Veganer

Vegan ohne Wahl – Ist vegane Ernährung für Kinder gefährlich?

Die meisten Dinge entscheiden Kinder nicht selbst. Sie entscheiden auch nicht, was sie essen. Die kommende Generation wächst zu Teilen vegan auf. Ist das ein Problem?
18.7.16
Bild: Elif Küçük

In der letzten Woche machte eine Geschichte die Runde, ein Kind war von seinen Eltern ins Krankenhaus eingeliefert worden, unterernährt und in kritischer Verfassung. „Vegan ernährt: Eltern wird ihr Baby weggenommen" überschrieb es die Heute, nur um dann im ersten Satz den Konjunktiv zu benutzen: „seine Eltern, überzeugte Veganer, dürften ihn gänzlich ohne Tierprodukte ernährt haben." Außerdem nicht in der Headline: Das Kind hatte einen Herzfehler. Die Kommentarspalte kocht: „Schlimm wenn man das eigene gestörte Essverhalten auf ein Baby überträgt! So etwas ist verantwortungslos und das Baby wird diesen Eltern zu recht weggenommen! [sic!]" Dabei weiß man über vegane Ernährung für Kinder noch zu wenig.

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Karl Josef Esser, der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ) sagte gegenüber der BILD: „Schwangere, die sich ausschließlich vegan ernähren, gehen ein hohes Risiko ein, dass ihr Kind mit schweren Erkrankungen zur Welt kommt. Je stärker sich der Veganismus ausbreitet, desto mehr häufen sich die Fälle." In dem Artikel heißt es auch, dass immer mehr Babys mit neurologischen Schäden geboren würden, weil ihnen Vitamin B12 fehle. Grund dafür könnte die vegane Ernährung der Mütter sein. Aber auch hier steht ein endgültiges Urteil der Wissenschaft noch aus.

Ella ist drei Jahre alt und mag keine Wurst und keinen Käse auf ihrem Brot. Nicht mal die Gesichtswurst fasst sie an, denn „Mama und Papa sagen, dass sonst Tiere gequält werden." Und das möchte sie nicht. Ihre Eltern leben seit vielen Jahren vegan, Ella schon seitdem sie noch ein Ungeborenes war. Auch während der Schwangerschaft hat sich die Mutter von Ella keine großen Gedanken gemacht: „Vegan zu sein finde ich wichtig und mein Kind hat die Chance, das von Beginn an mitzumachen!" Während die Eltern einen Kaffee auf einer Parkbank trinken, sitzt die kleine Veganerin im Sandkasten und trällert ein altes Lied von Erich Mühsam vor sich hin: „Und schimpft ihr den Veganer einen Tropf, so schmeissen wir euch eine Walnuss an den Kopf!"

Was dem anarchistischen Schriftsteller und Aktivisten Erich Mühsam um die vorletzte Jahrhundertwende noch starke Probleme bereitete, der sich nach seiner Einkehr in ein vegetarisches Künstlerkollektiv direkt ein großes Steak bestellt und das von Ella gesungene Lied komponiert hatte, ist heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das macht sich nicht unbedingt an Ellas unbewusst ironischen Gesangskünsten fest, aber Umfragen und Schätzungen gehen von knapp acht Millionen Vegetariern und 900.000 Veganern in Deutschland aus. Anders ausgedrückt: Jeder zehnte Deutsche ernährt sich heute zumindest fleischlos—das sind zwanzigmal so viele wie noch vor 20 Jahren. Der Trend ist erwachsen geworden und wie das mit Erwachsenen so ist, bekommen sie manchmal Kinder.

In den vergangenen Jahren ist wohl die erste breitere Generation geboren worden, die von klein auf fleischlos oder komplett ohne tierische Produkte aufgewachsen ist. Kann eine tierproduktlose Ernährung bei Kindern also wirklich vollkommen gesund und gut sein? Wie gehen Säuglings- und Kinderkörper damit um, wenn man sie nach den eigenen, sich anerzogenen Essgewohnheiten ernährt? Ist es ratsam, während der Schwangerschaft seine Essgewohnheiten beizubehalten? Begeben wir uns auf eine Spurensuche.

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Nach der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist eine rein pflanzliche Ernährung für Kleinkinder sehr kritisch zu sehen, da eine ausreichende Versorgung mit bestimmten Nährstoffen kaum möglich ist. Vor allem das in pflanzlichen Produkten nicht ausreichend auftretende Vitamin B12 sei ein entscheidender, fehlender Nährstoff. Daher rät die DGE ausdrücklich, während der Schwangerschaft, beim Stillen und für Menschen vom Säuglings- bis zum Jugendlichenalter auf eine vegane Ernährung zu verzichten, da ein höheres Risiko für Nährstoffdefizite bestehe. Diese Informationen sind allerdings für die breite Masse bestimmt, denn vegane Ernährung braucht individuelle Empfehlungen, die sich die DGE nicht leisten kann.

Der Verein für Unabhängige Gesundheitsberatung e. V. (UGB) sieht das schon etwas anders. Eine vegane Ernährung in allen Lebensphasen sei möglich und biete bei Beachtung von Nahrungsergänzungen viele Vorteile für den Menschen, ob als Kind oder als Erwachsener. Allerdings rät der Verein in jedem Fall, sich von einem Ernährungsberater Empfehlungen für ein veganes Kinderleben einzuholen, damit mögliche Mängel vermieden werden. Zudem soll ein Arzt regelmäßig den Nährstoffstatus des Kindes überprüfen.

Die Ernährungsberaterin und Buchautorin Edith Gätjen sagt, dass Kinder bezogen auf ihr Körpergewicht einen höheren Energiebedarf als Erwachsene und somit auch einen Mehrbedarf an Kalzium, Vitamin D und C haben. Laut ihr ist eine vegane Ernährung durchaus möglich, wenn man darauf achtet, eben jenen Mehrbedarf zu decken. Die Lobby aus Veganern und Vegetariern wird immer größer und so sammeln private Websiten internationale Studien zur Kinderernährung, Instagram-Profile wie vegan_kids oder fitvegankids) bieten Tipps in Bildform und die Tierschutzorganisation PETA gibt direkte Ratschläge zur richtigen veganen Säuglingsernährung.

Das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund hat zum Einfluss von veganer oder vegetarischer Ernährung von Säuglingen und Kindern eine Studie geplant, diese läuft allerdings gerade erst an und wird im kommenden Jahr beendet—was auch zeigt, dass die bewusst rein pflanzliche Ernährung erst in den vergangenen Jahren zum Mainstream geworden ist und das Interesse der soliden Forschung dahingehend noch in den Kinderschuhen steckt. Erst in den kommenden Jahren wird es also ein immer festeres Bild davon geben, was Veganismus mit uns macht.

Das Essverhalten in der Kindheit bestimmt auch das des Heranwachsenden und Erwachsenen. Wer also als Kind oft Fast Food, Tiefkühlpizza und Dosenravioli vorgesetzt bekommen hat, wird auch im späteren Leben kognitiv eher auf die schnellen Sünden zurückgreifen. Wer anerzogen bekommt, nicht nur zu schlingen, sondern auch auf seine Ernährung zu achten, der profitiert auch im weiteren Leben von seiner Erziehung und es fällt leichter, sich gesund zu ernähren. Und vor allem das Aufwachsen als veganes Kind produziert direkt ein Interesse am richtigen Umgang mit Lebensmitteln. Ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln ist immer von Vorteil, egal ob vegan, vegetarisch oder mit Fleisch.

Die Industrie um pflanzliche Ernährungsweisen wächst weiterhin rasant—so bieten Ehtikkommissionen, Vereine und Institute immer öfter Workshops und Tagungen an, die eine vegane oder vegetarische Ernährung genauer erklären. Veganimus hat viele Vorteile für den Körper, aber vegane Produkte sind auch nicht immer gleich gesund. Vor allem abgepackte Ware in Biomärkten kann oft übermäßig viel Zucker, Fette oder Speisesalze enthalten, die der Körper nicht braucht. Und wer dazu noch wenig auf seinen Körper und seinen Vitamin-, Calcium- und Eisenhaushalt achtet, kann schneller Probleme bekommen, als ihm lieb ist.

Wer sein Kind also vegan oder vegetarisch ernährt, ist nicht unbedingt ein Unmensch, der sein Kind unbedacht einer trendigen Lebensweise unterwirft und damit gesundheitliche Risiken in Kauf nimmt. Man ist aber auch kein direkter Retter der Gesundheit. Es ist unabdingbar, Vorarbeit zu leisten, zu der man bereit sein muss. Das Problem, warum vegane Kinder mit Unterernährung und Mangelerscheinungen zu kämpfen haben, scheint wohl in der nötigen, aber fehlenden Bildung, Vernetzung und Muße der Eltern zu liegen. Denn ein Kinderkörper hat andere Bedürfnisse als ein Erwachsener und muss individuell versorgt werden. Wenn er die Zufuhr von Vitamin B12 und einer ansonsten abwechslungsreichen Ernährung erhält, steht einem gesunden und fitten Kinderleben nichts im Wege.

Veganismus bedingt eine Beschäftigung mit dem Wert und den Inhaltsstoffen der eigenen Lebensmitteln und dieses Interesse muss gerade bei veganen Eltern noch viel ausgeprägter sein. Denn auch bei der Erziehung junger Ellas ist es manchmal schwer, ihnen beizubringen, dass individuelle Beratung, ein genaues Auge auf den Nährstoffhaushalt des Kindes und vielleicht Nahrungsergänzungsmittel neben Obst und Gemüse nötig sind.