Herbstbeginn

Der Pumpkin Spice Latte zeigt euren Sexismus wie kein anderes Getränk

Man liebt ihn, oder man hasst ihn. Letzteres vor allem, weil der Kaffee mit Sirup als "Mädchengetränk" diffamiert wird.

von Yasmina Banaszczuk
31 August 2018, 1:50pm

Foto: Flora Rüegg

Nach gefühlten zehn Monaten Hitze, Wespen und Schweiß kommt der Herbst nun auch in Deutschland mit Regenwolken, Zugvögeln und kalten Fingerspitzen auf uns zu. Der Himmel war diese Woche gleich mehrmals bewölkt, ab und zu musste man sogar eine Jacke anziehen. Es wird wieder kalt in Deutschland, und ausnahmsweise ist mal nicht die sächsische Willkommenskultur gemeint. Nein, am Samstag beginnt ganz offiziell der meteorologische Herbst. Und wenn man sich durch die sozialen Medien scrollt, bedeutet Herbst neben Halloween, Schals und grauen Nachmittagen vor allem, dass Starbucks wieder der Pumpkin Spice Latte im Angebot hat. Yay!

Jedes Jahr läutet das Heißgetränk das Ende des Sommers verlässlicher ein als der Semesterbeginn an der Uni. Um die Pumpkin Spice Latte – oder PSL, wie Kennerinnen sagen würden – gebührend zu würdigen, müsste ich jetzt eigentlich mit Stiefeln im Laub stehen und den Pappbecher vor einen Kürbis halten. So verlangt es zumindest die Herbst-PSL-Ästhetik auf Instagram. Jahr für Jahr posieren mehr junge Frauen mit ihrem Kaffee in der Natur als mit ihrer Familie unterm Weihnachtsbaum. Doch warum sind Jahr für Jahr alle anderen Menschen eigentlich so schlimm davon genervt?

Als meine Kollegin den ersten Schluck Pumpkin Spice Latte ihres Lebens nimmt, verzieht sie ihr Gesicht wie kurz vor dem Zahnarzt-Besuch. Ich vermute, sie ist nicht überzeugt. Ein anderer Kollege kommentiert das Trinkerlebnis mit "Abartig, aber geil". Davon inspiriert probiere ich selbst nochmal – das letzte Mal PSL ist schließlich schon ein Jahr her – und sehe prompt Erinnerungsfetzen von grauen Sonntagen, kniehohen Wollstrümpfen und am Kaffeebecher erwärmten Händen vor mir.

In Nordamerika läuft dieses Klischee unter "basic white girl", ein sexistisches Stereotyp, dass junge Frauen als oberflächliche, konsumorientierte und homogene Masse abstempelt, die sich mehr über Ästhetik definiert als über Haltung oder Meinung. Das Foto mit dem Getränk sei wichtiger als sein Geschmack, unken die Kritiker. Und wo wir schon beim Geschmack sind: Ein gesüßter Kaffee, der nicht in der Aeropress und mit Bohnen für 13 Euro pro hundert Gramm zubereitet wurde, könne ja gar nicht schmecken. Nirgendwo krachen Hipstertum und Mainstream härter aufeinander als bei dem Kürbis-Heißgetränk. "Kaffee für Menschen, die Kaffee nicht mögen", urteilte ein tapferer Journalist vor drei Jahren, der den PSL zu journalistischen Zwecken probetrinken musste.


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Nun, ich mag Kaffee. Sehr. Aber ich mag auch Burger, Bücher und Bier. Und das ist ja auch gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass ich die Ehre jedes Mädchens und jeder jungen Frau, die Bock hat, ein Selfie mit Kaffeebecher im Herbstlaub zu machen, notfalls im Wrestlingmatch verteidigen würde. Unabhängig davon, ob sie Kaffee mögen oder nur den Sirup. Denn anders als grummelnde Männer oder genervte Frauen finde ich es schön, wenn sich Menschen für etwas begeistern können – zum Beispiel ein Heißgetränk. Da werden Tage gezählt, Bilder gemalt, Memes angefertigt und Fotos geschossen; mit einer Liebe und Leidenschaft, von der wir generell mehr gebrauchen könnten. Wer seine Energie auf ein schönes Instagram-Profil verwendet und mit Freundinnen durchs Laub zieht, hat wenigstens keine Zeit um gegen irgendwelche Fremden im Internet zu hetzen.

Dann ist der PSL halt ungesund, künstlich und etwas für "Mädchen". Wenn Letzteres eine Beleidigung sein soll, trinke ich ihn extra stolz und extra heiß. Denn genau das Mädchenhafte scheint es zu sein, was viele am meisten daran stört. Pizza ist auch ungesund, Energiedrinks auch künstlich. Sich jedoch einem Klischee verschreiben, das mädchenhaft anmutet, scheint das wahre Problem zu sein. In Großstädten wie Berlin wird die Kaffeekunst längst mit komplizierten Zubereitungsformen und Aromen wie Kiefer, Walnuss oder Brombeeren verbunden. Jetzt kommen lauter junge Frauen, lassen sich in einem Laden Milch und Sirup draufklatschen, und fühlen sich gut dabei – und das ganz ohne Barista-Ausbildung oder horrende Ausgaben für Arabica-Bohnen. Das frustet. Den Mainstream haten, um sich selbst einzigartig zu fühlen, so fasste es eine Kollegin einmal zusammen. Die Pumpkin Spice Latte ist das Heißgetränk gewordene Einhorn unter den Kaffeespezialitäten. Unmännlich – und damit uncool – wer das unironisch feiert.

Dabei wäre es so angenehm, wenn sich einfach mal alle ein bisschen locker machen könnten. Raschelndes Herbstlaub ist cool. Ein bunter Blätterwald ist cool. Warme Stiefel sind cool. Gut aussehende Selfies sind cool. You go, Girls. Lasst die Neider alle unterzuckert und miesepetrig durch den grauen Nieselregen stapfen, während wir an unserem PSL nippen. Verschwörerisch nicke ich der Frau im Drogeriemarkt zu, die sich orangefarbene Kürbisdeko in den Einkaufskorb legt, packe eine halbe Stunde später im Modeladen gleich selbst ein paar Overknee-Strümpfe ein und hole mir danach eine Pumpkin Spice Latte. Vielleicht mache ich ein Selfie damit. Vielleicht mache ich zehn Selfies damit.

Was das Problem daran sein soll, das eigene Leben ästhetisch und angenehm zu gestalten, verstehen ich bis heute nicht. Das Problematischste am Pumpkin Spice Latte ist der Pappbecher, in dem sie serviert wird, aber wofür gibt es wiederbenutzbare Tumbler? Und was den Geschmack angeht: über den lässt sich bekanntlich streiten. Seit 2015 verwendet Starbucks für die Pumpkin Spice Latte immerhin eine Sirupmixtur, in der nun auch Kürbis enthalten ist – zuvor waren es hauptsächlich Gewürze wie Muskat, Vanille oder Zimt und Karamell für die orangene Färbung. Künstlich ist seitdem also vor allem die Aufregung.

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