Drogen

So wirkt sich Microdosing auf deine Gesundheit aus

Ergebnisse der bisher umfangreichsten Studie zum Thema: Es gibt viele positive Effekte, aber auch zwei Risikogruppen.

von Thomas Vorreyer
06 November 2017, 12:10pm

Montage: VICE || Pipette: imago | blickwinkel || Zunge: 1045373 | pixabay | CC0

Mit ein bisschen LSD kreativer und erfolgreicher zu werden, das versuchen immer mehr Menschen. Microdosing nennt sich diese Form der Selbstoptimierung. Dabei nimmt man regelmäßig Kleinstdosen psychoaktiver Substanzen zu sich. Auf deine Gesundheit kann sich das positiv auswirken, wie zwei US-Forscher herausgefunden haben wollen. James Fadiman und Sophia Korb haben die bislang größte weltweite Studie zu Microdosing durchgeführt, am Samstag haben sie in Berlin neue Zwischenergebnisse bei der Altered, einer Konferenz für Bewusstseins- und Drogenforschung, präsentiert.

Für ihre Studie haben die Forscher mit über 1.500 Freiwilligen aus 59 Ländern zusammengearbeitet. Die Jüngsten waren 18 Jahre alt, die Ältesten über 80. Zu ihnen gehörten Immobilienmakler, Künstler und Programmierer. Sie sollten einen Monat lang Microdosing betreiben und dabei jeden Tag einen Fragebogen ausfüllen. Korb erfasste damit, wie die Probanden sich selbst und ihre Gesundheit im Laufe des Versuchs wahrnahmen. Die meisten nahmen alle drei bis vier Tage eine Kleinstdosis.

Kein Rausch, keine Riesenschlangen, die dich fressen wollen

Bei den Drogen durften nur psychedelische Substanzen verwendet werden, also LSD, Pilze, Ibogain oder Ayahuasca, aber kein MDMA oder das in der Microdosing-Szene sehr beliebte Ketamin. Eine typische Dosis für LSD liegt bei rund 10 Mikrogramm – gut einem Zehntel bis Zwanzigstel der normalen Menge, die man für einen Trip zu sich nimmt. Jeder Proband musste sich die Drogen selbst besorgen, auf eigene Gefahr.

Doch beim Microdosing erlebt man keinen Rausch – noch nicht mal einen abgeschwächten. Der Hinterkopf des Kommilitonen vor dir im Hörsaal verformt sich nicht und die U-Bahn fährt auch nicht schneller. Du merkst erstmal nichts. "Keine Dämonen, keine Höllen, keine Riesenschlangen, die dich fressen wollen", sagte Fadiman.


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Stattdessen wollen Fadiman und Korb belegt haben, dass Microdosing einer Vielzahl von Menschen helfen kann, Symptome von Depression und negatives Verhalten wie Prokrastination zu reduzieren. Viele Teilnehmer hätten berichtet, dass sie besser schlafen würden. Patienten mit chronischen Schmerzen könnten durch Microdosing besser mit diesen umgehen, auch wenn die Schmerzen selbst nicht geringer werden. Zahlreiche Probanden hätten zudem bei sich selbst beobachtet, dass sie sich gesünder ernähren würde und dass sich ihre Beziehungen verbessern würden. "Sie wurden schlichtweg netter", sagte Fadiman. Auch eine Steigerung der Kreativität konnte nachgewiesen werden. In einem Interview mit Psychedelic Frontier hatte Fadiman letzte Woche erklärt, dass sich Microdosing auch positiv auf Menstruationsbeschwerden und Migräne auswirken würde.

Verbesserte Gesundheit bei vielen, ernsthafte Probleme bei wenigen

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis war allerdings, dass Microdosing einen kumulativen Effekt hat: Die Wirkung verstärkt sich mit der Zeit. Man muss deshalb immer weniger zu sich nehmen, aus Microdosing wird schnell Micro-Microdosing. Fadiman berichtete, dass Teilnehmer nach Ablauf des Versuchsmonats nur noch einmal pro Monat ein Mikrogramm zu sich nehmen würden, um ihre Krankheitssymptome zu kontrollieren. Vielfach hätten die positiven Effekte sogar angehalten, nachdem die Teilnehmer das Microdosing eingestellt hatten.

Doch es gibt zwei Ausnahmen, für die die positiven Effekte nicht zutreffen, sagte Sophia Korb: Menschen mit Angststörungen hätten beschrieben, dass sich diese durch Microdosing verschlimmern würden. Probanden, die eine Farbblindheit oder Rot-Grün-Sehschwäche haben, hätten zusätzliche visuelle Störungen erlebt.

Auch ist die Studie nicht so umfangreich, wie sie Korb und Fadiman gerne gehabt hätten. Die Studienteilnehmer sind ausschließlich erfahrene Drogenkonsumenten. Die Kontrollgruppe war anders aufgebaut als bei einer klinischen Studie. Sie bestand laut Korb aus "rund 10 Prozent der Teilnehmer". Da sich jeder seine Dosen selbst verabreicht hat, nahm die Kontrollgruppe keine Placebos zu sich, sondern einfach gar nichts. Den Fragebogen haben diese Probanden dennoch ausgefüllt.

Diese Gruppe hätte anschließend ebenfalls eine bessere Selbstwahrnehmung und Gesundheit gehabt, sagte Fadiman. Die Effekte beim Rest der Teilnehmer seien aber wesentlich deutlicher gewesen, weshalb Korb und er überzeugt seien, dass die beobachteten Verbesserungen durch das Microdosing ausgelöst wurden.

Die weiteren Auswertungen und Untersuchungen sollen sich auf Patienten von Schlaganfällen, Menschen mit Tourette-Syndrom und Süchtige konzentrieren. Korb sagte, dass Fadiman und sie ihre Daten anonymisieren werden und auch anderen Forschern zur Verfügung stellen wollen. Außerdem hoffen die die beiden auf die Ergebnisse anderer Forschungsprojekte. Die britische Beckley Foundation führt gerade die erste klinische Studie zu Microdosing durch.

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