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Fotos: Grey Hutton

10 Fragen an einen Jäger, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Rebecca Baden

Rebecca Baden

Wie viele Hauskatzen haben Sie schon geschossen? Was war das schlimmste Leiden, das Sie je gesehen haben? Sichern Sie Ihre Waffe immer so, wie es das Gesetz erfordert?

Fotos: Grey Hutton

In den Köpfen vieler Menschen sind Jäger mordlustige Typen mit einer Vorliebe für Wildschweinwurst-Stullen und mit Hirschköpfen gepflasterten Wohnzimmerwänden. Der einzige Tierkopf, der Torsten Reinwalds Wände ziert, ist ein blechernes Wildschwein, an dem er seine khakigrüne Jagdweste aufhängt. Als wir den 46-Jährigen und seinen Hund Dasko im Büro des Deutschen Jagdverbands in Berlin-Mitte treffen, trägt er den grauen Blech-Keiler unterm Arm.

"Wenn ich ein guter Jäger sein will, muss ich mich in die Tiere hineinversetzen", sagt Reinwald. Der Vater einer 20-jährigen Tochter ist studierter Biologe und hat jahrelang die Flugrouten von Vögeln erforscht. 2009 hat er seinen Jagdschein gemacht – um das Naturerlebnis zu vervollständigen. Heute ist er stellvertretender Geschäftsführer und Pressesprecher des Jagdverbands. Er sagt, es fasziniere ihn, auf dem Hochsitz die Natur zu beobachten und eine emotionale Verbindung zu den Wildtieren aufzubauen.

"Vor ein paar Jahren hat ein Reh direkt vor meinen Augen sein Junges gesäugt", sagt Torsten Reinwald, "das war ein richtiger Gänsehaut-Moment." Wir haben Fragen.

VICE: Wie fühlt es sich an, die Macht über ein Leben zu haben?
Torsten Reinwald: Wenn ich bei der Jagd keine Gefühlsregung hätte und die Tiere nicht mehr schätzen würde, würde ich die Waffe an den Nagel hängen. Jäger müssen Respekt davor haben, mit einem Schuss ein Leben zu beenden. Wenn ein Tier in meine Nähe kommt, muss ich sehr viele Entscheidungen innerhalb von Sekunden treffen: Darf ich dieses Tier erlegen? Hat es Junge? Steht es so, dass ich es mit einem Schuss töten kann? Sind Menschen in der Nähe? Ich habe die Verantwortung, kein Leiden zu verursachen. Aber grundsätzlich habe ich für mich entschieden: Als Teil des Nahrungskreislaufs ist es für mich nicht verwerflich, ein Tier zu töten und zu essen.

torsten reinwald deutscher jagdverband 10 fragen an einer jäger

Haben Sie Mitleid mit den Tieren, die Sie erlegen?
Ich habe schon mehrmals Tiere erlegt, die nach einem Verkehrsunfall schwer verletzt waren. Da hatte ich wirklich Mitleid. Im Frühjahr bin ich an einer Straße auf zwei Autos gestoßen, die ihre Warnblinker anhatten. Mitten auf der Fahrbahn saß ein schwer verletzter Fuchs. Er fiel immer wieder um. Die Autofahrer und ich waren der Meinung, dass wir das Leiden schnell beenden sollten. Weil ich dort nicht jagen darf, musste ich die Leitdienststelle der Polizei anrufen für eine Genehmigung. Dann habe ich den Fuchs mit dem Messer getötet. Das war nicht schön. Aber in dem Moment konnte ich nichts anderes machen.

Belächeln Sie Tierschützer?
Nein. Für eine konstruktive Diskussion bin ich immer offen. Wenn Tierrechtler aber partout behaupten, dass die Natur sich selbst regelt und wir eigentlich keine Jagd brauchen, dann ist das eine Sackgasse. Wenn die Natur sich selbst regeln würde, hätten wir in den 80er Jahren aber auch keine Tollwut-Impfung beim Fuchs durchführen dürfen. Das Tollwut-Virus ist das Regulativ der Fuchs-Population. Dadurch, dass Menschen eingegriffen und geimpft haben, sind die Bestände unnatürlich gewachsen und haben sich verdreifacht – und die Bodenbrüter, die der Fuchs reißt, leiden darunter. Wenn der Mensch aber überhaupt nicht mehr eingreifen würde, würden mehr Menschen durch Tollwut sterben und Wildschweine an der Schweinepest elendig krepieren.

Haben Sie schonmal ein Tier angeschossen, das nicht starb, sondern schwer verletzt flüchtete?
Ja, und das war schrecklich. Ich habe damals ein Wildschwein nicht ins Herz und in die Lunge, sondern etwas weiter hinten getroffen, und es lief weg. Weil es dunkel war, musste ich bis zum nächsten Morgen warten, um es mit meinen Hund Dasko zu suchen. Dasko wurde extra ausgebildet, um verletzte Tiere zu finden. Beim ersten Licht haben wir 500 Meter weiter das Wildschwein gefunden – der Schuss war Gott sei Dank doch tödlich. Nach meiner schlaflosen Nacht hat mich das etwas beruhigt.

Was war das schlimmste Leiden, das Sie bei einem Tier je gesehen haben?
Ich bin bei der Nachsuche mit meinem Hund mal auf ein verletztes Reh gestoßen, das nach einem Autounfall einen offenen Bruch am Vorderlauf hatte. Die Verletzung hatte es wohl schon so lange, dass sich Maden in der Wunde angesiedelt hatten. Das Tier wurde also bei lebendigem Leibe aufgefressen. Das ging mir sehr nah. Ich habe es mit einem Schuss erlöst.

Wie viele Hauskatzen haben Sie schon geschossen?
Keine. Aber es gibt ein großes Naturschutzgebiet in Eiderstedt, Nordfriesland, wo der Bestand der Wiesenbrüter immer weiter zurückgeht, obwohl Millionen Euro in den Lebensraum investiert werden. Dort versuchen sie jetzt mit Lebendfallen, natürliche Fressfeinde zu reduzieren. Jedes dritte gefangene Tier ist eine verwilderte oder streunende Hauskatze. Die werden dann immer im Fundbüro abgegeben, aber das beweist, dass der Einfluss von Katzen enorm ist. Es gibt mehr als 2 Millionen verwilderte Hauskatzen in Deutschland – und auch die müssen fressen. Eine Katze zu töten ist wirklich die Ultima Ratio. Es könnte schließlich immer noch sein, dass die am Ende doch jemandem gehören. Ich bin für eine Kastrationspflicht bei Katzen, damit sich Freigänger und Streuner nicht mehr vermehren können. Und damit Katzenbesitzer mehr Verantwortung übernehmen.

Sichern Sie Ihre Waffe immer so, wie es das Gesetz erfordert?
Es gibt sehr strenge Vorschriften dafür, wie die Waffe gesichert sein muss. Mein Waffenschrank ist über 100 Kilo schwer, im Boden verankert und in einem abgeschlossenen Raum. In Deutschland gibt es sehr große Vorbehalte gegen Waffen in Privathänden. Wenn ich bei der Jagd jemanden treffe, erkläre ich, dass die Waffe nicht geladen ist und sie mein Werkzeug ist. Ich bin mir bewusst, dass ich zu den Uhrzeiten, wo ich unterwegs bin, vielleicht suspekt wirke. Aber ich muss halt in der Dämmerung unterwegs sein, weil dann auch die Tiere aktiv sind.

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Ist Jagen ein Schönwetter-Sport?
Überhaupt nicht. Wir jagen zu jeder Jahreszeit, aber eben vor allem im Morgengrauen und in der Dämmerung. Der Begriff "Sauwetter" kommt daher, dass Wildschweine genau dann aktiv sind, wenn es viel regnet und die Erde feucht ist. Dann kommen die Würmer und Larven nach oben. Es gibt allerdings einen Leitspruch: Wenn der Wind jagt, bleibt der Jäger zuhause. Bei starkem Sturm bewegen sich die Tiere nicht, weil sie nichts hören oder sehen können und keine Orientierung haben. Ich war aber auch schon bei minus 25 Grad draußen, weil ich unbedingt ein Wildschwein verwursten wollte – wortwörtlich. Der Förster hat mich für verrückt erklärt. Es lagen 20 Zentimeter Schnee und es war so kalt, dass ich die Baumrinden knacken gehört habe. Auf einmal kam eine Rotte von 40 Wildschweinen – und ich schoss ein junges Tier.

Was ist das Ekligste, das Sie beim Zerlegen eines Tieres erlebt haben?
Das war bei einem Reh. Als ich es aufbrach, war es unter der Haut voller Hautdassel-Larven. Hautdasseln sind Fliegen, die ihre Eier unter die Haut des Rehs legen. Die Larven, die daraus schlüpfen, fressen das Fleisch des Wirts. Als die ganzen Maden aus dem Reh gekrabbelt sind, war das richtig eklig. Das Reh habe ich nicht verwertet.

Was lernt man übers Sterben, wenn man Tiere tötet?
In meinem Zoologie-Studium habe ich an sehr vielen Tierleichen rumgeschnippelt. Die waren in Formaldehyd eingelegt und kalt – also eher abstrakt. Als ich mein erstes Reh erlegt habe und gesehen habe, wie die Pupille langsam grau wird und den warmen Körper noch fühlen konnte, war das komisch. Da wurde mir bewusst, dass ich gerade ein Leben genommen habe. Da ist mir auch klar geworden, warum es in allen Kulturen Jagd-Rituale gibt. Wenn man Leben nimmt und mit dem Fleisch gleichzeitig sein eigenes aufrechterhält, ist das ein Kreislauf. In Deutschland gibt man dem Tier "einen letzten Bissen": Wir klemmen den toten Tieren einen Zweig in den Mund. Danach bahren wir seinen Körper auf Tannenzweigen auf und geben für jedes Tier ein Jagdsignal, um ihm eine letzte Ehre zu erweisen.

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