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Alle Fotos: Hanko Ye

Wir waren mit Martin Lejeune bei einer Preisverleihung für Verschwörungstheoretiker

Johannes Musial

"Was ist ein Aluhut? Was soll das?", fragt Lejeune. Es wirkt wie ein Witz, ist aber keiner. Er weiß es wirklich nicht.

Alle Fotos: Hanko Ye

Als am Sonntag ein Orkan durch Deutschland peitscht, Städte flutet und Menschen tötet, denkt Martin Lejeune darüber nach, wie die Mächtigen das Wetter manipulieren. In seiner Welt schmieden Politiker an geheimen Orten einen Feldzug gegen den Islam. Rothschild, Rockefeller, sie alle mischen mit, sollen im Juli sogar einen Sturm über Istanbul erzeugt haben. "Die Mächte missbrauchen die Türkei als Experimentier-Labor", behauptete er auf Twitter.

Doch heute ist ein guter Tag für Lejeune, es ist türkischer Nationalfeiertag. Kaum etwas bedeutet ihm so viel wie das Land am Bosporus und dessen Präsident Erdoğan, den er "Reis" nennt – Anführer. Der sei "Schutzpatron der Muslime", kämpfe wie kein anderer für die Demokratie.

Er glaubt nicht daran, was internationale Organisationen sagen. Dass türkische Polizisten foltern, wie es UN und Human Rights Watch berichten. Dass Dutzende Journalisten, darunter Deniz Yücel, derzeit wegen scheinheiliger Gründe in Haft sitzen, wie es Reporter ohne Grenzen meldet. Dass es einen Völkermord in Armenien gegeben hat. Er findet es richtig, dass die Regierung nach dem Putschversuch letztes Jahr knapp 100.000 Beamte entließ – Lehrer, Polizisten, Ärzte, Richter. Das müsse nunmal mit Spionen und Terroristen passieren, meint er. Der Welt-Reporter Yücel sei ein Mitglied der PKK und die Verbrechen in Armenien nur eine Erfindung des Westens, um ein "militärisches Eingreifen in der Türkei zu rechtfertigen".

Für seine Ansichten soll er an diesem Abend im Heimathafen Neukölln den Goldenen Aluhut bekommen, einen Preis für Verschwörungstheoretiker. Die Veranstalter wollen damit über fragwürdige Thesen aufklären, vor extremistischen Strukturen warnen, vor Reichsbürgern und Impfgegnern.

"Was ist ein Aluhut? Was soll das?", fragt Lejeune, als er in der Schlange vor dem Einlass zwei Menschen entdeckt, die selbstgebastelte Kappen aus Alufolie tragen. Es wirkt wie ein Witz, ist aber keiner. Er weiß es wirklich nicht.


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Jahrelang arbeitete Lejeune als Journalist für Medien wie das Neue Deutschland, die taz und die FAZ. Er schrieb über die Agrarpolitik der EU, Leiharbeiter bei Amazon und den NSU-Prozess. Bekannt machten ihn seine Kriegsberichte aus Syrien und Gaza.

2014 kam heraus, dass einige seiner "Fakten" nicht stimmten und er mit der Hamas sympathisierte. Über die Hinrichtungen von vermeintlichen Kollaborateuren schrieb er in seinem Blog, sie seien "verhängt durch ordentliche palästinensische Gerichte". Abgelaufen sei alles "sehr sozial". Zu den Aussagen steht er nach wie vor.

Heute pöbelt er offen gegen Israel, nennt Deutschland die "schlimmste Diktatur", die er kenne. Und er wirbt für seinen Reis, wo er nur kann. Einige sehen ihn deshalb als Kämpfer für die Türkei, fast 30.000 Menschen folgen ihm auf Twitter. Die meisten aber schütteln einfach nur den Kopf über seine Aussagen, die immer wütender und wirrer werden.

"Engel sind durchaus real"

Zur Verleihung trägt er Anzug und Krawatte. Weil er stark kurzsichtig ist, kann er die Welt nur durch dicke Brillengläser sehen. Sie machen seine Augen klein, dadurch wirkt er weit weg, selbst wenn man nur eine Armlänge von ihm entfernt ist. Er sitzt eingerahmt von Silberhüten in der sechsten Reihe des 140 Jahre alten Theaterbaus. Bevor es losgeht, sagt er noch: "Die Idee von Verschwörungstheorien ist ja an sich auch wieder eine Verschwörung."

Der erste Preis des Abends geht an die Betreiber der Seite OZ Orgonite, die Produkte zur Beseitigung negativer Gefühlen vertreibt, für Menschen, "die sich mit der Kraft der Engel verbinden wollen", wie es auf Facebook heißt. Sie bestehen aus Kunstharz, Metallschrott und Edelsteinen, kosten mitunter mehrere tausend Euro. Als ein Redner das erklärt, lacht das Publikum. Auch Lejeune lacht. Dann lehnt er sich rüber und flüstert: "Das heißt nicht, dass ich denke, es sei eine Verschwörungstheorie. Es ist einfach nur lustig vorgetragen. Engel sind durchaus real."

Häufig schlägt er Dinge bei Google nach. Die türkische Version, die er nutzt, hat heute die Halbmond-Flagge im Logo. Er feilt an der Rede, die er gleich halten will. Denn deswegen ist er heute Abend hier: um vor Leuten zu sprechen, die ihm sonst nie zuhören würden.

Häufig schlägt er Dinge bei Google nach, bei der türkischen Version

Weil mittlerweile keiner mehr seine Texte veröffentlicht, provoziert er im Netz, bezeichnet sich als "Stimme der Stimmlosen" und seine Arbeit als "aktivierenden Journalismus". Der sieht mitunter so aus: Nach Waldbränden in Israel im letzten Jahr wünscht er Juden in einem Video den Feuertod und zweifelt den Holocaust an. Als vor einigen Wochen die ehemalige Nahostkorrespondentin Sylke Tempel stirbt, schreibt Lejeune auf Twitter: "Die Gebete der Muslime wurden erhört." Beide Aussagen täten ihm leid, sagt er mittlerweile, er habe doch nichts gegen Juden. Was er auch sagt: Israel dürfe nicht existieren.

Der nächste Preis geht an Beatrix von Storch. Sie hatte behauptet, Merkel würde Deutschland zugrunde richten und sich dann nach Südamerika absetzen. Außerdem wolle die EU ein Menschenrecht auf Abtreibung einführen und Masturbationseinheiten für Kleinkinder.

"Dieser Preis ist wie eine Trophäe für mich"

Martin Lejeune hatte die Wahl in der Kategorie "Medien & Blogs" mit einem Drittel der Stimmen klar gewonnen. Erst ein anderer Preisträger kam bisher zur Verleihung. Der Reichsbürger Dennis Ingo Schulz durfte seine Auszeichnung im vergangenen Jahr allerdings nur vor dem Heimathafen entgegennehmen. Die Veranstalter hatten ihm Hausverbot erteilt, weil sie befürchteten, er würde den Hitlergruß zeigen und den Holocaust leugnen.

Die Betreiber des Heimathafens wollten auch Martin Lejeune nicht bei der Veranstaltung haben, ließen sich aber von den Veranstaltern des Goldenen Aluhuts umstimmen. Auf der Bühne sagt Lejeune: "Dieser Preis ist wie eine Trophäe für mich. Es zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin."

"Was ist ein Aluhut? Was soll das?", fragt Lejeune

Nach drei Minuten Rede hat Lejeune sein Ziel erreicht: Die Menschen haben ihm zugehört, haben nicht mit dem Finger auf ihn gezeigt, ihn auch nicht ausgebuht. Es gab sogar Applaus. Denn er glaubt weder, dass die Erde flach, noch dass Angela Merkel ein Reptiloid ist. Wie so viele glaubt er stattdessen an eine Verschwörung der Mächtigen, mutmaßt, was hinter den verschlossenen Türen dieser Welt so alles vor sich geht. "Die da oben", sagen Rechte wie Linke. "Die da oben", sagt auch Martin Lejeune.

Jeder zweite Deutsche glaubt, die Anschläge vom 11. September seien anders abgelaufen, als es die Bush-Regierung behauptet hat, jeder Vierte glaubt sogar, die Türme seien gesprengt worden. Das hat der Psychologe Sebastian Bartoschek herausgefunden. In einer Welt, die so kompliziert ist, dass Menschen sie nur schwer begreifen, basteln sich viele lieber ihre eigene Wahrheit.

Martin Lejeune setzt sich einen Aluhut auf

Das Licht geht an, das Mikrofon aus. Lejeune bewegt die Lippen, aber man versteht ihn nicht. Es ist Pause. Er muss von der Bühne. Er will gehen. Auf dem Weg nach draußen begegnet er einer Frau, die einen mit Alufolie umwickelten Zylinder trägt. Für ein Foto setzt er ihn auf, Menschen ziehen ihre Telefone aus den Taschen, um das festzuhalten: Martin Lejeune mit seinem Preis als Verschwörungstheoretiker in der Hand, einem Aluhut auf dem Kopf und einem bemühten Grinsen im Gesicht.

Das sei ihr Ausgehzylinder, sagt die Frau mit Lederjacke und schmal gezupften Augenbrauen. Überhaupt wolle sie noch mit ihm sprechen, sie sei von Sputnik. Das von Russland finanzierte Nachrichtenportal verbreitet oft Falschmeldungen, Häme und Hetze.

"Wir sind ja ziemlich neidisch auf den Preis", sagt die Journalistin zu Lejeune. "Wir waren nicht einmal nominiert." Dann zieht sie den Kameramann zu sich. "Ein richtiges Ablenkungsmanöver von den richtigen Verschwörungen", nennt Lejeune die Verleihung des Goldenen Aluhuts im Interview. Man solle doch endlich klären, warum genau John F. Kennedy sterben musste. "Wenn ihr da weiter recherchiert, habt ihr auch eine Chance auf diesen Preis."

Man solle doch endlich klären, warum genau John F. Kennedy sterben musste, sagt er

Weil immer noch türkischer Nationalfeiertag ist, weil Lejeune noch etwas zu sagen hat, sucht er nach einem türkischen Restaurant. Hängt keine Fahne im Laden, hat er Angst, die PKK könne ihn betreiben. Die würde so ihr Geld waschen, unterstützen wolle er das nicht. Er wählt einen Döner-Imbiss an einer Straßenecke. Helles Licht, fettige Luft, türkische Popmusik.

Während er einen Lahmacun isst, Ayran und Tee trinkt, erzählt er von früher. Aufgewachsen in Hannover, Reihenhaus, Mutter Altenpflegerin, Vater Angestellter im Reisebüro. Als Kind fuhren seine Eltern mit ihm mehrmals in den Urlaub an die Türkische Riviera. Schöne Strände, warmes Wasser und ganz anders als die Ostsee. Sehr freundlich seien die Menschen gewesen, Fremde hätten ihm Wassermelone angeboten.

Auf Tinder schreiben Frauen ihm: "Bist du es wirklich?", dann redet er von Erdoğan. Zu einem Treffen kam es nie

In der Schule legte er sich mit den Lehrern an, weigerte sich, die Hausaufgaben zu machen und störte im Unterricht. Er ließ sich nicht sagen, was er tun durfte und was nicht. Regelmäßig flog er deshalb aus dem Klassenzimmer. Irgendwann schickten ihn seine Eltern nach Bayern auf ein katholisches Internat. Sein Tag war auf die Minute durchgeplant: Studienzeiten, Gebete, etwas Freizeit. Im Fernsehraum schauten die anderen Jungs meist Akte X, Lejeune aber war das zu abwegig, ihm gefielen schon damals Agentenfilme mit politischen Intrigen und geheimen Machenschaften. 2004 zog er nach Berlin, studierte Politikwissenschaft. Das ist 13 Jahre her, einen Abschluss hat er bis heute nicht, ihm fehle noch ein Schein, sagt er.

Auf Erdoğan sei er 2009 aufmerksam geworden, nachdem dieser zum israelischen Präsident bei einer Debatte über den Gazakrieg sagte: "Ihr wisst sehr gut, wie man tötet!" Endgültig überzeugt habe ihn dann der Putschversuch, er sei selbst in Istanbul gewesen und habe gesehen, wie blutig der zugegangen sei. Nachrichtendienste wie BND und CIA hätten die Finger im Spiel gehabt.

Lejeune redet viel und lange, trennt Sätze nur durch kurze Atempausen. Immer wieder erwähnt er den türkischen Staatschef. Wäre das Gespräch mit ihm ein Trinkspiel, bei dem es für jedes "Erdoğan" einen Raki gäbe, man wäre nach wenigen Minuten betrunken. Den Reis hat er zwar noch nie persönlich getroffen, dafür aber den sudanesischen Präsident Omar al-Baschir. Ein toller Mann sei das. Vom Internationalen Gerichtshof wird er wegen Völkermords gesucht.

Sein Vater antwortet nicht auf E-Mails von ihm und geht nicht ans Telefon

Lejeunes Leben taumelte schon vorher, aber mit seiner Verehrung für den türkischen Präsidenten, die mehr und mehr zum Wahn wurde, begann es auseinanderzufallen. Er sei so radikal, sagt ihm seine Mutter oft, sie mache sich Sorgen. Dieser Erdoğan, das sei doch kein guter Mensch. Als er 2016 zum Islam konvertierte, sagte sie: "Ich will keinen Islam in Deutschland, ich finde diese Religion nicht normal." Er antwortete: "Frauen haben einen hohen Stellenwert im Islam, Mütter sind sogar heilig." Sie müsse keine Angst haben vor der Islamisierung Deutschlands, erklärt er, die Religion stehe für Frieden. Anders als Israel.

Sein Vater, der mittlerweile getrennt von der Mutter lebt, hat letztes Jahr den Kontakt abgebrochen, antwortet nicht auf E-Mails, geht nicht ans Telefon. Er denkt, sein Sohn mache Werbung für Diktatoren und unterstütze Terroristen.

Auch viele Freunde reden nicht mehr mit Lejeune, seit er den türkischen Staatschef so bedingungslos lobt. Er ist Single, die meisten Frauen seien halt gegen Erdoğan. Auf Tinder schreiben sie ihm manchmal: "Bist du es wirklich?" Wenn er ihnen dann vom Reis oder von Palästina erzählt, verstummen die Gespräche. Zu einem Treffen kam es nie.

"Alles nicht so schlimm", sagt er. "Ich fühle mich nicht allein." Er könne jederzeit in die Moschee gehen, habe viele neue Freunde gefunden, zumeist Ausländer. Araber und Türken, davon gebe es ja viele in Berlin.

Mittlerweile hat Lejeune Hartz IV beantragt

Das eigene Land wird ihm fremder, aber er müsse bleiben, um für die Wahrheit zu kämpfen. Deutsche Medien würden bloß gegen Erdoğan hetzen. Chefredakteure würden sich schließlich regelmäßig zu Kamingesprächen treffen, genauso mit der Kanzlerin. So sprächen sie mit Sicherheit die Berichterstattung ab. Kartelle, sagt er dann. Komplott, Mächte, Lügen.

Deshalb versucht er, seine Sicht der Dinge selbst zu verkünden. 2016 trat er bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin für das Erdoğan nahestehende Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit an und bekam 73 Stimmen. Beim Berliner Halbmarathon im Frühjahr stellte er sich im Türkei-Trikot und mit Erdoğan-Plakat an den Straßenrand, verbrannte erst ein Shirt, auf dem "Free Deniz" stand, und bedrängte dann Läufer, bis ihm einer ins Gesicht schlug.

Er schwingt den Preis wie ein Messer durch die kalte Nacht

Als Lejeune am Sonntagabend den Imbiss verlassen will, stößt er gegen den Tisch, das Teeglas fällt auf den Boden und zerbricht. "Scherben bringen Glück", sagt er zum Verkäufer. Das braucht Lejeune vielleicht am meisten: Nachdem kaum jemand mehr mit ihm zusammenarbeiten will, konnte er seine Arbeit eine zeitlang noch durch Spenden finanzieren. Mittlerweile hat er Hartz IV beantragt. Viel Zeit verbringt er seitdem in Bibliotheken, versucht, dort Beweise zu finden für die konspirativen Gruppen, die diese Welt lenken.

Draußen hält er noch einmal kurz inne. "Das muss ich unbedingt zu Protokoll geben", sagt er. "Die Türkei ist das Land der Menschenrechte, die setzen sich für so viele Verfolgte ein. Das wird hier alles überhaupt nicht anerkannt."

Er gestikuliert wild, so wütend ist er. Seinen Preis aus Glas schwingt er wie ein Messer durch die kalte Nacht. Er müsse das alles aufdecken, werde Bücher schreiben.

Dann will er los, noch einen Freund treffen. Aber er ist sich unsicher, in welche Richtung er laufen muss. Na ja, er werde seinen Weg schon finden. Und so stellt er den Kragen seines Mantels hoch und stemmt sich in den Wind, der ihm entgegenschlägt.

Update: Martin Lejeune meldete sich nach der Veröffentlichung und bat um folgende Richtigstellung: "Ich habe doch mal eine Person getroffen durch Tinder, das ist mir aber erst jetzt eingefallen. Die Person kannte mich aber auch schon jenseits von Tinder."

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