Hotel zunächst über die Vermittlungsportal booking.com. Eine Kopie der Reservierung bestätigt ebenfalls den Aufenthalt Snowdens im Mira während der angeblich mysteriösen „elf Tage"; ein weiteres Dokument belegt den verlängerten Aufenthalt des Whistleblowers bis zum 10. Juni. An diesem Tag flüchtete er mit Hilfe des Menschenrechtsanwalts Robert Tibbo in einer filmreifen Aktion von dem Luxushotel in die Hongkonger Slums.

Dem Guardian sagte der Whistleblower bei seinem ersten Interview nach den Leaks, er habe am 20. Mai einen Flieger von Honolulu auf Hawai nach Hong Kong genommen und sei am 21. Mai unter seinem Namen im Mira eingecheckt, wo er bis zum 10. Juni blieb. Die jetzt aufgetauchten Reservierungsbelege bestätigen diese Angaben. Laut dem US-Journalisten Glenn Greenwald, der die Dokumente zuerst veröffentlichte, hätten Snowdens Hongkonger Anwälte um Robert Tibbo die Belege beschaffen können.

Die „Hotel-Leaks" könnte nun der Riege an Snowden-Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Demontieren sie doch einen ihrer zentralen Mythen, demzufolge die ersten, angeblich undokumentierten Tage darauf hindeuten könnten, dass Snowden mit russischen und chinesischen Geheimdiensten kollaboriert habe.

Möglich ist aber auch, dass sie gar nichts bewirken, denn die Vertreter der Agententheorie hatten bislang auch keine Fakten und Belege gebraucht, um ihre Anschuldigungen medienwirksam zu verbreiten. Als Argumente dienten bislang eher gefühlte Wahrheiten, etwa als Verfassungsschutzpräsident Maaßen im NSA-Untersuchungsausschuss raunte, eine Agententätigkeit Snowdens könne nicht ausgeschlossen werden und hätte für ihn eine „hohe Plausibilität". Methodisch unterboten wurde Maaßen nur noch vom bild.de-Chef Reichelt, der lediglich die Vermutungen eines Ex-NSAlers weiterreichte, um Snowden in einem Artikel einen „Russen-Agent" zu taufen.

Die Bemerkung Maaßens konterte Snowden damals mit einem auf Deutsch verfassten Tweet, der die Perfidie solcher Anschuldigungen zeigt, die zwar haltlos sind, aber beim Rezipienten einen Restzweifel zurücklassen (sollen).

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