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Rudis Brille

Der Tod der Künstlerhauspassage – Der verlorene Wiener Party-Aktionismus

Dort, wo Icke Micke zu einer Legende wurde, erinnert nur noch Schutt an Partynächte der vergangenen Zukunft.

von Rudi Wrany
14 September 2017, 1:14pm

Foto: Stefan | party.at | Icke Micke und Rudi Wrany 

Letzte Woche rief mich ein alter Freund an: Er teilte mir mit, dass mit Ende September die Pandora's Box nach über 25 Jahren für immer schließen wird. Der werten Noisey-Community mag der Name vermutlich nicht viel sagen. Das Kallabash, wie es anfangs hieß, war in den Neunzigern ein berühmt berüchtigter Ort. Vieles war in dem seltsam schummrigen Laden nahe dem Gürtel möglich: Dort habe ich die aufkeimende Grunge- und Generation X-Bewegung miterlebt, den damaligen U4-Heroes Georgi und Alfi beim Auflegen zugesehen und Gregor, dem armenischen Wahnsinn, bei seinen Ethno-Mixtape-Sessions zugehört.

Es war immer schon ein kleiner Arena-Beisl-Ableger, mit all seinen Schlagseiten, und galt bald als ein wenig verrufen – in jeglicher Hinsicht. Die Punks jener Zeit standen cool herum, ohne die Miene zu verziehen, tranken dort Hunderte Tequilas, wuzzelten nächtelang im ersten Stock, bis er behördlich gesperrt wurde und standen cool rum. Um 4 Uhr zur Sperrstunde ging es zum Branntweiner-Robert.

Foto via

Es war meine erste "echte" DJ -Station. Dort versuchte ich, mit HipHop und sonstigem Dancefloor-Zeug die Altpunks zu erfreuen – mit äußerst begrenztem Erfolg.

Als das Chelsea dann 1995 am Gürtel wieder aufsperrte, zog die Rock-, Grunge- und Punk- Szenekarawane weiter. Die "Box" blieb bis heute samt grottiger Anlage eine kleine Zeitreise in das Wien der Desert Boots und Pferdeschwänze. Nun schließt das Lokal, auch weil die Behörden dem durchgerockten Etablissement schon ein wenig zu Leibe rückten und der langjährige Betreiber wohl auch schon genug vom Nachtleben hat. Ende September geht das Licht aus und der Hauch der Neunziger wird aus dem Grätzel nahe der berühmten Ägidigasse verschwinden. Man hat aber noch das Nachtasyl, das stets ähnliches Publikum anzog.

Diese Gedanken flogen mir durch den Kopf, als ich auch unlängst beim Künstlerhaus vorbei spazierte und in eine tiefe Baugrube blickte, wo sich einst Wiens hippste Elektronikcommunity ins Koma soff. Die Künstlerhauspassage, die nun keine mehr ist, weil sie total um- und weggebaut wird.

Foto: Stefan | party.at | Icke Micke

Ich habe ja schon öfter an dieser Stelle vermerkt, dass in Wien einst – bezogen auf Platzeroberungen – mehr möglich war, als dies heute der Fall ist. Wohl weil die Kulturinstitutionen dem wohlwollender gegenüberstanden wie etwa in diesem konkreten Fall. Manchmal waren ja gerade ehemalige Punks dafür verantwortlich, dass manche Dinge einfach passieren konnten. Dort, wo heute die Kulturmanagement-Spießer der neuen Leistungsgesellschaft sitzen.

Foto vom Autor

Die Künstlerhauspassage "Ost" war wahrscheinlich in den ersten Sommern dieses Jahrtausends noch eine jener letzten Hochburgen des Party-Aktionismus. Die am Ostende der Passage gelegene kleine, verglaste Ausstellungslocation des Künstlerhauses wurde selber nicht wirklich dauerhaft genutzt. Aber durch ihre Ausrichtung – outdoor und mitten in der Stadt – war sie eigentlich ein grandioser Ort urbaner Partykultur (nein, ich sag das Wort Clubkultur nicht, obwohl es gerade hier passen würde). Deshalb begannen in den frühen Nullerjahren einige Clubveranstalter auf der Suche nach neuem Input, dort in den Sommermonaten ihre Zelte aufzuschlagen.

Foto: Stefan | party.at | Icke Micke

Zum einen waren das die Pocket Beats jeden Donnerstag: Eine Community, die sich strikt dem damals völlig neuen und die Technoströmung revolutionierenden Minimal verschrieben hatte. Zum anderen war da vor allem Icke Micke, das ab 2003 in kürzester Zeit zum Selbstläufer mutierte. Durch die exzellente Vernetzung ihrer Ausrichter Tanya "Tibcurl" Bednar und Hannes "Baumann" wurde der öffentliche Raum charmant, aber bestimmt vereinnahmt. Selbst Menschen – hier zitiere ich Charly Fluch aus seiner Schlusslaudatio (2011) im Standard –, die nie Berliner Boden betreten hatten, vermuteten bei Icke Micke, dass sich Berliner Club-Flair wohl genau so anfühlen musste.

Und Bednar und Baumann brachten damals die wohl hippsten Acts aus der Spreemetropole in die Stadt und ich erinnere mich heute noch gerne an den durchaus friedlichen Wettkampf mit dem dienstäglichen Crazy zurück. Aus dem Blickwinkel der vergangenen Jahre muss ich sagen, dass die Sommer in der Passage etwas ganz Spezielles, Unwiederbringliches waren. Es herrschte ein Ausnahmezustand um den Open-Air-Bereich, der vor allem im Rekordsommer 2004 für einen Publikumsansturm sorgte, der heutzutage einfach wohl nicht mehr bewältigbar und logistisch verarbeitbar wäre. Vor allem, weil sich einfach die Zeiten geändert haben und das sicher nicht zum Vorteil derartig ambitionierter Projekte.

Foto: Stefan | party.at | Icke Micke

Dort wurde auf der alten Flex-Monitoranlage aufgelegt, bis der Hahn schon vom Krähen heiser war. Die Passage diente vielen als Rückzugsort für "Hi ich bin Jonas, bist du öfter hier"-Anbahnungsgespräche und ihre Fortsetzungen. Mangels regulärer Toiletten erfuhr das Gesträuch rund um die ehrwürdigen Gebäude alkhohlgeschwängerte Dauerbewässerung.
Es kümmerte niemanden, wie laut es war, denn offenbar gab es keine Kläger und somit keine Richter. Das allerdings sollte sich – wie bei allen gehypten Events – irgendwann ändern.

Es gab Installationen und Stars: Ellen Allien oder DJ Koze beispielsweise legten noch zu erschwinglichen Gagen auf und als es Winter wurde, zog der Club in wechselnde Locations (Fluc Mensa, Camera, Banane, Pratersauna) weiter, um noch für einige Sommer zurückzukehren. Irgendwann ging es einfach nicht mehr. Die Passage gab es trotzdem noch bis ins letzte Jahrzehnt. Einige kleine Kunstprojekte fanden noch bis vor ein paar Jahren dort statt. Unter anderem auch noch H.A.P.P.Y., aber an die Massenhysterie der Jahre 2004 und 2005 kam es nicht mehr heran.

Foto: Stefan | party.at | Icke Micke

Dort, wo es keinen regulären Ein- und Ausgang gab, quasi keine Toiletten und eine improvisierte Bar, war für einige Sommer lang der Hotspot der Stadt. Es war draußen, es war "Kunst", es war cool, es war laut und ein bisschen extrem. Dieses Stück öffentlicher Raum vergilbt in unseren Gehirnen langsam. Wer noch dabei war, mag vielleicht nachsehen, ob er noch ein Foto von Gerri, selig, bei sich zu Hause finden kann – kenem liebenswürdigen Lomofotografen, der damals durch die Clubs zo – und sich an die schönen warmen Sommernächte erinnern.

Heute wären solche "Eroberungen", die natürlich mit den Betreibern abgesprochen waren, aber sicher nicht jeder Vorschrift für Veranstaltungen auf Punkt und Beistrich genügen würden, undenkbar. Sofort käme das Amt für Sofortmaßnahmen und würde dicht machen. Allein schon deswegen, weil in der Nacht draußen gar keine Musik mehr über 75dB – also ungefähr mein Schnarchen – gespielt werden darf. Kling traurig, ist aber so.

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