Ein Pärchen in Isolation vor einem Laptop
Alle Fotos: bereitgestellt von Chris Fernandez
Menschen

Dieser Fotograf fotografiert seine Nachbarn durchs Schlafzimmerfenster

Chris Fernandez' Bilder zeigen intime Momente aus der Corona-Isolation.
16 April 2020, 9:00amUpdated on 17 April 2020, 1:49pm

Hast du schon versucht, einen Sauerteig zuzubereiten? Hast du dir schon den Kopf rasiert? Oder versackst du einfach nur zu Netflix auf der Couch? Der in London lebende Fotograf Chris Fernandez beschäftigt sich in der Corona-Isolation anders: Er dokumentiert, was seine Nachbarn treiben.

Kurz nachdem die Behörden in Großbritannien den Lockdown veranlasst hatten, hing Fernandez ein Schild in sein Schlafzimmerfenster. Darauf stand: "Professioneller Fotograf würde gerne eure Isolation von hier aus dokumentieren. Schreibt mir, wenn Interesse besteht." Nach einer Stunde hatten sich mehrere Nachbarn aus dem gegenüberliegenden Haus gemeldet.

Durch sein Projekt bekam Fernandez aber nicht nur einen intimen Einblick in das Leben der Londonerinnen und Londoner in dieser außergewöhnlichen Situation. Wie der Fotograf erzählt, ist er mittlerweile mit den Menschen, die er abgelichtet hat, befreundet – und er hofft, dass sie alle zusammen eine große Party feiern, wenn die Corona-Krise überstanden ist.

Wir haben uns mit Hernandez über menschliche Intimität und Nachbarschafts-Solidarität in Zeiten des Coronavirus unterhalten.

VICE: Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Chris Fernandez: Normalerweise mache ich Porträts, aber als der Lockdown kam, dachte ich: Das muss ich irgendwie festhalten. Zuerst wollte ich Leute dabei fotografieren, wie sie beim Einkaufen Schlange stehen, aber dann fiel mein Blick auf die Nachbarn im Haus gegenüber. Daraufhin entschied ich, lieber zu dokumentieren, wie sich alle Leute gerade isolieren.

Hättest du gedacht, dass so viele Leute auf dein Schild im Fenster antworten?
Ganz ehrlich, ich bin nicht davon ausgegangen, dass das überhaupt klappt. Ich dachte, die Nachbarn würden die Idee erst gut finden, mich dann aber doch als Weirdo abstempeln, der sie beobachtet und dann in einem ungünstigen Moment fotografiert. Nachdem ich das Schild aufgehängt hatte, dauerte es aber nicht lange, bis sich eine Person meldete und sagte: "Ich hänge bei uns im Hausflur einen Zettel auf. Mal sehen, wer noch Bock drauf hat."

Wie hast du das alles mit den Nachbarn organisiert?
Ich habe sie angerufen. Leider hatte ich nicht die Möglichkeit, mir ihre Zimmer und die Beleuchtungsmöglichkeiten anzuschauen. Trotzdem sollte das Ganze so natürlich wie möglich rüberkommen. Zum Glück fühlt man sich schnell wohl, wenn man nur darum gebeten wird, einfach am Laptop zu chillen. Das Schwierigste war die Belichtung: Ich musste meine Nachbarn immer wieder anweisen, ein Licht anzumachen, ein anderes dafür auszuschalten, die Handy-Taschenlampe so und so zu positionieren und so weiter. Aber alle hatten Bock und machten alles mit.

Warst du mit einigen deiner Nachbarn vorher schon befreundet?
Nein, ich bin erst vor ein paar Monaten in diese Wohnung gezogen. Aber wenn wir uns jetzt zufällig durchs Fenster sehen, winken wir uns zu. Das ist schon cool – und fühlt sich irgendwie so an, als ob ich sie schon richtig kennengelernt hätte.

Fand irgendjemand dein Projekt creepy?
Wenn ich solche Fotos schieße, muss ich bei mir alle Lichter ausmachen, weil sonst die Reflexion meines Fensters auf den Bildern zu sehen ist. Es leuchtet dann nur ein kleines rotes Licht an meiner Kamera auf. Der Typ, der direkt gegenüber von mir wohnt, hat sich nicht bei mir gemeldet. Eines Abends sah ich dann, wie er in sein Zimmer kam und ganz argwöhnisch zu mir rüber blickte. Er dachte wohl, dass ich heimlich ihn fotografiere. Seitdem wirft er mir immer wieder misstrauische Blicke zu.

Was hast du durch dieses Projekt über menschliche Intimität gelernt?
Ich glaube, dass Menschen in solchen außergewöhnlichen Situationen wie der Corona-Krise viel verletzlicher, gleichzeitig aber auch offener für Intimität werden.

Wirst du durch den Lockdown deine Arbeit jetzt anders angehen?
Ich bekomme auch Aufträge aus der Werbe- und Fashion-Branche. Inzwischen denke ich mir aber: Was bringt das? Ich fotografiere da nur Dinge, die verkauft werden. Das Coronavirus hat diesen Gedanken noch mal verstärkt.

Dieses Projekt macht mir richtig viel Spaß. Ich dokumentiere die Zeiten, in denen wir leben. Jetzt gerade ist die Situation besonders verrückt, deswegen wollte ich die Bilder ja überhaupt erst machen. Meine Mutter ist Krankenschwester. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich bei meiner Arbeit nur ein paar Lichter anmachen muss und gut aussehende Menschen fotografiere. Aber wenn meine Fotos die Leute informieren und unterhalten, bin ich schon sehr glücklich. Hoffentlich kann ich in Zukunft noch mehr solche Projekte starten.

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