Abschiebung

Aus dem Klassenzimmer abgeschoben: Ein Trauma-Experte erklärt, warum das unmenschlich ist

"Diese Jugendlichen haben ihre Eltern sterben sehen oder wurden auf der Flucht sexuell missbraucht. Eine Abschiebung kann traumatische Ereignisse reaktivieren."
01 Juni 2017, 2:19pm

Ein unangekündigter Test, eine Fünf in Mathe oder uncool sein. Für die meisten ist das das Schlimmste, was ihnen in der Schule passieren kann. Für Zuwanderer mit unsicherem Aufenthaltsstatus und jene, deren Abschiebung beschlossen ist, geht es weit schlimmer. In Nürnberg und in Duisburg holten Polizisten und Behördenmitarbeiter am Montag und Dienstag Schüler aus dem Unterricht, um sie abzuschieben. 300 Nürnberger Berufsschüler wollten die Abholung ihres afghanischen Mitschülers durch Sitzblockaden verhindern, dabei eskalierte die Situation, Schüler und Polizisten wurden bei heftigen Auseinandersetzungen verletzt. Barbara Fraass, die Sozialpädagogin der Schule, übte bei VICE scharfe Kritik: "Die Schule ist ein Ort der Sicherheit. Die Leute sollen hier lernen, die wollen sich integrieren. Das geht nicht, wenn sie immer Angst haben müssen." Schon im April sei ein Schüler um sechs Uhr morgens aus seiner Unterkunft heraus verhaftet und abgeschoben worden: "Die Klasse war danach zwei Wochen nicht beschulbar, die hatten nur noch Angst", kritisiert die Sozialpädagogin.

In Abschiebehaft muss der 21-jährige Afghane nun allerdings nicht sitzen, das entschied heute Nachmittag das Amtsgericht Nürnberg. Der Flug nach Afghanistan war nach dem gestrigen Anschlag in Kabul verschoben worden, einen neuen Termin gibt es noch nicht.


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Dramatische Szenen auch in Duisburg: "Wir mussten am Ende sogar einen Arzt rufen und haben auch unseren Pfarrer und Religionslehrer als helfenden Seelsorger in diese Klasse geschickt", erklärte Schulleiter Ralf Buchthal gegenüber der WAZ. Am Montagmorgen erfuhr eine 14-Jährige im Lehrerzimmer des Steinbart-Gymnasiums von ihrer Abschiebung, direkt danach nahmen Mitarbeiter der Ausländerbehörde sie mit. Laut Medienberichten stammen die Eltern der Schülerin aus Nepal, sie selbst ist in Deutschland geboren. "Schule muss ein Schutzraum für Kinder sein! Niemand darf hier solch ein emotionales Trümmerfeld anrichten", zitiert die WAZ den Schulleiter.

Wie sieht so ein emotionales Trümmerfeld aus? Was sind die Folgen so einer Abrupt-Abschiebung? Was passiert in den Köpfen der Schüler, die es miterleben? Das haben wir Paul Plener gefragt, er ist Oberarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Ulm und Trauma-Experte.

VICE: Überrascht es Sie, dass Duisburger Schüler ärztlich betreut werden müssen, nachdem eine Mitschülerin vor ihren Augen abgeschoben wurde?
Paul Plener: Das wundert mich nicht, da es sich um ein Ereignis handelt, das im normalen Leben der Schülerinnen und Schüler nicht vorkommt. Belastungsreaktionen sind da normal. Wenn eine belastende Situation als außergewöhnliche Bedrohung mit katastrophenartigem Ausmaß empfunden wird, ruft das eine tiefe Verzweiflung hervor: Dann sprechen wir von einem Trauma. Hier gibt es aber immer eine subjektive Komponente, Traumata werden bei jedem Menschen anders hervorgerufen. Wenn es, glaubt man den Bildern des Polizei-Einsatzes in Nürnberg, auch Gewalteinwirkungen gibt, kommt es mitunter zu Ohnmachtsgefühlen. Durch so etwas kann ein Trauma entstehen.

Am härtesten trifft so eine Abrupt-Abschiebung ohne Zweifel die Betroffenen. Was geschieht in deren Köpfen?
Untersuchungen belegen, dass geflüchtete Minderjährige im Schnitt drei traumatische Ereignisse auf ihrer Flucht erlebt haben, bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen sind es im Schnitt sogar sieben. Diese Jugendlichen waren Zeugen von Kriegshandlungen, haben ihre Eltern sterben sehen oder wurden auf der Flucht sexuell missbraucht. Die Ohnmachtsgefühle bei einer Abschiebung können diese traumatischen Ereignisse reaktivieren, deshalb ist die Belastung für die Abgeschobenen sehr hoch. Traumatisierte Menschen leiden unter Schlaflosigkeit, spulen das traumatische Ereignis immer wieder vor ihrem inneren Auge ab und sind unruhig, immer auf dem Sprung. In der Medizin heißt das "Hypervigilanz". Wenn diese Situation einen längeren Zeitraum nach dem traumatischen Erlebnis anhält, handelt es sich um eine Posttraumatische Belastungsstörung.

Was genau ist an "Schul-Abschiebungen" traumatisierend?
Die Schule ist ein geschützter Raum, ein klar definierter Raum: Hier wird gelernt. Eine Verletzung dieses Schutzraumes ist irritierend und nur gerechtfertigt, wenn es eine massive Fremd- oder Selbstgefährdung gibt, im Falle eines Amoklaufes oder eines suizidgefährdeten Schülers zum Beispiel. Andere Gründe rechtfertigen eine Verletzung dieses Schutzraumes meiner Meinung nach nicht, auch wenn klar ist, dass kann man hier eine gesuchte Person leichter antreffen kann.

Was bedeutet es generell, in der Pubertät traumatisiert zu sein?
In manchen Entwicklungsphasen sind junge Menschen besonders anfällig für traumatische Erlebnisse, das hängt mit der Entwicklung des Gehirnes zusammen. Ein Beispiel: Wenn Mädchen zwischen 11 und 13 ein Trauma durch sozialen Ausschluss erfahren, dann hat dies gravierende Auswirkungen als bei älteren Menschen oder beim männlichen Geschlecht. Generell ist es aber so, dass Posttraumatische Belastungsstörungen gleichermaßen bei Jugendlichen und Erwachsenen auftreten können.

Ihre Einschätzung: Gibt es "sanfte" Abschiebungssituationen, die nicht traumatisieren?
Ich kann mir das nicht vorstellen, denn die Menschen werden in der Regel ja gegen ihren Willen abgeschoben. Das Gefühl der Hilflosigkeit ist da immer präsent. Schlimme Konsequenzen sind auch der Verlust des sozialen Netzwerkes und die drohende Perspektivlosigkeit. Ich würde nicht sagen, dass jede Abschiebung eine posttraumatische Verhaltensstörung hervorruft, aber ohne psychische Belastung geht keine Abschiebung vonstatten.

Gerade afghanische Schüler müssen derzeit fürchten, abgeschoben zu werden. Was macht die Unsicherheit mit so jungen Menschen?
Dauerfurcht erhöht das Risiko, psychisch zu erkranken. Auch der Akkulturationsstress – also ein Stress, der auf den geforderten kulturellen Anpassungsleistungen basiert – ist eine andauernde Stresssituation. Unter solchen Bedingungen ist die Prognose für psychische Krankheiten immer schlechter als in Normalsituationen. Was wir in unserer klinischen Arbeit gerade häufig erleben: Besonders afghanische Jugendliche fragen sich, was mit ihnen passiert, wenn sie volljährig sind. Ungewissheit ist eine große Belastung für die Psyche eines jungen Menschen.

In Afghanistan sterben nach wie vor Menschen bei Anschlägen. Aus Sicht eines Jugendpsychiaters: Sollten Kinder in solche Gebiete abgeschoben werden?
Aus medizinischer Sicht kann ich hier keine fachliche Antwort geben, diese Frage müssen Sie einem Politiker stellen. Aus persönlicher Sicht habe ich aber eine Antwort: Es ist Irrsinn, Menschen in dieses Land abzuschieben.

Wenn Kinder hier integriert sind, das Land, in das sie abgeschoben werden, gar nicht kennen, wie bei dem Mädchen aus Duisburg. Was macht so eine Situation mit Kindern und Jugendlichen?
Wenn das soziale Netzwerk wegbricht, dann ist das für viele Jugendliche schon nahezu eine existenzielle Bedrohung. Wenn sie nun in ein Land abgeschoben werden, dessen Sprache sie nicht sprechen, ist es doch klar, dass die Zukunftsangst wächst. Jeder kann sich ausmalen, dass so eine Situation eine große psychische Belastung ist.

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