So weit ist die Entwicklung von Sexrobotern mit Künstlicher Intelligenz schon vorangeschritten

Wir haben mit RealDoll-Gründer über die Verbindung von KI und Sexpuppen sowie die damit einhergehenden ethischen Fragen gesprochen.

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19 Oktober 2016, 4:00am

Titelfoto: Ein RealDoll-Modell, noch ohne KI | Foto: Stacy Leigh/RealDoll

Bei RealDoll handelt es sich—wie der Name schon vermuten lässt—um ein Unternehmen, das unglaublich lebensechte Sexpuppen herstellt. Vielleicht kennst du RealDoll schon aus dem Film Lars und die Frauen, in dem eine solche Puppe namens Bianca neben Ryan Gosling die zweite Hauptrolle spielt. Es ist jedoch nie gut, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Deshalb arbeitet Matt McCullen, der Gründer von RealDoll, gerade auch daran, seine Produkte in Roboter mit Künstlicher Intelligenz zu verwandeln.

Künstliche Intelligenz ist heutzutage schon fest in unserem Alltag verankert. Man muss bloß mal an nützliche Gadgets wie etwa iPhones Siri oder Amazons Echo denken. Die Antworten solcher elektronischen Helfer fallen immer nett und vor allem professionell aus. McCullen legt jedoch mehr Wert darauf, dass mithilfe der Entwicklung in Sachen Spracherkennung auch eine KI geschaffen werden kann, die darauf ausgelegt ist, für psychische und körperliche Erregung zu sorgen. Das ultimative Ziel ist eine Puppe, die für sich selbst denken kann, die im Laufe der Beziehung immer mehr über ihren Besitzer herausfindet und seine sexuellen Bedürfnisse damit immer besser erfüllt.

Der Schach-Guru und KI-Experte David Levy schreibt in seinem Buch Love & Sex with Robots: The Evolution of Human-Robot Relationships, dass Roboter bis zum Jahr 2050 dazu fähig sein werden, sich in Menschen zu verlieben und sich romantisch, attraktiv und sexuell anziehend zu verhalten. Ist McCullens Vorstoß also der erste Schritt in Richtung Beziehung mit "unechten" Menschen?

Um genau das herauszufinden, habe ich mit dem RealDoll-Gründer über den Fortschritt seines Projekts gesprochen.

Ein RealDoll-Modell, noch ohne KI | Foto: RealDoll

VICE: Wie würdest du einem Laien erklären, was ihr da bei RealDolls mit Künstlicher Intelligenz macht?
Matt McCullen: Ich habe einige Vertreter aus der Robotertechnik kennengelernt und gefragt: "Wie können wir KI und unsere Puppen zusammenführen?" Genau das machen wir hier auch, wir integrieren Künstliche Intelligenz in die RealDolls. Wir perfektionieren die KI so weit wie möglich, damit die Interaktion mit den Puppen Spaß macht und glaubhaft wirkt. Wir wollen aber niemanden glauben lassen, dass es sich dabei um einen echten Menschen handelt.

Wie kommt der Schritt hin zu intelligenten Sexrobotern bei euren Kunden an?
Als ich 1997 mit den Puppen anfing, hatten sie ja noch einen ganz anderen Zweck als heute. Damals waren sie so gesehen ja eher richtig hochwertige Schaufensterpuppen. Die Leute haben sich die Puppen dann jedoch als Gesellschaft oder zu sexuellen Zwecken gekauft. Dementsprechend ging die Entwicklung dann auch in diese Richtung. Bei der Künstlichen Intelligenz ist es jetzt ähnlich.

Von welchen Entwicklungen im KI-Bereich lässt du dich inspirieren?
Wir versuchen, auf die grundlegende Assistenz-KI-Architektur aufzubauen, um so etwas Ähnliches wie Die Sims zu erschaffen. Unsere Künstliche Intelligenz hat also Wünsche und es gibt gewisse Ziele. Wenn man diese Ziele erfüllt, dann bekommt man eine Belohnung in Form von Worten, Gesten oder sexuellen Bewegungen.

Derzeit haben KIs lediglich eine Helferfunktion. Die Entwickler wollen sie nicht unterhaltsam oder gar erotisch gestalten. Da kommen dann wir ins Spiel, denn wir fragen, was wir von einem Programmierer-Standpunkt aus tun können, um das nachzustellen, was zwischen zwei Menschen in einer Beziehung passiert. Und das geht weit über den sexuellen Aspekt hinaus. Für die meisten Leute bauen wir einfach nur einen Sexroboter. Meiner Meinung nach bauen wir allerdings einen Roboter, der auch Sex haben kann.

Wie genau stellt eure Künstliche Intelligenz eine menschliche Beziehung nach?
Für mich ist da der Aspekt des Zufalls der Schlüssel. Es ist schön, wenn eine Konversation auch mal überrascht. Manchmal geht das voll nach hinten los, weil die Puppe dann etwas sagt, das entweder gar nicht passt oder keinen Sinn ergibt. Ab und an denke ich mir aber auch: "Mann, etwas Besseres hätte sie jetzt nicht von sich geben können!" In solchen Moment bin ich richtig verblüfft.

Besteht dein ultimatives Ziel darin, dass sich ein Mensch in eine Maschine verliebt?
Da bin ich mir nicht ganz sicher. Ich fände es aber toll, wenn sich zwischen den beiden eine Verbindung entwickelt. Die kann man dann Freundschaft, Zweisamkeit oder Ähnliches nennen—Hauptsache, sie hebt sich von den anderen, emotionslosen Verbindungen zwischen Mensch und Maschine ab.

Glaubst du, dass wir Maschinen irgendwann als Freunde ansehen?
Ja, emotional gesehen schon.

Macht uns das nicht weniger sozial?
Ich gehe stark davon aus, dass nur bestimmte Menschen eine Verbindung zu den Robotern und den KIs aufbauen, denn nicht jeder findet das interessant oder ansprechend. Deswegen glaube ich nicht, dass es plötzlich keine zwischenmenschlichen Interaktionen mehr gibt, weil alle nur noch mit ihren Robotern beschäftigt sind.

Du bedienst mit deinem Produkt also einen Nischenmarkt?
Nun, die rein sexuelle Komponente könnte auch für einen größeren Markt interessant sein. Extrem viele Leute reden nämlich über dieses Thema und fragen mich darüber aus. Ich denke, dass viele Kunden die Interaktion mit der Puppe auf diesen Bereich beschränken werden. Eine tatsächliche emotionale Verbindung mit der Künstlichen Intelligenz ist nichts für jeden. Dafür muss man schon ein bestimmter Typ Mensch sein—sehr einsam oder ohne den Wunsch bzw. die Möglichkeit, andere Menschen kennenzulernen. So etwas kann verschiedene Gründe haben. Die Puppe gibt genau diesen Menschen jedoch ein Gefühl der Geborgenheit.

Wünschst du dir eine Welt, in der Menschen durch die Straßen spazieren und dabei mit ihren KI-Puppen reden?
Absolut.

Wie denkst du über die Bedenken von Feministinnen? Viele deiner Puppen haben ja keine realistischen Körpermaße. Schaffen deine Produkte da nicht eine unrealistische Körpervorstellung?
Darüber denke ich gar nicht so viel nach. Ich habe immer nur den weiblichen Körper in all seinen Formen und Größen "nachgebaut". Und natürlich sind uns hier produktionstechnische Grenzen gesetzt, denn wenn eine Puppe zu groß oder zu dick ist, dann wird sie zu schwer und man kann sie nicht mehr richtig benutzen. Ich glaube nicht, dass ich einen größeren Einfluss auf die Körpervorstellung habe als zum Beispiel Barbies. Wenn die Nachfrage da ist, dann stelle ich RealDolls in jeglicher Größe oder Form her.

OK. Virtual Reality spielt bei euch ja ebenfalls eine große Rolle. Kannst du das etwas genauer erklären?
Man kann auf drei verschiedene Arten und Weisen mit unserer Künstlichen Intelligenz interagieren: per Tablet und einem Avatar, per Verbindung zwischen der KI und dem Roboter und per VR-Umgebung. Durch einen Computer und eine VR-Brille ist es möglich, in fantastische Welten einzutauchen und zusammen mit dem KI-Avatar beispielsweise über den Mond zu spazieren. Dabei wird jede Version der Künstlichen Intelligenz anders sein, weil sie durch die Interaktion ja dazulernt und sich so ganz persönlich auf den Nutzer zugeschnitten weiterentwickelt. Es ist ziemlich aufregend, über die ganzen Möglichkeiten dieser Interaktion nachzudenken. Der erste Schritt wird sein, die App und damit gleichzeitig die KI zu veröffentlichen.

Wird diese App auch sexuelle Möglichkeiten bieten?
Ja, die Künstliche Intelligenz wird auch einige nicht jugendfreie Aspekte enthalten. Der dazugehörige Avatar kann nackt sein oder die Klamotten tragen, die der Nutzer auswählt. Aber auch die Körpermaße können ganz nach dem persönlichen Geschmack angepasst werden.

Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie sich deine Entwicklungen auf die Prostitution auswirken könnten?
Das treibt mich jetzt nicht direkt an, aber wenn unsere Puppen irgendwann so gut sind, dass dadurch der Menschenhandel zurückgeht, dann ist das doch eine gute Sache. Man könnte sich ja zum Beispiel gleich mehrere RealDolls kaufen und sie als Sexarbeiterinnen einsetzen. Die Frage nach diesem Szenario kam tatsächlich schon mal auf.

Vielen Dank für das Gespräch, Matt.

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