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Moderne Kunst, das kann doch ein Dreijähriger

Gerhard Richter ist nichts anderes als ein überbezahltes, dreijähriges Kind. Ist das wirklich so? Wir haben es getestet.
22.10.12

Moderne Kunst—das Zeug, das du während deiner Museumsbesuche immer belächelst und von dem du deiner unbeeindruckten Verabredung erzählst, du könntest es viel besser—provoziert normalerweise die folgende Aussage: „Das sieht aus wie von einem dreijährigen Kind.“ Ich frage mich, warum es unbedingt ein Dreijähriger sein muss. Vielleicht sind Kinder heutzutage mit vier bereits zu abgestumpft? Dieser Spruch ist mittlerweile jedenfalls echt abgelutscht und er stammt meistens von Leuten, die ihre Sonntage damit verbringen, Artikel bei Bild zu kommentieren. Also dachte ich, es wird langsam Zeit, dass irgendjemand diese These auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Ich schnappte mir den dreijährigen Puk, setzte den Kleinen—bewaffnet mit einer Schachtel Pastellkreiden—ins erst vor Kurzem wiedereröffnete Stedelijk Museum in Amsterdam und ließ ihn einige der ausgestellten Werke kopieren.

Puk begann seinen Meisterkurs in Kunstfälschung mit einem Werk von Ellsworth Kelly, einem Vertreter des Color Field Painting. Im Grunde nimmt der Künstler dabei ein paar kräftige Farben, klatscht sie auf eine Leinwand und erschafft große homogene Farbfelder. Ich glaube, derselbe Typ zeichnet sich auch für das Design von Puks Pulli verantwortlich.

Das erste Gemälde hieß Blue, Green, Red, Öl auf Leinwand, aus dem Jahr 1964. „Drei Farben, das mag ich“, sagte Puk. Als ich ihn fragte, ob er es sich in sein Zimmer hängen würde, sagte er ohne zu zögern „Ja“. Zwei Daumen hoch von Puk, Ellsworth.
Ein Museumsangestellter kam vorbei und erzählte uns, dass wir viel mehr Farben erkennen würden, wenn wir ganz genau hinsähen. Puk reagierte darauf, indem er mit seinen kleinen Händen über das komplette Bild wischte, vielleicht um die Farben zu vermischen, aber wer weiß. Ich schätze, man kann sich nie ganz sicher sein, was im Kopf eines Künstlers vor sich geht.

Nachdem er mit dem Verschmieren fertig war, war das erste Replikat vollendet. Verblüffend, nicht wahr? Lass dich bloß nicht von seinem Goldfischgesicht täuschen, das macht er nämlich immer, wenn er gerade Kunstwerke fälscht. FALL NICHT AUF IHN REIN. Ich bat Puk darum, dieses Gemälde nachzumalen, aber anscheinend ist es „hässlich“, also haben wir uns weiter umgeschaut.

Dafür war er allerdings wirklich sehr von Wolfgang Tillmans’ Police Helicopter (1995) angetan. Tillmans wird als ein Fotograf beschrieben, der in seinen Werken einen zeitgenössischen Lebensstil wiedergibt, bei dem Mode, Lifestyle aber auch politisches Engagement die Hauptakteure sind.
Dem kleinen Puk war das wahrscheinlich aber relativ egal. Ich geh davon aus, dass ihn die Helikopter und die coolen Lichter überzeugt haben.

Wie schon vermutet, waren es „die Blinklichter, die im Himmel rumfliegen“, die Puk so faszinierten. Ich erfuhr außerdem, dass die Nacht „unheimlich, aber sehr schön“, ist, was ebenso süß wie tiefgründig war.

Für den Fall, dass du ein absoluter Vollpfosten bist: Die über das Papier gekritzelten roten Linien sind die Blinklichter und die untere linke Ecke (und ein Teil des Fußbodens; Puk lässt sich nicht gerne einschränken, wenn ihn die Muse küsst) sind nur für Buchstaben reserviert. „Das ‚e‘ und das ‚n‘ sind drauf“, und das ist wohl gut so.

Die Nacht fügte er der Zeichnung mithilfe wilder, ausdrucksstarker Striche hinzu. Die invasive Dunkelheit, die das Werk zertrennt, deutet an, dass der Einbruch der Nacht als eine Art Barriere zwischen denen, die im Licht des Tages wandeln, und denen, die—sich am Rande der Gesellschaft bewegend—die Nächte durchstreifen, zu verstehen ist. Oder aber Puk war mittlerweile davon gelangweilt, an der Wand hängende Bilder abzumalen. Dann fügte er noch ein paar Häuser hinzu. Na bitte, die Häuser sind da und voilà—es war vollbracht. Wie schon bei seinem ersten Werk entschied sich Puk auch diesmal dafür, mit seinen Händen und den Ärmeln seines Pullis ordentlich drüberzuwischen.

Dieser letzte schöpferische Kraftakt hatte dem armen Puk all seine kreativer Kraft, die er noch besaß, gekostet. Er litt mittlerweile unter einer gnadenlosen Zeichenblockade  und warf seine Kreiden zu Boden. Er konnte nicht weitermachen. Stattdessen rannte er davon und beschmierte mit seinen pastellverschmierten Händen die makellos weißen Wände des Museums. Die Museumsmitarbeiter, die schon über den Fußboden mehr als unglücklich gewesen waren („Ähm, entschuldigen Sie bitte. Das ist Parkett.“), taten so, als hätten sie Verständnis, nachdem ich Puks Benehmen mit „Er ist ja nur ein Kind.“ zu rechtfertigen versuchte. Meinen Namen, meine Adresse und meine Telefonnummer musste ich ihnen aber trotzdem geben.

In diesem Moment war Puk eine Art niederländischer Minni-Ai Weiwei—von herzlosen Dronen um sein Recht auf künstlerische Freiheit gebracht. Dann wurde er schnell wieder zu einem normalen Kind in einem Museum, fing an, gegen meinen Oberschenkel zu boxen, und ich merkte, dass ihn niemand jemals davon abhalten könnte, die Wände mit Farbe zu beschmieren.

Nachdem sich Puk die Hände gewaschen hatte, gingen wir zurück, um ein Foto von seinem fertigen Werk zu machen. Gerade in dem Moment, in dem ich dafür in die Hocke ging—und ich schwöre bei Gott, das ist die reine Wahrheit—rief eine Frau neben mir: „Wow, das hat was! Diese Wellen sind Teil der Arbeit, wie subtil. Schatz, komm her und sieh dir das an. Das ist so etwas, das man erst auf den zweiten Blick erkennt. Wie reizend!“

Das Stedelijk Museum hatte soeben ein neues Meisterwerk bekommen, von einem dreijährigen Kind.

Na bitte: Wenn Leute sagen „Moderne Kunst sieht einfach so aus, als könnte sie auch von einem Dreijährigen stammen!“, haben sie von nun an und für alle Zeit zu 100% recht.