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THE IDENTITY CRISIS ISSUE

Literary - Imperium von Christian Kracht

„You can’t judge a book by its cover“, ist nicht nur ein schrecklicher Songtitel, sondern allgemein eine hinkende Metapher.

von Tom Littlewood
07 März 2012, 12:00am

 





 

IMPERIUM
von Christian Kracht
Kiepenheuer & Witsch


„You can’t judge a book by its cover“, ist nicht nur ein schrecklicher Songtitel, sondern allgemein eine hinkende Metapher. Natürlich kannst du ein Buch aufgrund seines Covers beurteilen. Präzise Überlegungen fließen ein in die Entscheidung, was letzten Endes ein Cover zieren soll. Dabei geht es nicht nur um das Artwork, nein, auch um das Papier, die Art der Bindung und die Frage, ob es einen dieser unpraktisch hässlichen Umschläge haben sollte. Vielleicht ein Schwarz-Weiß-Foto des Autoren, der sehnsüchtig seinen Blick auf einen Punkt in mittlerer Entfernung schweifen lässt? Auch wenn die Meinung des Autoren bei so einer Wahl nicht weiter von Belang gewesen sein sollte, könnte genau das eine Menge über den dominanten Einfluss des Verlags auf die redaktionelle Entwicklung eines Buches aussagen. Es ist schließlich nicht so, als hätte die Verlagsindustrie Unmengen von Geld, das sie für kreative Marotten aus dem Fenster werfen kann. Der Absatz zählt und die Kaufstrategien des Lesers in die Wahl mit einzubeziehen ist entscheidend. Missachtet man die Bedeutung des Covers eines Buches, ist das zu vergleichen mit der Unterstellung, der Autor habe bei der Konstruktion des Inhalts desgleichen keine Präzision walten lassen.

Wie dem auch sei, lasst uns einen Blick auf das Cover von Christian Krachts momentan kontrovers diskutiertem vierten Buch werfen: Imperium. Die Perspektive des einheimischen Inselbewohners, der das Eintreffen eines europäischen Dampfers beobachtet, ist nicht nur eine düstere Vorahnung, sondern zugleich grelle Erinnerung an das Artwork von Hergés Tim und Struppi. Der nur vom Land aus sichtbare Totenschädel, der für die Brutalität der Einheimischen stehen könnte, entzieht sich dem Blick der Kolonialisten. Vielleicht soll er aber auch einfach die nostalgische Auseinandersetzung mit dem Mysteriösen unterstreichen, die belgischen Kindergeschichten so eigen ist. Wie auch immer, er trägt dazu bei, dass du das Buch lesen willst. Also Gratulation, Kiepenheuer & Witsch.

Die Parallelen zu Tim und Struppi gehen allerdings über cleveres Marketing hinaus. Das Cover dient als Ausgangspunkt für den gesamten Inhalt. Der großartig simpel gehaltene Einband ist die ausgeschilderte Falltür in das Nimmerland, in dem Imperium spielt.

Die Geschichte beginnt mit ihrem tragischen Helden, Nudisten und Kokovaren August Engelhardt an Bord der Prinz Waldemar. Er hat sich aufgemacht sein eigenes religiöses Shangri-La in einer Plantage auf Neu-Guinea zu errichten. Sein Gott? Die Kokosnuss. Jetzt anzunehmen, dass Kracht sich nicht der Kritik bewusst gewesen sei, die Hergés Klassiker umgibt*, wäre eine grobe Fahrlässigkeit und es ist daher nicht weiter überraschend, dass der Autor—nachdem er uns nahtlos in eine Hergé-ähnliche Fantasiewelt transportiert und uns auf dem fiktionalen Dampfer platziert hat—damit fortfährt, genau dieses Universum neu zu illustrieren. Die Art, wie Engelhardts Mitreisende beschrieben werden, erinnert dabei sowohl an die naturalistische, anthropologische Versachlichung von Diderots Bougainville als auch an die übertriebene Widerwärtigkeit von Roberto Rastapopolous. Einmal in der abenteuerlichen Welt des Aussteigers zu Beginn des 20. Jahrhunderts angekommen, sind es genau genommen die Deutschen, die sich durch ihre unkultivierte und barbarische Exotik definieren, und genau das ist die Alchemie von Kracht.

In Imperium erschafft der Widerspruch zwischen naiver Romantik und expliziter Direktheit ein zunehmend komplexes Universum—es ist ein mit Lachgas gefüllter Ballon, der jede Minute zu platzen droht und im Begriff ist, hoffnungslos bis zur Unkenntlichkeit anzuschwellen. Es ist wahnsinnig lustig, aber zwingt trotzdem zur Reflexion. Es strebt nach größerer Bedeutsamkeit, aber wurde unterminiert—nur um wieder aufzuerstehen und die Integrität nicht nur von Engelhardt, sondern auch der Welt, in der er agiert, zu zerstören. Dass es um diesen ewigen Konflikt geht, wird bereits deutlich beim Blick auf die Zitate, die der Handlung vorausgehen, wo der schwer zu fassenden Romantik von Gides „il demeure ... et, penché sur l‘apparence du Monde, sent vaguement en lui, résorbées, les générations humaines qui passent“ die neumodische Direktheit von Twains „Naked people have little or no influence on society“ entgegengesetzt wird. Imperium ist voll der Absurdität, die sich durch diese Gegensätze ergibt, und bleibt bis zuletzt ohne Auflösung—genau wie eine gute Satire, die entlang der undefinierbaren Grenze zwischen Fiktion und Realität verläuft, zwischen wunderbarer Fantasie und der Brutalität der alltäglichen Wahrheit.

Natürlich ist es Engelhardts Schicksal diese Tortur zu durchleiden, zugleich den Einheimischen wie auch den Plantagenbesitzern ausgeliefert zu sein. Sogar die Natur, seine angebliche Verbündete, weigert sich ihn mal durchatmen zu lassen—die ganze Welt ist gegen ihn. Trotzdem liegt die Kunst von Krachts Porträt darin, Engelhardt in seinem naiven Optimismus zu verpuppen. So, als wäre Candides deutscher Cousin am Strand eines weiteren exotischen Eilands aufgelaufen, bei jedem Schritt gefickt worden und das nicht, weil die Welt per se brutal seiner Weltansicht widerspricht, sondern weil er ein fehlgeleiteter Vollidiot ist. Der Vergleich zwischen Engelhardt und Hitler sei bewusst, so wird uns erzählt: „So wird nun stellvertretend die Geschichte nur eines Deutschen erzählt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewusstsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent.“ Trotzdem zu behaupten, der Autor hätte die Vergangenheit versucht zu romantisieren, ist so weit hergeholt, wie zu behaupten, dass der Autor und der Erzähler dieser Geschichte ein und dieselbe Person seien. Das Gespött, dem der Protagonist Zeile für Zeile ausgesetzt wird, ist im Gegensatz dazu äußerst nahe liegend und mühelos nachvollziehbar. Imperium—ein Buch, das die Abenteuer eines jungen, verwirrten Romantikers beschreibt, der tragisch fehl am Platz in der nachaufklärerischen Kolonialzeit ist—zeigt nicht nur, wie meisterhaft Kracht es vermag, authentisch in einer vergangenen Zeit verwurzelte und trotzdem zeitlose Satire zu erschaffen, sondern auch wie wenig Kritiker es manchmal vermögen über ihre eigenen Ziele hinauszusehen.

*Im posthumen Werk, Tintin Mon Copain, behauptet Waffen-SS-Offizier Léon Degrelle, er sei Hergés Inspiration für den Charakter von Tim gewesen, während der Serie weitläufig Kritik zuteil wurde aufgrund des Rassismus der ihrer Darstellung von ethnischen Klischees innewohnt.