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Vice Blog

UFC Berlin

Bei der Ultimate Fighting Championship gibt Tritte ins Gesicht, schwitzende Männer, halbnackte Frauen und jede Menge Bier.
4.6.14

Die Ultimate Fighting Championship ist ein riesiges Spektakel. Als Anfang der 90er Jahre die ersten Käfigkämpfe gezeigt wurden, ging ein Raunen durch die zivilisierte Welt. Darf man Menschen in Käfige stecken und gegeneinander kämpfen lassen? Und auch noch vor fünf Jahren, als die UFC zum ersten Mal in Deutschland Station machte, gab es die heftigsten Kontroversen. Mehrere Städte versuchten, eine Veranstaltung in ihren Gemarkungen aus moralischen Gründen zu unterbinden, bevor die Fightnight dann doch in Köln stattfinden durfte. Dort saß dann ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes mit am Ring, der darauf aufpasste, dass nicht zu viel Blut vergossen wurde, ansonsten hätte er die Veranstaltung sofort unterbrochen.

Ob am 31.05. ebenfalls ein Aufpasser vom Berliner Ordnungsamt anwesend war, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass im Vorfeld der Veranstaltung auf den allseits präsenten Videomonitoren jede Menge UFC-Merchandise beworben wurde. Unter anderem auch die neue Bruce Lee Edition des UFC-Konsolenspiels, mit dessen Hilfe man endlich die leidige Frage klären kann, wer denn nun der beste Kampfsportler aller Zeiten ist und war: Bruce Lee, Jean-Claude Van Damme oder doch Godzilla.

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Dicke Jungs, gekleidet in T-Shirts vom Freefight Sportartikler Tapout, nahmen begeistert das Werbeangebot des Workoutprogramms Fit for UFC zur Kenntnis, das ebenfalls für die Konsole erhältlich ist, und zwischendurch erschien Dana White auf den Monitoren. Mit beschwörender Stimmer erklärte der gleichermaßen charismatische wie auch cholerischer Chef der UFC Promotion, dass Freefight der „fastest growing sport“ der ganzen Welt sei, woran man allerdings beim Blick in die nicht wirklich ausverkaufte Halle der O2 World in Berlin seine Zweifel bekommen konnte. Trotz allem war die Stimmung ausgelassen und eine größere Gruppe von Freefight-Enthusiasten erfreute die Anwesenden immer wieder durch spartanische „Ahuuuuu“-Rufe.

Früher mochte ich Freefight und besonders die UFC ganz gerne. Im Gegensatz zum glattpolierten, kommerzialisierten Boxen waren die Kampfrekorde der Kämpfer eher ausgeglichen. Da standen fünf Siegen auch schon mal fünf Niederlagen entgegen, was eben der Realität entspricht. So ist Kampfsport. Mal gewinnt man, mal verliert man. Heutzutage sind die Kampfrekorde auch bei den Freefight-Veranstaltungen gesäubert und es dürfen nur noch Athleten antreten, die soundsoviele Siege in Folge aufzuweisen haben. Ständig ging es in den Fights vom Samstag dann auch genau darum: Wer darf sich etablieren und wer sich nach einem Sieg in Berlin Hoffnung auf einen Titelkampf machen.

So auch im allerersten Kampf des Abends, in dem ein etwas speckiger Ruslan Magomedov aus Dagestan gegen einen ebenso speckigen Victor Pesta aus Tschechien im Schwergesicht bis 120 Kilogramm antrat. Die Erinnerung an Fedor Emilianenko lehrt uns, dass man füllige Kämpfer auf keinen Fall unterschätzen darf, doch bei Pesta und Magomedov täuscht der erste Eindruck dann doch nicht. Die beiden waren nicht wirklich in Form, und schaute man in das Gesicht von Victor Pesta kurz nach dem Einmarsch, so war in diesem ganz deutlich die Frage zu lesen: „Was mache ich eigentlich hier?“ Magomedov und Pesta schleppten sich über die vollen drei Runden, wobei bis zur Hälfte der ersten ersteinmal nicht wirklich viel passierte. Die Gegner tasteten sich ab, nach drei Minuten wurde Pesta angeknockt, woraufhin er in die Offensive ging. Zwischen den Runden gab es selbstverständlich Pfiffe und Gejohle für die Nummerngirls. Nach drei Runden war klar, dass beide Kämpfer auch mit konditionellen Mängeln zu kämpfen hatten und dass wahrscheinlich weder der eine noch der andere den heiß ersehnten UFC-Vertrag einheimsen konnte. Für UFC-Standards, wo immer auch die Show zählt, war der Kampf einfach zu wenig spektakulär gewesen.

Ganz anders der zweite. Maximo Blanco aus Venezuela eröffnete seinen Kampf gegen den zugehackten Andy Ogle mit einem fulminanten gesprungenen Tritt, direkt in dessen Gesicht. Ogle, der sich offensichtlich ein ganzes Buch auf die linke Rippe hat tätowieren lassen, wirkte angeschlagen, kam aber trotzdem wieder auf die Beine und wehrte sich nach Leibeskräften. Der Kampf wogte hin und her und ließ auch in der zweiten Runde nichts zu wünschen übrig. Ogle sah mit seinem zermatschten Gesicht aus, als würde er gerade von einer Kneipenschlägerei kommen, doch seiner Begeisterung, weiter zu kämpfen, tat dies keinen Abbruch. Auch in der dritten Runde behielten beide Kontrahenten das hohe Tempo bei, wobei Blanco nicht nur besser aussah, sondern auch ein klein wenig besser in Form war. Ein schöner gedrehter Kick von Blanco traf Ogle hart im Gesicht und lieferte dann wohl auch die Entscheidung. Blanco gewann einstimmig nach Punkten, was Ogle schon geahnt haben musste. Direkt nach der Schlusssirene schulterte der Brite seinen Gegner, um ihn durch den Ring zu tragen. Das war großes Sportsmanship, und wir hatten definitiv den besten Kampf des Abends gesehen.

Doch es standen ja noch sieben Kämpfe auf der Fightcard, und das Ende war noch weit. Der Duft von Jalapenos-Burger waberte durch die Halle und man musste sich beeilen, um den nächsten Liter Bier zu holen, denn nun sollte Peter Sobotta aus Geislingen an der Steige gegen Pawel Pawlak aus Lodz in den Ring steigen. Zwar trat auch Sobotta für Polen an, doch bei der Erwähnung des Wohnorts von Sobotta kochten die Emotionen hoch. Und die 300 Spartaner brüllten wieder „Ahuuuu“.

Sobotta war am Samstag übrigens der einzige Kämpfer mit Körperbehaarung, während alle anderen vollkommen glattrasiert erschienen. So auch Sobottas Gegner Pawlak, der aussah, wie man sich einen typischen Hooligan vorstellt, sehr dünn und sehr zäh—und genau so kämpfte er auch. Er machte es dem gelernten Jiu-Jitsu-Kämpfer Sobotta nicht leicht, der allerdings erst in der zweiten Runde seine Bodenüberlegenheit auszuspielen begann. Pawlak wehrte sich nach Leibeskräften. Sobotta dominierte im Ground and Pound, konnte aber keine Submission erringen. Wegen eines unerlaubten Kopfstoßes gegen die Brust von Pawlak á la Zinédine Zidane kassierte er sogar eine Verwarnung, gewann den Kampf allerdings trotzdem einstimmig nach Punkten.

Der nächste Kampf kam ein wenig überraschend. Ohne Einmarschmusik und ohne Heckmeck standen sich plötzlich Vaughn Lee und Iuri Alcantara im Bantamgewicht gegenüber, wobei Alcantara seinen Gegner bereits nach 25 Sekunden niederstreckte und den Kampf durch KO gewann. Ich konnte mir Nachos mit Käsesauce und noch ein bisschen mehr Bier holen. Durch die langen Schlangen am Ein-Liter-Bier-Tresen verpasste ich zwar die erste Runde des nächsten Kampfes, was aber wohl nicht weiter schlimm war. Magnus Cedenblad besiegte seinen Gegner Krzystof Jotko  tatsächlich exakt eine Sekunde vor Ende der zweiten Runde durch einen Guillotine Choke, und ich fragte mich, was den armen Jotko in seinem nächsten Training wohl erwartet. Wer in Minute 4:59 aufgibt, dürfte mit öffentlichem Handtuchauspeitschen wohl noch ganz gut wegkommen.

Das Bier geht weg wie nichts und steigert die Vorfreude auf den nächsten Kampf, in dem der Deutsche Nick Hein auf den Amerikaner Drew Dober traf. Drew Dober marschierte zu „I‘m sexy and I know it“ in die Halle und war auch ansonsten sehr gut drauf. Er lachte und winkte ins Publikum, was dieses mit Buhrufen quittierte, was Dober allerdings nicht weiter zu stören schien, da er sich weiter gekonnt selbst feierte. Nick Hein lief zu AC/DCs „Thunder“ ein und stellte das teilweise rockerclubaffine Publikum vor einen schweren Gewissenkonflikt. Nick Hein ist im echten Leben nämlich Polizist. Nun ist man in diesen Kreisen ja einerseits Patriot, auf der anderen Seite hasst man aber auch die Polizei, weshalb sich die Deutschland-Sprechchöre mit vereinzelten ACAB-Rufen abwechselten. Schließlich behielten aber dann doch die Deutschland-Fans die Oberhand, und der 30-jährige Kölner boxte den gutgelaunten Dober an die Wand. Dieser blutete nach zwei Runden so stark, dass er den makellosen und wirklich perfekten Körper von Hein einsaute, was das Publikum zu Recht mit Buhrufen bestrafte. Doch das alles störte den Mann aus Amerika wenig, der kurz vor Schluss noch einmal die Arme hochriss, um die Menge anzufeuern. Das ist Showtalent. Das wollen die Leute sehen. So muss das sein in der UFC, und das Publikum trampelte sich durch die letzten Sekunden. Gewinner war dann, wenig überraschend, „Seargent Nick Hein“, der dann ebenfalls unter Beweis stellte, dass er der UFC würdig ist. „Deutschland, seid ihr gut drauf?“, brüllte er ins Mikrofon und ließ sich vom Publikum ein U und ein F und ein C geben, um zu zeigen, dass auch Deutschland die UFC verdient hat.

Als Nächstes konnte man skandinavische Feindseligkeiten aus nächster Nähe betrachten, als der Finne Tom Ninimaki gegen den Schweden Niklas Backström im Federgwicht bis 70 kg antrat. Da erst bemerkte man, wie viele Finnen sich plötzlich in der Halle befanden, die allesamt sehr viel Bier getrunken hatten und nun den Schweden auspfiffen. Der schürte mit seinem Vollbart mit Sicherheit auch den Unmut des einen oder anderen Hipsterhassers im Publikum, holte sich gegen Ende der zweiten Runde trotzdem den Sieg mit einem überzeugenden Rear Naked Choke. In seiner Dankesrede, die er in einem Englisch hielt, das man nicht unbedingt verstehen musste, erklärte er, dass er nur deshalb gewonnen hätte, weil er unfassbar mehr Skills als alle seine Gegner habe. Ich für meinen Teil würde dagegen behaupten, dass er einfach nur wahnsinnig lange Gliedmaßen besitzt, aber hey, auch diese muss man zu nutzen wissen.

Die nächste Pause, in der das UFC-Realityformat TUF vorgestellt wurde, nutzte ich, um die Unmengen Bier wieder loszuwerden, die ich getrunken hatte, und um mir neues zu besorgen. Eine kluge Entscheidung, wie sich später herausstellte, denn dieses half mir den nächsten Kampf von Sean Strickland gegen Luke Barnatt komplett zu vergessen. Es passierte 15 Minuten lang genau gar nichts. Buhrufe und Pfiffe wurden laut. Die Nummerngirls zwischen den Runden wurden euphorisch beklatscht, man wollte Blut sehen, Blut, Blut, Blut, das dann aber nicht floss.

Noch mehr Bier. Doch dann kam George Saint-Pierre in die Halle und die Sonne ging auf. „Ach, George Saint-Pierre“, seufzte die Frau neben mir, als der franko-kanadische Schönling auftauchte, aber ein wenig bedauerlich war es dann doch, dass dieser nur als Trainer für den Franzosen Francis Carmont fungierte. Dieser schlug sich wacker gegen den Amerikaner Dollaway, der ein ausgezeichneter Ringer zu sein schien, so oft wie er den Kampf auf den Boden verlagerte. Leider wusste der Amerikaner aber nicht wirklich, etwas mit seiner Takedown-Überlegenheit anzufangen, und konnte trotz mehrerer vorteilhafter Positionen keine Submission erzwingen. Abgesehen davon sieht Dollaway ein wenig aus wie Matt Damon, was aber auch daran liegen könnte, dass Matt Damon einfach so aussieht wie jeder x-beliebige Amerikaner aus dem Mittleren Westen. Auf jeden Fall war auch Francis auf dem Boden keine übermäßige Kanone, und so endete der Kampf mit einem Punktsieg zugunsten von Dollaway.

Der Hauptkampf des Abends Mark Munoz gegen Gegard Mousasi war dann nur noch Formsache. „The Filipino Wrecking Machine“ hatte zwar in mehreren Vorabvideos angekündigt, dass er Mousasi vorzeitig ausschalten würde, präsentierte sich dann allerdings doch eher respektvoll und zurückhaltend. Mit 36 Jahren auch deutlich älter als sein 28-jähriger Kontrahent versuchte er es mit einigen halbherzigen Ringerangriffen. Als ihm dann schlussendlich doch der Wurf gelang, landete allerdings Mousasi in der Top-Position, der sich aus dem Mount dann sogar noch den Back Mount holen konnte, von wo aus er klassischerweise mit einem Rear Naked Choke vollstreckte.

Obwohl das Publikum natürlich Blut sehen wollte, ist es wahrscheinlich das Beste für den Sport, dass jene Zuschauer enttäuscht wurden, wenn wir UFC endlich auch im deutschen Fernsehen schauen wollen.