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Wissenschaftlich bestätigt: Welche Musik dein Bewusstsein am besten erweitert

Neurowissenschafts-Doktorand Mendel Kaelen forscht über die Wechselwirkung von Drogen und Musik. Er erklärt uns, wie seine besonderen Playlists entstehen.

von Victoria Turk
10 Mai 2016, 12:45pm

Bild: Shutterstock

LSD und Musik gehören schon seit ihrer Blütezeit in den 60ern zusammen. Nun haben Wissenschaftler erstmals anhand von Hirnscans untersucht, wie sich das Musikhören neurologisch auf einen LSD-Trip auswirkt. In mehreren Studien haben Forscher um Mendel Kaelen die Verbindung von Musik und bewusstseinserweiternden Drogen auf das menschliche Gehirn analysiert. Eine der größten Herausforderungen für den Neurowissenschaftler war dabei die Musikauswahl. Welche Songs sollte der Doktorand für seine Probanden heraussuchen? Und welche Tracks eignen sich objektiv am besten für die Erfahrung eines—wissenschaftlich überwachten—LSD-Trips?

Warum war es für Kaelan und sein Team überhaupt so wichtig, Musik in ihre Experimente mit einzubinden? Nun, das liegt schlicht daran, dass das Interesse an der medizinischen Wirkung psychedelischer Drogen gerade immer stärker zunimmt. Eines der erklärten Ziele des Londoner Forschungsteams ist es dann auch, herauszufinden, ob und wie diese Substanzen genutzt werden könnten, um psychische Erkrankungen wie Depressionen zu behandeln.

Neurowissenschaftler Mendel Kaelen. Bild: Mendel Kaelen

Der Ansatz, psychologische Therapien mit Musik zu verbinden, ist nicht neu, sondern wurde schon in den 1960ern von Musiktherapeuten erprobt. Kaelen hingegen versucht, das Konzept wissenschaftlich zu belegen, um eine legale Therapie mit bewusstseinserweiternden Substanzen möglich zu machen.

„Wenn man sich die aktuellen klinischen Studien in diesem Bereich anschaut, ist Musik ein fester Bestandteil aller Therapieverfahren", sagte er in einem Telefoninterview mit Motherboard. „Wenn Musik in therapeutischen Verfahren eine so wichtige Rolle spielt, müssen wir uns diesbezüglich eine Menge wichtiger wissenschaftlicher Fragen stellen, um die Forschung in diesem Bereich wirklich voranzubringen—und um sicher zu stellen, dass wir ein empirisches Verständnis von der Bedeutung der Musik innerhalb der therapeutischen Arbeit haben."

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In ihrer Studie spielten die Forscher zehn Probanden zwei Mal fünf Instrumentalstücke vor. In einem der Durchgänge wurde ihnen ein Placebo verabreicht; beim anderen Mal bekamen sie LSD.

Die eingesetzten Playlists enthalten Ambientmusik und neo-klassische Stücke von Künstlern wie Brian McBride, Ólafur Arnalds, Arve Henriksen und Greg Haines. Ein Künstler wurde dabei in den verschiedenen Studien besonders häufig ausgewählt: Der britische Komponist Greg Haines. „Seine Lieder wurden immer wieder als die Favoriten ausgewählt", erklärte Kaelen.

Die Teilnehmer der Studie sollten auf einer Skala von 1-100 bewerten, wie sehr sie sich emotional von der Musik berührt fühlten. Außerdem sollten sie einen Fragebogen, den sogenannten GEMS-9, ausfüllen, in dem sie unterschiedlichen Aspekte der emotionalen Reaktionen wie Friedlichkeit oder Anspannung bewerten sollten. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Probanden eine deutlich stärkere emotionale Reaktion auf die Musik zeigten, wenn sie auf LSD waren. Vor allem Gefühle wie „Verwunderung", „Transzendenz", „Zärtlichkeit" und „Kraft" wurden auf Drogen verstärkt wahrgenommen.

Dieser Graph zeigt die durchschnittliche Bewertung der unterschiedlichen von der Musik hervorgerufenen Gefühle der Probanden auf dem Placebo und auf LSD. Jedes Gefühl wurde auf LSD höher bewertet. Bild: M. Kaelen et al, Psychopharmacology

Im Anschluss an den Pilot-Versuch war Kaelen an einer bahnbrechenden Studie beteiligt, in der die Hirnaktivitäten anhand von fMRI- und MEG-Scans erstmals abgebildet wurden. 20 Probanden wurden 75 Mikrogramm LSD und zu einem anderen Zeitpunkt ein Placebo injiziert, anschließend wurden dann ihre Hirnaktivitäten abgebildet. Diese Studie lieferte Einblicke in die visuellen Halluzinationen und Bewusstseinsveränderungen, die wir typischerweise mit psychedelischen Trips in Verbindung bringen.

In der Studie, die in der Zeitschrift European Neuropsychopharmacology veröffentlicht wurde, konnte nachgewiesen werden, dass der Informationsfluss zwischen dem parahippocampalen Kortex—der für die Gedächtnisfunktion zuständig ist—und dem visuellen Kortex unter Einfluss von LSD verringert wird. Lässt man aber die Probanden zusätzlich Musik hören, verstärkt sich die Kommunikation zwischen den beiden Bereichen.

Die gelb gefärbten Bereiche zeigen die erhöhte Verbindung mit dem Parahippocampus. Am größten ist diese bei der Kombination von LSD und Musik, dann bei LSD ohne Musik und am geringsten bei Musik mit dem Placebo. Bild: M. Kaelen et al, European Neuropsychopharmacology

Da die psychedelische Erfahrung bei jedem anders verläuft, ist es sehr schwierig, einen Soundtrack zusammenzustellen. „Es war eine große Herausforderung, da sich die Geschmäcker der Leute natürlich unterscheiden", sagte Kaelen. Es war nicht möglich, den Probanden zu erlauben, ihre eigene Musik mitzubringen, da man das Verfahren vereinheitlichen musste, um saubere wissenschaftliche Daten zu erhalten.

Er begann also damit, eine Sammlung unterschiedlicher Musikstücke zusammenzustellen, die dann einer anderen Gruppe von Probanden vorgespielt wurde, die die emotionale Wirkung bewerten sollten. „Zuerst wollte ich sehr bewegende, emotional geladene neo-klassische Musik benutzen, doch angesichts der Anspannung, die viele aufgrund des Lärms in dem fMRI Scanner verspüren, habe ich mich dann doch dagegen entschieden", erklärte er. „So wählte ich zum Schluss die Tracks aus, die entspannend wirken und generell ein positives Gefühl vermitteln—hauptsächlich Ambientmusik eines Künstlers namens Robert Rich."

Die Auswahl fiel somit auf zwei sieben-minütige Ausschnitte von Stücken der Künstler Robert Rich und Lisa Moskow, die 1995 das gemeinsame Album Yearning herausgegeben hatten. Kaelen beschrieb die Stücke als beruhigend—auch wegen ihrer melodischen Elementen der Sarod, eines indischen Instruments, das sich ähnlich wie eine Sitar anhört. „Die Stücke haben eine Menge für Ambientmusik sehr typische Instrumente—eine Flöte, einen Synthesizer—, und doch gibt es da dieses eine Instrument mit einer klaren Melodie, der man folgen kann", sagte er.

Kaelen erklärte, dass einer der Gründe für sein Interesse an der neurologischen Wirkung von Musik tatsächlich in Richs Musik selbst liegt. „Robert Richs Arbeit ist fantastisch. Seine Musik basiert auf der Idee, dass Musik selbst großes Potenzial hat, Menschen in veränderte Zustände zu versetzen und zu führen", erklärte er begeistert in Bezug auf die „Schlafkonzerte" des Musikers aus den 80er Jahren, in denen er seine Musik vor schlafendem Publikum darbot.

Das Abspielen der Musik für die Probanden markierte aber noch einmal eine besondere Herausforderung: Sounds in einem MRI Scanner Musik abzuspielen, entpuppte sich nämlich durchaus als schwierig. Die Wissenschaftler griffen auf spezielle, MRI-kompatible Kopfhörer zurück, die keine Magnetspule enthalten, um inmitten des Lärms der Maschine eine einigermaßen gute Tonqualität garantieren zu können. Zwar gefiel einigen Leuten die Musik nicht, doch der Großteil zog die Musik dem Hämmern des MRI Scanners eindeutig vor.

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Vor kurzem war Kaelen an einer weiteren klinischen Studie beteiligt, in der Patienten mit behandlungsresistenter Depression Psilocybin—die psychedelische Verbindung aus den „Zauberpilzen"—verabreicht wurde. Die Studie fand in einem Krankenhauszimmer statt, das mit weniger grellem Licht und wärmeren Farben ausgestattet wurde, um weniger klinisch und beängstigend zu wirken, denn, wie Kaelen bemerkte, ist ein steriles Krankenhauszimmer wahrscheinlich „einer der schrecklichsten Ort überhaupt, um bewusstseinsverändernde Drogen zu nehmen."

Bild: Mendel Kaelen

Bei der Playlist für die Studie mit Psilocybin war die besondere Herausforderung, dass Kaelen auf die unterschiedlichen Phasen der Wirkung der Droge mit der Musik reagieren wollte, um somit negative Erfahrungen abzuschwächen und positive Erfahrungen zu verstärken.

Viele Menschen sind beispielsweise sehr nervös, bevor die Wirkung der Droge einsetzt. Er suchte also nach Musik, die beruhigend und entspannend sein könnte. Wenn die Droge anfängt zu wirken, wird die Musik rhythmischer, und während des Höhepunkts der Droge, der einige Stunden andauern kann, wechselt sie zwischen verschiedenen emotionalen Stärken, oder, wie Kaelen es beschreibt, bewegt sie sich in einer Art Pendelbewegung.

Für die schwierige Auswahl der Tracks hat Kaelen es vermieden, klassische oder christliche Lieder auszuwählen, da es ihm wichtig war, dass die Musik keine Assoziationen mit einer bestimmten Religion hervorrufen würde.

Zwar konnte er uns nicht die gesamte Playlist zur Verfügung stellen, da er die Lieder noch für andere Studien verwenden könnte, doch er verriet uns einige ausgewählte Tracks: Brian Eno und Harold Budds „Against the Sky" ist in der Anfangsphase als beruhigender Track enthalten; das Stück des zeitgenössischen klassischen Musikers Henryk Górecki „Sostenuto tranquillo ma cantabile" ist während der Einleitung zum Höhepunkts zu hören und ist, laut Kaelen, das erste sehr „gefühlsbetonte" Lied; und Greg Haines „183 Times" ertönt während der Phase des Höhepunkts.

Die Reaktionen der Probanden waren größtenteils sehr positiv und sie hatten tatsächlich das Gefühl, dass die Musik ihre Erfahrung auf LSD unterstützt hätte. Trotzdem kann man festhalten, dass es nicht die eine perfekte Playlist für Psychonauten gibt. Das Ziel für zukünftige Studien ist eher, dass der behandelnde Therapeut die Musik den speziellen Bedürfnissen eines jeden Patienten individuell anpasst.

„Die Musik ist im Wesentlichen immer und einzig dafür da, den zentralen therapeutischen Prozess zu unterstützen, nämlich die höchst individuelle Reise mit geschlossenen Augen, die sich uns über Stunden eröffnet", erklärt Kaelen.