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Damian Lohr (mit blauer Mappe) beim JA-Bundeskongress vor vier Monaten || Foto: Eva L. Hoppe

Für die Junge Alternative ist Gaulands "Vogelschiss" gerade das kleinste Problem

Thomas Vorreyer

Thomas Vorreyer

"Ich habe Angst, dass man mich terrorisiert" – beim AfD-Nachwuchs eskalieren die Machtkämpfe. Das belegen interne Nachrichten, die VICE vorliegen.

Damian Lohr (mit blauer Mappe) beim JA-Bundeskongress vor vier Monaten || Foto: Eva L. Hoppe

Dass ausgerechnet ein 77-Jähriger ihnen zeigen musste, wie man mit wenigen Worten Schlagzeilen für ein ganzes Wochenende produziert. Dafür dürften die Mitglieder der Jungen Alternative (JA) Alexander Gauland im Endeffekt sehr dankbar sein. Der AfD-Nachwuchs hatte sich am Samstag und Sonntag im thüringischen Seebach getroffen, um sein erstes Programm zu verabschieden. Während Gauland mit seiner "Vogelschiss"-Äußerung das Gros der Berichterstattung auf sich zog, versuchte die JA, Fragen zu beantworten wie "Sollte die EU zerschlagen werden?" und "Sollte an Schulen 'Deutschland, Deutschland, über alles!' gesungen werden?". Dabei ging es so hitzig zu, dass beinahe eine Prügelei ausbrach. Nach dem Treffen folgten eine Reihe von E-Mails und Facebookposts, in denen hochrangige Mitglieder der JA von Gewaltandrohungen berichten, von Beleidigungen, Arbeitsverweigerung und der "Angst, terrorisiert" zu werden. In einer Mail an den Bundesvorstand der AfD, die wie ein Hilferuf klingt, schlagen sie diesem sogar indirekt Sanktionen gegen die eigene Nachwuchsorganisation vor. VICE liegen die internen Nachrichten vor.

Die Junge Alternative stellt eine Vielzahl von Bundestags- und Landtagsabgeordneten, andere Mitglieder arbeiten in den Büros von AfD-Politikern. Doch die Organisation gibt der Partei der Meuthens und Gaulands nicht nur immer wieder ein junges Gesicht, sondern landet seit Jahren auch in den Medien: mit internen Verbalattacken, mutmaßlichen Verleumdungen und alkoholisierten Schlachtrufen, die klingen, als würde die SA noch marschieren.


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Die aktuelle Kontroverse tobt zwischen Damian Lohr, dem Bundesvorsitzenden der Jungen Alternative, und Nicolai Boudaghi, einem von zwei Stellvertretern Lohrs. Bislang ist davon nichts an die Öffentlichkeit gelangt.

Mitglieder seien als "Ratten" bezeichnet worden, sagt Nicolai Boudaghi

Boudaghi ist eher unbekannt und jemand, der Muslimen auf seiner Facebook-Seite "einen friedlichen und besinnlichen Ramadan" wünscht, garniert mit einem Foto, das eine Packung Schinkenwürfel aus Schweinefleisch neben einem Ramadankalendern zeigt. In der Jungen Alternative gilt einer wie er wahlweise als "gemäßigt" oder "liberal".

Nach der Konferenz in Seebach schreibt Boudaghi in einer E-Mail an den Vorstand der Mutterpartei, die Jungen Alternative belaste durch ihr Auftreten in Seebach wieder einmal das Verhältnis zur AfD. "Sollte der AfD-Bundesvorstand […] zu dem Schluss kommen, wie auch immer geartete Maßnahmen [gegen die Junge Alternative] einzuleiten, so möchten wir Ihnen versichern, dass Sie dafür mit unserem Verständnis rechnen können", heißt es in der Mail. Unter Boudaghis Namen finden sich noch die Namen vier weiterer Mitglieder des JA-Vorstands. Ein Mitglied, das in der JA und in der AfD als besonders gut vernetzt gilt, war an das Schreiben gelangt und hatte es in einer geheimen Facebookgruppe veröffentlicht, in der sich JA-Mitglieder organisieren.

"Gemäßigte Mitglieder" sollen während des Wochenendes als "Ratten" und "Bastarde" beleidigt worden sein, steht in der Mail. Das Schreiben erwähnt auch den Ruf "Abschieben, abschieben!", der durch den Saal dröhnte, um einzelne Mitglieder einzuschüchtern. Die hatten sich zuvor gegen die Forderung ausgesprochen, die Möglichkeiten zur Einwanderung nach Deutschland nahezu komplett zu beschneiden. Darüber hatte unter anderem die Welt berichtet.

Ein weiteres Problem stellt nach Ansicht der Boudaghi-Gruppe das Singen des "Liedes der Deutschen" dar. Die Junge Alternative hat in Seebach nicht nur die Forderungen beschlossen, die EU zu zerschlagen und aus der NATO auszutreten, sondern auch, dass Schulen ihre Schüler das "Lied der Deutschen'' singen lassen sollen. Und zwar geht es dabei nicht nur um die dritte Strophe, die derzeitige Nationalhymne, sondern auch die zwei vorangestellten, die bei offiziellen Anlässen in Deutschland seit 1952 nicht mehr gesungen werden. Die erste Strophe enthält nicht nur die Losung "Deutschland, Deutschland, über alles!", sondern auch die Zeilen "Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt". Mit denen wird ein Gebiet umschrieben, das heute neben Deutschland auch Luxemburg, Österreich sowie Teile Polens, Russlands und Litauens umfasst. Als das Lied 1841 geschrieben wurde, gehörten die Gebiete alle zum Deutschen Bund.

Dass ein Großteil der Anwesenden alle drei Strophen textsicher intonieren kann, bewiesen sie am Ende jedes Sitzungstages der zweitägigen Konferenz. Auch Damian Lohr soll am Sonntag mitgesungen haben, heißt es in der Mail von Boudaghi. Videos davon gebe es allerdings nicht, auch weil mehrere Mitglieder zwei Kollegen "unter Androhung von Gewalt" dazu gebracht haben sollen, ihre Aufnahmen zu löschen. Anwesende Journalisten hatte die JA zuvor per Entschluss des Raumes verwiesen.

"Wer mir jetzt das Genick brechen will, kann das gerne tun", sagt Damian Lohr

Wenn er nicht gerade sang, sprach sich der Bundesvorsitzende Damian Lohr unter anderem für ein Ende der EU aus. Der AfD-Landtagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz sagte "Die EU muss sterben, damit Europa leben kann" – und bediente sich dabei frei bei der Punkband Slime.

In den Tagen nach der Konferenz schreibt er in einem Post in der geheimen JA-Facebookgruppe, er habe viele Drohungen erhalten. "Wer mir jetzt jedoch das Genick brechen will, der kann das gerne tun. Die Chancen werden wohl nie wieder besser stehen." Auch Lohr berichtet von Handgreiflichkeiten, allerdings von beiden Seiten. Demnach habe ein Versammlungsleiter zusammen mit dem Ordnungsdienst verhindern müssen, dass ein "'gemäßigtes' Mitglied ein 'rechtes' Mitglied" verprügeln konnte.

Viel Publikum hätte ein Zweikampf nicht gehabt: Mit 110 Rechten und noch Rechteren war nicht mal ein Zehntel aller Mitglieder der JA erschienen, um erstmals ein komplettes Programm zu verabschieden. Lohr macht dafür auch das "sogenannte 'gemäßigte'" Lager verantwortlich, das im Vergleich zum "eher nationalen" weniger Anhänger für die Reise nach Thüringen mobilisiert habe. Auch im Bundesvorstand der Organisation leisteten Nationale "schätzungsweise 80% der Arbeit", schreibt er in seinem Post. Und wenn der Rest sich doch für die JA vor den Computer setze, kämen dabei unter anderem sexistische Social-Media-Grafiken heraus, die Lohr selbst als "unsäglich gegenüber Frauen" bezeichnet.

Weder Damian Lohr noch Nicolai Boudaghi wollten den Streit gegenüber VICE kommentieren. Es handle sich um einen "internen Vorgang", schreibt Boudaghi.

Jörg Sobolewski, Lohrs zweiter Stellvertreter, hält sich raus – er ist zurückgetreten

Wie es um die Diskussionskultur in der Jungen Alternative bestellt ist, zeigt derweil wohl am besten eine dritte Nachricht eines weiteren Vorstandsmitglieds. Alischa Marczinczik distanziert sich mit einem Post in der geheimen Facebookgruppe von dem Schreiben Nicolai Boudaghis, das auch in ihrem Namen verfasst war, und stellt sich hinter Damian Lohr. Abschließend schreibt sie an die Mitglieder: "Ich bitte euch um Verzeihung und ich bitte euch gleichermaßen um Unterstützung, denn dieses Schreiben kostet Kraft und ich habe Angst davor, dass man mich deswegen terrorisiert."

Nicht mehr Mitglied im höchsten Organ des AfD-Nachwuchses ist Jörg Sobolewski, eigentlich neben Boudaghi zweiter Stellvertretender Vorsitzender. Sobolewski ist Mitglied der als extrem rechts geltenden Burschenschaft Gothia und hat mutmaßlicher eine Regenbogenflagge verbrannt. Bereits vor Wochen sei er aber aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten, wie der Berliner auf Anfrage von VICE schreibt. Die Jungen Alternative listet ihn auf ihrer Website weiterhin als Mitglied im Bundesvorstand.

Ende Juni sehen sich einige Mitglieder der JA beim Bundesparteitag der AfD in Augsburg wieder. Laut Tagesordnung soll auch diese Veranstaltung mit dem "Singen der Nationalhymne" enden.

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